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Geschichtenwettbewerb: Freies Thema
Guten Tag, ich bin Ihr Ich
Das © für diese Geschichte liegt bei Szandor DuBois (Dagmar Bittner)
Es klingelte noch einmal. Ich lief zur Türe und öffnete sie einen Spalt breit. Draußen stand ein mir fremder Mann. "Guten Tag, darf ich bitte hereinkommen?" sagte er mit sanfter, leiser Stimme. Ich blickte ihn irritiert an. "Darf ich bitte hereinkommen?" fragte er noch einmal. "Verzeihung, ich... Wer sind Sie denn? Kenne ich Sie?" "Ich bin Ihr Ich." Er lächelte und blickte mir direkt in die Augen.
Auf meiner Stirn zeichnete sich ein großes Fragezeichen ab. "Entschuldigung, aber ich verstehe nicht recht..." "Ich bin Ihr Ich. Wollen Sie mich nun hereinbitten? Sie hätten mich eigentlich schon vermissen sollen." Er lächelte. Hörte ich in seiner Stimme eine Spur von Vorwurf und Tadel? Ich versuchte, mich zu fassen. Seltsamerweise war mir der Kerl auf eine ganz eigene Art und Weise sympathisch. "Ach, und warum ist mein Ich dann männlich?" "Ich bin nicht männlich. Ich habe kein Geschlecht. Ich sehe nur für Sie so aus." Er lächelte wieder. "Bitte lassen Sie mich herein." Ich blickte an dem Kerlchen herunter. Eine hagere Gestalt die fast gebrechlich aussah, wie er so dastand mit seinem kleinen Buckel, den knochigen Fingern und den gebogenen Knien. Strahlende Augen leuchteten aus einem furchigen Gesicht hervor, und ein paar silbergraue Pünktchen glänzten als Zeichen einer schlechten Rasur auf seinem faltigen Kinn und den eingefallenen Wangen. "Bitte, lassen Sie mich herein." Wiederholte er sein Sprüchlein.
Er trug nichts bei sich, außer den alten aber gepflegten Nadelstreifenanzug, den er anhatte und einen verbeulten Hut auf dem Kopf. Beides erinnerte mich an Filme aus den 50ger Jahren, auch wenn ich einen Gehstock vermisste. Irgendwie wirkte er zwar voller Energie, aber auch sehr zerbrechlich. Sollte er mir zu nahe kommen, so würde ich mich wohl wehren können. Er lächelte mich wieder an. Mit einer Geduld und Hartnäckigkeit, die mich an einen Haushaltsgeräte-Vertreter oder die Zeugen Jehovas erinnerte. Bloß hatten jene einen Staubsauger, beziehungsweise eine Bibel, dabei. Ich ließ meinen Blick noch einmal über seinen Anzug gleiten. 'Der Alte scheint keine Waffe dabei zu haben', überlegte ich, und ich schämte mich für diesen Gedanken. Ich öffnete die Haustüre ganz, und trat beiseite um ihn einzulassen.
Mit kleinen steifen Schrittchen stapfte er aufrecht an mir vorbei, zog seine Schuhe aus, hängte den Hut selbstverständlich an den Kleiderhaken und öffnete die Türe zur Gästetoilette. Vor meinem geistigen Auge zeichneten sich Bilder von Charles Chaplin ab, die ich jedoch schnell wieder beiseite schob. Perplex schloss ich die Haustüre wieder und lauschte dem Plätschern, das der Fremde beim Händewaschen verursachte. Dann trat er wieder heraus, nickte mir freundlich zu und seine wenigen und wirren grauen Haarsträhnen hüpften dabei lustig auf und ab.
"Darf ich sie herein bitten?" sagte er und seine Äuglein glänzten dabei wie schwarze Perlen. "Danke schön." sagte ich höflich und begab mich ins Wohnzimmer. "Setzen Sie sich doch. Möchten Sie einen Tee?" er lächelte. "Das ist sehr nett von ihnen, danke." Sagte ich. Und er verschwand in der Küche. Ich saß steif auf meinem Sofa und blickte mich neugierig um. Und plötzlich erwachte ich wieder aus meinem wirren Geisteszustand. Ich hatte mich nicht eben wirklich von einem Fremden in meine eigene Wohnung bitten lassen! Aus der Küche klang das Geklapper von Teetassen. Alarmiert sprang ich auf. Der kleine Mann war gerade damit beschäftigt, eine Orange in Scheiben zu schneiden. Neben ihm stand die teure Kristallschale - er hatte sie mit den Mozartkugeln gefüllt, die ich von meiner Freundin zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. "Hören sie..." begann ich, und mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Ich wollte nicht unhöflich sein, immerhin fand ich ihn sehr nett. Aber die Sache erschien mir doch recht unheimlich. "Das Wasser ist jeden Moment so weit." Er lächelte wieder sein glückseliges Himmelslächeln. "Stellen sie die doch schon mal auf den Wohnzimmertisch." und er drückte mir sanft aber bestimmt die Schale in die Hände. Dann steckte er zwei Beutel mit grünem Tee in die Teekanne mit den Chinesischen Schriftzeichen darauf, die ich nur zu Festtagen benutzte, und goss das heiße Wasser darüber. Versteinert stand ich da, mit meinen Mozartkugeln in der Hand und sah zu, wie der Fremde zielsicher eine Schublade öffnete, zwei Teelöffel herauszog, die Schriftzeichentassen mit den Schriftzeichenuntertassen und die Schriftzeichenkanne wie ein Kellner gekonnt in beiden Händen jonglierte und krummbeinig in Richtung Wohnzimmer tappelte. Mit offenem Mund - ich wollte irgendetwas sagen, aber mir viel einfach nichts ein- folgte ich ihm.
"Bitte." Er machte eine Geste mit der Hand und ich setzte mich wieder auf mein Sofa, ihm gegenüber, und stellte entgeistert die Kristallschale neben die Teekanne. Mit einer beneidenswerten inneren Ruhe goss der alte Mann den Tee ein und legte sich und mir eine Orangenscheibe dazu. Dann zündete er die Kerze auf dem Tisch an. Die schöne Gewürzkerze, die ich letztes Jahr von meiner Mutter zu Weihnachten bekam. Ich hatte sie nie angerührt, weil ich nicht wollte, dass sie abbrennt. Sie sah schließlich so schön aus. In dem weichen Schein der kleinen Flamme sahen die Gesichtszüge des Fremden noch viel tiefer aus. Er schien nur aus dem Kontrast von Licht und Schatten zu bestehen. Und unter all den Furchen blinzelten zwei kleine schwarze traurige Augen hervor - waren sie wirklich traurig? - und schlossen sich genüsslich, als er an dem Tee nippte.
Ich drückte meine Orangenscheibe aus und rührte mit starrem Blick monoton in meiner Tasse. "Wer sind sie?" fragte ich schließlich. "Ihr ich. Das habe ich ihnen doch schon gesagt. Sind sie so vergesslich?" Bestimmt zwinkerte er mir zu, aber mein Blick war starr auf den Tassenboden gerichtet. "Woher wissen sie, dass ich grünen Tee mit Orange liebe? Ich kenne niemanden, der so etwas trinkt." "Es ist mein Lieblingstee." kam die nüchterne Antwort von hinter dem Tisch. "Und warum gehen sie so selbstverständlich durch meine Wohnung?" "Nun, ihr Ich sollte sich zumindest in ihrem Zuhause auskennen. Wirklich erstaunlich, dass sie mich nicht vermisst haben." Sein Löffel klapperte traurig gegen die Tasse. "Warum fühlen Sie sich so unwohl?" Fragte er nach einer kleinen Pause, in einem Tonfall, auf den jeder Psychiater neidisch gewesen wäre, und der mich einfach zwang, ihn anzusehen.
Ich schielte nach oben. "Warum fühlen Sie sich so unwohl?" "Wenn sie mein Ich sind müssten sie das doch wissen, oder?" gab ich schnippisch zurück. Irgendwie schien die ganze Situation aus meiner Kontrolle zu geraten. Hatte sie sich überhaupt jemals in meiner Kontrolle befunden? "Ich weiß es ja. Aber sie sollten es selbst auch erkennen." Sagte das Männlein und lächelte mich an. "Ach, und woran liegt es ihrer Meinung nach." ich blickte ihm provozierend in die Augen, die gerade eben wieder sehr traurig aussahen. "Das ist nicht sonderlich schwer." Der Fremde lächelte immer noch schüchtern. "Ich serviere ihnen die Mozartkugeln, die sie von ihrer Freundin von 4 Monaten zum Geburtstag bekamen und nicht geöffnet haben, weil sie nicht zu dick werden wollen. Sie haben sie ganz hinten im Schrank versteckt, für besondere Situationen. Genau wie die Kristallschale. Die haben sie doch in dem Antiquitätengeschäft gekauft, weil sie sich sofort in sie verliebt haben. Seitdem steht sie im Schrank. Und ich habe die Kerze angezündet, deren Aufgabe es ist zu brennen, und nicht, herumzustehen und schön auszusehen. Das ärgert sie. Weil ich das tue, was sie sich wünschen und nicht trauen zu tun." Ich starrte ihn ungläubig an und wusste nun weder was ich sagen, noch was ich tun sollte. Ich saß einfach nur da und starrte. Es klingelte.
"Das werden sie sein. Entschuldigen sie mich." Der Mann stand auf, legte seinen Löffel ordentlich auf die Untertasse, streifte sein Jackett glatt und tapste langsam Richtung Eingangstür. Es klingelte noch einmal. Ich schreckte hoch und rannte, um aufzumachen. Draußen standen zwei Polizisten, die ich kuhäugig beglotzte. "Guten Tag, Polizei. Eine Nachbarin hat ausgesagt, dass ein älterer Mann ihre Wohnung betreten hat?" "Ich bin schon da." ertönte eine leise, sanfte Stimme hinter mir. Der Fremde drückte den verbeulten Hut auf seine wirren Haare und wackelte nach draußen. "Entschuldigen Sie die Umstände." der linke Mensch in grün nickte mir zu, und die beiden nahmen den kleinen Mann zwischen sich und schoben ihn Richtung Streifenwagen. "Moment, was tun sie da?" rief ich ihnen nach. "Er ist aus der örtlichen Psychiatrie entlaufen." Der Polizist grüßte noch einmal, dann fuhr die Streife davon, und mit ihr der kleine Mann. Ich ging zurück ins Wohnzimmer, naschte drei Mozartkugeln, trank meinen Tee aus, blickte in den Kerzenschein und ging schließlich todmüde in mein Bett.
Am nächsten Tag erwachte ich frisch und ausgeschlafen wie noch nie. Ich fühlte mich ausgeglichen und ruhig. So, als wäre ich nach langer Zeit wieder vollkommen. Ich machte mir ein ausgiebiges Frühstück, gönnte mir noch eine Süßigkeit und freute mich an der Sonne und daran, dass ich so fröhlich war. Mir viel der kleine Mann wieder ein. Und ich packte ein paar Teebeutel, die letzten Mozartkugeln und eine Orange zusammen und fuhr in die Klinik. "Er ist recht klein, und sehr zerbrechlich. Und er trägt einen Nadelstreifenanzug und einen alten Hut. Gestern ist er ausgebüchst" erklärte ich der Schwester an der Pforte. "Es tut mir leid, Frau Sanders." sagte sie. "Aber Herr Sanders ist gestern Nacht verstorben. Sein Ausbruch hat ihn wohl zu sehr mitgenommen. Waren sie verwandt?"
Ich saß auf einer Parkbank, lauschte dem Gesang der Vögel und dem Plätschern des Springbrunnens. Ich hörte die Enten quaken und die Kinder quietschen und lachen. In meinen Händen fühlte ich die Tüte mit dem Tee und der Orange. Ich lächelte sanft und wusste, dass mein Ich an seinen alten Platz zurückgekommen war. Und die Sonne schien heller als sonst.

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