Glyn-y-Defaid

  • Folgt man vom Platz der Händler aus der Großen Südstraße in Richtung Sarthefurt und passiert die Abzweigung nach Nachtschatten, so erreicht man schließlich eine Art Wegkreuzung. Dort, an jener Kreuzung angelangt, folgt man nicht der kleinen Straße zum alten Pferdehof, sondern schlägt den schmalen Bauernpfad ein, welcher in genau entgegengesetzte Richtung führt. Auf diesem Weg gelangt man schließlich nach Glyn-y-Defaid, ins Tal der Schafe.

    Hinter einer kleinen Brücke befindet sich eine Toranlage (aus grob behauenem, hellgrauem Stein) auf deren beiden Pilastersäulen je ein brüllender Löwe thront. Hat man die Toranlage durchquert, so gelangt man auf den Hof des Anwesens. In der Mitte dieses gepflasterten Platzes wächst ein uralter Blutbaum, welcher seine Äste schützend über einen tiefen Ziehbrunnen ausgebreitet hat. Diverse Wirtschaftsgebäude, sprich mehrere Stallungen für Groß- und Kleinvieh, Scheunen, ein Schlachthaus samt Räucherkammer, ein Badehaus mit Waschküche, eine kleine Schmiede, ein Taubenschlag sowie mehrere Holzmieten und Mieten für Obst und Gemüse, umgeben den Hof; Herren- und Gesindehaus liegen etwas abseits. Alle Gebäude wurden mit den selben hellgrauen Steinen wie die Toranlage gebaut; die Hausdächer sind mit Schiefer gedeckt.

    Ein Obst- und Gemüsegarten sowie ein Färber- und Kräutergarten gehören ebenso zum Anwesen wie ertragreiche Felder und magere Wirtschaftswiesen, Koppeln für Pferde und Rinder, ein Weiher in dem vornehmlich Mondaugen schwimmen und ausreichend Platz für allerlei Klein- und Federvieh. Da die Bewohner von Glyn-y-Defaid allerdings seit jeher von der Schafzucht leben, wird der größte Teil der gut und gerne 8 ½ Königshufe umfassenden Nutzflächen jedoch vornehmlich als als Weideland für zwei große Schafherden – Moorschnucken und Schwarznasenschafe – genutzt.


    Herrenhaus

    Das zweistöckige Herrenhaus von Glyn-y-Defaid besitzt einen mehr oder weniger L-förmigen Grundriss. Es wurde aus den selben dicken, hellgrauen Steinen erbaut wie alle anderen Gebäude auf dem Hof auch und hat ein mit Schiefer gedecktes Dach. Die Eingangstür wird von einem hübschen mit Goldregen überwucherten hölzernen Vorbau geschützt und an den Hauswänden ranken sich Weinreben, die zur Erntezeit stets voller roter und gelber Trauben hängen und deren Blätter sich im Herbst wundervoll bunt färben.


    Erdgeschoss: Die Eingangshalle des Herrenhauses ist nicht sonderlich groß. An ihren Wänden hängen vier alte Wandteppiche, die Glyn-y-Defaid im Lauf der Jahreszeiten darstellen. Außerdem gibt es einen hübschen Kachelofen und eine kleine Sitzecke mit einem Tisch und zwei ledernen Ohrensesseln, die mit Lammfellen ausgelegt sind. Von der Eingangshalle gehen zwei Türen ab. Durch die eine (welche sich beinahe direkt gegenüber der Eingangstür befindet) gelangt man ins Kaminzimmer, durch die andere (welche sich unter dem Treppenaufgang befindet) in die Küche.

    Das Kaminzimmer trägt seinen Namen zurecht, da die gesamte rückwärtige Wand von einem riesigen offenen Kamin dominiert wird. Davor liegen mehrere Schaffelle, außerdem stehen auch hier zwei Ohrensessel, die denen in der Eingangshalle recht ähnlich sind. Die Wände sind mit schweren Gobelins behängt, welche Impressionen des talyrischen Umlands wiedergeben. Über dem Kamin prangte einst ein schönes Portrait, welches die verstorbene Hausherrin in jungen Jahren zeigte. Mittlerweile wurde dieses Bildnis allerdings durch ein einfaches Stilleben ersetzt. In der Mitte des Raumes steht ein langer Speisetisch aus dunklem Holz und passende Stühle. Auf dem ansonsten leeren Tisch steht eine Vase, die stets mit frischen Blumen gefüllt ist, gespeist wird an dieser Tafel jedoch nur noch sehr selten. Auch in diesem Zimmer gibt es übrigens zwei Türen; jene, die in die Eingangshalle führt und eine zweite durch die man geradewegs in die Küche gelangt.

    Dominiert wird die Küche von einer langen massiven Eichentafel, an der alle Bewohner von Glyn-y-Defaid die täglichen Mahlzeiten zu sich nehmen. Die Küche ist außerdem mit einer großen Feuerstelle, in der gut und gerne ein ganzer Ochse gebraten werden kann, und einem Ungetüm von eisernem Herd ausgestattet. In mehreren Schränken und Regalen bewahrt man Geschirr, Küchentücher und ein paar nicht so schnell verderbliche Lebensmittel auf, die meisten Vorräte werden allerdings in einer separaten Speisekammer gelagert.

    Eine weitere Tür führt hinaus in den Garten, hinter einer fünften befindet sich eine winzige Gesindekammer, die einst von der Alten Cath bewohnt wurde. Ausgestattet ist dieser Raum mit dem Nötigsten: Einem schlichten Bett, einem Schrank, einem kleinen Tisch samt Stuhl und einem sorgsam gepflegten Spinnrad.


    Obergeschoss: Von der Eingangshalle aus gelangt man über eine breite Eichentreppe hinauf ins Obergeschoss. Das Schlafzimmer ist mit einem breiten Ehebett ausgestattet und an beiden Seiten ist ein passender Nachttisch aufgestellt. Auf beiden steht ein Kerzenständer samt Kerzenlöscher, auf einem liegt zudem eine Halskette aus Flussperlen, und unter jedem befindet sich ein gewöhnlicher Nachttopf. Am Fußende des Brettes steht eine schwere Wäschetruhe, es gibt einen wuchtigen Kleiderschrank, einen Waschtisch, und in einer Ecke des Raumes befindet sich ein Kachelofen. Der Fußboden ist mit Schaffellen bedeckt, vor dem Fenster hängt ein goldgelber Vorhang und in der Fensterbank liegen mehrere Ziegenfelle. In der Mitte steht ein Kerzenhalter, vor welchem einige Zweige mit getrockneten Beeren liegen, und vor der Fensterbank wurde eine schlichte Kniebank aufgebaut – zusammen ergibt dies den ganz persönlichen Hausaltar von Glyn-y-Defaid.

    Zur Linken des Schlafzimmers befindet sich die ehemalige Kammer der verstorbenen Hausherrin Tara. Nachdem Lyall auf den Hof gezogen ist, wurde die Kammer mit dem Schlafgemach durch einen großen (bei bedarf verschließbaren) Durchgang verbunden. Das Arbeitszimmer des Hausherrn befindet sich rechts vom Schlafzimmer. Es ist mit einem Schreibpult, einem Stuhl, einem kleinen Eisenofen, zwei Truhen und mehreren Schränken und Regalen ausgestattet. Außerdem befindet sich hier das wichtigste Buch des Anwesens: ein dicker, in Leder gebundener Wälzer, in welchem schon Taras Vater regelmäßig den exakten Schaf- und Viehbestand von Glyn-y-Defaid festgehalten hat.

    Auf der anderen Seite der Diele befinden sich ein Bad sowie eine Wäschekammer. Außerdem gibt es auf dem Stockwerk neun weitere Räume. Ursprünglich war wenigstens einer davon als Kinderzimmer gedacht, doch im Augenblick sind sechs davon als Gästezimmer hergerichtet, ein siebter steht komplett leer, bei den übrigen Kammern handelt es sich um eine weiteres Bad und eine kleine Abstellkammer. Vier Gästezimmer sind mit Einzelbetten, einem Beistelltischen samt Kerzenhalter und Kerzenlöscher, einem Nachttopf sowie einer Truhe ausgestattet. Darüber hinaus liegt vor jedem Bett statt eines gewöhnlichen Läufers ein flauschiges Schafsfell. In den zwei anderen Gästezimmern steht jeweils ein Doppelbett, die übrige Ausstattung entspricht den restlichen Gästekammern. Die Fenster aller Zimmer sind zudem mit schönen Vorhängen versehen und jeder Raum besitzt einen praktischen Eisenofen wie man ihn auch in den Kammern der Gutsleute findet.


    Kellergewölbe: Durch eine Falltür im Boden der Speisekammer gelangt man ins Kellergewölbe unter dem Herrenhaus. Dort wurde sowohl ein praktischer Eiskeller eingerichtet, als auch ein recht ansehnlicher Weinkeller angelegt. Allerdings wird hier unten nicht nur der edle Rebensaft verwahrt, sondern auch gewürzter Honigwein und Fässer mit ordentlichem Hopfengebräu.


    Dachstuhl: Im Obergeschoss gibt es mehrere Zugänge zum Dachstuhl, dieser wird jedoch kaum genutzt und steht lediglich mit diversem Krimskram und Gerümpel voll, welches munter Staub fängt.


    Gesindehaus


    Wie alle Gebäude auf Glyn-y-Defaid wurde auch das Gesindehaus aus dicken, hellgrauen Steinen erbaut und mit einem dunklen Schieferdach versehen. Es besitzt einen nahezu quadratischen Grundriss, verfügt (ebenso wie das Herrenhaus) über zwei Stockwerke, ist aber merklich kleiner als das Haupthaus. An den Hauswänden klettert Hopfen in die Höhe, was besonders schön aussieht, wenn die Dolden reif sind und geerntet werden können.


    Erdgeschoss: Im Erdgeschoss des Gesindehauses befinden sich sechs Kammern, eine davon bewohnt der Knecht Emrys, eine andere der Stallbursche Liam. Die restlichen vier Kammern stehen leer und können bei Bedarf für die Unterbringung von zeitweise eingestellten Tagelöhnern oder Erntehelfern genutzt werden. Hinter dem Haus befindet sich zudem zwei Abtritte.

    Obergeschoss: Die Kammern im Obergeschoss werden von Owyn, dem Großknecht von Glyn-y-Defaid, seiner Frau Rhona, der Großmagd, und ihren Kindern Gwyn und Úna bewohnt.

    Dachstuhl: Die beiden Mägde Nara und Mair bewohnen die zwei kleinen Kammern unter dem Dachstuhl des Hauses. Die beiden Räume werden durch eine hölzerne Diele voneinander getrennt. Am Ende dieses Gangs befindet sich eine Leiter über die man hinauf zum Taubenschlag auf dem Dach gelangt.

  • Schafställe: Die großen, weitläufigen Ställe werden nur während der Wintermonde genutzt. Sie bieten ausreichend Platz für die Böcke, Mutterschafe und Jungtiere und verfügen alle über einen eigenen Heuboden. Die Moorschnuckenherde (Bébinn, Dubhán, Hasenherz, Shea, Mór, Strohdoof, Idwal, Distel und Klette, Kleeblatt, Bleddyn, ...) ist in den einen, die Schwarznasenherde (Ailbhe, Brígh, Wölkchen, Schneeball, Emer, Knopfauge, Siv, Llew und Lleu, Tausendschön, Vergissmeinnicht, ...) in den anderen Gebäuden untergebracht. Auch die zwei Herdenschutzhunde (Cadfan und Blair), die beiden Hüte- und Treibhunde (Idris und Eira) und die zwei Haus- und Hofhunde (Mabon und Modron) schlafen während der kalten Jahreszeit hier. Auf den Dächern der Ställe wurden jeweils zwei alte Wagenräder angebracht, auf welchen regelmäßig Störche niesten. Unter der schützenden Dachkante haben Schwalben und Abendschwingen ihre Nester gebaut.


    Pferde- und Geschirrstall: Dieser Stall ist mit insgesamt acht Pferdeboxen ausgestattet und verfügt über einen eigenen Heuboden. Vier Boxen stehen leer, in den anderen sind zwei Verder Kaltblüter (Cymidei und Llasar), schwere Zug- und Lasttiere, die Stute Áed, ein hübscher Arloner Bernsteinfuchs, und der Esel Bryn untergebracht. Auf beiden Seiten der Stallgasse befindet sich zudem je eine größere Box. In der einen können während der Wintermonde die vier Bluirziegen (Klee, Fflur, Zimt und Koriander) und ihr Bock Halunke, in der anderen die vier Buccaziegen (Wacholder, Glöckchen, Cerys und Nesta) und ihr Bock Korsar untergebracht werden. Außerdem sind neben dem schweren Pferdegeschirr noch etliche Käfige, in welchen Hasen und Kaninchen (Seidenfell, Raupelz, Goldnase, Weißohr, Schwarzpelz, Kleinohr, Löwenzahn, Frechdachs, Zwergnase, Silberpfote, ...) gehalten werden, an einer der Stallwände angebracht. Außen, unter der Dachkante des Stalls, niesten Goldflügelschwalben und Abendschwingen.


    Kuh- und Schweinestall: Im Schutz des mit Schiefer gedeckten Daches haben Abendschwätzer und Schwalben ihre Nester gebaut und auf dem First befindet sich ein großes Storchenrad. Der Stall selbst ist nicht sonderlich groß. Er bietet gerade genug Platz für vier Milchkühe (Bríd, Íde, Ena und Líle), den Bullen Ciar und 13 Hausschweine (Eichel, Trüffel, Knolle, Stoppel, Malve, Dickkopf, Liebaug, Bleibstehn, Nichtsnutz, Nimmersatt, Perle, Fleck und Klecks). Darüber hinaus besitzt er einen kleinen Heuboden. Jauchegrube und Misthaufen befinden sich hinter dem Gebäude, gar nicht weit entfernt vom Hühnerstall.


    Hühnerstall und Taubenschlag: In diesem kleinen Stall ist das Federvieh untergebracht, Braesshühner (Únas Lieblingshennen heißen Resande, Buntfeder, Nesthäckchen, Tock-Tock und Gack-Gack), Graugänse, Stock- und Eiderenten; Wachteln und Fasane werden bei Bedarf im nahe gelegenen Wald gejagt. Der Taubenschlag ist in einem kleinen Türmchen auf dem Dach des Gesindehaus untergebracht, man erreicht ihn vom Dachboden aus über eine schmale Leiter.


    Schlachthaus und Räucherkammer: In diesem Gebäude findet das Schlachtvieh sein Ende, Hühner, Gänse und Enten, Lämmer, Schweine, die Mondaugen aus dem Weiher und nicht zu vergessen das frische Wildbret aus dem nahen Wald.


    Badehaus und Waschküche: Manch harter Arbeitstag klingt hier mit einem heißen, dampfenden Bad langsam aus und frisch gewaschene Wäsche findet auf Wäscheleinen hinter dem Haus ihren Platz im Wind. Außerdem gibt es in dem Gebäude eine kleine Werkstatt, in der hauptsächlich Filzarbeiten angefertigt werden. Darüber hinaus befindet sich in dem Gebäude der Abtritt für die Herrschaften.


    Schmiede und Scheune: Die Schmiede des Hofes ist nichts besonderes. Sie reicht aus um Hufeisen zu schmieden, Pferde zu beschlagen und um Ackerwerkzeug, Räder und Fässer zu reparieren. Außerdem verfügt sie über einen großen Ofen, in dem mehrere Laibe frisches Brot gleichzeitig gebacken werden können. In der nahe gelegenen Hofscheune sind Pferdeschlitten, Karren, Heuwagen und Ackerwerkzeug untergebracht. Außerdem können hier selbstverständlich bei Bedarf Heu, Stroh und Getreide gelagert werden. Und die zahlreichen Hofkatzen (Amber, Baron, Beryll, Streuner, Strolch und Stromer, Flocke, Jett, Kobold, Lapis und Lazuli, Pünktchen, Sith, Sphinx,...) finden hier in kalten und regnerischen Nächten stets ein trockenes, gemütliches Plätzchen.


    Weiden, Koppeln, Wiesen und Felder samt Weiher: Alle Weiden und Koppeln sind von Maueren aus hellgrauem Stein umgeben, mit hölzernen Toren ausgestattet und verfügen über einen kleinen Brunnen nebst Tränke. Felder und Wiesen werden von Hecken aus Wein, Brombeergestrüpp, Hagebutten, Schlehdorn, Wacholder und Ginster gesäumt, die vor allem Ammern, Nachtigallen, Schneekönigen und Rotkehlchen zahlreiche geschützte Nistplätze bieten. Im Weiher – dem Drych Cymylau (oder Wolkenspiegel) – schwimmen Mondaugen, die hauptsächlich für den Eigenbedarf gefangen werden, und darauf tummelt sich die Entenschar von Glyn-y-Defaid.


    Obst- und Gemüsegarten: Auf diesem Stück Land stehen Äpfel-, Birnen-, Kirschen-, und Zwetschgenbäume, Renekloden- und Quittenbäume, Elsbeeren und Mispeln. Im Schutz dieser Bäume sind fünf Bienenkörbe aufgestellt. Außerdem gibt es hier dichte Hecken aus schwarzem Holdunder, Him-, Wacholder-, Stachel-, Josta- sowie roten und schwarzen Johannisbeersträuchen. In den sorgsam angelegten und mit Buchsbaum eingefassten Beeten wachsen zudem Erd-, Blau-, Moos- und Essigbeeren; Rhabarber; Spargel, Mais, Erbsen, Bohnen und Tomaten; Gurken, Kürbisse und Melonen; selbstverständlich auch Möhren, Steckrüben, Kohlrabi, rote Bete, Radieschen, Rettich, Knoblauch, Zwiebeln und Kartoffeln sowie Lauch, Spinat, Mangold, Endivien, Blatt- und Feldsalat, Wirsing und Kohl.


    Färber- und Kräutergarten: Umgeben wird der Garten von einem hübschen Holzzaun. Die einzelnen runden und eckigen Beete sind mit Buchsbaum eingefasst, die Wege dazwischen wurden mit kleinen weißen Flusskieseln bedeckt und im Schatten einer alten Kastanie und einer stolzen Schwarzeiche steht eine gemütliche Holzbank. In den Beeten (sowie in vielen unterschiedlich großen Kübeln und Bottichen) wachsen hier nicht nur allerlei Duft- und Küchenkräuter, sondern auch allerlei Färberpflanzen wie z.B. Färberkamille-, -scharte und -waid, Gilbkraut, Rainfarn und Krapp.

  • Das Gesinde:


    Owyn, geboren 477 d5Z; Großknecht von Glyn-y-Defaid und Rhonas Mann. Der kräftige Rhaínländer mit den kieselgrauen Augen und dem strohblonden Haar ist ein strenger, aber gerechter Mann. Hof- und Feldarbeiten aller Art gehören zu seinem Aufgabenbereich, dazu zählt u.a. das Schlachten von Vieh und das Scheren der Schafe, aber z.B. auch sämtliche schweren Gartenarbeiten.


    Rhona, geboren 482 d5Z; Großmagd von Glyn-y-Defaid und Owyns Frau. Die ernste Herzländerin mit den rehbraunen Augen und dem lockigen, kastanienbraunen Haar besitzt ein freundliches, herzförmiges Gesicht und ein äußerst resolutes Wesen. Die Küche ist ihr uneingeschränktes Herrschaftsgebiet und niemand wagt es ihr dort zu wiedersprechen.


    Gwyn, geboren 498 d5Z; Schweinehirte von Glyn-y-Defaid, Sohn von Owyn und Rhona. Der schmächtige Mann besitzt das strohblonde Haar seines Vaters und die rehbraunen Augen seiner Mutter. Er ist für die Schweine des Hofes verantwortlich und hilft auch sonst überall dort auf dem Hof, wo es nötig ist.


    Úna, geboren 503 d5Z; Gänsemagd von Glyn-y-Defaid, Tochter von Owyn und Rhona. Das zierliche junge Frau mit den kieselgrauen Augen und dem hellbraunen Haar (dessen Farbe ihr ihr Bruder gerne im Scherz als Straßenkötterbraun tituliert) ist seither ein echter Wirbelwind. Sie kümmert sich auf dem Hof um die Versorgung des Federviehs und geht in Haus und Garten mit zur Hand. Außerdem hat sie seit Kindheitstagen (sehr zum Missfallen ihrer Mutter) ein Herz für Mäuse und andere Nagetiere. Ihre ersten zwei kleinen Mäuse (Haselnuss und Kieselstein, die eine braun, die andere grau) trug sie ständig in den Taschen ihrer Schürzen und Kleider mit sich herum. Zur Zeit nennt sie ein freches Eichhörnchen mit dem bezeichnenden Namen Fuchsschwanz ihr eigen.


    Liam, geboren 494 d5Z; Stallknecht von Glyn-y-Defaid, Vetter von Rhona und Emrys. Man sieht dem Herzländer mit dem dunkelblonden Haar und den graugrünen Augen die Verwandtschaft mit Rhona und Emrys deutlich an. Er besitzt jedoch ein weitaus unbekümmerteres Wesen und scherzt sehr gerne. Außerdem ist er mittlerweile mit Nara (in die er von jeher bis über beide Ohren verliebt war) verheiratet. Die Pferde, aber auch der Esel, die Kühe, Ziegen, Hasen und Kaninchen des Hofes gehören zu seinen Hauptaufgaben auf dem Hof. Darüber hinaus hilft er selbstverständlich auch bei allen anderen auf dem Hof anfallenden Aufgaben, wenn Not am Mann ist.


    Emrys, geboren 486 d5Z; Knecht von Glyn-y-Defaid, Bruder Rhonas. Der kräftige Herzländer ist seiner Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten. Er ist Owyns rechte Hand und geht ihm bei sämtlichen Arbeiten, die auf einem Hof so anfallen, zur Hand. Seit seiner gescheiterten Beziehung mit Avila, der Großmagd des Anwesens de Winter, ist er Junggeselle aus Überzeugung und (meistens jedenfalls) ausgesprochen zufrieden damit.


    Nara, geboren 490 d5Z; Magd von Glyn-y-Defaid, Rhonas rechte Hand. Die hübsche Drachenländerin besitzt ausdrucksstarke himmelblaue Augen, ein schönes, herzförmiges Gesicht und langes, seidiges, nussbraunes Haar. Sie geht Rhona in der Küche zur Hand und kümmert sich um sämtliche im Haushalt anfallende Aufgaben. Mittlerweile ist sie mit Liam verheiratet, nachdem sie lange Zeit nur Augen für dessen Vetter Emrys hatte.


    Fiachra und Fionnuala (kurz Nuala), geboren 522 d5Z; Zwillinge; Sohn und Tochter von Liam und Nara. Derzeit besteht die einizige Aufgabe der kleinen sommersprossigen Wildfänge mit den dunkelblonden Locken darin ihren Eltern regelmäßig schlaflose Nächte zu bescheren, soviel Unfug zu treiben wie dies Kindern in ihrem Alter eben möglich ist und soviel Naschwerk zu vertilgen wie sie unbemerkt in der Küche stibitzen können.


    Mair, geboren 495 d5Z; Magd von Glyn-y-Defaid. Die zierliche Laiginerin mit der schneeweißen Haut, den lustigen Sommersprossen, dem rotblonden Haar und den grasgrünen Augen ist eine stille, schüchterne Frau. Sie hilft Rhona und Nara im Haushalt und pflegt mit großer Hingabe den Küchengarten, da sie sich ausgezeichnet mit Pflanzen auskennt. Außerdem hat sie von Catriona (die sie bis zu ihrem Tod hin liebevoll umsorgt hat) das Spinnen von Wolle gelernt, und diese Tätigkeit nach dem Ableben der alten Frau ganz selbstverständlich übernommen.


    Catriona, genannt 'Alte Cath'; geboren 434 d5Z; verstorben am 3. Voshor (Sturmwind) 512 d5Z während des Großen Unwetters. Großmutter von Rhona und Emrys. Die alte, runzelige Frau war durch und durch Herzländerin und lebte und arbeitete seit ihrem siebten Lebensjahr auf Glyn-y-Defaid. Bis zu ihrem Tod war sie ein fester Bestandteil des Hoflebens und spann in ihrer Kammer oder in der Küche fleißig Schafswolle, sofern ihre Gesundheit es zuließ. Obwohl vom Alter geschwächt, zeugten ihre haselnussbraunen Augen bis zu Letzt von einem wachen Geist und klaren, scharfen Verstand. Für Cinaéd (und seine verstorbenen Frau Tara) war Catriona wie eine Tochter, sodass ihn ihr Verlust zutiefst erschüttert hat.

  • ~ Die Roten Jahre ~

    Winter 519 bis Winter 521 d5Z

    The storms from the gods make us
    Perish with hunger
    Starvation and drought
    Are unleashed on this earth
    Reap what you sow
    From your gree and our treasures
    Far more than we need
    Now far more than we're worth
    (Judas Priest, Pestilence & Plague)

    Cinaéd hat es auf seinem Hof kaum leichter als Aurian auf ihrem Anwesen in der Stadt. Die Rote Seuche meidet ihn, als Elb scheint er halbwegs immun gegen die Krankheit zu sein, aber der Schafzüchter lebt in ständiger Sorge um Lyall, das Gesinde auf seinem Hof und Freunde und Bekannte in Stadt und Umland. Das Leben wie man es bisher auf Glyn-y-Defaid, Talyra und den gesamten Herzlanden kannte existiert nicht mehr. Überall herrschen Angst und Vorsicht. Maskenpflicht und Abstandsregeln werden eingeführt, Kontaktbeschränkungen und -sperren werden ausgesprochen, Versammlungsverbote erteilt, kurzum, das gesamte öffentliche Leben kommt weitestgehend zum Erliegen.


    Auf Gly-y-Defaid gibt es keine Toten zu beklagen, aber die Seuche hinterlässt dennoch ihre Spuren, denn selbst Genesene leiden oft noch Siebentage oder gar Monde später an den Folgen ihrer Erkrankung. Arbeiten bleiben liegen, weil nicht genug helfende Hände zur Verfügung stehen um sie zu erledigen. Vor allem während der Erntezeit stehen die Dinge schlimm und sind mit schweren Verlusten verbunden. Vor allem die Notschlachtungen lassen das Herz des Schafzüchters bluten, auch Monde später noch, wenn er daran zurückdenken muss. Immerhin, und das ist zumindest ein schwacher Trost, kann die Not anderer dadurch gelindert werden, auch wenn das gespendete Fleisch, die Wolle und Felle nur ein Tropfen auf den heißen Stein dargestellt haben.

    Und Cinaéd kann sich, trotz seiner vergleichsweise längeren Lebensspanne, nicht entsinnen je zuvor so viel Tod und Elend auf einmal miterlebt zu haben. Ein Heilmittel kann zwar irgendwann gefunden werden und die Anirani der Stadt tuen selbstredend alles in ihren Mächten liegende, aber die Seuche hat, gerade auch in der Anfangszeit so sehr um sich gegriffen, dass für viele trotz aller Bemühungen einfach jede Hilfe zu spät kommt. Und so hilft Cinaéd schließlich dort, wo der Weg auf Rohas weitem Rund für diese armen Seelen endet—auf dem Sithech-Acker. Er kann nicht heilen, kann keine wohlgesetzten Worte des Trostes finden um den Schmerz zu lindern oder gar Hoffnung zu säen, aber er hat Kraft und zwei gesunde Arme die mit Schaufel und Sparten umzugehen verstehen. Soviel kann er immerhin tun. Und so sorgt der Elb ein ums andere Mal dafür dass die Toten in Würde zur letzten Ruhe gebettet werden. Eine Aufgabe, die ihn oft an den Rand seiner eigenen Kräfte treibt, denn nicht immer sind es Unbekannte, die er in die geweihte Erde hinablässt.


    Die Silbersträhnen im roten Haar des Elben nehmen in diesen Tagen merklich zu und das fröhliche unbekümmerte Lachen hat die Seuche lange schon von seinem Gesicht vertrieben. Und auch die erneute räumliche Trennung von Lyall hat ihre Spuren hinterlassen. Wie sehr hatten sie sich auf ihr gemeinsames Leben auf Glyn-y-Defaid gefreut? Alles war vorbereitet gewesen, Lyalls wenige Habseligkeiten hatten damals—es erscheint Cinaéd mittlerweile fast wie in einem anderen Leben—auf einem einzigen Handkarren Platz gefunden. Doch kaum dass sich die Drachenländerin auf dem Hof eingelebt hatte, hatte sie ihn auch schon wieder verlassen. Die Rote Seuche hatte Einzug in der Stadt und im talyrischen Umland gehalten und Lyall war überstürzt ins Anwesen de Winter zurückgekehrt um Aurian und den Kindern dort zur Seite zu stehen. Cinaéd hat ihr diese Entscheidung keine einzige Sekunde zum Vorwurf gemacht, denn genau dafür liebt er Lyall—ihr tiefes Mitgefühl für andere und ihre aufopfernde Bereitschaft zu helfen. Dennoch fällt es ihm schwer sie nicht an seiner Seite zu haben, gerade in diesen düsteren Zeiten.


    Als erneut der Herbst Einzug hält und seit Blätterfall keine neuen Todesfälle mehr zu beklagen sind, die in direktem Zusammenhang mit der Seuche stehen, freundet sich der Elb daher, wie so viele andere, nur langsam mit dem Gedanken an, dass sie das Schlimmste endlich überstanden haben. Nebelmond und Langschnee kommen und mit ihnen kehrt jeden Tag wieder ein kleines bisschen mehr Normaliät in das Leben der talyrischen Bevölkerung ein.

  • ~ Die dunkelste Zeit des Jahres ~

    21. Langschnee 525

    When the wind of winter blows
    Over the uplands and moonlit spaces
    Come ye out to the waste of snows
    To the glimmering fields and the silent places

    (
    L.M. Montgomery)

    Sie ist wieder angebrochen. Die dunkelste Zeit des Jahres. Mittwinter. Julnacht. Schon seit Siebentagen bereitet sich jederman(n) (und frau) in Talyra und Umgebung (und allen möglichen anderen Ecken und Winkeln Rohas) auf diesen Tag beziehungsweise diese Nacht vor. So auch auf Glyn-y-Defaid.


    In der Küche duftet es seit Tagen nach den köstlichsten Wohlgerüchen. Das ganze Haus ist vom tiefsten Keller bis unter den höchsten Dachgiebel geputzt und anschließend mit winterlichem Schmuck versehen worden. Überall duftet es sanft nach Tannengrün. Die zahlreichen Gewinde bieten einen schönen Kontrast zu dem unschuldigen Weiß, welches das gesamte Tal seit einigen Tagen in eine dünne, kalte Decke hüllt. Sehr zur Freude der Kinder und dem Unmut all jener, die, wie beispielsweise Cináed und seine Knechte, damit zu tun haben, dass eisige Weiß wieder zu entfernen. Zum Glück hält sich die Menge an gefallenem Schnee noch in überschaubaren Grenzen. Zumindest bisher müssen Höfe und Wege noch nicht täglich (oft mehrmals) mühsam freigeschaufelt werden, damit sie nicht völlig einschneien und erreichbar beziehungsweise nutzbar bleiben. Auf den Weg nach Talyra machen sich die Bewohner von Glyn-y-Defaid dieser Tage dennoch nur selten, meist wenn es unbedingt notwendig ist.


    Cináed steht im Kaminzimmer und rückt ein paar Bilderrahmen auf dem Kaminsims zurecht. Portraits jener, die nur noch im Geiste und im Herzen unter den Lebenden weilen. Der Elb seufzt leise. Im Laufe der vergangenen Jahresläufe sind es so viele geworden. Waren es zunächst nur die Bildnisse von Tara und Catriona gewesen, so ist ihre Anzahl seit den Tagen der Roten Seuche stetig gewachsen. Und ihr Anblick bringt immer wieder schöne aber auch schmerzhafte Erinnerungen mit sich. Die Zeit bleibt eben für niemanden stehen. Cináed seufzt erneut und wendet sich ab. Er hört Schritte und Stimmen, und macht sich auf den Weg nachzusehen woher diese kommen. Ist Lyall von draußen zurück? Wird irgendwo Hilfe gebraucht oder ist seine Anwesenheit irgendwo erforderlich? Bevor die Feierlichkeiten in einigen Stunden endlich beginnen können, ist immer noch einiges zu tun. Ehe er den Raum verlässt, lässt der Gutsbesitzer seinen Blick jedoch noch ein letztes Mal umherschweifen. Die gewaltige Tanne, die festlich geschmückt in einer Ecke des Zimmers steht lässt Cináeds melancholische Stimmung verfliegen und lenkt seine Gedanken in heiterere Bahnen, während er beschwingten Schrittes von dannen eilt.


    Nachdem er in der Küche nach dem Rechten gesehen hat, macht der Gutsbesitzer sich daran, sich warm anzukleiden, um auf den Hof hinaus zu gehen. Lyall schneit nach wie vor anderweitig beschäftigt zu sein, jedenfalls fehlt nach wie vor jede Spur von ihr und niemand will sie gesehen haben, und so hat er seinerseits entschieden, dass dies der perfekte Moment ist, sich für eine kleine Weile davonzustehlen. Denn es gibt da etwas, worum er sich kümmern muss, von dem die feine Nase seiner Gefährtin erst einmal noch keinen Wind bekommen soll. Der Elb schmunzelt. Seine Überraschung bisher vor der Wargin geheimzuhalten ist alles andere als einfach gewesen und er ist selbst ein wenig erstaunt, dass es ihm so lange gelungen ist. Bleibt nur zu hoffen, dass es auch die nächsten paar Stunden noch so bleiben wird.


    Als er ins Freie tritt bemerkt Cináed sogleich, dass es wieder sachte zu schneien begonnen hat. Mabon und Modron, die Hofhunde kommen ihm entgegen getrottet, und lassen sich genüsslich hinter den Ohren kraulen. Die Tiere sind alt geworden und haben sich längst ihren Platz neben dem warmen Ofen verdient, doch sobald der erste Schnee fällt, beginnen sie durch die weiße Pracht zu tollen, als wären sie wieder junge Welpen. Für einen kurzen Augenblick flackert die Wehmut in Cináed wieder auf. Längst hat er damit begonnen neue Hüte-, Teib-, und Herdenschutzhunde zu trainiern, die Cadfan, Blair, Idris und Eira ablösen werden. Auf einem Hof wie Glyn-y-Defaid gehört dies einfach zum alltäglichen Lauf der Zeit. Tiere werden alt, jüngere rücken nach. Doch es gibt sie immer wieder, jene Tiere, die es schwerer loszulassen fällt als andere. Die treue Gefährten gewesen sind, in schweren Stunden und Zeiten der Not. Wie selbstverständlich traben Mabon und Modron neben ihrem Herrn durch das leichte Schneegestöber, während er den Hof überquert. Der Wind trägt das safte Blöcken der Schafe und Ziegen an ihre Ohren, das Wiehern der Pferde, das Muhen der Kühe und Grunzen der Schweine. Die Luft ist kalt, der Himmel klar. Der Schnee knirscht unter jedem Schritt des Elben, und dort, wo ihn die Strahlen der Sonne treffen, glitzert es verheißungsvoll—als würde die Welt sagen wollen: Mittwinter ist da.

  • Winter is the time for comfort,

    for good food and warmth,

    for the touch of a friendly hand

    and for a talk beside the fire: is is the time for home.

    ~Edith Sitwell~




    21. Langschnee 525 – Julfeierlichkeiten



    Mit zierlichen und mittlerweile gekonnten Stichen lässt Lyall die mit feinem Silbergarn versehene Nadel in den Stoff ein- und ausgleiten, bis sie ihr Werk schließlich zu ihrer Zufriedenheit vollendet hat. Die gleichmäßigen Nähte und sauber gesetzten Verzierungen zeugen davon, wie sehr sich ihre Fertigkeiten in den letzten Jahren verfeinert haben. Die Zeiten, in denen sie sich mühsam an schiefen Kissenbezügen versucht hatte, liegen längst hinter ihr. Schon seit dem frühen Morgen sitzt sie in der kleinen Werkstatt, umgeben von Wolle, diversem Garn und Filzresten und bestickt ein paar der Geschenke noch mit Verzierungen oder dem Namen des jeweiligen Beschenkten, während Eira friedlich bei ihr schlummert und mit ihrem Hundekörper dankenswerterweise ihre Füße wärmt.


    Viel ist in den vergangenen Siebentagen zu tun gewesen, sodass sie diese letzten Verschönerungsarbeiten noch auf den letzten Drücker hatte ausführen müssen, doch die Wargin ist mit dem Ergebnis durchaus zufrieden. Zum Teil sind es aufwendige Geschenke, bei denen Schnittführung, Passform und Materialwahl ein ruhiges Händchen und Erfahrung erfordert hatten, und die Drachenländerin hatte schon vor mehreren Monden mit ihrer Herstellung begonnen, immer darum bemüht, dass keiner diese entdeckte oder auch nur eine Vermutung aufkeimen konnte, sie hätte etwas zu verbergen, was die Beschenkten hätte neugierig machen können.

    Manchmal war es sehr knapp gewesen und Lyall hatte in letzter Sekunde die noch unfertigen Stücke Hals über Kopf wegschaffen müssen und auf dem Hof gab es gefühlt keinen Ort mehr, an dem sie die Geschenke nicht zumindest ein Mal vor zu eifrigen Augen hatte verbergen müssen.

    Die Einzige, die in vieles eingeweiht war, ist Rhona, da sie ihrer Hilfe des Öfteren bedurft hatte, um Maße abzuschätzen beziehungsweise zu nehmen. Am liebsten jedoch hätte sie alles brühwarm ihrem Shida`ya erzählt, ihn mit ihren Ideen und der Materialauswahl vollgesprudelt, doch so hätte sie ihm auch die Überraschung und Vorfreude verwehrt und dies wollte sie beileibe nicht tun. So hatte sie stillgehalten und keinen Mucks von sich gegeben, war bei jeder in diese bestimmte Richtung zeigende Frage eisern geblieben. Doch nun ist sie froh, dass sie nur noch ein paar Stunden durchhalten muss, bevor sie endlich die Geschenke überreichen und hoffentlich in freudige Gesichter blicken kann.


    Mit einem prüfenden Blick hält sie ihre vollendete Arbeit hoch und ist zufrieden mit sich. Über die letzten Jahre hatte sie von Rhona, aber vor allem auch von Nara, gelernt, wie man mit den unterschiedlichen Stoffen und Garnen umzugehen hatte, wie man Schnitte anpasst, sauber säumt und Verzierungen setzt, ohne den Stoff zu verziehen. So hatte sie sich, zusätzlich zu ihren bereits vorhandenen Fähigkeiten im Lederhandwerk, auch im Nähen stetig weiterentwickelt und konnte inzwischen durchaus passable Arbeiten anfertigen. Rhona und Nara konnte sie natürlich nicht das Wasser reichen, und das war auch nie ihr Ziel gewesen.

    Sanft senkt die Drachenländerin die Arbeit wieder auf den Tisch und streckt sich, bevor sie sich hinunterbeugt und Eira den Kopf krault. Zufrieden schiebt der Hund seine Schnauze näher an ihre Hand und brummt leise, während Lyalls Blick zu dem kleinen Fenster der Werkstatt wandert. Draußen tanzen dicke Schneeflocken gemächlich vom Himmel und legen sich wie ein stilles Versprechen auf Hof und Dächer. Ein leises Lächeln huscht über ihr Gesicht: Schnee zum Julfest, passender hätte es kaum sein können.

    Während ihr Blick den fallenden Flocken folgt, wandern ihre Gedanken unweigerlich zu Aneirin. Sie hofft, dass er heil durch dieses kalte Weiß kommt, dass die verschneiten Wege ihm wohlgesonnen sind und ihn nicht aufhalten oder zur Umkehr zwingen. Seit er ihr zugesagt hat zum Julfest zu kommen, trägt sie diese stille Vorfreude in sich, ein warmes, fast vorsichtig gehütetes Gefühl, das sie sich lange nicht erlaubt hatte. Aneirin hatte ihre Einladung angenommen und doch wagt Lyall es kaum, sich vollends darauf zu verlassen. Nicht, weil sie an der Aufrichtigkeit seiner Worte zweifelt, das tut sie nicht einen Herzschlag lang, sondern weil sie zu gut wusste, wie schnell ihn die Schatten seiner Einsamkeit wieder einholen konnten.


    In den vergangenen Jahren war da diese dunkle Melancholie gewesen, die sich wie ein stiller Schleier um ihn gelegt hatte; die ihn fortzog, leise und unerbittlich, selbst dann, wenn er eigentlich bleiben wollte. Lyall fürchtet, dass sie ihn wieder verlieren könnte, noch ehe er den Hof überhaupt erreicht hat. An Zweifel, an Kälte, an jene innere Schwere, die ihn manchmal glauben ließ, er gehöre nicht dorthin, wo Wärme und Gemeinschaft auf ihn warteten. Der Gedanke schmerzt, und doch hält sie an der Hoffnung fest, dass dieses Mal alles anders sein könnte. Dass der Schnee ihn nicht verschluckt, sondern trägt. Dass das Licht des Julfestes, der Baum, das Feuer im Kaminzimmer und all das Ungesagte zwischen ihnen stark genug sind, um ihn das wohlige Beisammensein von Glyn-y-Defaid zu führen. Zu den Menschen, die sich auf ihn freuen.

    Sie atmet leise aus, lässt die Sorge nicht überhandnehmen, und schenkt dem tanzenden Schnee noch einen letzten Blick, bevor sie sich daran macht die Werkstatt zu verlassen.

    Mit geübten Handgriffen beginnt sie, die fertigen und halbfertigen Geschenke sorgfältig unter dicken Fellen und Filzbahnen zu verbergen, achtet darauf, dass nichts verrät, was sich darunter verbirgt. Erst als alles sicher verstaut ist löscht sie die kleine Öllampe und öffnet die Tür der Werkstatt, um das Badehaus zu verlassen.


    Kalte aber erfrischende Winterluft strömt kurz herein, während die Wargin alsbald begleitet vom leisen Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln den Hof überquert. Eira trottet neben ihr her über den Hof, bleibt hier und da stehen, um ihren eigenen Geschäften nachzugehen bevor sie in Richtung der Ställe davontrottet, während Lyall den Weg zum Haupthaus einschlägt.

    Die Wargin hört das rhythmische Schaben der hölzernen Schneeschaufeln und wäre gern zu den Männern geeilt, um ihnen bei der schweißtreibenden Tätigkeit zu helfen, aber sie hatte schon mehr Zeit in der Werkstatt gebraucht als geplant.

    Nun muss sie sich sputen, beim Herrichten des Kaminzimmers zu helfen, das Gästezimmer fertig vorzubereiten und sich schließlich auch selbst für den Tag herzurichten. Cináed hatte sie seit dem frühen Morgen noch nicht gesehen. Noch vor dem ersten Grauen des Tages war sie leise aus dem Bett geglitten, hatte jeden Schritt bedacht auf die Holzdielen gesetzt, um ihn nicht zu wecken und sich klammheimlich davongestohlen, um die letzten Vorbereitungen für die Geschenke zu vollenden. Bald jedoch, da ist sie sich sicher, würden die Männer ins Haus kommen, um sich aufzuwärmen… und dann würde sie ihn endlich in die Arme schließen können.


    Drinnen empfängt sie wohlige Wärme und der vertraute Duft von Holz, Harz und diversen Köstlichkeiten, die einem schon jetzt das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Ihre Schritte tragen sie direkt in das Kaminzimmer, in dessen hinterer Ecke der große Tannenbaum steht, festlich geschmückt und im Schein des Feuers sanft glitzernd. Einen Moment bleibt sie stehen und betrachtet das Spiel aus Licht, Nadeln und Schmuck, spürt, wie sich eine ruhige Zufriedenheit in ihr ausbreitet.

    Vorsichtig berührt sie die aus Stroh gebastelten Sterne und Schneeflocken, die unter ihrer Berührung leicht nachschwingen. Über die Jahre ist die Zahl der Verzierungen für den Baum stetig angewachsen und ein paar der Sterne sind sogar aus ihrer Hand entstanden, doch die schönsten und aufwendigsten hatte die alte Cath noch zu ihren Lebzeiten mit kundiger Ruhe gebastelt. Ergriffen seufzt die Wargin und blickt für einen Moment zum Kaminsims herüber. Diverse Portraits blicken zu ihr zurück und scheinen im Licht der flackernden Kerzen gar lebendig zu wirken. Für einen Augenblick scheint alles genau so zu sein, wie es zum Julfest sein sollte und doch fehlen Gesichter und Stimmen im Raum, die sonst das Leben noch etwas mehr bereichert hatten.

    Aber im Geiste sind sie noch immer hier und die Bewohner des Hofes ehren sie, indem sie diese symbolisch an den Festen und wichtigen Ereignissen teilhaben ließen, wenn auch nur in einer kunstvoll auf Leinwand gebannten Form ihres vergangenen Selbst. Mit einem letzten Lächeln verabschiedet sie sich von den Portraits und wendet sich zum gehen.

    Nun wird bald das Schmücken der Jultafel beginnen.

    Die Mägde und sie hatten extra Kerzen für den Abend gezogen und mit Orangenöl versetztes Wachs genutzt, um dem Raum eine noch festlichere Note zu verleihen. Bald würde sich der Raum mit Stimmen, Lachen und dem leisen Klirren von Geschirr füllen; die Stille dem lebendigen Treiben des Julfestes weichen.

    'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, 'but what is that on your shoulders?'
    '
    It's. . . a fur collar,' said Nanny.
    'Excuse me, but I just saw it flick it's tail.'
    'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'

    Terry Pratchett

    Einmal editiert, zuletzt von Lyall ()

  • ~ Shortest Day & Longest Night ~

    21. Langschnee 525


    Winter Solstice
    /seasonal waypoint/ winter

    The shortest day and longest night of our year,

    a time when darkness reigns.

    A still point filled with potent magic,

    when hope and light flickers in the hearth fire,

    and a new year awaits,

    filled with possibility and potential.


    (The Smallest Light)


    Langsam, fast schon verstohlen, öffnet Cináed die Tür zur Küche, durch welche man vom Garten her ins Haus gelangt und lugt vorsichtig hinein. Er hat Lyall an diesem Tag noch nicht zu Gesicht bekommen. Noch vor Tagesanbruch war seine Liebste aus dem gemeinsamen Bett geglitten und hatte sich auf leisen Sohlen aus ihrer Kammer geschlichen. Erst das allmähliche Schwinden der gewohnten Wärme ihres Körpers hatte ihn irgendwann aus seiner Trance erwachen lassen. Einen Moment hatte der Gutsherr innegehalten und Lyalls vertrauten Duft, welcher den Kissen und zurückgeschlagenen Decken und Fellen noch anhaftet, eingeatmet, bevor er es ihr gleich tut und sich ebenfalls erhebt um den Tag zu beginnen. Und irgendwie haben sie das nahezu Unmögliche vollbracht und sind sich (angesichts der Geschäftigkeit, die die letzten Vorbereitungen für die Festlichkeiten der Julnacht mit sich gebracht haben) bisher noch kein einziges Mal über den Weg gelaufen. An jedem anderen Tag hätte der Shida’ya sehr bedauert, und auch heute ist kaum eine Minute verstrichen, an dem er nicht an Lyall gedacht hätte—doch in eben diesem Augenblick, in dem er zur Hintertür herein in die Küche spät, kommt es ihm tatsächlich sehr gelegen, dass Rhona ihm schmunzelnd zu verstehen gibt, dass die Luft rein und Lyall anderweitig beschäftigt ist.


    Erleichtert atmet Cinàed auf und öffnet die Tür nun vollständig, um die Küche zu betreten. Ein eisiger Schwall kalter Luft sowie ein paar vorwitzige Schneeflocken folgen ihm von draußen herein, bevor die Tür wieder ins Schloss zurückfällt. Eilig klopft sich der Elb so gut es geht den Schnee von Gewandung und Stiefeln. Die Küche ist Rhonas Reich, in welchem sich selbst der Gutsbesitzer den dort herrschenden Regeln zu beugen hat. Und eine dieser Regeln lautet: kein Dreck auf frisch gewischten Küchenböden! Der Shida’ya nickt seiner obersten Magd zu und wendet sich in Richtung der Speisekammer. Unter einen Arm geklemmt, führt er einen großen eckigen Weidenkorb mit sich und Rhona entfährt ein leiser Aufruf der Entrüstung. Der zum Korb passende geflochtene Deckel, der den Inhalt des Korbes verbirgt, ist, im Gegesatz zu Cináed, nämlich immer noch mit Schnee bedeckt, und eben diese weißen Flocken fallen gerade munter auf den heiligen Küchenboden, wo sie sogleich kleine, matschige, unansehnliche Pfützen bilden. Schuldbewusst zieht Cináed rasch die Tür der Speisekammer hinter sich zu bevor Rhona ihn ausgiebig rügen kann. Von einem der zahlreichen Regale nimmt er sich mehrere geräucherte Würste und lässt diese in einer Jackentasche verschwinden. Anschließend stellt er den Korb ab, welcher sogleich verdächtig zu wackeln beginnt, und macht sich eilends daran die Falltür zum Kellergewölbe zu öffnen. Hastig nimmt der Gutsbesitzer den Korb wieder auf und ist kurz darauf in den Tiefen des Herrenhauses verschwunden.


    Korblos steigt er einige Zeit später wieder aus den Kellergewölben empor, um sich seinem unvermeidlichen Schicksal zu stellen. Als er aus der Speisekammer tritt, ist Rhona jedoch zu seinem großen Glück viel zu sehr mit dem Julbraten beschäftigt, als dass sie Zeit hätte ihm langen einen Vortrag über die Wichtigkeit sauberer Küchenböden (und reinlicher Küchen im Allgemeinen) zuhalten. Und so nutzt Cináed die Gunst der Stunde, um schleunigst das Weite zu suchen und sich nun endlich auf die Suche nach Lyall zu begeben. Er findet seine Liebste schließlich im Kaminzimmer, wo sie gerade damit beschäftigt ist gemeinsam mit Mair und Úna, die letzten Handgriffe an der festlichen eingedeckten Jultafel zu tätigen. Anerkennend lässt Cináed seinen Blick umherschweifen.


    Seit er das Kaminzimmer das letzte Mal betreten hat, hat sich dort einiges getan. Kerzenhalter und -ständer wurden mit frischen (jedoch noch nicht entzündeten) Kerzen versehen. Kleine und große Laternen sorgen bereits für heimeliges Licht, und auch das Feuer im Kamin prasselt schon angenehm und erfüllt den Raum mit wohliger Wärme. Über all dem liegt der Duft von frischem Tannengrün und winterlichen Gewürzen in der Luft und verbreitet einen ganz eignenen Hauch von Mittwintermagie. Lächelnd tritt Cináed an Lyall heran, und schließt sie endlich, endlich zum ersten Mal an diesem kürzesten Tag des Jahreslaufes in seine Arme. Er vergräbt sein Gesicht in ihrem Haar und atmet zufrieden den wilden Duft ihres Haares ein—ein bisschen Amber und Bergamotte, Zimt und Nelke, Honig, wilde Rosen und ein zarter Hauch von Lavendel. Mair und Úna verschwinden kichernd in Richtung Küche.


    “Wie war dein Tag?”, erkundigt Cináed sich schließlich, nachdem er Lyalls Mund ausgiebig geküsst hat. Zärtlich streicht er ihr ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. “Freust du dich schon auf den Abend?” Der Gutsbesitzer mustert die Wargin eindringlich. weiß er doch wie viel ihr an Aneirins Besuch gelegen ist. Aus eben diesem Grund hofft er der Shida’ya sehr, dass der Bäcker sich tatsächlich auf den Weg zu ihnen heraus nach Glyn-y-Defaid gemacht hat. Gewiss, es hat zu schneien begonnen, doch noch ist das weiße Treiben verhältnismäßig zurückhaltend, sodass sich der Weg heraus aus der Stadt relativ gut bewältigen lassen sollte. Lächelnd wartet Cináed Lyalls Antwort ab und hält sie noch eine Weile im Arm, bevor sie beide ein Blick hinaus aus den Fenstern daran erinnert, dass die längste Nacht des Jahreslaufes immer rascher näher rückt und sie sich noch umkleiden müssen. Nichts könnte Cináed ferner liegen, als der der Wunsch sich übertrieben herausputzen zu wollen. So wie er ist (gekleidet in grobe Gewänder, in welchen er den ganzen Tag über gearbeitet hat) möchte er sich allerdings später sicherlich auch nicht an die Festtagstafel setzen müssen, und er nimmt an, dass es seiner Liebsten in diesem Punkt ähnlich geht.

  • After the longest night, tomorrow we sing up the dawn. There is a rejoicing that, even in the darkest time, the sun is not vanquished.

    ~ Dacha Avelin ~



    21. Langschnee 525 – Julfeierlichkeiten



    Still blickt Lyall zufrieden auf die fast vollends dekorierte Jultafel, die sich unter festlichem Glanz vor ihr ausbreitet. Für diesen Augenblick gleicht sie einem sorgsam komponierten Stillleben, einem Bild voll ruhiger Erwartung, das schon bald von Stimmen, Lachen und dem warmen Klang erhobener Becher erfüllt sein wird. Noch liegt eine feierliche Ruhe über ihr, ein Innehalten vor dem Beginn, das Lyall jedes Jahr aufs Neue schätzt.

    Mit jedem Zwölfmond wandelt sich der Schmuck der Tafel ein wenig, folgt dem Lauf der Zeit und den Stimmungen jener, die an ihr Platz nehmen. Mal sind es andere Läufer, andere Gläser oder neue Farbklänge, die im Kerzenlicht schimmern und ein anderes Antlitz zeigen. Wie die Jahre selbst verändert das Gedeck seine Gestalt, und doch verliert es nie etwas von seiner stillen, feierlichen Schönheit; jener zeitlosen Würde, die diesem Abend innewohnt.


    In diesem Jahr ist die Tafel in Tönen von Waldgrün, Blutrot und gedämpftem Gold gehalten; Farben, die Wärme und Tiefe ausstrahlen und etwas Erdendes, beinahe Heimeliges besitzen.

    Zwei lange Läufer aus dunkelgrünem Samt ziehen sich zu beiden Seiten des Tisches entlang, einander spiegelnd wie die Bahnen still vorüberziehenden Himmelskörper. In ihr Gewebe sind Mondsicheln und Sternbilder von Roha eingearbeitet, die im flackernden Licht der Laternen sanft aufleuchten und den Blick unweigerlich einfangen. Auf diesem Band ruhen Geschirr und Besteck, als wären sie bewusst Teil eines größeren Musters.

    Glänzend geölte Scheiben aus dem Stamm einer Birke, deren helle Rinde bewusst belassen wurde, dienen als Platzteller. Sie tragen je einen flachen und einen tiefen Suppenteller aus dunklem Zinn, dessen Ränder ein feines Neumondrelief zu Ehren Faêyris ziert. Kunstvoll gefaltete Stoffservietten bilden das Bett für kleine Gastgeschenke: Sträußchen aus duftenden Kräutern und Gewürzpflanzen, die mitgenommen oder gleich genutzt werden können, um heißen Met oder Wein zu verfeinern, sowie kandierte Orangenscheiben, auf die in Zuckerschrift der jeweilige Name des Gastes gesetzt wurde.

    Für die Getränke stehen bauchige, elegant glasierte Keramikbecher bereit, tiefgrün und mit feinen goldenen Sprenkeln durchzogen, als hätten sich Sterne auf ihrer Oberfläche niedergelassen. Blank geschliffene Schalen aus Schiefer warten darauf, die Beilagen aufzunehmen, während kleine Gefäße aus Perlmutt und schimmerndem Waldglas bereits mit Salz, Pfeffer sowie Gewürzen wie Zimt und Anis gefüllt sind, um den Geschmack des Mahls sanft zu vollenden.

    Das polierte Silberbesteck reflektiert den honiggoldenen Schein der entzündeten Laternen, und dünnwandige Gläser mit silbernem Rand funkeln mit dem Licht um die Wette. In der Mitte der Tafel liegt ein weitläufiges, bewusst locker gehaltenes Gesteck aus immergrünen Zweigen – Tanne, Fichte, Buchs und Eibe –, durchzogen von schmalen Bändern in Grün, Rot und Gold. Getrocknete Apfel- und Birnenscheiben, Nüsse und mit feinem Goldstaub bestäubte Zapfen fügen sich zu einer natürlichen Zier, die ebenso sehr zum Naschen wie zum Verweilen des Blickes einlädt.

    Über den Tisch verstreut liegen getrocknete weiße Schlehenblüten, zart und unscheinbar wie gefallene Schneeflocken. Sie sind Sithech geweiht, dem Herrn des Winters, und erinnern an die stille Kälte, die über der Welt ruht, während unter ihr bereits die Erneuerung keimt.

    Unter dem floralen Gesteck fangen polierte Metallspiegel zusätzlich das Licht ein, vervielfältigen es und lassen die Tafel größer, tiefer und beinahe grenzenlos wirken, als hätte man ein Stück der funkelnden Sternennacht selbst auf ihr ausgebreitet.


    Die einzigen Elemente, die noch nicht ganz ihren endgültigen Platz gefunden haben, sind die Kerzenhalter und Ständer mit den noch unberührten Kerzen. Noch immer stehen die drei Frauen darüber gebeugt, leise diskutierend, ob diese besser als gemeinsames Zentrum wirken oder doch über die Länge des Tisches verteilt werden sollten. Mehrfach werden sie versetzt, neu gruppiert, wieder auseinandergezogen, bis schließlich Einigkeit herrscht: Zwei kleine Ensembles, bewusst versetzt, von hoch nach niedrig abfallend, sodass sie ein harmonisches Bild ergeben, ohne die Sichtlinien der einander gegenübersitzenden Gäste zu stören. „Das ist eine sehr gute Idee, Mair. So wirkt es wirklich stimmig“, sagt die Wargin anerkennend, während die Mägde die letzten Kerzenhalter an ihre endgültigen Plätze schieben.

    So vertieft ist Lyall in das Arrangement, in Licht und Linien, dass sie erst bemerkt, dass ihr Liebster an sie herangetreten ist, als sich seine Arme bereits um sie legen. Ein leiser, überraschter Atemzug entweicht ihr, als sie seine Nähe spürt, die Wärme seines Körpers und seinen Atem, der sanft ihr Haar streift. Für einen Herzschlag zuckt sie zusammen – ganz untypisch für sie, ihn nicht gehört zu haben – doch sofort gibt sie sich der vertrauten Umarmung hin.

    Still steht sie da, schließt die Augen und lässt das wohlige Gefühl in sich einsickern. Seine Wärme breitet sich langsam durch den Stoff ihrer Kleidung aus, vereint sich mit der ihren und wärmt sie auf eine Weise, wie es kein Kaminfeuer je vermocht hätte. Dass die Mägde kichernd den Raum verlassen, um ihnen ungestörte Zweisamkeit zu schenken, nimmt Lyall nur am Rande wahr. Zu sehr ist sie damit beschäftigt, Cináeds Küsse ebenso leidenschaftlich zu erwidern, wie sie ihr zuteilwerden; zu sehr darin verloren, die Vertrautheit dieser Berührung zu genießen.


    Auch ihre Arme umschlingen fest seinen Körper und nur widerwillig löst sie sich ein wenig von ihm, um ihm in die Augen zu sehen, bereit zu antworten – doch was sie dort findet, lässt ihr den Atem stocken. So viel Liebe, so viel Zärtlichkeit liegt in seinem Blick, dass ihre Knie weich werden wollen, und ohne ein weiteres Wort presst sie sich erneut an ihn.

    „Oh, es gab sehr viel zu tun“, erwidert sie schließlich ausweichend. „Bei dir sicher auch. Wir haben uns den ganzen Tag nicht gesehen …“ Ein leiser Anflug von Schuld regt sich in ihr, so früh aus dem gemeinsamen Gemach geflohen zu sein, doch ebenso ist sie überzeugt, dass es ihm nicht ganz ungelegen kam, einander an diesem Tag aus dem Weg gegangen zu sein. Jul ist nun einmal eine Zeit der Geheimnisse. Zumindest bis zur Bescherung. So wundert es sie nicht, dass er auf ihre Frage nach seinem Tag ähnlich vage antwortet. Ein verschmitztes Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht.


    Bei der zweiten Frage jedoch zögert sie. Allein ihr Klang genügt, um ihr ein mulmiges Gefühl in die Magengrube zu legen.

    „Ja, ich freue mich. Sehr sogar“, sagt sie schließlich leise. „Ich danke dir, mo leannan*, dass Aneirin das Fest bei uns verbringen kann. Du wirst ihn mögen, ganz bestimmt. Ich habe nur … nun ja … Bedenken, dass er es vielleicht doch nicht schafft. Oder… dass er sich nicht wohlfühlen könnte.“ Lyalls bernsteingoldene Augen folgen dem nachdenklichen Blick ihres Shida’ya auf die Szenerie vor dem Fenster, und wortlos stehen sie beieinander, während draußen der Schnee sanft vor dem Fenster herabfällt. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach.

    Nun liegt es an Aneirin, ob er sein Versprechen wahrmacht. Oder nicht.

    „Ich hoffe das Beste“, sagt sie schließlich ruhig. „Dieses Mal klang er wirklich … froh. Und ehrlich begeistert, der Einladung zu folgen.“ Mit einem tiefen Seufzer schüttelt sie die aufkeimenden Zweifel ab, bevor die Wargin sich Cináed betrachtend zuwendet. Sein rotes Haar schimmert im Licht des Kaminfeuers wie poliertes Kupfer, und für einen Moment ist sie versucht, ihr Gesicht in seine Hand zu schmiegen und weitere Zärtlichkeiten einzufordern. Doch draußen schwindet das Tageslicht in der selben Schnelligkeit, wie Laternen- und Feuerschein an Intensität gewinnen.

    „Komm“, sagt sie schlussendlich leise lachend, „wir müssen uns noch herrichten. So können wir uns nicht an die Jultafel setzen. Rhona würde uns den Kopf abreißen.“ Dann fügt sie, verschwörerisch und mit einem warmen Funkeln in den Augen, hinzu: „Lass uns die verbleibende Zeit nutzen und … Versäumtes nachholen.“ Sanft, aber bestimmt ergreift sie seine Hand und führt ihn aus dem Kaminzimmer hinaus, die Stufen hinauf in ihr Gemach – fort von Pflicht und Vorbereitung, hinein in kurze aber ungestörte Zweisamkeit.


    *Mein Geliebter

    'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, 'but what is that on your shoulders?'
    '
    It's. . . a fur collar,' said Nanny.
    'Excuse me, but I just saw it flick it's tail.'
    'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'

    Terry Pratchett

    Einmal editiert, zuletzt von Lyall ()

  • „Sometimes the bravest thing you can do is show up.“
    — aus ‚Grey’s Anatomy‘



    21. Langschnee 525


    ← Die Straßen der Stadt


    Die große Südstraße liegt ruhig vor ihm, als Aneirin sie erreicht. Der Schnee hat sie mit einer gleichmäßigen, gedämpften Decke überzogen, die jeden Schritt weicher macht, jedes Geräusch schluckt. Die Stadt liegt bereits hinter ihm, ihre Geräusche sind verebbt, zurück bleibt nur das leise Knirschen seiner Stiefel und sein eigener Atem.

    Zu beiden Seiten des Weges breitet sich das Land flach aus. Felder, die unter dem Schnee ruhen, als hätten sie beschlossen, den Winter einfach hinzunehmen. Hier und da ragen niedrige Hecken hervor, dunkle Linien im Weiß, und vereinzelt stehen kahle Bäume, deren Äste wie feine Linien in den grauen Himmel greifen. Weiter hinten, dort wo sich die Landschaft leicht hebt, verdichtet sich das Larisgrün, still und dunkel. Nur wenige Reisende kommen ihm entgegen, hinterlassen ihre Spuren im frischen Schnee.

    Aneirin geht gleichmäßig, lässt den Blick schweifen. Der Atem geht ruhig. Seine Schultern fühlen sich leichter an, als sie es seit Langem getan haben. Seine Gedanken wandern, aber nicht mehr in diesen müden Kreisen von früher. Sie kommen und gehen. Er denkt an Lyall, an ihr Lächeln, an den Moment, in dem sie ihn angesehen hat, als hätte sie nicht gezweifelt, dass er kommen würde. Er denkt an die Wärme in der Bäckerei, an Falks schiefes Grinsen, an das leise Klirren der Münzen in Valerias Hand. Er denkt an Niall und das, was er angestoßen hat.

    Und irgendwo dazwischen begreift er etwas, das er lange nicht benennen konnte: Dass die letzten Jahre schwer gewesen sind. Nicht nur traurig, sondern leer. Als hätte er sich selbst auf Abstand gehalten, aus Angst, noch mehr zu verlieren. Die Monde und Zwölfmonde waren vergangen, ohne wirklich zu vergehen. Arbeit, Schlaf, Arbeit. Eine Routine, die ihn beschützt hat. Aber nun… Nun fühlt es sich an, als würde etwas wieder in Bewegung kommen. Nicht plötzlich. Nicht mit einem Schlag. Eher wie Schnee, der langsam taut.

    Er bleibt kurz stehen, zieht den Mantel enger um sich und atmet tief ein. Die kalte Luft brennt leicht in der Lunge, klar und wach. Es tut gut. Er ist hier. Er geht diesen Weg, weil er es will. Nicht, weil er muss.


    Als er die Abzweigung nach Nachtschatten passiert, verändert sich die Landschaft. Der Weg wird schmaler, weniger begangen. An einer Wegkreuzung bleibt er kurz stehen, schaut in die möglichen Richtungen, versucht sich an die Wegbeschreibung zu erinnern, die Lyall ihm gegeben hat. Dann schlägt er den Pfad ein, der sich abseits hält, schmal und unscheinbar unter der frischen Schneedecke.

    Der Bauernweg führt ihn fort von der Straße, hinein in die Stille. Der Schnee liegt hier nahezu unberührt, nur selten durchzogen von vorsichtigen, tierischen Spuren. Nach einer Weile taucht eine kleine Brücke auf, deren Geländer von Frost und Schnee weiß überzogen ist. Dahinter erhebt sich eine Toranlage aus hellem, grob behauenem Stein. Aneirin bleibt einen Moment stehen, hebt den Blick. Die beiden steinernen Löwen auf den Pilastern wirken im Schneefall beinahe lebendig, als bewachten sie etwas Wertvolles.


    Als Aneirin durch die Toranlage tritt, verlangsamt sich sein Schritt beinahe von selbst. Der Hof von Glyn-y-Defaid öffnet sich vor ihm wie ein eigener kleiner Kosmos. Der Himmel über ihm ist nicht mehr das klare Winterblau des Nachmittags – die Dämmerung hat bereits eingesetzt, legt ein kühles, weiches Licht über die Welt, ohne sie schon ganz der Dunkelheit zu überlassen.

    Der Schnee liegt auch hier weich auf dem Pflaster, doch die Spuren der Menschen sind überall sichtbar – breite, freigeschaufelte Wege, sich kreuzende Fußabdrücke, das dumpfe Geräusch einer Schaufel, die irgendwo gegen Stein schlägt. In der Luft liegt dieses sonderbare Zwielicht, in dem Geräusche gedämpfter klingen und alles einen Hauch von Ruhe annimmt.

    In der Mitte des Platzes erhebt sich ein alter Baum, dessen mächtige Äste sich schützend über einen steinernen Brunnen beugen. Selbst jetzt, im Winter, wirkt er lebendig, als trüge er die Geschichte dieses Ortes in sich – und als würde er all jene willkommen heißen, die in dieser Stunde hier ankommen.

    Aneirin bleibt kurz stehen und lässt den Blick wandern. Ringsum liegen die Wirtschaftsgebäude, solide und zweckmäßig, aus demselben hellen Stein errichtet wie die Toranlage. Aus einer der Stallungen dringt gedämpftes Schnauben, irgendwo klappert Holz, und der Geruch von Rauch, Tieren und kalter Erde liegt in der Luft. Menschen sind unterwegs – eine Gestalt, die Schnee vom Weg schiebt, eine andere, die mit einem Korb unter dem Arm zwischen den Gebäuden hindurchgeht. Niemand wirkt gehetzt. Alles folgt einem ruhigen, geübten Rhythmus.

    Aneirin hebt die Hand zum Gruß, als ihm jemand entgegenkommt, und wird unerwartet freudig empfangen. Als er nach dem Herrenhaus fragt, deutet man ihm gerne den Weg. Er folgt dem Hinweis und bleibt schließlich stehen.


    Vor ihm erhebt sich das Herrenhaus, größer als die übrigen Gebäude, aber nicht prunkvoll. Die hellen Steine wirken warm im Winterlicht, das Schieferdach trägt eine feine Schneeschicht. Über der Eingangstür spannt sich ein hölzerner Vorbau, an dem sich selbst jetzt noch die kahlen Ranken des Goldregens entlangziehen. Weinreben klettern an den Wänden empor, ihre Blätter längst gefallen, doch ihre Linien noch sichtbar, als warteten sie nur auf den nächsten Frühling. Lichter brennen hinter den Fenstern.

    Und erst jetzt, als er wirklich davorsteht, spürt Aneirin, wie sein Herz schneller schlägt. Er hört seinen eigenen Atem. Spürt das Gewicht des Beutels an der Schulter, den festen Stand der Stiefel auf dem gefrorenen Boden. Für einen Augenblick ist da dieses alte, vertraute Ziehen in ihm. Die Stimme, die fragt, ob es nicht leichter wäre, einfach umzudrehen. Den Weg zurückzugehen. Nichts zu erklären. Sein Griff um den Riemen des Brotbeutels wird fester. Er atmet tief durch.

    Dann richtet Aneirin den Blick wieder auf die Tür. Hinter dem Holz schimmert warmes Licht hervor, gedämpfte Stimmen, Bewegung – Leben. Er hebt die Hand, um zu klopfen. Doch das alte leise, aber hartnäckige Zerren lässt ihn zögern. Seine Finger verharren in der Luft. Er denkt an Lyall, an die Selbstverständlichkeit, mit der sie gesagt hatte, dass er kommen solle. Dass es passt. An das Versprechen, das er ihr gegeben hat: Ich komme.


    „Macht niemand auf?“

    Die Stimme kommt so plötzlich, dass Aneirin zusammenzuckt. Er fährt herum, ein wenig ertappt, und sieht sich einem jungen Mann gegenüber, der ein breites, offenes Lächeln im Gesicht trägt. Dunkelblondes Haar lugt unter einer Mütze hervor, graugrüne Augen mustern ihn neugierig, aber freundlich. In seinen Armen hält er ein Bündel Holz.

    „Ich glaub, du müsstest etwas lauter klopfen“, meint der Fremde gutmütig. „Die sind alle mitten in den Vorbereitungen. Kann sein, dass sie’s sonst gar nicht hören.“

    Aneirin blinzelt, will gerade ansetzen zu erklären, dass er noch gar nicht geklopft habe, da legt der andere den Kopf leicht schief.

    „Moment…“ Ein erkennendes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Du bist Aneirin, oder? Lyall hat von dir erzählt. Sie meinte, du würdest heute kommen.“

    Überrascht hebt Aneirin die Brauen. „Ja. Also…“

    „Dann passt das ja“, unterbricht ihn der junge Mann fröhlich. „Ich wollte sowieso nach hinten zur Küche. Kann gleich Bescheid sagen.“ Er deutet mit dem Daumen über die Schulter. „Oder du kommst einfach mit. Ist wärmer als hier draußen.“

    Seine Art ist unbekümmert, offen, als sei Aneirin längst Teil dieses Ortes. Bevor dieser noch recht weiß, was er antworten soll, hat der andere sich schon in Bewegung gesetzt, wirft ihm einen aufmunternden Blick zu.

    „Komm schon. Die warten bestimmt schon.“

    Aneirin zögert noch einen Herzschlag. Dann senkt er die Hand, die eben noch zum Klopfen erhoben war und folgt ihm.


    „Ich bin übrigens Liam“, meint der Blonde über die Schulter hinweg, ehe er die Tür zur Küche aufstößt. „Ich sag nur schnell–“ Weiter kommt er nicht.

    „Halt!“ Die Stimme kommt scharf wie ein Messerhieb. Liam bleibt augenblicklich stehen, noch halb im Türrahmen, und seufzt leise, als hätte er genau das erwartet. Vor ihm steht eine Frau mit rehbraunen Augen und einem Gesicht, das zugleich freundlich und unerbittlich wirken kann – je nachdem, wie man ihr begegnet. Ihr kastanienbraunes Haar ist zu einem praktischen Knoten gebunden, einzelne Locken haben sich gelöst und tanzen in der warmen Luft der Küche. Ihr Blick wandert prüfend über Liam, bleibt an seinen Stiefeln hängen, gleitet über Mantel und Schultern – und verengt sich minimal.

    „Schnee“, stellt sie trocken fest. Noch ehe Liam etwas erwidern kann, ist sie schon bei ihm, klopft mit geübten Handgriffen Mütze und Schultern ab. Flocken rieseln zu Boden und bilden kleine, dunkle Flecken auf den sauberen Steinen. Liam zieht nur die Schultern hoch, grinst unschuldig und lässt es über sich ergehen.

    „Ich habe heute drei Mal gewischt“, sagt sie, ohne die Stimme zu heben. „Drei. Mal.“

    Liam hebt beschwichtigend die Hand. „Ich war vorsichtig.“

    „Nein warst du nicht.“

    Dann fällt ihr Blick auf Aneirin. Einen Moment mustert sie ihn – den Schnee in den Falten seines Mantels, die Spuren des Weges an seinen Stiefeln – und seufzt leise, aber nicht unfreundlich.

    Liam grinst breit. „Das ist Rhona. Meine Cousine. Herrscherin über alles, was sauber bleiben soll.“ Er deutet mit dem Daumen über die Schulter. „Und das hier ist Aneirin. Der Gast, von dem Lyall erzählt hat.“

    Rhonas Gesicht hellt sich sofort auf. „Ach? Na, dann komm näher.“ Mit wenigen, geübten Handgriffen klopft sie auch Aneirin den Schnee von den Schultern und dem Mantel, nicht grob, aber mit jener resoluten Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch duldet. Erst als sie zufrieden ist, nickt sie knapp.

    „So. Jetzt könnt ihr rein. Aber langsam.“ Aneirin stampft den letzten Dreck von den Stiefeln, bevor er Liam in die Küche folgt. Dieser legt das Holz ab und steuert sogleich auf eine weitere Tür zu. „Komm“, sagt er über die Schulter. „Ich zeig dir, wo du deinen Mantel aufhängen kannst.“

    „Moment noch…“, wendet Aneirin ein und dreht sich zu Rhona um. Er deutet auf den Brotbeutel über seiner Schulter. „Ich habe frisches Brot und Rosinenbrötchen mitgebracht.“ Er tritt näher und übergibt ihr die in Tücher gewickelten Backwaren aus seinem Brotbeutel. Liam beugt sich neugierig über seine Schulter. „Rosinenbrötchen…“, murmelt er sehnsüchtig und will schon zugreifen. Doch Rhonas Hand ist schneller. Ein leichter Klaps auf seine Finger, nicht schmerzhaft, aber eindeutig. „Finger weg. Die gibt es später. Für alle.“

    Dann sieht sie wieder zu Aneirin und es liegt ein echtes Lächeln in ihrem Blick. „Vielen Dank. Das kommt gerade recht. Ich schneide es gleich auf.“ Ohne weitere Worte wendet sie sich ihrer Arbeit zu.

    Liam legt Aneirin im Vorbeigehen kurz die Hand auf die Schulter und beugt sich zu ihm. „Beste Entscheidung des Abends“, flüstert er verschwörerisch. „Sie mag dich.“ Dann nickt er in Richtung der Tür. „Komm.“


    Die Eingangshalle des Herrenhauses ist kleiner, als Aneirin erwartet hat. Die Wände sind von vier alten Wandteppichen geschmückt, deren Farben im warmen Licht der Lampen sanft schimmern. Ein Kachelofen verbreitet wohlige Wärme, daneben steht eine kleine Sitzecke – ein niedriger Tisch, zwei lederne Ohrensessel, mit weichen Lammfellen ausgelegt. Alles wirkt gebraucht, aber gepflegt. Ein Haus, in dem gelebt wird.

    Liam deutet auf einen Garderobenständer nahe der Eingangstür. „Hier kannst du deinen Mantel aufhängen. Warte kurz hier“, meint er. „Ich schau, ob ich sie finde und sag Bescheid.“ Dann steuert er auf einen Raum gegenüber zu.

    Aneirin bleibt zurück. Er löst den Verschluss seines Umhangs, hängt auch Mantel, Gugel und den Beutel ordentlich auf und streicht unbewusst noch einmal über den Stoff seiner blauen Tunika mit den goldenen Borten, als müsse er sich vergewissern, dass er wirklich angekommen ist. Die Kälte fällt langsam von ihm ab, während die Wärme des Hauses in ihn einsickert.

    Für einen Moment überlegt er, ob er sich in die kleine Sitzecke setzen soll. Die Sessel sehen einladend aus, das Feuer knackt leise im Ofen. Doch er entscheidet sich dagegen. Stattdessen bleibt er stehen, die Hände locker an den Seiten, da er nicht weiß, wohin mit ihnen. Seinen Blick hält er einen Moment auf die Wandteppiche gerichtet, ohne sie wirklich zu sehen. Sein Atem geht ruhig, aber sein Herz schlägt schneller als eben noch. Und dann merkt er: Es fühlt sich richtig an, hier zu sein.

  • ~ Winter ~

    21. Langschnee 525


    Winter came down to our home one night,

    Quietly pirouetting on silver-toed slippers of snow,

    And we were children again ...


    (Bill Morgan, Jr)


    Die Stufen knarren leise unter ihren Schritten, als hätten auch sie den ganzen Tag darauf gewartet, endlich gehört zu werden. Cinaéd folgt Lyall ohne Widerstand, seine Hand warm und vertraut in ihrer, und erst oben, als die schwere Tür der Schlafkammer hinter ihnen ins Schloss fällt, lässt die Spannung des Hauses spürbar nach. Hier drinnen ist die Welt kleiner: gedämpftes Kerzenlicht, der Duft von Tannengrün und getrockneten Kräutern, das gefrostete Blumen an den Fenstern. Lyall lässt seine Hand los, nur um sich umzudrehen und ihn einen Herzschlag lang anzusehen, als prüfe sie, ob er wirklich da ist, dann legt sie sacht die Stirn an seine Brust. Der Shida’ya legt seine Arme um sie, fest genug, um Versprechen zu sein, sanft genug, um keine Forderungen zu stellen. Er riecht nach kalter Luft und Rauch, nach draußen und drinnen zugleich. Ein schmales Lächeln scheint über Lyalls Gesicht zu huschen, und der Elb lässt sich nur zu bereitwillig von seiner Liebsten ein paar Schritte weiter in den Raum ziehen. Weg von der Tür, näher an das breite Bett, auf welchem Decken und Felle mittlerweile wieder sorgsam hergerichtet worden sind. Zumindest für einen Augenblick legen sie die Pflichten des Tages ebenso ab wie ihre Gewänder, bis nur noch Nähe bleibt. Kein Eifer, kein Drängen—nur das stille Wiederfinden zweier Liebener, die sich vermisst haben, ohne es laut auszusprechen.


    Eine Weile sprechen sie nicht, genießen einfach nur die Nähe des anderen. Draußen klopft der Wind an die Fensterläden, irgendwo im Haus lacht jemand, gedämpft und fern. Lyall lehnt sich an Cináed und lauscht seinem Herzschlag, als wolle sie sich vergewissern, dass er im selben Takt schlägt wie der ihre. “Meinst du…“, beginnt sie schließlich, und zögert kurz, „er kommt wirklich?“ Cináed atmet langsam aus. “Ich glaube es. Und wenn nicht…“ Seine Hand streicht beruhigend über ihren Rücken. “Dann fragen wir ihn eben nächstes Mal wieder.” Und er meint es, weiß er doch wie wichtig Lyall die Freundschaft zu Aneirin ist. “Oder wir laden ihnen zu irgendeiner anderen Gelegenheit wieder ein… bis er kommt”, erklärt er daher bestimmt. Sie nickt und nimmt die Antwort an, wie sie ist. Cináed sieht es ihrem Gesicht an: heute soll der Zweifel nicht gewinnen. Stattdessen hebt sie den Kopf und berührt seine Stirn mit einem kurzen, stillen Kuss. Und für diese wenigen, kostbaren Augenblicke gehört Roha’s weites Rund nur ihnen beiden, während draußen der Schnee noch immer sacht fällt und unten das Licht der kommenden Feier schon auf sie wartet.


    Irgendwann ist es dann aber doch an der Zeit, dass sie sich wirklich für den Abend ankleiden müssen. Dankbar nimmt Cináed die Kleidungsstücke entgegen, die Lyall ihm amüsiert reicht. Lederne Beinlinge, ein schlichtes Leinenhemd sowie eine schlichte dunkelgrüne Tunika mit dünner goldener Bordüre, welche, wie der Elb feststellt, tatsächlich (obwohl schon etwas älter) recht gut mit Lyalls eigenem Gewand harmoniert. Einen Moment lang betrachtet er seine Liebste bewundernd. Sonst nicht so für Kleider zu habend und eher praktische Gewänder bevorzugend, bietet die Wargin an diesem Abend in ein samtgrünes Kleid mit aufwendiger Goldborte verziert einen recht unwohnten Anblick. Im besten Sinne. Cináed interessiert sich herzlich wenig für Bekleidung, hat daher keinerlei Anhung von der gegenwärtigen Mode (insbesondere was die Gewandung der Damenwelt angeht), und liebt Lyall ganz gleich was sie an irgendeinem gegebenen Tag gerade trägt, aber selbst ihm entgeht nicht, dass sie sich für diesen Abend sehr bewusst für ein ausgesprochen feines und festliches Gewand entschieden hat. “Du siehst atemberaubend aus”, erklärt er ehrlich begeistert, als sie sich fast schon etwas verlegen einmal für ihn um die eigenen Achse dreht.


    Cináed schlüpft gerade in ein paar einfache Schuhe und greift nach dem ledernen Gürtel, den Lyall ihm reicht, dnn hören sie es. Ein Pochen irgendwo tief im Haus—Schritte, Stimmen. Ihre Blicke kreuzen sich. Dann ein einvernehmliches Lächeln. Noch Zeit. Nicht viel, doch genug für einen letzten Kuss bevor Cinaéd und Lyall rasch gemeinsam die Kammer verlassen und hinabgehen, um Aneirin zu begrüßen.

    Warm schimmerndes Kerzenlicht erfüllt die große Eingangshalle, als sie die breite Treppe hinabkommen. Der rothaarige Hausherr schreitet ruhig und aufrecht. Neben ihm bewegt sich Lyall mit geschmeidiger Anmut; ihr dunkles Haar fällt in weichen Wellen über die Schultern, zwischen denen sich die feinen Konturen ihrer Wolfsohren abzeichnen. Die goldene Borte ihres Kleides schimmert im Licht der Kerzen, die weiten, eleganten Ärmel wogen leicht im Gleichklang ihrer Schritte.


    Unten in der Halle wartet ihr Gast geduldig. Aneirin hat Umhang, Mantel und Gugel bereits abgelegt. Ein paar einsame Schneeflocken sind auf den Spitzen seiner Stiefel zu glitzernden Tropfen zerschmolzen. Der Umstand, dass sich zu seinen Füßen keine kleine Schneepfutze gebildet hat, lässt jedoch ohne jeden Zweifel erkennen, dass Rhona ihre frisch gewischten Böden tapfer (und erfolgreich) verteidigt hat. Die blaue Tunika des Bäckers besteht aus dicht gewebter Wolle. Der Stoff ist schlicht, doch edel geschnitten—mit dezenten Gold-Borten an Kragen und Ärmeln. Ein ein einfacher Ledergürtel hält sie zusammen. Als er den Blick hebt, huscht ein ehrliches, warmes Lächeln über sein Gesicht.

    Durch die Fenster ist das erste dichte Schneetreiben zu sehen; große Flocken tanzen im Zwielicht des frühen Abends, während draußen die Welt stiller wird. Drinnen knackt das Feuer im Ofen, der Duft von Tannengrün und Gewürzen liegt in der Luft. Von irgendwoher im Haus dringt leises Gelächter in die kleine Eingangshalle, und eine winterliche Geborgenheit breitet sich aus.


    Lyall erreicht als Erste den Fuß der Treppe und öffnet die Arme zu einer herzlichen Geste. Cináed tritt hinzu und neigt leicht den Kopf zur Begrüßung; seine Augen leuchten freundlich, und als er Aneirin die Hand reicht, liegt darin eine stille Wärme, die mehr sagt als formelle Höflichkeit.

  • The best things in life are the moments that warm your heart.

    ~ unknown ~



    21. Langschnee 525 – Julfeierlichkeiten



    Als Lyall und Cináed die Kammer verlassen, liegt noch der Nachhall des letzten Kusses auf ihren Lippen. Ihre Finger streifen seine, während sie die Tür ihrer Kammer hinter sich schließen. Ein flüchtiges, fast schelmisches Lächeln huscht über ihr Gesicht. Doch noch bevor sie den ersten Schritt zur Treppe setzt, hält sie für einen winzigen Moment inne und sieht ihren Verlobten an. Nicht nur flüchtig. Sondern tief, ehrlich und unendlich liebevoll.

    Wie er dort steht… die dunkelgrüne Tunika schlicht und doch edel, der feine Goldsaum ein stilles Echo ihres eigenen Gewandes. Der Stoff legt sich ruhig über seine Schultern, betont die aufrechte Haltung, die ihm so eigen ist. Und darüber ergießt sich sein Haar mit diesem warmen, rötlichen Schimmer, das im Kerzenlicht beinahe zu glühen scheint, wie getriebene Bronze.

    Das an tiefe Wälder erinnernde Dunkelgrün bringt diesen Glanz nur noch stärker hervor, lässt ihn leuchten, als trüge er selbst ein Stück Abendsonne mit sich. Ein zärtliches Staunen legt sich in die Miene der Wargin. Ihr Gefährte.

    Noch immer fühlt sich dieses Wort an wie etwas Kostbares auf der Zunge. Sie würde ihren Shida´ya und seine Liebe zu ihr nie in Frage stellen. Jeden Tag ist sie erneut von tiefem Glück beseelt, dass auch er sie gewählt hat. Und jedes Mal, wenn sie ihn betrachtet, so ruhig, so sicher an ihrer Seite, weiß sie erneut, dass sie keine bessere Wahl hätte treffen können.

    Ihr Herz schlägt nicht schneller vor Aufregung, sondern es schlägt tiefer. Völlig eingenommen vom stillen, warmen Stolz, ihn ihren Gefährten nennen zu dürfen. Dass er an ihrer Seite geht. Dass er zu ihr gehört und sie zu ihm.


    Das leise Knarren der Stufen, das Murmeln von Stimmen unten in der Halle begleiten Cináeds und Lyalls Schritte hinab in die im goldenen Kerzenschein liegende Eingangshalle.

    Die Wargin kann auf diesem kurzen Weg nicht verhindern, dass weiterhin ein kleiner eisiger Stachel des Zweifels in ihrem Herzen sitzt und dieser erst langsam zu schmelzen beginnt, als sie Aneirins großer Gestalt gewahr wird.

    Er ist wirklich gekommen. Hatte sein Versprechen gehalten. Die Verbindlichkeit seiner Worte hatte die Drachenländern nicht wirklich in Frage gestellt, aber es blieb die stumme unbeugsame Angst in ihr, dass sein Platz an der Tafel erneut leer bleiben würde.

    Doch Aneirin steht dort, warm eingehüllt im Kerzenlicht, dieses für ihn so typische ehrliche Lächeln auf den Lippen und plötzlich löst sich etwas in ihr, von dem sie gar nicht bemerkt hatte, wie fest es angespannt gewesen war. Ihre Schultern sinken kaum merklich, ihr Blick wird weich. All die kleinen Zweifel, die sie oben noch mit Cináed geteilt hatte, zerrinnen wie Frost unter den Strahlen einer erstarkenden Frühlingssonne.

    Lyall kann nicht umhin, dass sich ihre Schritte unwillkürlich beschleunigen und die letzten Schritte legt sie nicht mehr mit zurückhaltender Anmut hinter sich (eine Anmut, die sie in den letzten Wochen versucht hatte sich anzueignen, um relativ unfallfrei mit einem ihr sonst eher ungewohnten Kleidungsstück die Treppe hinunter zu kommen), sondern mit offener, unverstellter Freude.

    Ihre Augen leuchten voll Vorfreude und der Kerzenschein zaubert goldene Reflexe in diese hinein. Als sie die Arme herzlich öffnet, ist es keine formelle oder banale Geste. Es ist ein warmes Willkommen, das aus tiefstem Herzen kommt.

    „Aneirin… Du bist wirklich hier.“ Und dann umarmt Lyall Aneirin rasch noch fester und freut sich von ganzem Herzen, dass er tatsächlich zu ihnen gekommen ist.

    Während die Männer kurz eine freundschaftliche Begrüßung austauschen, schwelgt Lyall in purer Glückseligkeit. Sie freut sich so sehr, dass er der Einladung gefolgt ist und nun wirklich hier vor ihnen steht. Aber am allermeisten freut sie sich, dass von ihm wieder diese fröhliche Leichtigkeit ausgeht, die sie so sehr an ihm schätzt und die ihn so unverkennbar ausmacht. Sie hofft inständig, dass der Abend für ihn eine Möglichkeit ist, wieder gesellig zu sein ohne ihn anzustrengen oder zu überfordern. Er soll hier seine Sorgen vergessen können und nach der Feier vielleicht auch eine Geborgenheit und Ruhe finden, die für seinen Geist heilsam sein kann.

    Wahrscheinlich wird sie bald ein Krampf in den Gesichtsmuskeln bekommen, aber die kann nicht anders als überglücklich zu lächeln, bevor sie in einer einladenden Geste in Richtung Kaminzimmer deutet. „Meine Herren, bitte. Lasst uns das Fest beginnen“.

    'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, 'but what is that on your shoulders?'
    '
    It's. . . a fur collar,' said Nanny.
    'Excuse me, but I just saw it flick it's tail.'
    'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'

    Terry Pratchett

    Einmal editiert, zuletzt von Lyall ()

  • „Ein gegebenes Wort ist ein gegebenes Wort.“

    — Theodor Fontane



    21. Langschnee 525


    Liam taucht schnell wieder auf und schließt die Tür leise hinter sich. Die wenigen Schritte zu Aneirin hat er ebenso rasch überbrückt. „Lyall ist noch oben“, sagt er leise. „Sie macht sich fertig, kommt aber sicher gleich.“ Er deutet kurz zur Sitzecke. „Du kannst gern warten. Setz dich ruhig.“ Aneirin schüttelt kaum merklich den Kopf. „Danke, ich bleibe solange stehen.“

    „Wie du magst.“ Liam lächelt. „Ich muss nochmal in die Küche. Rhona braucht Hilfe. Und ich sollte mich auch noch umziehen.“ Er hebt kurz die Hand. „Bis gleich.“ Dann ist er verschwunden.

    Aneirin bleibt allein in der Halle zurück. Das Feuer knackt leise im Ofen, irgendwo im Haus klingt Gelächter auf, Schritte, Stimmen, das Klirren von Geschirr dringt aus der Küche. Die Wärme legt sich weiter um Aneirin, nimmt ihm die letzte Kälte des Weges. Er wartet geduldig. Nicht unruhig, nur ein klein wenig aufgeregt.


    Da hört er das leise Knarren von Stufen, Schritte auf der Treppe. Aneirin hebt den Blick. Der Hausherr schreitet ruhig und aufrecht die Stufen hinab, jede Bewegung gelassen, sicher. Das warme Licht aus der Halle legt sich auf sein rotes Haar und den Stoff seiner Kleidung, lässt ihn beinahe wie einen festen Bestandteil dieses Hauses wirken – nicht als Gastgeber, sondern als jemand, der hier einfach hingehört.

    Aneirins Blick wandert weiter. Und bleibt an Lyall hängen. Der Stoff ihres Kleides fällt weich um ihre Schritte, fängt das Licht ein und gibt es gedämpft wieder frei. Ihr dunkles Haar liegt in offenen Wellen über ihren Schultern, und zwischen den Strähnen zeichnen sich die vertrauten Konturen ihrer Wolfsohren ab.

    Aneirin blinzelt. Für einen Moment wirkt alles an ihr fremd und zugleich vertraut. Schön war sie für ihn immer gewesen. Aber in diesem Augenblick zeigt sich etwas an ihr, das er so noch nie wahrgenommen hat – und das ihn still innehalten lässt. Er hat sie schon einmal in einem Kleid gesehen. Aber nicht so. Nicht mit dieser Ruhe, nicht mit dieser selbstverständlichen Eleganz. Sein Blick löst sich nicht mehr von ihr. Sie kommt näher und plötzlich beschleunigen sich ihre Schritte, verlieren die vorsichtige, erlernte Zurückhaltung. Da ist nur noch offene, unverstellte Freude.

    Aneirin macht unwillkürlich einen Schritt vor. Dann noch einen, fast als fürchte er, sie könnte im letzten Augenblick doch noch stolpern. Ihre Arme öffnen sich und er schließt sie fest in seine eigenen. Er hält sie, ohne zu zögern. Sein Gesicht sinkt in ihr Haar, der vertraute Duft trifft ihn sofort, warm, lebendig. Seine Lippen streifen beinahe die Haut ihres Halses, dort, wo der weite Ausschnitt des Kleides beginnt. Für einen Atemzug bleibt er einfach dort, spürt die Nähe, die Wirklichkeit dieses Moments.

    „Ja… Ich bin hier“, murmelt er leise in ihr Haar. Er hält sie einen Herzschlag länger, als es vielleicht nötig wäre. Dann löst er sich langsam. Sein Blick sucht ihren, warm, offen – und er lächelt. Dieses ehrliche, ruhige Lächeln, das so unverkennbar zu ihm gehört.


    Cináed tritt ganz unaufdringlich hinzu. Aneirin wendet sich ihm zu, noch ganz in diesem Nachklang der Umarmung, und reicht ihm die Hand. Der Hausherr neigt leicht den Kopf, eine Geste, die mehr Respekt als Förmlichkeit in sich trägt. Als sich ihre Hände schließen, spürt Aneirin sofort die feste, ruhige Wärme darin – keinen prüfenden Griff, sondern eine Selbstverständlichkeit, die ihm unerwartet guttut. Mehr braucht es nicht.

    Aneirin nickt, hält den Händedruck einen Augenblick länger, als es der bloßen Begrüßung entspräche, und legt schließlich auch die linke Hand kurz auf Cináeds. „Danke…“, murmelt er ehrlich. „…dass ich hier sein darf.“

    Neben ihnen steht Lyall, ganz erfüllt von diesem Moment. Aneirin nimmt sie aus dem Augenwinkel wahr – das Lächeln, das sie nicht zurückhalten kann, die Leichtigkeit, die von ihr ausgeht. Sie sagt nichts, muss nichts sagen. Ihre Freude liegt offen zwischen ihnen, warm und still. Und während die Männer die Begrüßung lösen, begreift Aneirin, dass er nicht nur angekommen ist. Er ist willkommen.


    Aneirin folgt Lyall und Cináed zu der Tür hinter jener Liam zuvor nach der Wargin suchte. Schon im Türrahmen schlägt ihnen wohlige Wärme entgegen. Das Feuer im Kamin brennt ruhig, sein Licht tanzt über Wände und Decke. Der große Tannenbaum in der hinteren Ecke glitzert im Schein der Kerzen, Nadeln und Schmuck fangen das flackernde Licht ein und werfen es sanft zurück in den Raum.

    Die Jultafel steht bereits gedeckt, still und feierlich, als warte sie darauf, dass Stimmen und Bewegung sie zum Leben erwecken. Farben, Düfte, das matte Glänzen von Metall und Glas – alles wirkt sorgfältig gewählt, mit einer Ruhe, die nichts zur Schau stellt und gerade deshalb so eindringlich ist.

    Aneirin tritt ein und bleibt unwillkürlich stehen. Er nimmt alles gleichzeitig wahr und doch nichts ganz: das Grün der Zweige, das warme Rot, die goldenen Reflexe, das leise Knacken des Holzes im Kamin, den Duft von Gewürzen und frischem Gebäck. Für einen Moment starrt er mit vor Erstaunen leicht geöffnetem Mund. Er ist er mehr als überwältigt. Es ist zu viel… und doch genau richtig.

    So lange hat er nicht mehr gefeiert. Die Jahre nach Briannas Tod sind an ihm vorübergezogen, ohne Schmuck, ohne Lichter. Höchstens ein kleines Gesteck mit einer Kerze auf dem Tisch, das Valeria und Falk ihm irgendwann hingestellt hatten – mehr hatte er nicht zugelassen, sich selbst nicht erlaubt.

    Jetzt steht er hier, mitten in Wärme, Farbe und Erwartung, und weiß für einen Moment nicht, wohin er zuerst schauen soll. Sein Blick wandert über die Tafel, den Baum, die Spiegelungen im Licht – und bleibt schließlich einfach irgendwo dazwischen hängen, während er tief durchatmet.


    Da bemerkt er im Augenwinkel eine zunächst unscheinbare Bewegung. Ganz am anderen Ende der Tafel, halb verdeckt vom lockeren Gesteck aus Zweigen und getrocknetem Obst, ragen gleich zwei kleine Berge dunkelblonder Locken hinter der Tischkante hervor. Dann erscheinen zwei suchende kleine Hände, die vorsichtig durch die Schlehenblüten nach den kandierten Orangenscheiben auf dem Tisch tasten. Kaum, dass sie etwas gefunden haben, sind sowohl Hände als auch Locken wieder verschwunden. Doch als Aneirin etwas genauer lauscht, kann er ein leises, heimliches Kichern vernehmen.

    Aneirin spürt, wie sich ein leises Lächeln in sein Gesicht stiehlt. Er sagt nichts, geht keinen Schritt näher, macht keine Bewegung, die sie verraten würde. Stattdessen hebt er nur leicht die Brauen – ein stilles Einverständnis, das mehr Verschwörung als Tadel in sich trägt.

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