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Geschichtenwettbewerb: Freies Thema

Abschiedsstern

Das © für diese Geschichte liegt bei Elin

Sie schaute hinauf in den Himmel. In den Sternenhimmel und dort oben erblickte sie ihn. Ihren Stern. Eine eiserne Hand legte sich um ihr Herz, als wieder ein Mal ein Krampf sie schüttelte und sie japste erschrocken nach Luft, so unerwartet kam der Anfall. Aber so schnell wie er gekommen war, verflog er nicht wieder. Er lies sie zappeln. Schmerzen peinigten sie und ihr Kopf lief rot an, dann sank sie erschöpft zurück in das weiche Krankenhausbett. Die Nachtschwester neben ihr tätschelte beruhigend ihre Hand und murmelte etwas davon, das alles wieder gut werden würde. Lüge! Das Mädchen rappelte sich ein müdes Lächeln auf ihr Gesicht, dann begannen die Nebenwirkungen des Schmerzmittels zu wirken und sie schlief ein.

Als sie das nächste Mal aufwachte, konnte sie aus dem Fenster gleich neben ihrem Bett erkennen, das es wieder Nacht war. Es war nichts merkwürdiges mehr daran, das sie über einen Tag lang schlief. Es gehörte schon seit einiger Zeit zur Routine. Die Ärzte erzählten ihr nicht viel, aber das mussten sie auch nicht. Sie wusste, sie würde sterben. Und manchmal erkannte sie darin die Erlösung. In Momenten, in denen sie aber schmerzfrei war, hoffte sie noch auf etwas Leben. Hoffte noch auf Dinge, die sie doch niemals wieder tun konnte. Eines der Dinge, die ihr das Leben im Krankenhaus erträglicher machten, waren die Sterne. Schon vor ihrer Krankheit hatte sie jede Nacht am Fenster verbracht, hatte sich die ersten Sterne angeschaut und ihnen Namen gegeben. Hatte sich selbst Namen für den großen Wagen und den Drachen, den großen Bären oder den Delphin ausgedacht. Die Sterne waren eine Art Heimat für sie geworden und manchmal stellte sie sich vor, wie es sein würde, wenn sie im Tode als Stern wiedergeboren werden würde. Sicherlich würde sie hell strahlen. Anders könnte es nicht sein, denn mit den vielen Entbehrungen, mit denen sie hier auf der Welt gelebt hatte, musste ja schließlich auch ein Ausgleich erzielt werden...

Die Krankenschwester kam am Abend wieder. Diesmal hatte das Mädchen keine Schmerzen, doch wie immer musste sie im Bett bleiben. Sie erinnerte sich noch kaum an die erste Zeit, als sie hier eingeliefert wurde. Erinnerte sich noch kaum daran, als sie noch rennen, laufen und gehen konnte. Das war alles Vergangenheit. Selbst ihre Eltern schienen ihr fern. Zweimal in der Woche kamen sie zu Besuch, aber oft verschlief sie ihre Besuche, sodass sie nicht viel von ihnen mitbekam. Im Herzen hatten sie ihr Mädchen sicherlich schon begraben.

"Na? Wie geht es dir heute?", fragte Mona, die Krankenschwester. Es war die Standardfrage aller Schwestern. Tages- wie Nachtschwestern. "Hm... geht so!", murmelte sie und schaute wieder aus dem Fenster. Die ersten Sterne waren schon vor Ewigkeiten aufgetaucht. Schließlich war Winter. Und Winter bedeutete Schnee... "Hat es heute geschneit?", wollte sie wissen und reckte sich in dem warmen Bett. "Nein, noch zu warm! Geregnet hat es, mehr nicht!" "Hm..." Enttäuscht schaute sie weiterhin aus dem Fenster. Manchmal kam es vor, das sie einen Blick auf die weit entfernten Berge werfen konnte. Wenn es geschneit hatte, waren sie weiß wie Engelsfedern. Aber nicht immer konnte sie einen Blick auf die Gebirge werfen. Das machte den Winkel zwischen dem Fenster und der Stellung ihres Bettes aus. Manchmal verschoben die Schwestern ihr Bett. Um mehr Abwechslung in ihr Leben zu bringen, wie sie sagten. Und manchmal auch, damit die Putzfrauen den Staub und den Dreck unter ihrem Bett verschwinden lassen konnten. "Willst du nichts essen?" Der Krankenhausmampf stand auf dem beweglichen Tablett und misstrauisch beäugte das Mädchen das Vorgesetzte. "Was ist das?" Mona zuckte die Schultern. "Essen!" "Sieht aber nicht so aus!" "Tut mir leid, aber ich bin nicht die Schuldige! Bin nur der Überbringer!" "Hm..." Lustlos schaufelte sie das Essen in sich hinein. "Und, schmeckt es?" "Hm..."

Mona ging. Das Essen blieb.

Sie schob das Tablett beiseite und reckte sich wieder. Die Berge kamen nicht in Sicht. Aber dafür erschienen plötzlich andere Dinge. Weiße Pünktchen, Flocken. Schnee! Sie lächelte und streckte die Hand aus. Ergebnislos. Das Bett stand zu weit vom Fenster... und außerdem war es sowieso verschlossen. Enttäuscht ließ sie sich wieder zurück in die Kissen fallen und starrte düster vor sich hin. Dann rappelte sie sich plötzlich auf und robbte vor an das Fußende des Bettes. "Wenn der Schnee nicht zu mir kommt, muss ich eben zu ihm!", sagte sie sich und versuchte an den Rollstuhl zu kommen, der an der gegenüberliegenden Wand stand. Ein sinnloses Unterfangen! Sie hätte auch eine Schwester rufen können, aber die würde ihr sicherlich nur befehlen, wieder zurück ins Bett zu kriechen. Nicht viele verstanden den Tatendrang, den sie trotz ihrer Krankheit immer noch besaß. "Ich will zum Schnee!", sagte sie sich und Tränen der Wut stiegen ihr in die Augen. Sie maß den Abstand zwischen dem Fenster und dem Rollstuhl und berechnete, das der Weg zum Fenster kürzer sein würde. Entschlossen holte sie einmal tief Luft, dann ließ sie ihre Beine vom Bett hinunterbaumeln.

Es war nicht so, das sie gelähmt war. Sie hatte nur einfach nicht mehr genug Kraft um zu laufen und mit fast hundertprozentiger Gewissheit wusste sie, das sie fallen würde, wenn ihre Füße den Boden berührten. Seit über drei Jahren hatte sie ihren Beine keine größeren Belastungen zugetraut und verwundert stellte sie fest, das ihre Beine ihren Körper trugen, als sie auf den Boden aufkam. Zuerst hielt sie sich noch am Bett fest, doch um ans Fenster zu gelangen musste sie eine kurze Strecke ohne Stütze auskommen und so ließ sie sich nach kurzem Zögern nach vorne fallen. Mit den Fingern erreichte sie die Fensterbank und ein Lächeln stahl sich auf ihre Züge, als sie sich hochzog und sich mit den Ellbogen abstützen konnte. Ihre Beine ließ sie nachschleifen und achtete nicht weiter auf sie, als sie, von ihr gerichtet, einigermaßen gerade standen. Mit der einen Hand hielt sie sich verzweifelt fest, als sie dann schließlich das Fenster öffnete und ihre Hand hinausstreckte. Nasse, kalte Flocken erreichten ihre, von der Anstrengung roten Finger und kühlten sie ab. Ihr Lächeln wurde breiter und die Fensteröffnung größer, als sie auch das andere Fenster öffnete. Sie ließ ihren Kopf hinaushängen und lachte, als Schnee ihre Zuge berührte, die sie hinausgestreckt hatte.

Sie zuckte zusammen, als plötzlich wieder Krallen nach ihr griffen. Tausende von Nadeln stachen in ihren Magen und das Lächeln verschwand augenblicklich. Ihre Augen wurden dunkel vor Schmerz, die Stirn nass von Schweiß der Pein und Angst. Ihre Augen wanderten hinüber zum Bett, weiter zu dem roten Knopf, den die Schwester rief. Sie stöhnte auf und erinnerte sich an die Worte Schwester Glindes, die ihr gesagt hatte, das sie von diesen Schmerzen nicht sterben würde, wie stark sie auch seien. "Sie gehen vorbei. Gehen vorbei...", sagte sie sich immer wieder und hielt sich immer noch verkrampft an der Fensterbank fest. Dann schaute sie hinauf in den Himmel. In den Sternenhimmel und dort oben erblickte sie ihn. Ihren Stern.

Sie fiel.

Sie fiel und ihr Kopf schlug auf den harten Beton auf, als sie noch einmal kurz die Augen öffnete und mit einem Lächeln auf ihren Stern schaute. "Mein Abschiedsstern."

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