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Geschichtenwettbewerb: Freies Thema

Das Tor

Das © für diese Geschichte liegt bei Elin

Auf dem Hügel stand eine einzelne Gestalt. Dunkel konnte man sie in der Morgendämmerung auf der Erhöhung ausmachen. Den braunen Mantel und die dunkelbraunen Haare trug sie offen. Ihr Gesicht war verschlossen. War gen Norden gewandt. Ihre blassen Hände tasteten eine unsichtbare Barriere ab und ihre Augen schauten in fremde Fernen. Das war sie. Nöel. Das Tor. In einiger Entfernung von ihr standen Menschen. Tausende und Tausende, in Panzer eingeschlossen. Soldaten. Sie alle waren bereit. Bereit für Kampf und Schlacht. Bereit für Tod und Verderben. Die meisten hüllten sich frierend in ihre dürftigen Mäntel ein, die sie über ihren Rüstungen trugen. Es war kalt. Es war Winter. Aber von Schnee war nichts zu sehen. Der Anführer sprach gerade zu ihnen. Nöel konnte ihn entfernt vernehmen. Das letzte Mal sprach er mit ihnen den Schlachtplan durch, vielleicht war dies das letzte Mal, das sie alle seine Stimme hörten. Nöel allerdings konzentrierte sich nicht darauf. Sie war kein Krieger. Und sie hörte nur einen Teil des ersten Satzes. "Das Tor wird uns jetzt die Tür öffnen..."

...und euch alle in eine neue Welt führen. In eine Welt, die ihr so vernichten könnt, wie eure. Wie eure eigene Heimat, dachte sie dabei halb verbittert.

Der Wind säuselte sein Lied. Er umwehte sie, spielte mit Haar und Mantel und kam dann schlussendlich doch zur Ruhe. Sie spürte ihn, aber er bereitete ihr kein Unbehagen. Er kam von Süden. Du musst das nicht tun., erklärte er ihr, wie schon viele Male zuvor. Der Wind war schon immer ihr Freund gewesen. Ein Freund, der sie nicht alleine ließ. Der mit ihr auf Reisen ging. "Dafür bin ich geboren. Um Menschen in andere Welten zu bringen. Für was sonst, wenn nicht für das, was schon seit jeher meine Bestimmung ist?", entgegnete sie ihm. Ja, Menschen sollst du in andre Welten bringen, ja. Aber keine Soldaten. Manchmal kommst du mir immer noch wie das Kind vor, das mit seinen Eltern wetteiferte. Und doch, du hattest niemals Eltern. Du konntest mit niemanden Wetten schließen. "Menschen sind Menschen. Auch Soldaten gehören zu ihnen.", beharrte sie. Soldaten bringen Krieg, bringen Zerstörung. Du bist nicht geboren, um Untergang zu bringen. Du bist ein Kind der Sterne. Und Sterne strahlen... Und zerstören sich eines Tages selbst. "Ich bin der Weg, das Tor. Aber ich bin es nicht, die zerstört. Ich bin, wie du sagst, nur der Überbringer. Und Überbringer heißt vielleicht, die Schuld mitzutragen, aber nicht der Verursacher zu sein. Schau sie dir an, diese Welt. Alle Welten. In ihr leben nur Überbringer. Weshalb sollte ich dann kein Überbringer sein?" Winde, so hieß es, waren vielleicht die Stimmen der Götter, doch dieser für sie wie ein Bruder. Und mit einem Bruder stritt man. Auch, wenn es nichts zum Streiten gab. Auch wenn man wusste, das er recht hatte... Was, Schwester, was bringt dich dazu, der Weg zu sein?

Nöel schwieg. Sie wandte sich wieder der farblosen Wand zu, tastete sie weiter ab. Es hatte keinen Zweck mit dem Tor über ihre Bestimmung zu reden. Ihr Schicksal stand fest. Sie hatte es selbst gewählt.

Plötzlich verharrte sie mit einer Hand auf einer Stelle, zögerte kurz und murmelte dann doch mehr zu sich gewandt, als an jemanden oder etwas anderes, ein kleines "öffnen." Die Farblosigkeit verschwand und stattdessen entstanden dort Farben. Farben um Farben. Ein Farbenmeer. Die Tür.

Nöel hob noch einmal ihren Blick. Schaute sich noch einmal diese Welt an. Schwarz war sie. Grau und Schwarz. Dort, wo sie jetzt stand, war noch ein letztes Stückchen Grün. Ein letztes Stückchen in einer schwarzen Welt.

Du musst das nicht tun, erklärte der Wind ihr noch einmal. Sie schwieg.

Und ging, gefolgt von einem Lufthauch durch die Tür. Die anderen würden folgen.

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