Der Heideweg

    • Offizieller Beitrag

    Der Heideweg

    Der Heideweg ist eine uralte, im Fünften Zeitalter fast vergessene Handelsstraße im Südlichen Larisgrün, die quer durch das Fürstentum Sûrmera verläuft. Er führt von den Mondtoren, einer geheimen Grenzfestung der Elbenlande an den Furten des Farnafaris, immer am Waldsaum entlang durch die Randgebiete des südlichen Larisgrüns bis zur Stadt Sûrmera an der Marmelmündung in den Ildorel. Vor den Toren Sûrmeras trifft der Heideweg auf die Große Südstraße.


    Vor tausenden von Jahren war der Heideweg eine vielbefahrene Handelsroute, welche die Elbenreiche hinter dem fernen Mondgrün im Westen mit den Königreichen der Menschen rund um den Ildorel verbunden hat, heute ist er über weite Strecken nicht mehr als ein sandiger Weg, und die uralten Pflastersteine schimmern nur noch hier und da zwischen Bingelkraut und Heideblumen hervor. Einst mag er auf ganzer Länge schnurgerade und gut gepflastert gewesen sein, und viel befahren von allerlei Händlern, Wanderern, Kaufleuten und Kriegern, mit zahlreichen Gasthöfen und Wirtshäusern oder gar vereinzelt kleinen Dörfern an seinem Saum, jetzt überzieht ihn größtenteils Moos. Von Sûrmera am Südwestufer des Ildorel bis nach Alagón weiter im Westen besitzt der Heideweg nach wie vor die Güte einer Imperialen Handelsstraße mit all ihren Annehmlichkeiten, doch von Alagón bis zu den Mondtoren ist er schon seit dem Ende des Vierten Zeitalters dem Verfall preisgegeben. Heute ist dieser westlichste Abschnitt des Heidewegs beinahe vollkommen in Vergessenheit geraten, da er seit der Abschottung der Elbenreiche vom Rest Rohas kaum mehr benutzt wird.


    Hier haben ihn Gras und Unkraut fast völlig überwuchert und dichtes Strauchwerk säumt seine ausgefransten Ränder. Stehen im Norden des Larisgrüns die Bäume dicht an dicht, ein grüner, undurchdringlicher Wald voller Kühle, tiefen Schatten und zahllosen Geheimnissen, so wachsen hier vor allem Buchen, Eichen und vereinzelte Soldatenkiefern in offenen, parkähnlichen Hainen mit wenig Unterholz. Viele kleine Pfade, manchmal nicht mehr als Wildwechsel, zweigen vom Heideweg in Richtung Norden, nach Liedberg und weiter nach Tiefwald oder kreuz und quer durch das Südliche Larisgrün ab, doch außer Waldläufern, ortskundigen Spähern und einheimischen Waldbauern sind sie so gut wie niemandem bekannt. Etwa auf halber Strecke zwischen den Grenzen der Elbenlande und Sûrmera ist nördlich des Heidewegs unmittelbar neben der alten Straße ein kleiner Hain aus Schwarzkiefern, Buchen und vereinzelten Fichten. In seiner Mitte erhebt sich eine einzelne, mächtige Tanne und unter ihren ausladenden Zweigen, die eine natürliche Höhlung um den gewaltigen Stamm bilden, finden sich zwei schlichte, mit bemoosten Steinen abgedeckte Grabhügel ohne jeden Schmuck oder eine Inschrift, die Hinweise auf die Toten geben würde, die hier ruhen. Die wenigen Elben, welche heutzutage noch diesen Teil der Straße entlangziehen, um in die Reiche der Menschen zu gelangen, nennen diesen Ort Agris fîradandrioit Môrames, die 'Grabstätte der unbekannten Toten'.


    Der Heideweg hat eine Gesamtlänge von rund 1300 Tausendschritt und wird von Alagón bis Sûrmera sowohl von den Brantemplern des Ordens der Zitadelle als auch von sûrmerischen Truppen und Straßenwächtern gesichert – dennoch ist es nicht ungefährlich, auf ihm zu reisen. Neben Raubtieren, magischen Wesen wie Lindwürmern und Irrlichtern, können auch Waldschrate und Trolle ihr Unwesen auf ihm Treiben - und nicht zuletzt gibt es da noch die 'Treppenschatten' und die 'Windtrinker', Banden von Gesetzlosen, Wegelagerern und Halsabschneidern, die im ganzen Süden von Sûrmera ihr Unwesen treiben. Bekanntestes Gasthaus am Heideweg ist die 'Dralle Jungfer' auf halber Strecke zwischen Nemur und Mareness, die neben einem Rabenschlag, einer Stellmacherei und einer Schmiede auch mehr freizügige Schankmaiden besitzt, als sie jedes Gasthaus gebrauchen kann. Weitere Gasthöfe sind 'Fìrmeans Rast' in Alagón, der 'Schwarze Stier' einen Tagesritt westlich von Arsenré und der 'Trunkene Schurke' in Nemur. Der Heideweg ist ganzjährig zu bereisen.


    Streckenabschnitte des Heidewegs:


    Mondtore – Alagón: 490TS

    Alagón – Mareness: 190 TS

    Mareness – Nemur: 200TS

    Nemur – Arsenré: 350TS

    Arsenré -Sûrmera: 70TS

    Me? I'm dishonest, and a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you want to watch out for, because you can never predict when they're going to do something incredibly... stupid.
    Captain Jack Sparrow

  • Ende Taumond 526


    Vaelion ist ein junger Wandersänger, kaum mehr als ein Lehrling, der mehr Fragen als Antworten mit sich herumträgt.

    Seine Reise hat ihn auf den Heideweg geführt – eine Straße, die älter wirkt als die meisten Geschichten, die über sie erzählt werden.

    Er schließt sich einer kleinen Händlergruppe an, nicht aus Not, sondern aus Gelegenheit. Karawanen bringen Bewegung, Stimmen, kleine Fragmente von Leben – und manchmal auch neue Lieder.

    Die Händler sprechen davon, dass diese Straße früher einmal anders war. Breiter. Fester. Voller Leben. Dass hier Wagen an Wagen gefahren seien,

    dass Reisende aus fernen Ländern einander begegneten und dass entlang des Weges Gasthäuser standen, in denen man Geschichten ebenso tauschte wie Münzen.

    Jetzt ist davon wenig übrig.


    Vaelion geht meist ein Stück neben der Karawane, seine Schritte leicht versetzt zu denen der anderen. Nicht aus Absicht, eher aus Gewohnheit. So kann er die Umgebung hören.

    Das Knacken vereinzelter Äste im Wald, das leise Rascheln im Unterholz und das Zwitschern der Vögel zwischen den Bäumen. Dazwischen mischen sich die vertrauten Geräusche der Karawane – das Knirschen der Räder auf der Straße, das leise Klirren von Metall an den Wagen und das gedämpfte Murmeln der Händler, wenn sie untereinander sprechen.

    Alles fügt sich zu einem gleichmäßigen Klangbild zusammen, das ihn begleitet, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.


    Doch anders als die dichten, verschlossenen Wälder, die Vaelion kennt, wirkt dieser hier offener. Buchen und Eichen stehen in weiten Abständen, dazwischen Heidekraut, Gras und niedrige Sträucher. Vereinzelte Kiefern ragen höher auf, ihre Kronen zeichnen dunkle Linien gegen den Himmel.

    Das Licht fällt ungehindert zwischen die Stämme, wandert mit ihnen und verändert sich mit jeder Stunde.

    Immer wieder zweigen schmale Pfade vom Heideweg ab – kaum mehr als Spuren im Gras. Manche verlieren sich schon nach wenigen Schritten zwischen den Bäumen, andere scheinen tiefer in den Wald zu führen. Die Händler beachten sie kaum. Für sie zählt der Weg, nicht das, was von ihm fortführt.

    Vaelion dagegen wirft ihnen gelegentlich einen Blick nach.

    Nicht aus Misstrauen, eher aus Neugier – als würde jeder dieser Pfade eine Geschichte tragen, die nur darauf wartet, erzählt zu werden.


    Der Tag vergeht ruhig.

    Die Karawane bewegt sich in gleichmäßigem Tempo, unterbrochen nur von kurzen Pausen, in denen die Tiere versorgt und Wasser verteilt wird. Es sind einfache Abläufe, eingespielt und ohne Eile.

    Vaelion spricht nicht viel, doch er ist nicht abwesend.

    Er hört zu.

    Ein Händler erzählt von einer Stadt am Ildorel, deren Märkte so groß sein sollen, dass man sich darin verlaufen kann. Ein anderer schwört auf ein Gasthaus weiter östlich, in dem der Wein besser ist als überall sonst auf dieser Strecke.

    Es wird gelacht, gestritten, übertrieben.

    Alltägliche Dinge.

    Und doch merkt Vaelion, wie sich daraus etwas zusammensetzt – ein Bild der Welt außerhalb der Wälder, die er kennt.


    Manchmal holt er seine Laute hervor.

    Nur, um zu spielen und sich die Zeit zu vertreiben. Leise Melodien, kaum mehr als Fragmente.

    Ein paar Händler hören hin, andere nicht. Es stört niemanden. Die Töne mischen sich mit den Geräuschen des Weges, als gehörten sie dazu.

    Als die Sonne sich langsam senkt, beginnt die Karawane nach einem geeigneten Lagerplatz zu suchen – einem Ort mit ausreichend Platz für die Wagen, genug Sicht, um sich nicht eingeengt zu fühlen. Routine entscheidet mehr als alles andere.

    Die Händler wirken entspannt, einer pfeift leise, ein anderer zählt bereits die verbliebenen Vorräte.

    Die Gespräche werden wieder etwas lebhafter, als der Gedanke an eine Pause näher rückt.


    Vaelion sammelt trockenes Holz am Rand des Weges, prüft es kurz in den Händen, bevor er es zum Lagerplatz trägt und dort für das Feuer ablegt. Die Bewegungen sind ruhig und selbstverständlich, als hätte er sie schon oft gesehen, auch wenn sie für ihn noch nicht lange Teil des Alltags sind.

    Währenddessen greifen die Abläufe der Karawane ineinander. Einige der Händler beginnen damit, einen einfachen Zaun aus Seilen und eingeschlagenen Pflöcken zu ziehen, gerade genug, um den Platz zu ordnen und die Pferde beisammen zu halten. Andere kümmern sich um die Tiere, führen sie zusammen, lösen Geschirr und Lasten und sprechen leise auf sie ein, während sie angebunden werden.

    Zwischen den Wagen werden die ersten Zelte aufgeschlagen. Stoff spannt sich zwischen Holzstangen, Knoten werden festgezogen, Handgriffe wiederholen sich, ohne dass darüber gesprochen werden muss.

    Als der Tag sich dem Ende neigt und die letzten Arbeiten getan sind, verlangsamen sich die Bewegungen nach und nach.

    Einer nach dem anderen findet sich am entstehenden Feuer ein, bis schließlich alle ihren Platz dort gefunden haben und zur Ruhe kommen können.

  • Die Flammen knistern leise, werfen warmes Licht auf die Gesichter der Händler und lassen die Schatten der Wagen und Zelte langsam über den Boden wandern. Der Geruch von gebratenem Fleisch und einfachem Eintopf liegt in der Luft, vermischt mit Rauch und dem trockenen Duft des gesammelten Holzes.

    Die Anspannung des Tages ist verflogen.

    Einer der Händler erzählt eine Geschichte, gestenreich und mit sichtlicher Freude an den übertriebenen Details – von Schattenwesen, die in der Dämmerung lauern und sich von Angst nähren. Geschichten, die man eigentlich Kindern erzählt, damit sie nicht allein in den Wald laufen.

    Ein anderer widerspricht ihm lachend, verbessert hier und da eine Erinnerung oder fügt eigene Ausschmückungen hinzu. Es wird gescherzt, gelacht, manchmal durcheinander gesprochen.


    Vaelion sitzt mit bei den Händlern am Feuer, etwas näher, als er es tagsüber meist ist. Das warme Licht der Flammen spiegelt sich in seinen Augen, während er den Geschichten aufmerksam lauscht.

    Seine Laute liegt neben ihm im Gras, griffbereit, doch für den Moment rührt er sie nicht an. Statt zu spielen, hört er zu – den Stimmen, dem Knistern des Feuers und dem leisen Klirren von Geschirr, wenn jemand seine Schale abstellt.

    Vor allem aber hört er den Worten zu.

    Den Geschichten von fernen Orten, übertriebenen Begegnungen und Wesen, die vielleicht nur in Erzählungen existieren. Und für einen Augenblick wirkt er nicht wie jemand, der zwischen zwei Welten steht, sondern wie ein junger Mann, der einfach nur zuhört.


    Als die Dämmerung einsetzt, beginnt das Licht sich schleichend zu verändern.

    Das Gold des Feuers hebt sich deutlicher vom Rest der Welt ab, während die Farben des Tages verblassen. Das Grün der Bäume wird dunkler, das Grau der Steine kühler. Die Schatten zwischen den Stämmen werden länger, tiefer, ohne dass man genau sagen könnte, wann es begonnen hat.

    Die Gespräche halten noch an, doch sie werden ruhiger.

    Jemand schiebt nachdenklich mit einem Stock in der Glut, lässt die Funken kurz aufsteigen, bevor die letzten Flammen erlöschen. Ein anderer zieht seinen Mantel enger um die Schultern, obwohl die Luft noch mild ist.

    Die Stimmen senken sich unmerklich.

    Die Gespräche kreisen nun weniger um Geschichten und mehr um beiläufige Dinge – den morgigen Weg, das Wetter, die nächsten Rastplätze.


    Einer der Händler hebt langsam den Kopf, als würde ihm erst jetzt wieder ein Teil der eben erzählten Geschichte einfallen. Sein Blick wandert hinaus in die Dämmerung, suchend, unsicher.

    „…die Schatten…“, murmelt er leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen.

    Und dann erkennt er sie.

    Schatten lösen sich aus den Felsen, als wären sie schon immer da gewesen. Formen, die sich nicht entscheiden können, ob sie Traum oder Wirklichkeit sind. Die Händler geraten in Panik; einer stolpert rückwärts, ein anderer zieht ein Messer, das in seiner Hand eher wie ein Trost wirkt als wie eine Waffe.


    Vaelion steht da und spürt, wie sein Herz schneller schlägt. Nicht aus Mut. Nicht aus Trotz. Sondern aus diesem seltsamen Gefühl, dass etwas in ihm antworten will. Also fängt er an zu singen.

    Leise. Fast zu leise für die Dunkelheit, die sich um sie legt. Kein heroischer Klang, kein kraftvoller Ton. Nur ein dünner, klarer Faden, der sich aus seiner Kehle löst, als würde er nicht ihm gehören. Ein Lied über Übergänge, über das fragile Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkel. Ein Lied, das er selbst nicht kennt – er singt einfach frei heraus.

    Nach einem kurzen Augenblick halten die Schatten inne und ziehen sich zurück, nicht aus Furcht, sondern als würden sie lauschen. Und als die Dämmerung langsam vorübergeht und der erste Stern am Himmel erscheint, lösen sie sich auf wie Nebel im Morgenlicht.


    Für einen Herzschlag lang bleibt Vaelion stehen, unsicher, was genau in den Schatten lauert.

    Vielleicht sind es wirklich Schattenwesen, bösartige Kreaturen aus dem Zwielicht, die sich von Angst nähren.

    Vielleicht aber auch nur Wölfe, die im Dunkel lauern, und der Wind, der durch die Baumkronen fährt.

    Nichts davon zeigt sich klar, nichts lässt sich greifen. Nur dieses Gefühl, dass etwas auf seinen Gesang reagiert hat – egal, was es war.

    Als langsam Ruhe einkehrt, bleibt für einen Moment nur Stille. Eine andere Stille als zuvor: nicht drohend, sondern erschöpft. Die Händler stehen noch immer dicht beieinander, als müssten sie erst begreifen, dass die Gefahr wirklich vorüber ist. Einer lässt das Messer sinken. Ein anderer atmet hörbar aus, als hätte er die Luft viel zu lange angehalten.


    Langsam kehrt Bewegung in die Gruppe zurück. Flüstern, unsicher zuerst, dann dringlicher. Sie reden darüber, was sie gesehen haben oder was sie glauben gesehen zu haben. Manche sagen, die Schatten hätten ihm etwas hinterlassen – eine Gabe oder vielleicht eine Bürde. Andere behaupten, er sei nur ein begnadeter Barde.

  • Noch während die Gespräche langsam abklingen, wandert der Blick eines der Händler hinaus in die Dunkelheit jenseits des Lagers. „Wir sollten Wachen aufstellen“, sagt er schließlich.

    Die anderen nicken. Es braucht keine langen Absprachen. Die Namen werden genannt, Paare gebildet, leise und ohne viel Diskussion. Niemand wirkt besonders erpicht darauf, allein wach zu bleiben.

    Vaelion bleibt zunächst still. Er sitzt noch immer am Platz, an dem vor wenigen Augenblicken das Feuer gebrannt hat. Von den Flammen ist nichts mehr geblieben, nur dunkle Asche und vereinzelte, schwach glühende Reste.


    Erst als die Einteilung fast abgeschlossen ist, hebt er den Kopf. „Ich übernehme die letzte“, sagt er ruhig.

    Ein kurzer Blickwechsel geht durch die Runde. Dann ein zustimmendes Nicken. „Gut.“ Mehr wird nicht gesagt. Nach und nach zieht sich die Karawane zurück. Zelte schließen sich, Schritte werden seltener, Stimmen versiegen. Einer der Händler bleibt noch einen Moment zurück, kniet sich an die Feuerstelle und schichtet ein paar dünne Äste über die Glut. Kurz darauf flackert wieder ein kleines Feuer auf – nicht mehr als ein paar schmale Flammen, gerade genug, um für die Wachen etwas Licht zu spenden. Dann kehrt auch er den anderen den Rücken zu und verschwindet zwischen den Wagen.

    Das Lager kommt zur Ruhe. Nur das schwache Feuer wirft noch ein unruhiges Licht über den Boden, lässt Schatten zittern und wieder verschwinden. Dazwischen das leise Schnauben der Pferde, das gelegentliche Rascheln von Stoff, wenn sich jemand im Schlaf bewegt.


    Vaelion bleibt noch sitzen.

    Seine Laute liegt neben ihm, unberührt. Für einen Moment ruhen seine Finger auf dem Holz, ohne eine Saite anzuschlagen. Dann lässt er die Hand wieder sinken. Er verharrt noch einen Augenblick am schwachen Feuer, bevor er sich schließlich erhebt, und sich in eines der Zelte zurückzieht. Kaum hat er sich hingelegt, übermannt ihn die Müdigkeit. Die Nacht vergeht ohne Zwischenfälle.

    Als Vaelion geweckt wird, ist die Dunkelheit noch tief, doch nicht mehr so dicht wie zuvor. Das kleine Wachfeuer glimmt noch, schwach und ruhig, gerade hell genug, um die Umrisse der Wagen und Zelte erkennen zu lassen.

    Er richtet sich auf, greift nach seiner Laute und tritt hinaus. Die Luft ist kühl geworden.

    Sein Wachpartner sitzt bereits am Feuer, einen Ellbogen auf das Knie gestützt, den Blick in die Dunkelheit gerichtet. Als Vaelion näher tritt, hebt er kurz den Kopf.


    „Deine Wache“, sagt er leise. Vaelion nickt und setzt sich zu ihm. Für eine Weile sagen sie nichts.

    Das Feuer knackt leise, ein Pferd scharrt irgendwo im Halbdunkel, dann wird es wieder still. Keine Bewegung jenseits des Lagers, kein Laut, der nicht dorthin gehört, wo er ist.


    Die Nacht wirkt ruhig. Fast zu ruhig – aber nicht mehr so fremd wie zuvor. Der Händler wirft ihm schließlich einen kurzen Blick zu.

    „Du spielst nicht wie die meisten“, sagt er nach einer Weile. Kein Vorwurf, eher eine Feststellung. Vaelion hebt leicht den Kopf. „Nicht?“

    Der Mann schüttelt den Kopf, ein schwaches Lächeln in den Mundwinkeln. „Die meisten haben ihre Stücke. Lernen sie, spielen sie, immer gleich.“

    Er deutet vage mit der Hand. „Bei dir… klingt es, als würdest du erst im Moment entscheiden, was es wird.“

    Vaelion lässt den Blick kurz auf die Glut sinken. „Vielleicht tue ich das.“

    Der Händler schnaubt leise, nicht spöttisch.„Wo lernt man so etwas?“

    Vaelion antwortet nicht sofort. Seine Finger ruhen auf dem Rand seiner Laute, als würde er die Frage dort ablegen.

    „Im Wald“, sagt er schließlich. „Bei denen, die zuhören, bevor sie sprechen.“

    Der Händler runzelt kurz die Stirn, sagt aber nichts dazu.

    Nach einem Moment lehnt er sich etwas zurück, mustert Vaelion erneut, diesmal genauer.

    „Und dein Name?“

    Vaelion sieht auf. „Vaelion.“

    Der Händler schüttelt leicht den Kopf.

    „Ich meine deinen ganzen Namen.“

    Ein kurzer Augenblick vergeht. Dann senkt Vaelion den Blick wieder zur Glut.

    „Den kenne ich nicht.“

    Das Knistern des Feuers füllt die Stille zwischen ihnen.

    Der Händler sagt zunächst nichts. Kein Spott, kein ungläubiges Nachfragen.

    Nur ein langsames Nicken. „Dann wird es vielleicht Zeit, dass du dir selbst einen verdienst.“

    Vaelion hebt den Blick nicht sofort. Doch ein kaum merkliches Lächeln zieht über sein Gesicht.

    „Vielleicht.“

    Die Nacht bleibt ruhig. Keine Schatten zeigen sich, keine Bewegung jenseits des Lagers.

    Nur das leise Glimmen des Feuers, das mit der Zeit schwächer wird, und das erste, kaum wahrnehmbare Grau am Horizont.


    Der Morgen bricht langsam an. Ein blasses Licht legt sich über das Lager, vertreibt die letzten Reste der Nacht und lässt die Welt wieder klarer erscheinen. Die Schatten verlieren ihre Tiefe, werden zu gewöhnlichen Formen zwischen Wagen und Bäumen.

    Die Karawane erwacht, erst vereinzelt, dann nach und nach. Zelte werden geöffnet, Stimmen kehren zurück, noch leise, noch etwas rau vom Schlaf. Jemand löscht die letzten Flammen des Lagerfeuers, ein anderer beginnt bereits damit, die Tiere zu versorgen. Die Abläufe greifen ineinander, vertraut und sicher. Müdigkeit liegt in Vaelions Bewegungen, nicht schwer, aber spürbar. Dennoch greift er mit zu, löst Knoten, reicht Ausrüstung weiter und hilft beim Beladen der Wagen, ohne viele Worte zu verlieren. Die Handgriffe gehen ihm nicht ganz so selbstverständlich von der Hand wie den anderen, doch er fügt sich in den Ablauf ein. Die Wagen werden beladen, Seile geprüft, Knoten festgezogen. Stimmen werden lauter, sicherer, durchzogen von kleinen Scherzen und beiläufigem Lachen.


    Die Reise geht weiter.

    Räder greifen in den Sand, Hufe schlagen einen gleichmäßigen Takt, und bald füllen Gespräche erneut die Luft. Die Händler sprechen, wie sie es am Vortag getan haben – über Wege, über Märkte, über Orte, die noch vor ihnen liegen, doch nicht nur darüber.

    Immer wieder fällt ein Blick zurück, zu Vaelion. „Ich sag dir, da war mehr“, meint einer leise, nicht mehr ganz so überzeugt wie noch am Abend.

    Ein anderer schüttelt den Kopf, doch ein leichtes Lächeln liegt auf seinen Lippen. „Vielleicht. Aber gehört hat es ihm.“

    Ein paar nicken. „Die Dämmerung hat ihm zugehört“, fügt schließlich ein weiterer hinzu. Einen Moment lang sagt niemand etwas.

    Dann, fast zögernd: „Dämmerstimme…“ Das Wort bleibt einen Augenblick in der Luft hängen, als würde man prüfen, ob es passt.

    Ein anderer nickt langsam. „Ja“, murmelt er. „Das trifft es.“ Mehrere stimmen leise zu.

    „Dämmerstimme“, sagt schließlich jemand fester. „So sollten wir dich nennen.“ Vaelion blinzelt, überrascht.

    Es klingt wie ein Titel. Ein Name, der etwas in ihm sieht, das er selbst kaum versteht. Er könnte widersprechen, könnte erklären, dass er seinen eigenen Familiennamen nicht einmal kennt, dass er nichts ist außer einem Barden mit einer Laute und zu vielen Fragen. Doch er tut es nicht.


    Er neigt den Kopf und nimmt den Namen an – wie etwas, das ihm gereicht wird. Vorsichtig, aber nicht unwillkommen.

    Er liegt bereits auf einem der Wagen, den Kopf leicht an die Seitenwand gelehnt, die Laute sicher neben sich verstaut. Die Erschöpfung der Nacht hat ihn eingeholt, schwer genug, um die Gespräche nur noch halb zu erreichen.


    Ein Händler wirft einen Blick zu ihm herüber. „Leg dich hin“, sagt er ruhig. „Wenn du wieder wach bist, sind wir in Talyra.“

    Vaelion schließt die Augen, und während die Karawane ihren Weg fortsetzt, wird alles um ihn herum leiser, bis nur noch das gleichmäßige Rattern der Räder bleibt, das ihn sanft in den Schlaf trägt.

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