Beiträge von Azra

    Lyall zeigt sich nicht ganz so begeistert von der Idee kleines (in diesem Fall eher riesiges) Gespenst zu spielen und gibt nach einer flüchtigen Tuchinspektion zu bedenken, dass ihr Geruchssinn zwar keinerlei Einschränkung erfährt durch die Verkleidung – Azra aber als Blindenführerin fungieren müsste, um unangenehme Zusammenstöße zwischen ihr und, nun, allem und allen anderen zu verhindern. Es ist allerdings Lyalls Beschreibung von ihr selbst, die Azra kurz von ihrem innigen Bedürfnis, zwei ihrer Söhne die Ohren von hier bis nach Normand zu ziehen, ablenkt: „Ich strahle ätherisch hell? Meinst du damit meine schneeweiße Haut?“ Als ob sie sicherstellen möchte, dass sie nicht tatsächlich strahlt wie ein Glühwürmchen, sieht sie auf ihre Hände hinab. Es sind kleine Hände, schmal, mit grazil anmutenden Fingern, rosigen, beinahe durchscheinenden Nägeln und unter der perlenblassen Haut zeichnen sich in einem zarten Grau die Knöchel ab. Aber sie strahlen nicht.


    „Ich gehe einfach neben dir und verkaufe dich als, hm, zu groß geratener Arduner Wolfshund“, schlägt Azra zwei Fliegen mit einer Klappe und verdreht in einem Anflug mütterlicher Unmuts die Augen – was man kaum sieht, weil auch diese, bis auf einen zarten, taubengrauen Ring ganz weiß sind. „Mit dem Wunsch nach einem Hund liegen die Jungs mir schon in den Ohren, seit Colevar diesen einohrigen Flohfänger aus den Rhainlanden angeschleppt hat. Oder war es Normand? Wie auch immer. Das weiß auf jeden Fall inzwischen die ganze Harfe.“ Vielleicht auch schon das gesamte Marktviertel. Wenn ihre Söhne etwas nicht sind, kein Einziger von ihnen, dann ist es subtil. Es ist nicht so, dass Azra Hunde grundsätzlich nicht mag, sie ist eher generell etwas unbeholfen und zurückhaltend im Umgang mit Tieren. Und sieht es außerdem überhaupt nicht ein, neben 10 matschwütigen Dreckspatzen (gut, sieben, Braen, Heledd und Brevair führen ihre Toilette inzwischen mehrheitlich selbstständig durch) auch noch einen befellten Mitläufer regelmäßig in den Badezuber stecken zu müssen.


    Entschieden legt Azra das ruinierte Laken beiseite und zieht eines der alten, vergrauten Leinen von dem ovalen Tisch, der die Wabe dominiert. Da Lack- und Malerarbeiten durchgeführt werden, hat Azra den Raum vorab so lange geputzt, geschrubbt und gewienert, bis auch das hartnäckigste Staubkorn kapituliert, seine Koffer gepackt und ausgezogen ist. Das Tuch wirbelt deshalb keine einzige Fluse auf. Dann aber fällt Azra auf, dass sie in Wahrheit keine Ahnung hat, wie so eine Wandlung eigentlich vonstattengeht und das, obwohl sich in ihrem Bekanntenkreis mehrere Wandler finden, allen voran Karamaneh und die naseweise kleine Tochter von Calait und Colevar, Neirin. Letztere hat sie schon einmal in ihrer Bärenform im Vorratsschrank erwischt – und beinahe kreischend und besenschwingend aus dem Haus gejagt, wäre Colevar nicht rechtzeitig eingeschritten und hätte sich das mindestens genauso erschrockene und laut quietschende Bärenjunge nicht mit einer überstürzten Entschuldigung einfach unter den Arm geklemmt.


    „Mh… Musst du dich für die Wandlung, ähm, ausziehen? Falls ja, du kannst deine Sachen einfach hier lagern, ich schließe den Raum ab. Oh, und soll ich draußen warten?“ wie auch immer sich die Wandlung gestaltet, Azra geht davon aus, dass es sich um eine intime Angelegenheit handelt. Etwas, das man nicht mit jedem teilen möchte. „Oder soll ich einfach die Türe abschließen und dir den Rücken zudrehen? Wie es dir lieber ist.“

    Anfang Sturmwind 525


    Das Bad lehnt Lyall dankend ab, lenkt aber, als Azras Augenbraue prompt in die Höhe schießt, rasch ein, dass eine warme Mahlzeit und ein Tee hingegen äußerst willkommen wären. Zufrieden sieht Azra davon ab, die Wargin höchstpersönlich in die Wanne zu stecken, lässt es sich aber nicht nehmen ihr dafür eine Kutsche und eine Begleitung nach Hause anzudrehen. „Du würdest Ninio einen riesigen Gefallen tun“, schmunzelt Azra, weil sie an den entschuldigend angelegten Fellohren schon erkennen kann, dass Lyall auch dieses Angebot lieber ausschlagen möchte: „Er wäre froh für ein paar Stunden aus dem Stall rauszukommen. Das Dromedarlamento quillt ihm schon zu beiden Ohren raus.“ Der arme Mann hat es im Augenblick tatsächlich nicht leicht mit seinen exotischen Gästen und ihren exotischen Ansprüchen. Allen voran der Besitzer der wunderhübschen, aber auch fürchterlich kapriziösen Imazighalstute – die den malerischen Namen Raqhisa hal’asham, Tänzerin unter der Sonne, trägt – stellt den, für seine stoische Gelassenheit und sein besonnenes Gemüt bekannten, Stallmeister mit tausendundeinem Extrawunsch tagtäglich auf die Probe. Lyall kann also unmöglich widersprechen und das ist Azra nur Recht. Der Himmel sieht nicht aus, als würde er sich in den nächsten Stunden klären und obwohl sie weiß, dass die Frau nicht wehrlos ist, wäre ihr nicht wohl bei dem Gedanken sie bei Regen und Dunkelheit alleine nach Glyn-i-Defaid zurückkehren zu lassen.


    Auf Lyalls Frage hin, ob sich Azra das mit dem Schattenwolf auch gut überlegt hätte, legt diese den Kopf leicht schief und schürzt bedächtig die Lippen: „Richtig. Du wandelst dich in einen Schattenwolf. Hm.“ Die Harfe hat in ihrer Zeit nun wissen die Götter schon alle möglichen Tiere, Wesen, Kreaturen und Monster gesehen, manche davon auch beherbergt. Ein Dämon hat in ihrem Weinkeller gehaust, ein Seharim im ihrem Gastraum gespeist, ein Oger ein Humpen in ihrem Garten genossen und ein Dämonenprinz und eine Wasserfee haben sich in ihren Zimmern kennen und lieben gelernt. Von den gelegentlichen Vampiren ganz abgesehen. Und hat nicht ein Höllenogre einmal versucht durch das Küchenfenster zu klettern? Im Grunde genommen sind Azras und Borgils zahlreiche Shebarucmenschzwergmischlingskinder- die einzig bekannten ihrer Art in den gesamten Immerlanden- der beste Beweis dafür, was für Raritäten sich unter dem Harfendach sammeln. Aber ob schon jemals ein Schattenwolf (ein Lebender wohlgemerkt) das Gasthaus be- oder heimgesucht hat, kann Azra nicht sagen.


    „Du bist dann ungefähr so…“ Langsam hebt Azra ihre Hand in die Höhe, „… so?“, und noch ein Stückchen höher, „…so gross?“ Skeptisch schaut sie auf ihre Finger, die wenige Sekhel über ihrem Kopf schweben. Das ist ziemlich groß. Das sei allerdings schon bis zu den Ohren, wird ihr hastig beschieden, als ob ein Flankenmaß von ungefähr nur 120 Sekhel irgendwie beruhigend wäre. „Hm…“ Nachdenklich beißt sich Azra auf die Unterlippe und überlegt, ob und wie sie einen ausgewachsenen Schattenwolf ungesehen an den Gästen vorbeischmuggeln kann, als ihr Blick auf die abgedeckten Tische und Stühle fällt… und ihr eine Idee kommt. „Sag“, erkundigt sie sich unschuldig: „wie sehr würde ein dünnes Leinentuch deinen Geruchssinn einschränken?“

    Lyall: wie genau muss ich mir das vorstellen? Du fährst mit einem Auto von einem Geldautomaten zum Nächsten und tätigst Zahlungen? :))


    Hey Aurian! Schön, dass du wieder hergefunden hast :blushsmile:


    ... ist mein Mann dazugestoßen :love:

    ... Sind jetzt halt 2 Leute um 5 Uhr wach :tipsy:

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    Die arme Wargin weiß gar nicht wie ihr geschieht und Azra lässt ihr keine Zeit sich zu fangen. Unter den mitleidigen Blicken von Haud und Halla - die sich in die vermeintliche Sicherheit hinter dem Tresen geflüchtet haben - zieht sie Lyall aus der Menge die vier Stufen hinauf ins Wespennest, das eine halbe Etage höher liegt als der Rest der Gasträume. Aufgrund von Zimmermannsarbeiten ist der Raum aktuell für Gäste gesperrt, weshalb sie von herrlicher Stille umschlossen werden, kaum lässt Azra die Tür hinter ihnen ins Schloss fallen.


    "Also, Lyall-Liebling...", wendet sich Azra der jungen Frau zu, die sie unlängst ins Herz geschlossen hat. Aber wer könnte Lyall nicht mögen? Die Wargin hat ein sanftes, liebenswertes Gemüt, ist tapfer und, wenn man sie erst einmal aus ihrem Schneckenloch gelockt hat, ein solides Mitglied des wöchentlichen Teekränzchens mit einem überraschend aufmüpfigen Humor. Azras Miene ist ein Sinnbild völliger Unschuld, als sie Lyall die Kapuze vom Kopf und ihr eine nasse Strähne aus dem Gesicht streicht, "es ist so: Zwei meiner Kinder...", sie nennt keine Namen, aber das braucht sie auch nicht. Wenn es Ärger im Hause Blutaxt gibt, der sie und nicht Borgil auf den Plan ruft, kann das nur eines bedeuten: Die Zwillinge. "... hielten es für eine gute Idee - ach herrje, du bist ja ganz nass... - in der Waschküche, wo gerade meine persönlichen... - komm, gib mir deinen Mantel... - extra gestärkten, blütenweißen, von mir persönlich bestickten... - ich hänge ihn vor den Kamin, damit er schneller trocknet... - Bettlaken zum Trocknen hingen, ein regenbogenfarbenes... - bei Nebres Regenkleid, sogar dein Unterleibchen tropft! - Glitzerchaos zu veranstalten."


    Um der Wargin das ganze, schreckliches Ausmaß der Missetat zu veranschaulichen, hält Azra ihr das runierte Laken unter die Nase. "Natürlich haben sie sich sofort aus dem Staub gemacht und weil die Harfe so voll ist, habe ich nicht die Zeit das ganze Haus nach ihnen abzusuchen, aber wenn die zwei Strolche meinen, sie würden einfach so davonkommen, dann haben sie sich gehörig getäuscht." Das Blitzen in Azras milchhellen Augen verspricht nichts Gutes für Brion und Branon, die als Streichespieler weit und breit gefürchtet sind. Aber jetzt haben sie es zu weit getrieben. Wenn es um ihre hochheiligen Laken geht, versteht Azra keinen Spaß.


    "Denn", und sofort kräuselt sich das kleine, honigsüße Lächeln wieder auf ihren Lippen, "danksei deiner Nase werden wir sie in null Komma nichts finden, nicht wahr?" Silberhelle Wimpern klimpern die Wargin von unten heraus an, während sie ganz nebenher von ihrem schweren Lodenumhang befreit wird. "Und nachdem wir sie gefunden und du einen Tee getrunken und etwas gegessen hast - selbstverständlich alles aufs Haus -, nimmst du am Besten ein warmes Bad. Ich gebe einem der Mädchen Bescheid, dass sie eines einlassen und dir ein paar trockene Kleider dazulegen soll. So kannst du dich auf keinen Fall auf den Rückweg nach Glyn-y-Defaid machen. Cinéad schert mich, wenn du am Ende noch krank wirst."

    ... habe ich gepostet.

    ... kann ich es kaum glauben.

    ... habe ich sogar auf dem Handy noch geschrieben, damit der Post endlich online kann.

    .. . merke ich erst, wie eingerostet ich bin. :zany:

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    "Wo. Sind. Sie.”


    Für gewöhnlich ist Azra eine Augenweide aniranischer Ruhe und Gelassenheit. Egal ob die Harfe zum Bersten voll ist mit Gästen und ihnen der Wein ausgeht – was nur ein einziges Mal vorgekommen ist und danach nie wieder -, Tallard oder Gwyned sich nach einer Stadtsitzung einmal mehr bei ihr über ihren rüden und fürchterlich anmaßenden (aber bedauerlicherweise auch unersetzlichen) Ehemann beklagen – sind sie sich ansonsten spinnefeind, ist es Borgil gelungen gleich beide gegen sich aufzubringen -, Niniane in einem Wirbel aus flirrendem Gold mitten in ihr Kaminzimmer platzt, weil sie dringend Hilfe beim Flicken eines Kleidersaums benötigt – auch nur ein einziges Mal passiert und danach nie, nie, absolut nie wieder, das schwören zwei hochrote Hohepriestershenrahenkelhalbelbenohrenspitzen... -, oder wieder einmal ein Dämonenprinz versucht Talyra dem Erdboden gleichzumachen - wenn sie nicht gerade unter seinem Einfluss steht. Es gibt im Grunde genommen nichts, was Azra nachhaltig aus der Fassung bringen kann.

    Außer...


    “Wo sind sie?”


    Es ist ein später Sturmwindnachmittag, der die ganze Stadt im Schlamm versinken lässt. Schon seit Tagen wird das talyrische Umland von sturmartigen Wolkenbrüchen gebeutelt, die genauso plötzlich aufhören, wie sie angefangen haben. Doch die vereinzelten Flecken blauer Himmel dazwischen halten nie lange genug an, um Land und Leute wieder richtig trocken werden zu lassen. Deshalb ist die Harfe bereits fast zwei Siebentagen bis unter den First voll ist mit einem kunterbunten und sehr lauten Pulk wettergestrandeter Frühlingskarawanenhändlern, deren mindestens genauso lauten Frauen und Kindern und ihren nicht ganz so lärmenden, dafür überaus trinkfreudigen Wächtern und Handlangern. Im Harfenstall stehen anstatt dem handelsüblichen Verder Kaltblut oder dem gelegentlichen Renairer jetzt vier grunzende Kamele, ein singendes Dromedar, eine über beide Nüstern hinaus verwöhnte Imazighalstute und eine ganze Horde verfressener Schafe und Ziegen ungeklärter Herkunft. Es überrascht daher niemanden, dass es in der Harfe drunter und drüber geht, wenn man auch noch für jeden armen, verschlotterten Asylsuchenden ein Plätzchen gefunden hat.

    In dieses kakofonische Chaos hinein rauscht Azra. Rock- und Schürzensaum in einer Hand, ein zusammengeknülltes Leinentuch in der anderen. Das Leinentuch ist einmal schneeweiß gewesen, sorgfältig gewaschen, getrocknet und bis auf die letzte kleine Knitterfalte mit einem heißen Eisen geglättet. Jetzt sieht es aus, als hätte man damit einen Regenbogen aus dem Himmel gewischt und es dann großzügig in Diamantenstaub gewälzt. Azras Nase zuckt, wie bei einem Jagdhund auf der Pirsch und ihre zu schmalen Schlitzen verengten Augen suchen die Menge ab.


    “WO sind sie?”


    Haud, rund bis unter die Ohren mit ihrem dritten Kind, schüttelt nur hastig ihre rotblonden Locken und beeilt sich aus der Schusslinie zu kommen. Auch alle anderen, die ihren Ausruf durch den allgemeinen Lärm mitbekommen haben, sehen zu, dass sie wegkommen. Denn jeder weiß sofort, wer mit ‘sie’ gemeint ist. Und was 'ihnen' für ein Donnerwetter bevorsteht.

    Nur die arme Lyall, die in diesem Moment die Harfe betritt, ist völlig ahnungslos und Azra einen Herzschlag später auch schon bei ihr. “Lyall, Liebes," begrüßt sie die Wargin mit einem zuckersüßen Lächeln "genau dich brauche ich jetzt." Sie nimmt die tropfend nasse Wargin an der Hand und zieht sie sanft, aber bestimmt ein Stück mit sich zur Seite. Daraufhin fällt ihr erst auf, dass die junge Frau in Begleitung ist, doch aufgrund der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze erkennt sie weder, dass es sich um den Zuckerbäcker handelt, noch in was für einem bedenklichen Zustand sein Gesicht sich befindet. “Oh, verzeiht, ich muss mir Lyall für einen Moment ausleihen. Es dauert nicht lange. Warum macht ihr es euch in der Zwischenzeit nicht schon gemütlich? Am dritten Tisch von hinten direkt neben der Wabe sind noch Plätze frei.”