Die Straßen der Stadt

    • Offizieller Beitrag

    Die Straßen der Stadt


    Ein altes Sprichwort besagt, dass es noch niemanden gegeben habe, der in Talyra nicht irgendwann doch sein Ziel gefunden hätte – auch wenn es manchmal vielleicht etwas dauert. Denn die Stadt ist nun einmal groß und ihre zahlreichen Viertel sind von einem teils verwinkelten System von Straßen und Gassen durchzogen. Die Hauptstraßen sind breit genug für große Ochsengespanne oder schwere Pferdekarossen, mit Kopfsteinen gepflastert und des Nachts von Nachtfeuern, die in hohen Eisenkörben brennen, oder von Laternen an den Häusern gut erleuchtet. Ab und an finden sich kleine Plätze mit Brunnen, an denen die Bürger Wasser holen, oder öffentliche Abtritte, damit Unrat und Ausscheidungen nicht auf der Straße landen.


    Von den vier Stadttoren, dem Nordtor, dem Verder Tor, dem Händlertor und dem Seetor am Hafen aus gelangt man auf breit angelegten Straßen zum Marktplatz, welcher im Herzen der Stadt liegt. Manch andere Straße ist schmäler, gesäumt von hohen Häusern und bevölkert von Bürgern, ehrbaren wie zwielichtigen, die dort ihr Tagewerk verrichten. Stadtgardisten sind in unregelmäßigen Abständen anzutreffen, manchmal nur zu zweit, manchmal als Patrouille. Im Sommer ist das Geschnatter der alten Frauen, die mit Schemeln an die Hauswand gelehnt sitzen, nicht selten die beste Informationsquelle der Stadt. Alte Männer verbringen den Mittag an schattigen Plätzen und spielen Würfel, Kinder stellen Szenen aus Turnieren oder bekannten Märchen nach. Im Winter sind nur wenige Menschen auf den Straßen, doch von den Häusern geht behagliche Wärme aus. Ein Blick in die Fenster verrät am Abend geschäftiges Treiben, es wird gekocht und gegessen, getrunken und gesellig beisammengesessen.


    Die kleineren Gassen und Seitenstraßen ziehen sich wie ein Netz verschlungener Wege durch Viertel und Häuserzeilen, die meisten ebenfalls gepflastert, doch manchmal kaum breit genug, einen Mann zu Pferd passieren zu lassen und einige wenige auch nur eine festgetrampelte Fläche aus Erde, die bei Regen eher Schlammtümpeln gleichen und auch nachts kaum erleuchtet sind. Die kleinen Gassen entfernen sich vorsichtig und unbemerkt von den Hauptwegen und mitunter münden sie in sich selbst, so dass einige Gegenden durchaus labyrinthischen Charakter haben, und lediglich der in Talyra Wohnhafte die kürzesten Wege der Stadt kennt. Dieses, für auswärtige Händler, Reisende und Abenteurer leicht verwirrende Straßennetz, ist mit der Entstehung der Stadt zu erklären: Sie wurde nicht planvoll angelegt, sondern ist gewachsen, zuweilen konfus und ausufernd. Bislang hat sich in Talyra aber nie jemand vollends verirrt und die Talyrer sind stets bereit, dem Wegsuchenden Auskunft zu geben und ihnen die Richtung zu weisen.


    Talyra besitzt mehrere Stadtviertel. Das Westviertel mit seinen soliden Bürgerhäusern und kleineren und größeren Anwesen liegt oberhalb des Verder Tors, durchsetzt von gepflegten Gärten und dem ein oder anderen besseren Laden und Handwerksbetrieb. Im Nordwesten schließt sich das parkähnliche Tempelviertel mit seinen heiligen Hainen, alten Bäumen, weitläufigen Grünflächen, Tempeln und Pilgerstätten an, umgeben von den Stadthäusern hochrangiger Priester und Heiler, Stadträte und talyrischer Adliger oder wohlhabender alteingesessener Händler und Kaufleute.


    Im Nordosten der Stadt befindet sich der Nordspitz, dessen Bild hauptsächlich von Bürgerhäusern, kleinen Plätzen, zahlreichen Brunnen und natürlich der Athrofa Terrwyn Llythyr, der Runenhalle, geprägt wird. Im Osten Talyras entlang des Ildorelufers erstreckt sich außerhalb der Stadtmauer das Seeviertel mit seinen herrschaftlichen Anwesen und weitläufigen Grundstücken am Ildorelufer.


    Zentral gelegen gruppieren sich das Mühlenviertel, die Tausendwinkelgassen, das laute, lebhafte Marktviertel und der Flussgrund rund um den Marktplatz im Herzen der Stadt, wo sowohl Gasthäuser, hunderte von Läden und Geschäften, exklusive Handwerksbetriebe, herrschaftliche Stadthäuser, Mühlen, Bürgerhäuser, Gildenhallen, Kornkammern, Wiege- und Speicherhäuser und einige alte imperiale Bauten wie die Stadthalle und die Badehäuser am Marktplatz das Bild dominieren. Außerdem liegen hier so bekannte Straßen und "Einkaufsmeilen" wie die Wollwirkergasse, die Gasse der Webstühle, der Silbersteig, die Lederergasse, die Breite Gasse, die Königsstraße andere mehr. Im Flussgrund führen zudem mehrere Brücken und Stege über den Llarelon, und einfachere Bürgerhäuser wechseln sich hier mit Werkstätten und kleineren Handwerksbetrieben ab. Traditionell findet man entlang des Llarelon auch die Schmieden, die Töpfereien mit ihren Brennöfen, Alchemistenküchen und andere Gewerke, von denen Feuergefahr ausgehen könnte. Im westlichen Flussgrund wohnen zudem auch zahlreiche Blaumäntel und der Gasthof Zeughaus ist ebenfalls hier zu finden.


    Ganz im Westen Talyras, zwischen Verder Tor und Händlertor befindet sich das Festungsviertel, überragt vom Schatten der Steinfaust, der großen Wehrburg der Stadt. Hier stehen neben uralten imperialen Gebäuden wie dem Shenrahtempel und der Templerbastion, der Halle der Goldenen Speere, sowie dem Haus der Bücher vor allem die einfachen, doch soliden Wohnhäuser der Stadtgardisten und mittelständischer Bürger.


    Das Herzstück der Südstadt Talyras bildet das Handwerkerviertel, in dem sich eine Werkstatt an die andere reiht, und nicht nur die Betriebe der unterschiedlichsten Gewerke angesiedelt sind, sondern auch die Gildenhalle und verschiedene Zunfthäuser. Im Südwesten der Stadt, zwischen dem Händlertor und dem Sithechhain kauern die kleinen Häuser der Mogbar im Mogbarviertel, die hier ihr buntgemischtes "Reich" haben, und im äußersten Süden liegt der Sithechhain mit dem Tempel des Totengottes und den Begräbnisstätten, manchmal auch genannt der "Knochenacker. Richtung Südosten grenzt an das Handwerker- das Hafenviertel mit dem Fischmarkt und dem Grünen Aal, und mit seinem so unterschiedlichen Erscheinungsbild: nirgendwo sonst in der Stadt findet man Reich und Arm so dicht nebeneinander wie hier und nirgendwo so viele grundverschiedene Kulturen. Gewaltige Speicherhäuser ragen neben winzigen Fischerhütten auf, schäbige Spelunken reihen sich entlang den Kais und mischen sich zwischen die prunkvollen Häuser reicher Reeder und Kaufleute. Direkt unterhalb des lebhaften Hafengebietes, eingepfercht zwischen Hafen, Stadtmauern und Knochenacker findet sich schließlich das ärmliche Gängeviertel Talyras, der Fliegengrund mit dem Lumpenmarkt.

    Me? I'm dishonest, and a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you want to watch out for, because you can never predict when they're going to do something incredibly... stupid.
    Captain Jack Sparrow

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    Ende Blätterfall 521



    Auch wenn sie nicht in spürbarer Eile scheint, so bekundet Lyall, dass es tatsächlich besser wäre, sich unterwegs zu unterhalten. Offenbar möchte sie niemandem Anlass zur Sorge geben, wenn sie länger als geplant fort ist. Sicherlich wird ihr Einkauf erwartet, weshalb Aneirin ihr eben jenen Vorschlag gemacht hat. Er selbst hat an diesem Nachmittag nichts weiter vor und ist daher nur zu gerne gewillt sie zu begleiten. Nun, da sie sich endlich wieder gefunden haben. Als sie sich auf den Weg machen wollen besteht der Bäckermeister darauf, ihren Korb zu tragen. Er muss zum Glück nicht allzu viel Überredungskunst aufwenden bis Lyall sich ergibt und sich mit einem zarten Lächeln bei ihm unterhakt.

    Ob das Anwesen der Familie de Winter denn überhaupt noch das Ziel ist, fragt er sich, nachdem sie einige Schritte zurückgelegt haben. Und wie die Bewohner dort wohl die Seuche überstanden haben... Es ist ein unbeschreiblich merkwürdiges Gefühl, die vertrauten Wege zu gehen, die so unverändert scheinen und dann wiederum nicht zu wissen, wie sehr sich das Ziel am Ende des Weges verändert hat; wer und was noch existiert wie vor wenigen Jahren als er die Stadt verließ.


    Lyalls Bericht bringt einiges Licht ins Dunkel. Und auch hier hat die Seuche einige harte Schicksale eingefordert. Aneirin wüsste niemanden, der nicht auf die eine oder andere Weise unter der Seuche gelitten hätte. Und natürlich hat die Wargin nicht stillsitzen und abwarten können bis die Seuche vorüber ist. Dazu ist die sie viel zu mitfühlend und pflichtbewusst, um sich nur um sich selbst und die ihren zu kümmern. Aneirin mag sich gar nicht ausmalen, welch körperliche und geistige Anstrengung es gewesen sein muss, all die Erkrankten - überwiegend Kinder - zu versorgen, zu begleiten und viel zu viele von ihnen begraben zu müssen. Kein Wunder, dass sie immer noch so erschöpft und ausgelaugt aussieht. Sich davon zu erholen, wird sicher noch eine ganze Weile dauern. Auch Aneirin hat vertraute wie unbekannte Gesichter an der Seuche zugrunde gehen sehen. Der emotionale Schild, den er sich dabei aufgebaut hat, hält bisher den Göttern sei Dank recht gut. Und er muss auch weiterhin halten, denn Aneirin glaubt nicht, dass Aidan und seine Familie die letzten sein werden, von deren Ableben er erfährt.


    Trotz allem freut Aneirin sich ehrlich für Lyall, dass sie und ihr Gefährte die Seuche zwar gezeichnet, aber mehr oder weniger unbeschadet überstanden haben. Er kann förmlich spüren, dass ihr diese fehlende Zweisamkeit mit ihrem Schafzüchter zu schaffen macht. Er drückt seinen Arm, unter dem sie sich untergehakt hat, ein wenig fester an seinen Körper, um ihr sein Mitgefühl zumindest ansatzweise auszudrücken. Gerne würde er ihr nach ihrer Hand greifen oder wenigstens den Arm um sie legen, doch zum einen trägt er ihren Korb auf der einen Seite - warum in der Götter Namen nimmt man einen henkellosen Korb mit auf den Markt, fragt er sich da - und zum anderen möchte er ihr seinen anderen Arm nicht entziehen, wird er sich das Gefühl nicht los, als benötige sie diese Stütze im Augenblick. Und er ist froh, wieder für sie da sein zu können. Nicht etwa, weil er weiterhin ein schlechtes Gewissen hat, so lange fort gewesen zu sein und ihr noch keine tatsächliche Erklärung liefern zu können. Viel mehr, weil sie ist, wer sie ist. Eine liebe Freundin, die ihm sehr am Herzen liegt und für die er einfach gerne da ist; weil es so ist.


    Als sei sie seinen Gedanken gefolgt, bedankt sie sich bei ihm dafür, dass er ihr den Korb trägt. Aneirin lächelt nur und schüttelt kaum merklich den Kopf. Dafür braucht sie sich doch nicht zu bedanken; dafür wirklich nicht. Lyall scheint ein Schweigen zwischen ihnen nicht aufkommen lassen zu wollen. Da sie aber offenbar auch bemerkt hat, dass der blonde Bäcker eigentlich nicht das Bedürfnis hat, über sich zu reden, wählt sie ein nicht ganz so persönliches Thema, erkundigt sie sich nach der Bäckerinnung, die er zuvor erwähnt hatte. Aneirin erklärt ihr, dass er alle Verantwortung für die Bäckerei vor seiner Abreise legitim an Falk abgetreten hatte. „Für den Fall, dass…“, stockt er, als ihm plötzlich bewusst wird, dass die folgende Aussage vielleicht nicht unbedingt das ist, was in Lyalls Gegenwart jetzt angebracht wäre. Da er allerdings auf die Schnelle den Satz nicht abzuändern weiß, murmelt er das „…dass ich nicht wiederkomme…“ schnell in seinen Bart, räuspert sich und meint dann mit deutlich kräftigerer Stimme: „Aber nun bin ich ja wieder da. Und da ich es kaum erwarten konnte, die Bäckerei wieder zu übernehmen, habe ich das Rechtliche lieber sogleich geklärt.“ Er ist so um einen möglichst entspannten Gesichtsausdruck bemüht, dass das Lächeln eben wegen jener Bemühungen etwas verkrampft wirken mag. Auch entflieht er Lyalls Blick und hofft, sie würde nicht weiter nachbohren. Er lobt Falk noch in höchsten Tönen für die geleitete Arbeit während seiner Abwesenheit, während am Ende der Straße allmählich das Anwesen in Sicht kommt.


    Noch bevor sie das Gebäude erreichen, werden Aneirins Schritte langsamer bis er schließlich ganz zum Stehen kommt und dadurch auch Lyall zum Stehenbleiben zwingt. Einige Atemzüge lang betrachtet er das Anwesen in der Ferne, ehe er sich ein Herz fasst, den Korb abstellt und sich Lyall zuwendet. Vorsichtig nimmt er ihre Hände in seine und sucht ihren Blick.

    „Hör mir bitte zu… Es lag niemals in meiner Absicht, dich zu kränken oder besorgt im Ungewissen zu lassen. Es war einfach… Ich hatte einfach weder Zeit noch Kraft gefunden, den Kontakt aufrechtzuerhalten.“ Seine Pupillen zittern kurz als das Bild seines Vaters vor seinem inneren Auge erscheint und er sogleich versucht, es wieder zu verdrängen. „Vor allem, weil ich gar nicht so weit von hier entfernt war und eigentlich annahm, dass ich mich ohnehin den nächsten Tag auf den Weg machen würde. Oder eben den übernächsten. Oder den Tag darauf. Und dann waren plötzlich nicht nur Tage vergangen, sondern Siebentage und schließlich Monde… Und… dann fand ich nicht mehr den Mut. Irgendwann war ich mir ehrlich gesagt gar nicht mehr sicher, ob ich überhaupt zurückkommen will.“ Er streicht mit den Daumen nachdenklich über ihre schlanken Finger.

    „Aber jetzt bin ich wieder hier. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil ich es so will.“ Aneirin blickt fest in Lyalls bernsteinfarbene Augen. „Ich kann dich nur um Verzeihung bitten und hoffen, dass du meine Entschuldigung irgendwann annehmen kannst.“ Da entspannen sich seine Züge und ein Lächeln schleicht sich auf seine Lippen, dass dem vertrauten, charmanten und unbeschwerten Lächeln von damals schon recht nahekommt.


    „Und ich würde dich gerne wiedersehen. Wenn du es denn auch willst“, kann er sich einen leisen schalkhaften Unterton doch nicht ganz verkneifen, als er sich an den Spaziergang ihres allerersten Treffens erinnert fühlt.

  • “It is not the song that stays with us, but the moment we first heard it.”

    Patrick Rothfuss



    12. Langschnee 525


    Der Winter liegt kalt über der Stadt, ohne Schnee, ohne Milde. Die Luft an diesem Nachmittag ist klar und schneidend. Aneirin zieht den Mantel enger um sich, während er den Marktplatz überquert. Seine Schritte hallen gedämpft auf dem Stein, vermischen sich mit Stimmen, mit Lachen, mit einem ersten, vorsichtigen Klang von Saiten.

    Eine kleine Bühne ist aufgebaut worden, schlicht, aus dunklem Holz. Harfen lehnen an Ständern, eine Laute wird gestimmt, ein Bogen fährt prüfend über eine Fiedel. Menschen bleiben stehen, bilden lose Kreise. Münzen klimpern. Aneirin bleibt ebenfalls stehen – einen Moment zu lang. Da begreift er.


    Harfnersang.


    Die Erkenntnis trifft ihn unvermittelt, wie ein Zug kalter Luft in der Lunge. Njar’das’ Tag. Musik. Gesang. Stimmen, die nicht nur gehört, sondern gefühlt werden wollen. Nicht nur von Musikern aller Klassen. Auch von magiebegabten Barden, sogenannten Harfnern, deren Lieder sich unter die Haut legen und aufwühlen können, ob man es will oder nicht. Aneirin will es nicht.

    Sein Blick gleitet über die Bühne, ohne wirklich etwas zu sehen. Ein Teil von ihm redet sich ein, dass er hier nichts verloren hat. Nicht heute. Nicht an einem Tag, der Erinnerungen weckt, die er seit Jahren sorgsam meidet. Seine Schultern spannen sich, als hätte jemand an unsichtbaren Fäden gezogen. Er wendet sich ab.


    Seine Schritte werden schneller, fast hastig, als müsse er dem Klang entkommen, bevor er ihn einholt. Doch die Stadt scheint damit nicht einverstanden zu sein. An jeder Ecke erklingt Musik: Stimmen in unterschiedlichsten Klangfarben, die durch die Seitenstraßen klingen, ein rhythmisches Klopfen, begleitet von Flöten, ein fernes Lachen, das in Gesang übergeht. Die Klänge überlagern sich, ziehen durch Gassen und über Plätze, lassen sich nicht abschütteln.

    Er sollte nach Hause gehen. Es wäre ganz einfach. Die Tür hinter sich schließen. Den Tag aussitzen. Warten, bis die Stadt wieder still wird. Doch seine Füße tragen ihn nicht dorthin.


    Aneirin verlangsamt den Schritt, bleibt schließlich stehen. Er weiß selbst nicht warum. Der Wind trägt einen Melodiefetzen heran und für einen Herzschlag lang ist er nicht mehr hier. Er sieht Holzspäne im Abendlicht, offene Scheunentüren, tanzende Schatten an den Wänden einer Schreinerei. Stimmen, die sich im Lachen verlieren. Musik, die nichts fordert – außer, dass man bleibt.


    Er atmet aus.


    Als er den Blick hebt, steht er vor einer kleinen Taverne, eingezwängt zwischen zwei schmale Häuser. Das Schild schwingt leise im Wind. Warmes Licht fällt durch die Fenster, gedämpft, einladend. Von drinnen dringt Musik nach außen, gedämpft durch Stein und Glas, aber unverkennbar. Er zögert zwei Herzschläge lang. Dann stößt er die Tür auf.

    Drinnen ist es wärmer. Aneirin tritt rasch ein als sei er auf der Flucht und sucht sich hastig einen Platz, möglichst unauffällig, mit dem Rücken zur Wand. Er setzt sich, legt den Mantel nicht einmal richtig ab. Als die Schankmaid ihn ansieht, bestellt er etwas zu trinken – ein Vorwand, nichts weiter.


    Wenige Augenblicke später umschließt er den Becher mit geglühtem Wein mit beiden Händen, lässt die Wärme in seine Finger kriechen. Er schließt die Augen und versucht die Unruhe, die in seinem Inneren tobt, mit gleichmäßigen Atemzügen zu bezähmen. Er hört die Musik jetzt nicht nur mit den Ohren. Tief in ihm, dort, wo er seit Jahren eine Tür verschlossen hält, regt sich etwas. Etwas, das er vermisst hat. Etwas, das er eigentlich nicht mehr fühlen wollte.


    Langsam hebt Aneirin den Blick.


    Zunächst nimmt er nur die Wärme wahr, das gedämpfte Licht, das sich in Holz und Stein fängt. Dann die Menschen. Er lässt den Blick über die Anwesenden schweifen, über Gesichter, die gelöst sind, offen, heiter. Einige wiegen sich unbewusst im Takt, andere lehnen sich zueinander, lachen leise, lauschen. Niemand hier scheint zu fliehen. Niemand verschließt sich.


    Eine männliche Stimme singt im Hintergrund. Kein großes Lied, nicht kunstvoll, eher etwas Einfaches, Bodenständiges. Die Melodie trägt, auch wenn sie stellenweise holpert. Ein Ton ist nicht sauber getroffen, ein Griff auf den Saiten einen Herzschlag zu spät.

    Aneirins Kopf neigt sich unwillkürlich ein wenig. Sein Finger zuckt gegen den Rand des Bechers, kaum merklich, als hätte sein Körper die Ungenauigkeit eher bemerkt als sein Verstand. Er richtet den Blick auf den Sänger.

    Der Mann steht auf einer improvisierten Bühne, die kaum mehr ist als ein kleiner, freigeräumter Bereich: zusammengeschobene Tische, beiseitegestellte Bänke, ein paar Kerzen, die ihn aus dem Halbdunkel lösen. Die Stimme ist warm, ehrlich, ein wenig rau. Aneirin spürt, wie sich etwas in seiner Brust regt, ein leiser Druck, der nichts mit Schmerz zu tun hat.

    Rasch senkt er seinen Blick wieder, umfasst den Becher fester. Die Wärme dringt inzwischen bis in seine Handflächen vor und in Aneirin wird es stiller.


    Weitere treten auf. Ein Barde mit einer Laute, dessen Lieder gefällig sind, aber nichts fordern. Eine junge Frau mit einer Flöte, die schnell Beifall erntet, doch ebenso schnell wieder im Hintergrund verschwindet. Aneirin hört zu, nimmt es wahr, ohne hinzuschauen, nickt hier und da unbewusst im Takt. Es tut gut. Es reicht aus.

    Aneirin lehnt sich ein wenig zurück, lässt den Blick sinken. Irgendwann in den letzten Augenblicken hat er sich damit abgefunden, den Abend so zu verbringen – still, gedankenversunken, als Teil der Menge, nicht mehr. Die Musik darf da sein, solange sie nichts von ihm verlangt und nichts in ihm anrühren will.


    Nach einer weiteren kurzen Pause erklingen die ersten Töne einer Drehleier. Aneirin nippt an seinem Honigwein. Die Süße liegt schwer auf der Zunge, warm und rund. Er schluckt langsam, lässt den Becher einen Moment in der Hand ruhen. Die Drehleier setzt erneut an, gleichmäßig, beinahe meditativ. Er folgt den Tönen, findet Gefallen an ihrem ruhigen Kreisen, an der Beständigkeit des Klangs. Seine Schultern lösen sich ein wenig. So darf es bleiben.


    Dann setzt eine Stimme ein. Aneirin hält inne.


    Der Becher verharrt auf halbem Weg, seine Finger schließen sich unwillkürlich fester darum. Seine Augen bleiben offen, doch sein Blick verliert sich im Leeren. Er sitzt leicht abgewandt, sieht die Sängerin nicht und doch ist sie plötzlich überall. Die Stimme fährt ihm unter die Haut, nicht mit Lautstärke, nicht mit Drängen – sondern mit Nähe.

    Er hört den Text kaum. Worte gleiten an ihm vorbei. Es ist der Klang, der ihn trifft. Die Farbe der Stimme. Etwas daran zerrt an dem festen Knoten in seiner Brust, dort, wo er Dinge verwahrt, die keinen Platz mehr haben sollten. Erinnerungen drängen sich auf, ungefragt, gegen seinen Willen an die Oberfläche gezogen, als hätte jemand an einer verborgenen Saite gezupft.


    Sein Atem stockt für einen Herzschlag.


    Langsam, beinahe vorsichtig, wendet er den Kopf Richtung Bühne, um zu sehen, wer ihm das antut. Langes, gewelltes kastanienbraunes Haar umrahmt ihr Gesicht, fängt das Licht der Kerzen ein. Ihre Haltung ist ruhig, die Hände sicher am Instrument. Aneirin spürt ein leises Kribbeln auf der Haut, kein Begehren, kein Verlangen – eher etwas wie Anerkennung. Bewunderung. Als würde er etwas wiedererkennen, ohne es benennen zu können.


    Für einen flüchtigen Moment trifft ihr Blick den seinen. Er wendet die Augen nicht sofort ab.


    Die Drehleier setzt erneut ein, ruhiger nun, getragen. Aneirin kann nicht sagen, woran er es festmacht – nicht an den Griffen, nicht am Rhythmus. Doch der Gedanke ist plötzlich da: eine Harfnerin. Nicht nur Sängerin. Nicht nur Bardin. Etwas anderes. Etwas Tieferes. Es würde erklären, warum es sich anfühlt, als zerre etwas an ihm, das er nicht benennen kann.


    Ein instinktiver Impuls zu gehen ist plötzlich da. Nicht, weil er es hier nicht mehr aushält – sondern weil er fürchtet, was kommen wird, wenn er bleibt. Ihre Stimme hat bereits mehr freigelegt, als ihm lieb ist. Er weiß nicht, was sie noch an die Oberfläche ziehen könnte, wenn er ihr länger zuhört.

    Sein Körper reagiert schneller als sein Verstand. Die Muskeln spannen sich, seine Füße drücken gegen den Boden, bereit, sich zu erheben. Für einen flüchtigen Moment glaubt er, gleich aufzustehen, sich durch den Raum zu bewegen. Hinaus. Weg.


    Doch er tut es nicht.


    Zu viele Augen. Zu viel Nähe. Er will keine Aufmerksamkeit erregen, keine Blicke auf sich ziehen. Also zwingt er sich zur Ruhe. Seine Schultern bleiben gesenkt, der Blick ruht scheinbar gelassen irgendwo vor ihm. In ihm jedoch tobt es.

    Gedanken drängen sich auf, Bilder schieben sich ineinander, Erinnerungen pochen an Stellen, die er lange verschlossen gehalten hat. Er atmet flach, zählt seine Herzschläge, hält sich an Kleinigkeiten fest – am Gewicht des Bechers, an der Kälte des Metalls unter seinen Fingern.


    Er bleibt sitzen. Nicht, weil es ihm leichtfällt. Sondern, weil er es sich nicht erlaubt zu fliehen.


    Einzelne klatschen, andere stimmen leise mit ein, tragen die Töne weiter durch den Raum. Beides füllt den Raum, legt sich über ihn wie ein Mantel. Aneirin nimmt es dankbar an. Es gibt ihm Deckung.

    Langsam hebt er den Blick wieder, nutzt den Moment, in dem niemand auf ihn achtet. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals, hart und unruhig. Er richtet den Blick erneut zu der Bardin hinüber, vorsichtig, als könne schon das Hinsehen zu viel sein.

    Sie singt noch immer, ganz bei sich. Ihre Hände bleiben ruhig an der Drehleier, sicher, als wüssten sie genau, wohin sie gehören. Aneirin beobachtet sie. Ohne es zu merken, hält er den Atem an. Etwas in ihm will diesen Anblick festhalten, will begreifen, was ihn so trifft – und scheitert daran.


    Dann verklingt das Lied.


    Der letzte Ton löst sich, verliert sich im Raum. Einen Herzschlag lang ist es still, ehe der Applaus lauter wird, Stimmen aufeinandertreffen, der Zauber sich verteilt. Aneirin blinzelt, als müsste er erst wieder sehen lernen. Und plötzlich ist da etwas anderes.

    Ein leises Ziehen in der Brust, dort, wo eben noch Spannung war: Bedauern. Unerwartet, fehl am Platz. Er hat nicht gewollt, dass das Lied endet. Der Gedanke trifft ihn unvorbereitet. Verwirrt runzelt er kaum merklich die Stirn. Sein Blick senkt sich wieder auf den Tisch, während er grübelt. Warum sollte er sich wünschen, dass es weitergeht?

    Er umschließt den Becher fester, als ließe sich seine Grübelei so zum Schweigen bringen. Doch sie bleibt. Leise und beharrlich.


    Der Drang, zu gehen, gewinnt schließlich die Oberhand. Aneirin stellt den Becher ab, langsam, als müsse er sich selbst davon überzeugen, dass er es wirklich tut. Er erhebt sich, achtet darauf, keine Hast zu zeigen, keine Unruhe nach außen dringen zu lassen. Ein Schritt, dann noch einer, vorbei an Tischen, Stimmen, Bewegung.

    Kurz bevor er die Tür erreicht, hebt er unwillkürlich den Blick. Ihre Augen treffen die seinen. Nur für einen Moment. Doch sie lächelt. Kein breites Lächeln, kein einladendes – eher etwas Ruhiges, Wissendes. Als hätte sie ihn bemerkt, ohne ihn festhalten zu wollen. Aneirin spürt, wie es ihm den Atem nimmt. Er nickt kaum merklich, dann wendet er sich ab und stößt die Tür auf.


    Die Kälte schlägt ihm entgegen.


    Er tritt hinaus, lässt die Tür hinter sich zufallen. Da erst bemerkt er, dass er den Atem angehalten hat. Er bleibt stehen, legt den Kopf leicht in den Nacken und holt tief Luft. Die kalte Winterluft brennt in seinen Lungen, klärt den Kopf, zwingt ihn zurück in den Moment.

    Sein Herz schlägt noch immer zu schnell. Er fragt sich, was das gewesen ist. Ob es die Musik war. Ihre Stimme. Magie. Ein Zufall. Ob er sich etwas eingeredet hat, weil er es gebraucht hat.


    Die Frage bleibt unbeantwortet, begleitet ihn, während Aneirin den Mantel enger zieht und sich in Bewegung setzt. Der Weg nach Hause ist ihm vertraut. Doch irgendetwas fühlt sich anders an, als er ihn einschlägt.


    → Bäckerei Gerdenwald

  • „Sometimes the heart knows it’s time to move on long before the mind does.“
    — unbekannt



    21. Langschnee 525



    ← Bäckerei Gerdenwald


    Aneirin ist warm angezogen, als er das Wohnhaus verlässt. Dicke Wollstrümpfe und fest umwickelte Waden unter der Hose, die Stiefel gut geschnürt. Über dem Hemd liegt der schwere Mantel, darüber der Umhang. Der Schal sitzt fest um seinen Hals, Handschuhe schützen die Finger vor der Kälte. Der Brotbeutel hängt ihm schräg über der Schulter, darin das in Tücher geschlagene Gebäck, die Flasche mit dem Honig-Fruchtwein – und, sorgfältig verstaut, die schmale Holzschatulle.

    Der Schnee fällt noch immer, leise, stetig. Keine großen Flocken, eher ein feiner Schleier, der alles überzieht und die Geräusche der Stadt dämpft. Aneirin zieht die Tür hinter sich zu und bleibt einen Moment stehen, atmet die kalte Luft ein. Dann setzt er sich in Bewegung.


    Er nimmt den Weg nach Süden, die große Hauptstraße entlang, die ihn über den Markt und schließlich zum Händlertor und auf den Platz der Händler führen wird. Die Stadt wirkt verändert in diesen Tagen – ruhiger, aber zugleich lebendiger. In den Fenstern hängen Tannenzweige, mit Bändern und getrockneten Äpfeln geschmückt. Über manchen Türen baumeln Strohsterne, grob geflochten, aber mit sichtbarer Sorgfalt angebracht. Vor einigen Häusern stehen kleine Tannen, geschmückt mit Nüssen, Holzfiguren oder bunten Bändern, die im Wind leise flattern.

    Kinder jagen lachend durch den Schnee, werfen sich kleine, ungeschickte Schneebälle zu, während Erwachsene sie ermahnen und zugleich lächeln. Vor manchen Häusern wird gefegt, geschippt, gelacht. Stimmen klingen durch die kalte Luft, vermischen sich mit dem Klirren von Werkzeug, dem Knarren von Wagenrädern, dem gedämpften Klang von Musik irgendwo in der Ferne.

    Aneirin geht langsam. Nicht aus Müdigkeit, sondern weil er all das in sich aufnehmen möchte. Der würzige Duft von Gebratenem weht ihm entgegen. Auf dem Marktplatz haben Händler ihre Stände aufgebaut, mehr als an gewöhnlichen Tagen. Es gibt heißes Brot, geröstete Nüsse, dampfenden Met, kleine Naschereien für Kinderhände. Die Stimmen der Händler mischen sich mit Lachen und dem Klang von Münzen.

    Er bleibt kurz stehen, sieht sich um. Wie lange ist es her, dass er das alles wirklich wahrgenommen hat?


    Als er die Stadt allmählich hinter sich lässt und durch das große Südtor tritt, verändert sich die Stimmung. Der Weg öffnet sich, der Blick wird weiter, es wird ruhiger. Einige der Wagen der Herbstkarawane stehen noch am Rand, von Planen bedeckt, die meisten Händler aber sind längst weitergezogen. Nur wenige Reisende bleiben über den Winter – jene, die sich in Talyra sicher fühlen oder keinen Grund haben, weiterzuziehen.

    Aneirin schlägt den Weg zur großen Südstraße ein. Der Schnee knirscht leise unter seinen Stiefeln. Und während er geht, während der Atem in kleinen Wolken vor ihm steht und die Welt in ruhigem Weiß versinkt, bemerkt er etwas Unerwartetes: Zwischen all der Vorsicht, der Nachdenklichkeit und der stillen Anspannung regt sich etwas anderes.


    Vorfreude.

  • “No one is finally dead until the ripples they cause in the world die away.”

    - Terry Pratchett



    Mitte Taumond 526


    ← Amaq Nunaqqik


    Der Himmel über Talyra ist von einem gleichmäßigen Grau überzogen, das das Licht dämpft, ohne es ganz zu verschlucken. Die Straßen wirken matt und kühl, als hätten sie die Feuchtigkeit der vergangenen Tage noch nicht ganz abgegeben.

    Kaya betritt gemeinsam mit dem Mann, der sie in ihrer Hütte aufgesucht hatte, den schmalen Hof. Das Holz des kleinen Wohnhauses ist alt, vom Wind ausgebleicht, und aus einem der Fenster fällt warmes Licht nach draußen. Der Mann bleibt einen Schritt hinter ihr stehen, als sie zur Tür geht. Sie blickt kurz über die Schulter zu ihm. Er sagt nichts mehr. Seine Aufgabe war es, sie herzubringen.

    Kaya streicht sich eine lose Strähne aus dem Gesicht und klopft zweimal an die Tür, ruhig, gleichmäßig, aus Gewohnheit. Die Tür öffnet sich fast sofort. Eine junge Frau steht im Rahmen, blass, mit geröteten Augen und diesem Ausdruck, den Kaya erkennt — dem Versuch, die Kontrolle zu halten, obwohl sie längst entglitten ist. Ihr Blick wandert kurz zu dem Mann hinter Kaya, dann wieder zurück.

    „Ihr seid… die Schamanin?“

    „Kaya“, antwortet sie ruhig.

    Die Frau nickt hastig und tritt zur Seite.

    „Bitte… kommt herein.“

    Kaya zieht die Schuhe aus und betritt den Raum, während der Mann draußen bleibt und die Tür leise hinter ihr schließt. Drinnen ist es warm. Das Feuer im Kamin brennt niedrig, gerade stark genug, um die Kälte aus den Wänden zu treiben. Der Raum trägt den Geruch von Kräutern, feuchtem Holz und etwas anderem, das sich nicht ganz benennen lässt. Die Frau deutet hinüber zu einem Tisch.

    „Setzt Euch… bitte.“

    Kaya folgt der Geste, setzt sich ohne Zögern, die Bewegungen ruhig, selbstverständlich. Die Frau verschwindet kurz in eine kleine Nebenkammer und kommt mit zwei einfachen Tonbechern zurück, aus denen leise Dampf aufsteigt. Sie stellt einen vor Kaya ab.

    „Kräutertee“, sagt sie leise. „Von der Hebamme… für die Nerven.“

    Kaya nickt leicht und umfasst den Becher mit beiden Händen, ohne sofort zu trinken. Die Frau setzt sich ihr gegenüber, die Hände fest um ihren eigenen Becher geschlossen, als müsste sie sich daran festhalten. Dann beginnt sie zu sprechen.

    „Ich… Ich heiße Eilin. Meine Schwester… Síle…“ Sie hält kurz inne, zwingt sich weiter. „Sie ist vor drei Nächten im Kindsbett gestorben. Es ging alles so schnell. Die Hebamme meinte, es sei der Fieberkoller gewesen.“ Ein Atemzug, fast ein Seufzer. Als sie weiterspricht, ist ihre Stimme leiser: „Aber… letzte Nacht war sie hier, ganz sicher…“

    Kaya zeigt keine Überraschung, nur Aufmerkamkeit.

    „Wo?“

    Die Frau blickt kurz zur Wiege hinüber. „Neben dem Kind.“

    Kaya folgt ihrem Blick. Dann steht sie auf, geht die wenigen Schritte hinüber zur Wiege und betrachtet das Kind. Das Neugeborene liegt dort, in Tücher gewickelt, mit Kräutern bestreut. Ein Schutz, der aus Angst geboren ist. Das Kind schläft, aber unruhig, die kleinen Hände zucken, als würde es etwas abwehren, das niemand sonst sehen kann.

    „Sie hat nicht gesprochen“, fährt Eilin fort. „Aber… das Kind hat geschrien wie noch nie. Und ich… ich habe es gespürt.“ Sie ringt nach Worten. „Es war, als wäre etwas… jemand hier…“

    Kaya setzt sich wieder an den Tisch, nimmt einen ersten Schluck Tee, mehr aus Gewohnheit als aus Bedürfnis, und stellt den Becher wieder ab.

    „Ihr glaubt, sie ist geblieben.“

    Eilin nickt sofort.

    „Ja.“ Dann wird ihre Stimme eindringlicher: „Bitte… helft ihr. Helft ihr, nicht uns. Sie war eine gute Mutter. Sie hätte ihr Kind nie-“

    „Ich weiß“, sagt Kaya ruhig, nicht um sie zu unterbrechen, mehr um sie aufzufangen. Ihr Blick ruht ruhig und klar.

    „Ich brauche etwas, das ihr gehört hat“, sagt sie. „Etwas Persönliches. Und ich muss das Grab sehen. Heute Nacht.“

    Die Frau zögert nicht lange, steht auf und verschwindet in der Kammer. Als sie zurückkommt, hält sie ein kleines Stoffband in der Hand, abgenutzt, weich, oft getragen. Kaya nimmt es behutsam entgegen. Ihre Finger gleiten darüber, langsam, als würde sie nicht nur den Stoff fühlen, sondern das, was daran haftet. Dann nickt sie.

    „Gut.“

    Sie sieht Eilin an.

    „Ich muss das Grab noch heute sehen.“

    Die Schwester senkt den Blick, ihre Hände verkrampfen sich leicht. Für einen Moment wirkt es, als wolle sie etwas sagen, doch dann schaut sie zur Wiege hinüber, wo das Kind unruhig in seinen Tüchern liegt. Ein Schatten von Entscheidung legt sich über ihr Gesicht.

    „Ich… kann nicht fort“, sagt sie leise. „Nicht jetzt.“

    Kaya folgt ihrem Blick nur kurz. Das Kind braucht jemanden, der bei ihm bleibt. Sie nickt.

    „Das ist richtig.“ Die Frau atmet zittrig aus. Dann hebt sie den Blick wieder.

    „Mein Mann kennt den Weg“, sagt sie leise. „Er wird Euch führen.“

    Kaya geht zur Tür. Draußen wartet er noch immer, still, geduldig, als hätte er gewusst, dass man ihn gleich wieder braucht. Als Kaya ihre Schuhe angezogen hat und hinaustritt, richtet er sich auf.

    „Wir gehen zum Friedhof“, sagt sie ruhig. Er nickt sofort, ohne nachzufragen. Für einen Moment bleibt Kaya noch stehen, ein letzter Blick zurück zu dem Haus, in dem Wärme und Sorge dicht beieinander liegen. Dann wendet sie sich ab. Und gemeinsam machen sie sich auf den Weg.


    → Der Sithechhain

  • 1. Sturmwind 526


    Endlich in Talyra angekommen, bleibt Vaelion einen Augenblick zwischen all den Stimmen und Bewegungen stehen und lässt die Stadt auf sich wirken.

    Noch immer fällt es ihm schwer, all die Eindrücke voneinander zu trennen. Stimmen, Schritte, das Rollen von Wagenrädern auf Pflasterstein – überall Bewegung, überall Menschen. Vaelion dreht den Kopf langsam von einer Straßenseite zur anderen, als könnte er unmöglich alles auf einmal erfassen.

    Schließlich macht er sich auf den Weg tiefer in die Stadt, zunächst ohne klares Ziel. Er folgt einfach einer der breiten Straßen, die vom Marktplatz fortführen, vorbei an dicht stehenden Häusern und offenen Werkstätten. Immer wieder bleibt sein Blick irgendwo hängen. Zuerst bei einem alten Mann, der vor seiner Tür sitzt und schweigend Würfel über einen kleinen Holztisch rollen lässt. Vaelion geht ein paar Schritte weiter, und der Eindruck verliert sich im Strom der Straße.

    Aus offenen Fenstern dringen Stimmen und Essensgerüche auf die Straße hinaus. Vor einigen Häusern sitzen ältere Frauen auf kleinen Hockern und beobachten das Treiben, während Kinder zwischen den Passanten hindurchjagen, als würden sie die Stadt besser kennen als jeder Erwachsene.


    Mehr als einmal muss Vaelion anderen ausweichen, weil er zu lange schaut. Die Stadt bewegt sich schneller, als er es gewohnt ist.

    Menschen gehen aneinander vorbei, ohne stehenzubleiben. Gespräche beginnen und enden im Vorübergehen. Aus schmalen Seitengassen dringen Essensgerüche und Stimmen hervor, während weiter oben Wäscheleinen zwischen den Häusern gespannt sind.

    Vaelion merkt erst nach einiger Zeit, dass er längst nicht mehr darauf achtet, welchen Weg er genommen hat.

    Die Straßen verzweigen sich immer wieder. Breite Wege werden zu schmalen Gassen, die sich zwischen Häusern hindurchwinden, bevor sie plötzlich wieder auf größere Straßen führen.


    Kurz bleibt er stehen. Nicht weil er sich verirrt hätte. Eher, weil er begreift, wie leicht es hier passieren könnte.

    Seine Finger streifen über den Beutel mit den wenigen Münzen an seinem Gürtel. Schließlich fasst er sich ein Herz und wendet sich an einen älteren Mann, der gerade einen kleinen Handkarren über die Straße zieht. „Entschuldigt…“, beginnt Vaelion etwas unsicher. „Kennt Ihr einen Gasthof, der nicht zu teuer ist?“

    Der Mann mustert ihn kurz, bleibt dann aber stehen. „Zum Übernachten?“ fragt er. Vaelion nickt.

    Der alte Mann deutet mit dem Kinn die Straße hinunter.

    „Versuch’s bei der Goldenen Harfe. Nicht das billigste Loch der Stadt, aber die Betten sind sauber und das Essen taugt was. Viele Zimmer haben sie auch.“

    „Die Goldene Harfe…“, wiederholt Vaelion leise, als würde er sich den Namen einprägen.

    Der Mann nickt noch einmal. „Folgt einfach der Straße weiter bis zum nächsten größeren Platz. Von dort aus links. Ihr könnt’s kaum verfehlen.“

    „Danke“, sagt Vaelion ehrlich. Der Fremde hebt nur kurz die Hand zum Abschied, bevor er seinen Karren weiterzieht und wieder im Treiben der Straße verschwindet.

    Vaelion bleibt einen Moment stehen. Dann richtet er den Griff seiner Laute auf der Schulter zurecht und setzt seinen Weg fort – tiefer hinein in die Straßen Talyras,

    dem Schild der Goldenen Harfe entgegen.

    Mit der Zeit beginnt die erste Überforderung langsam einer vorsichtigen Neugier zu weichen.

    Und doch bleibt ein Gedanke beständig. Er braucht eine Unterkunft. Und Arbeit.

    Seine Finger streifen kurz über den Hals der Laute auf seinem Rücken.

    Vielleicht, denkt er, ist das wenigstens ein Anfang.

  • Les bras des mères sont faits de tendresse ; les enfants y dorment profondément.

    — Victor Hugo, Les Misérables



    Mitte Taumond 526


    ← Der Sithechhain


    Das Haus liegt still als Kaya und der schimmernde Schemen den Hof erreichen. Durch das Seitenfenster fällt ein schmaler, warmer Lichtstreifen hinaus in die graue Dämmerung, als hätte Eilin es nicht über sich gebracht, die Lampe zu löschen, solange sie nicht wusste, ob Kaya zurückkehren würde.

    Kaya bleibt vor der Tür stehen und klopft leise. Nach wenigen Herzschlägen öffnet sich die Tür einen Spalt und Eilin blickt hinaus, blass und müde, mit Schatten unter den Augen und einem Ausdruck im Gesicht, der verrät, dass sie weder richtig gewacht noch geschlafen hat seit Kaya gegangen ist.

    Als sie Kaya erkennt, löst sich ein wenig von der Spannung aus ihren Zügen, doch ihr Blick wandert sofort an ihr vorbei in die Dunkelheit des Hofes. „Ist… sie da?“, fragt sie flüsternd. Kaya nickt kaum merklich. „Sie folgt.“ Eilin zieht scharf die Luft ein, und obwohl sie nichts sieht außer dem Hof, dem matten Licht und der leeren Nacht hinter Kaya, verändert sich etwas in ihrem Gesicht, als hätte sie die Antwort nicht nur gehört, sondern tief unter der Haut gespürt. Ihr Zittern kehrt zurück, weniger panisch und dafür schwerer, voll von Sehnsucht, Furcht und jener Schuld, die Lebende so oft empfinden, wenn die Toten noch nicht loslassen können.

    „Kommt herein“, murmelt sie schließlich und tritt zur Seite. Kaya überschreitet die Schwelle und mit ihr gleitet der Geist der Mutter ins Haus, lautlos und kaum mehr als ein fahler Hauch, doch Eilin spürt seine Nähe sofort; nicht als Gestalt, nicht als Umriss, sondern als plötzliche Schwere in der Luft, als Kälte entlang ihres Rückens. Für einen Moment steht Eilin nur da, die Hand noch an der Tür, unfähig, sich zu bewegen. Dann zwingt sie sich, den Blick von der leeren Stelle neben Kaya zu lösen. „Das Kind ist wach“, sagt sie leise und führt Kaya in den Nebenraum.

    Das Baby liegt in der Wiege, unruhig in seine Tücher gewickelt, die kleinen Hände zu Fäusten geballt, und aus seinem Mund kommt ein leises, erschöpftes Wimmern, als hätte es seit Stunden wegen etwas geweint, das niemand ihm erklären konnte. Kaya nähert sich der Wiege ruhig, ohne Hast und ohne jene übertriebene Vorsicht, mit der Menschen manchmal zeigen wollen, dass sie keine Angst haben. Der Geist der Mutter bleibt im Türrahmen zurück, als wüsste er nicht, ob er näherkommen darf.

    „Du darfst“, sagt Kaya leise, ohne sich umzudrehen. Der Schemen bewegt sich daraufhin nur langsam, kaum mehr als ein Verschieben von blassem Licht und kühler Luft, und doch verändert sich der Raum mit jedem Schritt, den er näherkommt. Seine Sehnsucht wird so deutlich, dass sie beinahe greifbar wird.

    Kaya holt die kleine Tonschale aus ihrer Tasche und stellt sie behutsam auf den Rand der Wiege, genau dort, wo sie sicher steht und weder das Kind noch Eilin in Gefahr bringt. Dann legt sie das Stoffband, das Síle gehört hat, mit in die Schale. Eilin hält hörbar den Atem an. Kaya hebt nur ruhig eine Hand, um ihr zu zeigen, dass dieser Moment unter Kontrolle ist.

    „Es geschieht ihr nichts“, sagt sie leise. „Und dem Kind auch nicht.“ Erst dann entzündet sie den Docht in der Schale. Die Flamme fasst zögernd, flackert einmal auf und senkt sich dann zu einem ruhigen Brennen, während ein dünner Streifen bläulichen Rauches aus der Schale aufsteigt und sich langsam über die Wiege legt. Der Duft der Kräuter ist dunkel und kühl, erinnert an Winter, alte Wälder und feuchte Erde unter Schnee.

    „Ich öffne dir nicht meinen Körper“, murmelt Kaya, so ruhig, als spreche sie eine Regel aus, die nicht verhandelbar ist. „Aber du bekommst einen Weg.“ Dann beginnt sie zu flüstern. Es sind keine Worte, die Eilin verstehen könnte. Vielleicht sind es nicht einmal Worte in einem gewöhnlichen Sinn, sondern Laute, die tiefer liegen als Sprache, ein Summen, ein Rufen, ein leises Ordnen der Dinge, das aus den Wurzeln von Kayas eigenen Pfaden kommt und den Raum nicht füllt, sondern ihn ausrichtet.

    Die Flamme flackert. Das Stoffband in der Schale beginnt schwach zu leuchten, nicht hell, nicht warm, sondern mit einem blassen Schimmer, der eher an Mondlicht erinnert als an Feuer. Der Geist der Mutter zieht sich zusammen, als würde ihn ein unsichtbarer Atem erfassen, dehnt sich wieder aus und senkt sich schließlich über die Wiege, so behutsam, dass selbst Kaya für einen Moment den Eindruck hat, er fürchte, das Kind allein durch seine Nähe erschrecken zu können.

    Das Baby öffnet die Augen. Für einen Augenblick wird es vollkommen still. Kein Wimmern. Kein Rascheln. Nicht einmal das Holz im Kamin knackt. Dann löst sich eine der kleinen Hände aus dem Tuch und streckt sich nach oben, nicht blind ins Leere, sondern in etwas hinein, das niemand außer dem Kind und Kaya wirklich erfassen kann. Der Geist berührt das Kind nicht. Nicht mit Händen. Nicht mit einem Körper.

    Und doch ist er da. Warm, obwohl er keinen Atem hat. Sanft, obwohl er längst nicht mehr lebt. Liebevoll in einer Weise, die nichts fordert und nichts nimmt, sondern nur noch einmal da sein will, für einen letzten, kostbaren Augenblick, der weder Leben noch Tod ganz gehört. Eilin presst beide Hände vor den Mund, und Tränen laufen ihr lautlos über die Wangen, während sie zusieht, ohne wirklich sehen zu können.

    Der Geist beugt sich tiefer über die Wiege. Ein letzter Abschied. Ein letzter Halt. Ein letztes Erinnern daran, dass dieses Kind einmal unter ihrem Herzen gelegen hat. „…danke…“ Das Wort ist kaum ein Laut, eher ein Gefühl, das sich durch den Raum bewegt, durch Rauch und Lampenlicht, durch Eilins stummes Weinen und Kayas ruhige Wachsamkeit hindurch.

    Kaya bleibt still. Sie lässt den Moment nicht länger dauern, als er darf. Zu lange Nähe macht Gebliebene hungrig, selbst die friedlichen, selbst die liebevollen. Denn was sie berühren, können sie nicht behalten und was sie nicht behalten können, können manche von ihnen nicht mehr loslassen.

    Als das Licht des Stoffbandes schwächer wird, senkt Kaya die Hand über die Schale und spricht ein letztes, kaum hörbares Wort. Der Rauch zieht sich zusammen. Der Geist hebt sich langsam von der Wiege, zögernd, doch er wehrt sich nicht. Nicht jetzt. Nicht mehr.

    Das Baby schließt die Augen wieder, diesmal ruhig, die kleine Hand noch halb geöffnet, als hielte sie etwas, das niemand sehen kann. Eilin schluchzt einmal auf, unterdrückt es sofort und senkt den Kopf. Kaya löscht die Flamme nicht. Noch nicht. Sie nimmt die Schale vorsichtig wieder an sich, mit dem Stoffband darin, das nun dunkler wirkt als zuvor, als hätte es etwas aufgenommen, das schwerer ist als Rauch. Dann wendet sie sich zur Tür.

    „Sie muss zurück“, sagt Kaya leise. Eilin hebt den Kopf, die Augen nass, das Gesicht voller Schmerz und Erleichterung zugleich. „Zu ihrem Grab?“ Kaya nickt. „Von dort aus kann ich ihr den Weg zeigen.“ Für einen Moment sieht Eilin aus, als wolle sie etwas sagen, vielleicht bitten, vielleicht danken, vielleicht den Geist noch einmal halten, so wie dieser das Kind hatte halten wollen.

    Doch dann blickt sie zur Wiege, zu dem schlafenden Kind, und begreift. Sie bleibt. Kaya dagegen geht. Und der Geist der Mutter folgt ihr, stiller als zuvor, schwächer, aber nicht mehr suchend.


    → Der Sithechhain

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