Beiträge von Lyall

    "Now I know what a ghost is. Unfinished business, that´s what."

    ~ Salman Rushdie, The Satanic Verses ~


    Anfang Sturmwind 525


    Offenbar teilt Azra die Bedenken der Wargin, dass ein Schattenwolf in einem Wirtshaus mit diverser Klientel durchaus ein neuer Gast wäre, der zu unvorhergesehenen Reaktionen der weiteren Besucher der Harfe beitragen könnte.

    Und auch ihre Größe wird ein weiterer Grund sein, dass ihre Anwesenheit nicht unbemerkt bleiben wird. Ja, die Gestalt ihrer Seelenwölfin ist imposant und ihr menschlicher Körper scheint ein solch großes Tier nimmer beherbergen zu können. Aber es sind tatsächlich zwei Körper in einem verbunden, zwei Seelen in einem Gefäß, unterschiedlicher Natur und doch eins.

    Sie wird die Harfenwirtin durchaus überragen, getrost könnte sie auf ihr reiten. Wie Atevora damals… lange ist es her. Was wohl aus ihr geworden ist? Plötzlich keine Spur mehr, wie vom Erdboden verschluckt. Aber ich habe sie auch nicht gesucht. Das… hätte sie nicht gewollt. Kurz hängen ihre Gedanken in der Spinnwebfäden der Vergangenheit, verhaken sich in den Erinnerungsfetzen der skurrilen Erlebnisse mit der exzentrischen Frau, doch schnell sind sie wieder bei Azra, als diese einen fast genauso skurril anmutenden Vorschlag macht.


    Die Augen der Wargin huschen ungläubig zwischen Azra und den abgedeckten Möbeln hin und her. „Du willst, dass ich… dass ich... hm.“ Nur ein leichtes nachdenkliches Zucken ihrer Ohren verrät, dass es in der Drachenländerin arbeitet, als sie versucht Azras Gedanken weiterzuspinnen.

    Es könnte durchaus funktionieren. Aber… nun… am Ende wird sie ein Wolf unter einem Tuch sein. Wen kann man mit solch einer Verkleidung narren? Hätte sie viereckige Schultern und ein breites Becken, könnte sie mehr schlecht als recht als wandernder Tisch durchgehen, aber so? Oder würde sie Lyall als Geschenk an ihre Kinder verkaufen, welches - der Überraschung wegen - bis zur Preisgabe verhüllt zu bleiben hätte? Der Blick aus den schillernden Augen der Harfenwirtin ist jedoch ernst (wenn auch leicht verschmitzt) und die zierliche Frau erwägt den Vorschlag offenbar wirklich.


    Ein langgezogenes „Hmmmm…“ ausstoßend, geht Lyall zu einem der abgedeckten Bänke hinüber, zieht den Stoff zu sich heran und anschließend über ihren Kopf.

    Prüfend dreht sie sich hier hin und dort hin, wendet den Kopf von Azra weg, dann zu ihr hin, bevor sie die Arme und damit auch das Tuch sinken lässt.

    „Das Riechen sollte kein Problem sein. Allerdings ist der Stoff nicht so fadenscheinig, dass ich alles um mich herum erkennen kann. Gerade dunkle Umrisse vor dunklem Hintergrund zu unterscheiden ist schwierig. Ich glaube, weit sehen können werde ich nicht.“ Verlegen streicht sie das schwarze Fell ihrer Ohren glatt, bevor Lyall mit einem schiefen Lächeln bemerkt: „Außer alle Harfengäste strahlen so ätherisch hell, wie du. Ich glaube, du wirst an meiner Seite bleiben müssen, damit ich mit keinem Gegenstand oder Besucher kollidiere. Das… wird eine interessante Erfahrung.“ Der Tag hat so normal und unaufregend begonnen wie die Tage davor, bis zu jenem Moment der fehlgeleiteten Nuss in ihrem Hals und nun entartete er weiter zu einem neuen sonderbaren Ereignis, welches die Wargin nicht im Geringsten hätte erträumen können. Irgendwie fühlt sie, dass dies nicht das Ende der Wunderlichkeiten an jenem Tage bleiben wird.

    Azra Nein, aber interessante Idee ;D Ging drum mein altes Auto abzugeben und das neue abzuholen, aber das war die letzte Freitage schon oft ein Theater (kurz gesagt, gekauft, kaputt, Reparatur, wieder hin...) Deswegen war ich etwas genervt, dass ich es schon wieder an einem Freitag machen muss^^


    ... mag ich nicht, dass es schon wieder so elendig heiß werden soll. Endlich wars mal wieder bissi am grünen :yell:

    ... hoffe ich, dass Sonja auch noch dazustößt. Bald vllt :flirt:

    Ich muss quasi eine Autotransaktion vornehmen und muss dafür mind. 4h unterwegs sein. Eigentlich hatte ich einen schönen Tag mit meiner Mutter geplant. Mal "nichts" machen, sozusagen. :tipsy:

    ... ist mir wieder nervig klar gemacht worden, dass Dinge planen manchmal echt für die Füße ist

    ... wurde mir mein heiliger Freitag wieder "geklaut"

    ... möchte ich morgen am liebsten ausschlafen können :uglyrolleyes:

    Life throws challenges and every challenge comes with rainbows and lights to conquer it.

    ~ Amit Ray


    Anfang Sturmwind 225


    Ohne wirkliche Gegenwehr lässt sich Lyall von Azra bemuttern, noch unfähig die Situation in Gänze zu begreifen. Sie lauscht den Ausführungen von Borgils Frau aufmerksam, lässt sich brav die Kapuze zurückschlagen und stellt dann auch ihren Korb geflissentlich auf einem der nahen Möbel ab. Diese sind, aufgrund von Baumaßnahmen, in dicke Leinentücher gehüllt und auch sonst ist der Raum augenscheinlich im Umbau begriffen. Mehr als einen raschen Blick kann sie jedoch nicht für das Interieur erübrigen, da sie sich weiterhin bemühen muss, dem Redeschwall und den schnell eingeworfenen Zwischensätzen geistig zu folgen. Azra mag äußerlich noch recht gefasst wirken, doch innerlich scheint sie bald den Siedepunkt zu erreichen. Die Zwillinge haben sie - mal wieder – zur Weißglut getrieben. Eigentlich sind die Beiden, nach Lyalls Meinung zumindest, etwas zu alt, um Streiche zu spielen oder… ist es genau das Alter, um wieder damit anzufangen? Mit Kindern kennt sich die Wargin nicht wirklich aus. Ihr ist es nicht vergönnt eigene zu bekommen, aber bei dem was Azra ihr jetzt erzählt und sie bei so manchem Teestündchen schon mitbekommen hatte… ist sie am Ende solch elterlicher Klage nie ganz sicher, ob ihre Kinderlosigkeit Fluch oder doch eher Segen ist.


    Im Moment würde sie es eher in der Kategorie „Segen“ einordnen, denn das was Azra ihr als Bettlaken verkaufen will, erscheint ihr eher als lumpenartiges Gebilde, welches in schillernden regenbogenfarben glitzert. Ungläubig kratzt die schwarzhaarige Frau über die dicke Kruste, die der irisierende Flitter an manchen Stellen gebildet hat und den Stoff darunter hart und steif wirken lässt. Was, beim Dunklen, ist das für ein Zeug? Apfelgribs kann zwar auch etwas Glitzer produzieren, aber nur als eine Art Illusion und nicht so wie… nun ja…wie das hier.

    Das Geräusch des über die Glitzerkruste schabenden Fingernagels muss eine weitere Welle der Wut bei ihrem Gegenüber losgelöst haben, denn die Drachenländerin kann förmlich spüren, wie Azras Zorn, einem warmen Hauch gleich, zu ihr herüberschwappt. Als Lyall hochschaut und direkt vom durchdringenden Blick aus den Perlmuttaugen getroffen wird, will sie auf gar keinen Fall in der Haut der Zwillinge stecken. Sie mögen viel Unfug anstellen, aber offenbar haben sie mit diesem Streich eine empfindliche Grenze bei der Harfenwirtin überschritten.

    Obwohl Lyall weiß, dass sie nicht Ziel des Ärgers ist, tritt sie sicherheitshalber (und möglichst unauffällig höflich) mit beschwichtigend angelegten Ohren einen Schritt zurück. Doch da erscheint wieder ein Lächeln im makellosen Alabastergesicht und mit einem beherzten Schritt hat Azra die Distanz zwischen ihnen wieder verringert, um Lyall den Mantel abzunehmen und zeitgleich die wahre Absicht zu offenbaren.

    >>"Denn danksei deiner Nase werden wir sie in null Komma nichts finden, nicht wahr? Und nachdem wir sie gefunden und du einen Tee getrunken und etwas gegessen hast - selbstverständlich alles aufs Haus -, nimmst du am Besten ein warmes Bad. (Das >>wir<< lässt Lyall leicht Schaudern. Nein, sie will definitiv nicht in der Haut der Zwillinge stechen!) Ich gebe einem der Mädchen Bescheid, dass sie eines einlassen und dir ein paar trockene Kleider dazulegen soll. So kannst du dich auf keinen Fall auf den Rückweg nach Glyn-y-Defaid machen. Cinéad schert mich, wenn du am Ende noch krank wirst."<<


    Als erste, recht dümmliche Antwort (falls diese so zu bezeichnen ist), erhält Azra von Lyall ein „Äh..“ gefolgt von einem längeren „Ääääh, nun…“ bis sie die ganze Tragweite der Worte verstanden hat, inklusive der Einladung zu einem Essen, Bad und frischen Kleidern.

    Azra will die beiden Zwillinge wirklich finden. Nicht erst, wenn beide hungrig aber weiterhin nichtsahnend belustigt zum Abendessen in Azras Arme zurück stolpern, sondern möglichst schnell. Am besten sofort. Bevor ihr Zorn auch nur um einen Sekhelrin verraucht sein könnte. Da kommt eine Wargin doch wie gerufen, das muss Lyall ihr lassen. Die Idee ist perfide brillant.

    „Ja, nun äh. Natürlich helfe ich dir. Aber…“, und mit einem Blick an sich herab muss Lyall zwar zugeben, dass ihre Hosenbeine und Ärmelsäume recht nass sind aber der Rest für sie selbst noch passabel trocken aussieht, „das Bad und die frischen Kleider kann ich nicht annehmen. Das ist zu viel des Guten. Ich helfe dir gerne! Ein Happen zu Essen reicht völlig!“ Die Drachenländerin will keine Umstände machen und hebt beschwichtigend die Hände. Sie weiß, wie viel Arbeit ein Bad vorzubereiten mit sich bringt und auch wenn die Kessel in der Harfe mindestens drei Mal so groß sind, wie auf dem Schafhof, so möchte sie auch den Mägden keine zum Tagesgeschäft hinzukommende Arbeit aufbrummen.

    „Ich bräuchte nur etwas, was von den Beiden ist. Möglichst vor kurzem angefasst oder getragen. Ich bin nicht ganz sicher, ob das Bettlaken dafür ausreicht, wenn sie die Glitzerbombe nur darauf losgelassen, es aber nicht angefasst haben. Und äh… Azra… du bist sicher?!… Ich meine ja, ihr habt hier allerhand Völker unter einem Dach versammelt und man ist hier viel gewohnt, aaaaabeeeer… Bist du sicher, dass ein Schattenwolf in der Harfe keinen Tumult verursacht?“ Als Wolf ist sie hier schon ein Mal gewesen, aber da war weit und breit kein Gast im Schankraum zugegen gewesen, grübelt sie während ein schwarzpelziges Ohr verlegen zuckt.



    Miles clutched Quinn's elbow. "Don't Panic."

    "I'm not panicking," Quinn observed, "I'm watching you panic. It's more entertaining .”

    ― Lois McMaster Bujold, Brothers in Arms



    Anfang Sturmwind 525


    --> Der Marktplatz


    >>„Wie wär’s damit: Statt einem billigen Kräuterschnaps im Regen – ein warmes Mittagessen unter einem Dach? Ich geb einen aus. Du hast mir immerhin fast in die Arme gekotzt. Das verpflichtet.“<<

    Mit einem schmalen Lächeln und kurzem Nicken signalisiert sie ihm ihre Zustimmung, auch wenn sie das benutzte Wort „Kotzen“ nicht in diesem Zusammenhange gewählt hätte. Schließlich hatte sie nur aus Leibeskräften heraus gehustet und geröchelt, aber zum Kotzen war ihr keinen Herzschlag lang zu Mute gewesen. Still und mit mittlerweile wieder zittrigen Händen bezahlt sie der Frau die zwei getrunkenen Becher Wasser, bevor sie sich beide schweigend in Richtung der Goldenen Harfe aufmachen. Der Adrenalinschub von eben ebbt langsam in ihrem Körper ab und auch ihre damit offenbar verbunden gewesene energiegeladene Affektiertheit fließt spürbar aus ihr heraus. Sie will einfach nur weg von dem Platz der Scham und auch vor Aneirin schämt sie sich gerade sehr, da ihn die „Darbietung“ (anders kann sie es gerade nicht betiteln) wohl ebenfalls peinlich berührt zurück gelassen hatte, wie seine steife Umarmung ihr zumindest suggeriert.

    Dabei war nichts gespielt gewesen, kurz hatte sie eine Art echte Todesangst gehabt (oder besser gesagt ihr Körper), da ihr solch eine Unfähigkeit zu Atmen noch nie vorher widerfahren war. Nicht mal an dem Tag, als Uio…

    In Erinnerung an den schicksalhaften Tag fährt sie sich kurz mit der Zunge über die Narbe an ihrer Lippe und schließt einen Herzschlag lang fest die Augen. Sie will nicht daran zurückdenken. Nicht jetzt und hier. Sie möchte einfach nur raus aus dem Getümmel, weg von dem Ort der Schande und den starrenden Augenpaaren und vor allem an einen Ort, an dem es wieder etwas zu trinken gibt, denn ihre Kehle beginnt wieder unangenehm zu stechen.


    Ohne sich etwas anmerken zu lassen (hofft sie zumindest), schluckt sie drei Mal feste, um ihre Kehle zu befeuchten, schließt ihren Griff fester um die Henkel des Korbes, bevor sie zu dem blonden Bäcker aufsieht und versucht einen möglichst neutralen Blick auf ihn zu richten. Ihre schamhaft angelegten Ohren sprechen jedoch ihre eigene Sprache.

    „Nein, nein… Schnaps wäre jetzt tödlich für mich! Ich dachte an etwas weniger Aggressives, wie äh… Kamillentee? Oder… so?“ Da sie seinen Blick aus den, von der Kapuze beschatteten, Augen nicht wirklich deuten kann spricht sie hastig weiter: „Und danke für die Einladung. Für eine kleine Mahlzeit ist sicherlich Zeit. Dann gebe ich dir das nächste Mal ein Essen aus. Und einen Kamillentee.“ Sie hofft, dass ihn die letzte Aussage zumindest etwas amüsiert, er die unterschwellige Einladung tatsächlich als eine solche versteht und nicht nur als leere Floskel ohne tiefere Bedeutung. Oft haben sie sich in der letzten Zeit nicht gesehen und Lyall wünscht sich ehrlich ihren langjährigen Freund häufiger sehen zu können. Seitdem sie jedoch auf Gly-y-Defaid wohnt und er so viel mit den Belangen der Bäckerei zu tun hat, sind ihre Überschneidungspunkte an einer Hand abzuzählen. Ihre Besuche in der Goldenen Harfe hingegen kann man, mit diesem Maßstab gemessen, fast schon als häufig bezeichnen.

    Sobald die Wargin alleine oder mit ihrem Elben in die Stadt kam und eine längere Besorgung zu tätigen war, versuchte sie auch bei Borgil und seiner Frau Azra einzukehren, welche Lyall mit ihrem ätherischen Äußeren jedes Mal aufs Neue faszinierte. Das Wohnen im Umland Talyras ist wunderschön und Lyall würde es nicht mehr missen wollen, jedoch bedeutet dies auch, dass sie nicht mehr so nah bei ihren Freunden wohnt, wodurch sie jede Einkehr in die Stadt auch automatisch mit einem Besuch bei solchen zu verbinden versucht.


    Den Weg bis zur schweren Tür der Harfe haben beide recht zügig im Entenmarsch zurückgelegt, trotz der vielen Marktbesucher, die sich wieder zu kleineren oder größeren Menschentrauben um die Stände herum eingefunden haben, jetzt, wo der Himmel kurz kein Wasser speit.

    Doch VOR der Harfe zu sein heißt noch lange nicht IN diese hineinzukommen, wie sich schnell zeigt. Augenscheinlich hat sich der Großteil aller Besucher während dem Schauer in die Harfe geflüchtet und strömen nun ohne größere Unterbrechung wieder hinaus. Lyall empfindet es als eine halbe Ewigkeit, bis die Tür sich hinter einem der Harfenbesucher zumindest so lange schließt, dass die Wargin ihre Chance ergreift und sich in den Menschenstrom wirft, die nach Innen schwingende Tür dabei wir einen wuchtigen Schutzschild nutzend.

    Sie will sich gerade umsehen, ob ihr Freund Aneirin es hinter ihr ebenfalls in die trockene Wärme der Harfe geschafft hat, da schießt blitzschnell ein schneeweißer Arm aus den ausströmenden Leibern hervor, die alabasterfarbenen Finger schlängeln sich gekonnt um die ihren. Die Wargin hat gerade noch Zeit verdattert auf Azra und Aneirin zu blicken, da wird sie auch schon sanft aber bestimmt durch den Schankraum bugsiert. >>„Lyall, Liebes, genau dich brauche ich jetzt. Oh, verzeiht, ich muss mir Lyall für einen Moment ausleihen. Es dauert nicht lange. Warum macht ihr es euch in der Zwischenzeit nicht schon gemütlich? Am dritten Tisch von hinten direkt neben der Wabe sind noch Plätze frei.“<< Lyall versucht krampfhaft Borgils Frau nicht in die Haken zu treten, während sie hinter dieser her stolpert, verzweifelt versuchend den Inhalt ihres Korbes nicht zu verlieren, welcher immer wieder gegen die Kniekehlen oder Beine von Umstehenden knallt. „Wie? Was? Ausleihen?... Wohin? Wofür? Äh…Azra?!“ Ein letzter verwirrter Blick trifft Aneirin, bevor die Wargin von der Menge verschluckt wird.

    ... *Azra und Nan herzlich umarm*

    ... der Rost fällt mit der Nutzung ab @ Azra :hug:

    ... *in Nans Popcorn greif und mampf* Jetzt will ich aber auch was von euch lesen, hier *g* --> Uh yeah! *Azra Post lesen hüpf* <3

    It´s a bird... It`s a plane... It´s Superman!
    ~ Musical von David Newman und Robert Benton


    Anfang Sturmwind 525


    Das Rufen eines einzelnen Mannes dringt nur behäbig von ihren Ohren zum Gehirn durch, die Information wird verarbeitet aber langsam, andere Informationen ihres Körpers haben in diesem Moment eine höhere Priorität. Ihr Denkorgan ist vollauf damit beschäftigt diverse Körperfunktionen gleichzeitig zu orchestrieren, möglichst ohne sich dabei selbst zu sehr von den Warnsignalen beeinflussen zu lassen. Eine schwere Aufgabe, an der es langsam zu verzweifeln beginnt.

    Luft, sie braucht Luft, aber ihr Rachen hat sich spastisch zusammengezogen, es darf nichts hindurchdringen, kein Brocken von was auch immer weiter in die Lunge rutschen. Doch die Lunge und damit auch der ganze Körper lechzt nach Sauerstoff, der nicht kommt und ihr System in Panik versetzt. Ihr Mund ist plötzlich so trocken und die Feuchtigkeit, die sie dort am nötigsten hätte, quillt derweil ungehemmt aus ihren Augen. Ihr Kopf ist ein einziges Chaos und der denkende Teil von Lyall ist zusammengeschrumpft, überfordert und angesteckt von der Panik. Doch dort… da kommt die Stimme zu ihr durch. Ein Mann nähert sich ihr. Seine Worte ergeben erst keinen Sinn, zerfasernde Satzfetzen, Worthüllen ohne Bedeutung. Schließlich erkennt sie die Stimme.

    An… Aneirin?

    Er kniet vor ihr, seine Silhouette dunkel und konturlos in ihrem tränenverschleierten Blickfeld. Sie würde ihm gerne die Fragen beantworten, die aus ihm heraussprudeln und ihren Zustand erklären, doch es geht nicht. Nichts funktioniert in ihrem Hals, japsend und mit hämmerndem Herzen ringt sie um jeden Atemzug und versucht durch mehrfaches Schlucken irgendwie den heilbringenden Speichelfluss wieder anzuregen. Doch bis auf ein trockenes Knacken bringt ihr Rachen nichts zustande.

    Nein, keine Mandel… der Zucker! Bei Ea, ich werde doch nicht ersticken?

    Es ist nur ein winziges Areal, welches der süße Stoff getroffen hat und doch reicht dies aus, um sie fast kollabieren zu lassen. Instinktiv sagt etwas in ihr, dass ihr Hals keinen Schaden genommen und das kleine Karamellstück sicherlich schon seinen korrekten Weg in Richtung Magen angetreten hat. Aber der Schmerz sitzt fest, sticht unbarmherzig zu, als steckt ein winziges Stilett in der Schleimhaut, unfähig sich zu lösen.


    Dass er ihr auf den Rücken klopft merkt sie kaum und auch das Abwinken geschieht mehr aus Reflex, als aus einer überlegten Handlung heraus.

    Ein relativ unbeteiligter Teil ihres Gehirns, der bis jetzt recht zynisch und teilnahmslos auf die Szenerie geblickt hat, verkündet ihr trocken, dass das hier ziemlich peinlich ist und sie sich nicht besser mit dem Ersticken beeilen sollte, um der Schande endlich zu entgehen und auch den Umstehenden die Peinlichkeit baldigst zu ersparen. Ein wunderlicher Gedanke, den die Wargin jedoch nicht weiter eruieren kann, da ihre Füße plötzlich die Bodenhaftung verlieren.

    Aneirins Arme umklammern ihren Brustkorb und pressen zwei… drei Mal beherzt zu. Sie kann seine kräftige Brust in ihrem Rücken spüren, wie eine Wand, gegen die sie zum wiederholten Male geschleudert wird. Das letzte bisschen Luft in ihrem Atmungsorgan entweicht geräuschvoll und scheint gleichzeitig die Initialzündung für einen tiefen Atemzug zu sein. Und für den nächsten. Ihr System jubelt dem Sauerstoff entgegen und ihre Lungen finden langsam in den eigentlichen Rhythmus aus Ein- und Ausatmung zurück.

    Als ihre Füße wieder den Boden berühren, hält sie sich noch kurz an Aneirin fest, weiterhin um die Kontrolle über ihren Körper ringend. Sie kann wieder atmen, ja. Schwerfällig aber es sind Atemzüge. Das Stechen ist allerdings nur leicht abgeebbt, und sie hat die nagende Befürchtung es könnte jederzeit wieder losgehen. Die Bäche aus Tränen versiegen langsam, doch sie merkt die Alarmbereitschaft ihres Körpers noch sehr deutlich. Er traut dem eben zurückgewonnenen Frieden noch nicht so richtig über den Weg. Es braucht ein paar Herzschläge und dann noch ein paar mehr, bevor sie Aneirin mit einem Kopfnicken signalisieren kann, dass das Schlimmste vorbei zu sein scheint. Sie richtet sich vorsichtig auf, wischt sich etwas unschicklich mit ihrem Ärmel über Augen und Nase und stiert ihren Retter dann aus wässrig-roten Augen an. „Es… geht wieder.“, presst sie leise hervor, sehr darauf bedacht die noch immer schmerzhaft wunde Stelle in ihrem Hals nicht erneut zu reizen. Mehrmals blinzelt sie die letzte Feuchtigkeit aus den Augen und wird sich erneut den Umstehenden und ihrer Reaktionen bewusst. Sie würde ihnen allen gerne kampflustig in die Augen blicken, ihnen einen spöttischen Kommentar entgegenschleudern und ihre peinliche Berürtheit auf die Gruppe umwälzen: Was gibt’s da zu glotzen? Noch nie verschluckt? Was glaubt ihr hier zu sehen, ein Weltwunder?

    Doch das traut sie sich nicht, ist zu sehr von der Situation überfordert und der Schreck sitzt ihr noch merklich in den zittrigen Gliedern. Und so greift sie nach Aneirins Hand, ein Anker der Beständigkeit, der ihren rasenden Puls nach und nach beruhigt und ihre Atemzüge flacher werden lässt.


    „Mit Zunge… was sind... das denn... für Töne? Hättest du wohl... gerne?“, haucht sie trotz der Situation belustigt als sie ihn aus dem Augenwinkel mustert. Ihre Stimme ist gedämpft und kratzig, doch der Schalk blitzt schon wieder aus ihren Augen. Sie hofft, das ist Zeichen genug, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befindet. „Welch ein... Ritt. Ich brauche… etwas Wasser.“

    Sie rafft ihre Einkäufe schnellstmöglich zusammen, nimmt ihren Retter wieder an die Hand und zerrt ihn aus dem sich langsam auflösenden Getümmel. Nur einzelne feine Tropfen fallen noch vom grauen Himmel auf den Marktplatz, als sie sich zu der Wasserverkäuferin schlängeln, welche aus einem großen Fass Wasser für die durstigen Kehlen verkauft.

    Durstig ist sie nicht aber bei Ea, sie braucht einen Schluck. Oder das ganze Fass. Schon von weitem signalisiert sie der kleinen, recht beleibten Frau, ihr ein Becher zu füllen. Offenbar muss sie die noch nicht ganz verebbte Panik in Lyalls Augen wahrnehmen, denn sie sputet sich zwei Becher zu füllen, um beiden diese bereits bei der Ankunft entgegen zu stecken. Die Wargin ergreift die Becher mit beiden Händen, leert erst den einen, dann den anderen. Was für eine Wohltat dies für sie bedeutet würde sie wahrscheinlich niemandem begreiflich machen können, der nicht selbst schon eine solche heikle, wenn auch nicht wirklich gefährliche Situation mitgemacht hat. Sie fühlt sich wie aus einem Würgegriff entlassen, als das kühle Nass die wunde Stelle in ihrem Hals lindernd umspült.

    „Meine Güte, das hat sich knapp angefühlt.“, sagt sie mit einem schiefen Lächeln und erzählt dann was zu der Situation geführt hatte. Jetzt, nachdem sie getrunken hat und der Schmerz langsam nachlässt, kommt sie sich dumm vor. Eigentlich eine Nichtigkeit… und doch steigt galligbittere Panik bei dem Gedanken auf, es könnte nochmal passieren.

    Nein, das wird es nicht. Das war einfach Pech.


    „Danke für deine schnelle Reaktion. Ein Segen, dass du in der Nähe warst.“ Mit einer festen Umarmung versucht sie sich zu revanchieren und gleichzeitig von der Peinlichkeit abzulenken. Ihr Blick fällt auf die leeren Becher in ihren Händen, welche sie so schnell geleert hatte wie ein Kampftrinker in einer der Hafenkneipen. „Du möchtest nicht zufällig auch einen Schluck? Oder lieber etwas stärkeres? Auf den Schreck? Ich gebe einen aus. Ich muss sowieso aus der Nässe raus. Meine Einkäufe sind... empfindlich.“

    So wie ich offenbar selbst...

    "Nom Nom Nom!"
    ~ The Cookie Monster - Sesame Street



    Anfang Sturmwind 525



    Das stetig zunehmende Plätschern des Regens auf den diversen Untergründen, wie den Planen der Marktstände, der Dächer der umliegenden Häuserreihen oder auch auf den Blättern der Goldeiche, ist ein untrügliches Zeichen für Lyall, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, sich zügig bei den Badehäusern unterzustellen.

    Da sie zu einer der Ersten gehört, die diesem Einfall frühzeitig nachgegangen ist, steht sie weit hinten mit dem Rücken zur Wand des Badehauses, während sich vor ihr bereits die dritte Reihe an Zufluchtsuchenden bildet und ihr mehr und mehr die Sicht auf den Marktplatz versperrt.

    Sie müsste lügen wenn sie sagte, die Enge und unausweichliche Nähe anderer Personen würde sie nicht nervös machen, aber sie versucht sich mit den gebrannten Mandeln in ihrer Hand abzulenken, die Hoffnung eines baldigen Endes des Regens im Sinn. Hätte sie nicht im Vorfeld Waren gekauft, die besser nicht nass werden sollen (wie zum Beispiel mehrere Bögen sorgfältig handgeschöpften Papiers für ihren Elben sowie Gewürze für Avila), wäre sie sicher im einsetzenden Regen weiter ihres Weges gegangen und wäre so dem, nach diversen Ausdünstungen wie nassem Leder und Wolle riechenden, Mob entgangen.

    Aber so ist es nicht, also versucht sie sich auf die leckeren Mandeln zu konzentrieren, die langsam aber stetig in ihrem Mund verschwinden. Teuer sind sie gewesen, dick kandiert und köstlich duftend. Nicht wirklich die Jahreszeit für Mandeln und wahrscheinlich ist die Kandierung nur so dick, um über die ältliche Mandel darunter hinweg zu täuschen. Doch sie hatte sich letztes Jahr auf dem Julmarkt auch keine gegönnt, sodass sie den Gedanken beiseiteschiebt und sich weiter eine um die andere Mandel einverleibt.


    Das Knacken und Kauen übertönt den Regen um ein Vielfaches, doch zwischen zwei Happen lauscht die Wargin auf die unterschiedlichen Geräusche der Regentropfen. Manchmal lauter, manchmal leise, manchmal mit einem leisen „Plisch!“ in einer der diversen Pfützen untergehend. Eigentlich mag sie Regen, aber hier in der Stadt, am Marktplatz, trägt er keinen satten fruchtbaren Erdgeruch mit sich, nein… hier verstärkt er den Geruch der diversen Dinge um sie herum in einer unangenehmen Weise, macht die Wege glatt und schleimig. Sei es der Unrat auf dem Boden nach einem langen Markttag oder der fischige Geruch des algigen Überzuges auf dem Kopfsteinpflaster… Nein. Hier löst der Regen keine Jubelschreie aus, weder bei ihr noch bei den Händlern, die (den Geräuschen nach zu urteilen) nicht nur hastig ihre Stände versuchen vor dem Nass zu schützen, sondern offenbar auch eben jenes lautstark verfluchen.

    Es ist schon erstaunlich, wie ein und dasselbe Wetter unterschiedliche Reaktionen hervorrufen kann. Kommen die Händler heim und sind wieder Bauern, freuen sie sich über den Regen, der ihre Pflanzen oder das Gras für die Tiere wachsen lässt. Sind sie in der Stadt… da sieht es schon wieder anders aus.“, überlegt sie träge und bemerkt beiläufig, dass sie bereits alle Mandeln bis auf eine gegessen hat. Sie späht in das kleine Säckchen, wie ein Huhn auf der Suche nach einem Wurm, angelt sich die letzte, dickste Mandel und befördert diese mit einem gekonnten Fingerschnipsen in ihren Mund. Sie hätte jedoch besser nicht so beherzt zubeißen sollen... Der zuckrige Panzer der Mandel birst unter dem Druck der Zähne zu einem Karamell-Schrapnellhagel, von dem ein Großteil zwar im Mund verbleibt. Ein winziges, jedoch spitzes Stück fliegt ungebremst in ihren Rachen und bohrt sich kurz aber heftig in die zarte Schleimhaut.

    In der letzten Millisekunde, bevor ein heftiger Hustenanfall ihren ganzen Körper schüttelt und sie sich Richtung Boden krümmt, kann sie noch den Gedanken fassen: Bei Ea, bitte nicht hier! Nicht mit all den Leuten um mich herum! Oh Ea… Wasser… was würde ich jetzt für einen Schluck geben!

    Tränen schießen ihr in die Augen und verwässern ihre Sicht, aber es gäbe sowieso nicht viel zu sehen, außer ihre Stiefelspitzen und die wackelnden Zipfel ihres Lodenumhangs. Ihre Lungen krampfen während Panik in ihr Hirn kriecht und sie am liebsten gleichzeitig vor Scham im Boden versinken würde.

    Seit der schrecklichen Seuche hatte sich die Beziehung der Bevölkerung zu einem einfachen Niesen oder Husten komplett gewandelt. Hatte man damals eine gute Gesundheit gewünscht oder einen humoristischen Kommentar fallen gelassen, so wird man jetzt im Mindesten argwöhnisch beäugt, wenn nicht sogar halb verborgen ein Zeichen mit den Fingern gegen das Böse geformt.

    Um sich herum kann sie die Umstehenden bereits murrend von ihr wegrücken hören bis sie unweigerlich an die anderen vor der Nässe Schutzsuchenden stoßen, Gemurmel wabert langsam durch die Menschenreihen, Blicke werden geworfen. All das kann die Wargin nicht sehen, aber spüren, während sie versucht ihren brennenden Kehlkopf wieder zu beruhigen.

    Ein paar Tage nach Jul 521




    Auf seine Antwort, weiß Lyall zuerst nichts zu erwidern. Stumm dreht sie die Tasse in den Händen und merkt weder die unangenehmer werdende Wärme noch erinnert sie sich, dass sie eigentlich hatte einen weiteren Schluck nehmen wollen.

    Der Tonfall der gesprochenen Worte lässt sie zwar an deren Wahrheit zweifeln (es klingt eher, als wolle er ihr keine direkte Antwort geben, was der Wargin auch Recht sein soll. Schließlich sind sich beide zu nichts verpflichtet.), aber sollte an dem Teil der Tierquälerei auch nur ein Fünkchen Wahrheit sein… nun, er mochte seine Lektion mittlerweile gelernt haben. Aber dieser Ausspruch kippt leicht die gefühlsmäßige Neutralität ihm gegenüber zu einer distanzierteren Haltung. Und wenn es auch nur ein Quäntchen ist. Die Wargin ist diesem Thema gegenüber nicht sehr nachgiebig. Sollte er (selbst als kleiner „dummer“ Junge…) tatsächlich Tiere gequält haben, so wäre dies für eine zukünftig vielleicht eintretende Freundschaft eher nachteilig.


    Sie lässt seine Antwort daher vorerst unkommentiert und schluckt die für sie schwerlich nachzuvollziehenden Worte herunter. Beide sind müde und erschöpft. Sie will keine zu voreilig gezogenen Schlüsse ihr Handeln und seine Be-Handlung beeinträchtigen lassen. Vielleicht hat er auch gelogen. Lass es gut sein. Vielleicht spricht das Fieber aus ihm.

    Um die Worte besser herunterzubekommen leert sie ihren Becher in einem großen Zug und hört dem weiteren Monolog des Gastes zu, während ihr Kopf schon dabei ist sein Nachtlager zu planen. Denn das Adrenalin ebbt immer mehr ab und auch wenn sie wieder nicht wird schlafen können: sie will einfach nur zurück in ihr Bett.

    Es überrascht sie jedoch, dass er eine Elbin nennt… also eine von den Großen… und, dass er auf einem Patientenbesuch war. Sollte er nur die großen Völker behandeln ist es kein Wunder, dass er so entkräftet ist. Ob in ihm solch eine Macht wohnt, dass er zwar auch Menschen wie sie behandeln kann, aber eben nicht oft? Sie würde ihn dies fragen. Aber morgen und nicht mehr heute, denn sie kann sehen, wie er mit dem Schlaf ringt, der ihn zu überwältigen droht.


    „Zumindest nicht heute.“, antwortet Lyall. „Heute nächtigt ihr unter diesem Dach. Aber nicht hier in der Küche. Dort kann ich euch nicht helfen, falls es euch widererwarten schlechter gehen sollte. Ich würde euch in meine Kammer mitnehmen. Keine Sorge, ihr werdet separat schlafen.“, fügt sie amüsiert hinzu, als sie seine ungläubig oder vor Angst weiten Augen sieht. „Lasst mich eben etwas herrichten...“ Langsam steht die Wargin auf und beginnt in der Küche als auch im Vorratskeller, nach den Dingen, die sie meint zu benötigen, herumzustöbern.

    In der Hand trägt sie bei ihrer Rückkehr sowohl eine Obstkiste, darin ein Holzbrettchen als auch eine metallene Bettpfanne.

    Aus einer der Schränke zieht Lyall ein sauberes Geschirrtuch und beginnt mit ihrem Gast zu sprechen, denn sie möchte ihn noch nicht in die Traumwelt entlassen, ohne sich seiner Zustimmung zu dem Unterfangen sicher zu sein.

    „Ich werde euch eine Art „kleinen Raum“ zusammenstellen. Denn in meiner Kammer wird es nicht so warm sein, wie hier. Seht, die kleine Bettpfanne werde ich mit dem Rest der Glut befüllen und auf dem Holzbrettchen in die Kiste stellen. Da hinein kommt auch noch eure nun… Bettstatt. Darüber ein Tuch, damit die Wärme nicht so schnell entweichen kann.“ Während sie ihm ihre Absichten erklärt, tut sie eben dies gesagte, sodass sie am Ende ihres Satzes eben jene so ausgestattete Kiste auf dem Tisch vor ihm bereitstellt.

    „Nun müsst ihr nur noch entscheiden. Alleine hineinkrabbeln oder mit meiner Hilfe? Und keine Sorge, ihr könnt euch jederzeit umentscheiden, besagte Kiste verlassen und gehen. Doch in der Küche möchte ich euch, wie eben gesagt, ungerne lassen.“, sagt sie freundlich und streckt ihm eine Hand entgegen, so als wollte sie die Bettstatt inklusive ihm in die Kiste bugsieren, hält jedoch kurz vor ihm inne. Er soll merken, dass es wirklich seine alleinige Entscheidung ist.

    „Um eure Kleidung müsst ihr euch nicht sorgen. Auf den warmen Steinen wird sie bis morgen sicher trocken.“

    If you're lost you can look and you will find me
    Time after time
    If you fall I will catch you, I'll be waiting
    Time after time

    ~ Cindy Lauper, Time After Time



    Ende Blätterfall 521


    Sie stutzt merklich und ein flaues Gefühl breitet sich in ihrem Magen aus, während er ihr eröffnet, dass die Schlafstatt seiner Tochter wohl nicht mehr mit in seiner Kammer steht. Mitfühlendes Unbehagen ist auf ihren Gesichtszügen zu lesen, kann sie den Schmerz und die innerliche Zerrissenheit des blonden Bäckers beinahe körperlich spüren, den die Handlung des Bettchenabbaus sowie zusätzlich noch die unsagbar traurige Nachricht um die Familie Wulfor in ihm ausgelöst haben musste. Beides war ein unleugbares Zeichen der Endlichkeit eines jeden Seins. Obwohl Lyall das Schicksal der Familie bereits vor einiger Zeit durch Falk zugetragen wurde, kann sie es noch immer nicht ganz begreifen.

    Eine ganze Familie.

    Einfach von Rohas weitem Rund getilgt.

    Als Antwort auf seine Frage, ob sie bereits davon erfahren hatte, drückt sie sacht seine Hand etwas fester und nickt kaum wahrnehmbar. Ein Kloß in ihrem Hals hindert sie an einer verbal ausgeformten Antwort auf seine Frage, doch Aneirins Blick nach haben ihm ihre subtilen Signale als Erwiderung ausgereicht. Umständlich versucht sie durch Schlucken die unangenehme Engstelle in ihrem Hals loszuwerden und auch ihr Freund scheint mit seinen Emotionen zu kämpfen. Richtung Himmel schauend erweckt er bei ihr den Eindruck, dass er versucht aufwallende Tränen durch schiere Willenskraft und mit Hilfe der Gravitation zurückzudrängen und offenbar gelingt ihm das äußerst gut, denn als der Bäcker sie anblickt, scheint er wieder beherrscht und erstaunlich ruhig.

    „Außerdem musste ich bei der Innung wegen der Bäckerei vorsprechen… Ich wusste bereits von Arúen, dass du die Seuche überstanden hast und hier noch lebst. Ich wollte heute noch nach dir sehen.“ Verstehend nickt die Wargin. Sie glaubt seinen Gedankengang dazu nachvollziehen zu können. Durch diese Information der Elbin hatte er einen gewissen zeitlichen Spielraum bekommen, bevor er die Drachenländerin aufsuchen mochte und in dieser Zeit hatte er sich möglicherweise erst sammeln und innerlich auf ein Treffen vorbereiten wollen. Vielleicht die Worte finden, die erklären sollten, warum er sich nicht mehr gemeldet und den Kontakt hatte versiegen lassen. Und das in einer Zeit, in der solch eine grässliche Seuche grassiert.

    Oder hat er sich geschämt zu ihr zu kommen, nach diesem Verhalten? Doch eigentlich kann sich Lyall dies nicht vorstellen. Sie hätte ihn immer mit offenen Armen empfangen, egal welche Fragen seine Handlungen bei ihr aufwerfen würden und sie ist sich sicher, dass er seine Gründe gehabt hatte. Nach all den Jahren weiß sie, dass ihr Freund eines nicht tut: unüberlegt handeln. Er wird ihr schon beizeiten alle Beweggründe mitteilen, die ihm wichtig erscheinen.


    „Du hast mir gefehlt.“, kommt es leise über seine Lippen, während er sie in seine Arme schließt und Lyall die Umarmung nur allzu gerne erwidert. Wenn sich auch vieles geändert hat oder sich zumindest so anfühlt, so ist sein Geruch und der Schlag seines Herzens noch derselbe. Diese Umarmung und ihr Empfinden dabei zeigt der Wargin, dass sich zwischen ihnen vielleicht eine gewisse emotionale Schieflage eingeschlichen hat, die jedoch für ihrer beider Freundschaft absolut unerheblich ist. Es würde sich schon wieder alles einrenken, da ist sie sich sicher.

    So spiegelt sie ehrlich und bereitwillig das Lächeln wider, welches auf Aneirins Zügen liegt, als dieser sich aus der Umarmung löst und nach ihrem Befinden sowie dem ihres Gefährten erkundigt. Lyalls Hirn hat nicht einmal Zeit sich eine Antwort parat zu legen, da fügt er an, dass sie sich beide auch später oder auf dem Rückweg zum Anwesen unterhalten können. Offenbar hat er aus der Anwesenheit des Korbes korrekt darauf geschlossen, dass die Wargin für Einkäufe unterwegs gewesen ist, während es zu ihrem „Zusammenstoß“ kam. In wirklicher Eile ist sie nicht, aber Avila wird sich trotzdem wundern, was so lange auf dem Markt dauern kann, dass die Drachenländerin noch nicht zurückgekehrt ist. Und Lyall will ihrer Freundin wahrlich keine zusätzlichen Sorgen bereiten. „Unterhalten wir uns besser unterwegs. Du hast recht, ich sollte mich langsam auf den Rückweg machen. Ich würde mich sehr freuen, wenn du mich begleiten würdest!“ So schnell will sie ihren Freund nun auch nicht wieder ziehen lassen, nachdem Zeit und Raum sie so lange getrennt hatten und freut sich innerlich sehr darüber Aneirin noch ein bisschen länger an ihrer Seite zu wissen.


    Als sie nach dem Korb greifen und diesen aufheben will, kommt ihr der blonde Bäcker zuvor und trotz Lyalls intensiven Bekundungen, dass der Korb nicht zu schwer sei lässt er sich nicht davon abbringen diesen für sie zu tragen. Schlussendlich klemmt sie sich also nicht den Korb unter den Arm, sondern hakt sich bei Aneirin ein und beide machen sich daran „ihre“ Bank als auch den Blaupfuhl langsam zu verlassen.

    Das erste Stück des Weges bringen sie in grübelndes Schweigen gehüllt hinter sich. Aneirin scheint auf ihre Antwort zu warten und Lyall muss überlegen, in welche Reihenfolge sie die sich überstürzenden Ereignisse der letzten Monde bringt, damit die Wargin sinnvoll und gleichzeitig knapp darüber berichten kann, was Cin und ihr widerfahren ist.

    „Eigentlich hat alles bei uns ganz harmlos begonnen. Ich bin zu Cináed auf den Schafhof gezogen, wir haben uns so sehr gefreut und gehofft, dass wir nun endlich unser Leben gemeinsam verbringen können. Doch nicht lange danach hat uns die Nachricht über die Seuche erreicht. Als erstes dachte man, dass alles schon nicht so dramatisch werden würde, doch es häuften sich die Nachrichten über schwere und bald auch tödliche Verläufe, sodass diese Hoffnung schnell aufgegeben wurde. Wir wollten die Krankheit erst auf dem Hof aussitzen, um das Gesinde und uns nicht unnötig zu gefährden… doch dann habe ich davon erfahren, dass das Anwesen als Herberge für die Botenkinder dient, die an der Roten Seuche erkrankt sind. Es waren viele Kinder… sehr viele…Und… wir konnten einfach nicht untätig bleiben. Ich bin schweren Herzens wieder zurück zu Aurian und Avila gezogen, um mit ihnen und ein paar weiteren Mägden die Kinder zu pflegen und Cináed… nun… er hat die unglücklichen, der Krankheit erlegenen Seelen zu Sithechs Acker begleitet.“ Hier stoppt sie und muss sich kurz sammeln, bevor sie weiterspricht. Diese Zeiten sind einfach so hart und auszehrend für sie alle gewesen und die Erinnerungen daran noch so frisch, dass es Schmerzen in ihrem Herzen verursacht. Sie erinnert sich auch daran, wie sie oft weinend an Briannas Grab gesessen hat und Tränen für das kleine Mädchen und all jene Kinder vergossen hatte, die während der Roten Seuche den Tod gefunden hatten. Und auch für Aneirin, dessen Gram um den Verlust eines Kindes sie nun zumindest noch ein klein wenig besser nachvollziehen kann. Weiter ins Detail mit den Vorkommnissen auf dem Anwesen will sie vorerst nicht gehen. Und die Wargin ist sich sicher, dass ihr Freund sich sehr gut selber ausmalen kann, welche weiteren Informationen bezüglich der Kinder sie ihm vorenthält. Auch sagt sie nichts über Varin, denn Lyall ist sich nicht sicher, ob Aneirin diesen überhaupt kennt.


    „Am Ende haben wir uns einfach überall da nützlich gemacht, wo es nur ging. Cin und ich konnten uns meist nur sporadisch sehen und das jedes Mal mit der Angst, den jeweils anderen anstecken zu können oder selber an der Seuche…nunja… Wir sind aber alle nochmal glimpflich davongekommen. Weder auf dem Anwesen noch auf dem Schafhof gab es Tote zu beklagen.“ Ist es wirklich schon zwei Zwölfmonde her, dass ich Cináed länger als ein paar Stunden sehen und fühlen konnte? Bei Eas grünem Blute…Ich werde ihn festhalten und nie wieder loslassen, wenn ich wieder auf Glyn-y-Defaid bin! Fahrig wischt sie sich über das Gesicht, die feinen Fäden der sich aufbäumenden dunklen Gedanken wegfegend, die sich über ihr Gemüt legen wollen. Bald… bald wird sie ihren Geliebten wieder in ihre Arme schließen können und ihr gemeinsames Leben kann ungestört beginnen. Gegenseitig können sie sich sicherlich die Kraft geben, die Erlebnisse zu verarbeiten und mit den Vorkommnissen abzuschließen. „Wir haben einfach von Tag zu Tag gelebt. Innerlich immer mehr mit einem tauben Gefühl kämpfend, so unendlich machtlos zu sein. Nun sind jedoch so gut wie alle Kinder, die die Seuche überstanden haben, wieder in der Steinfaust angekommen, die Mägde werden auch bald wieder zurückkehren und möglicherweise kommt ja doch irgendwann wieder das Gefühl der… Normalität. Zumindest fühlt sich das Einkaufen schon fast wieder an wie früher. Danke nochmal, dass du den Korb für mich trägst. Wir stocken die Vorräte gerade wieder auf und das wird sicher nicht mein letzter Gang zum Markt gewesen sein.“ Sie versucht die in ihrer Stimme mitschwingende Befürchtung, dass dies nur ein frommer Wunsch sein könnte und so etwas wie Normalität noch lange würde auf sich warten lassen, mit einem zaghaften Lächeln zu überspielen. Ansonsten weiß sie ihrem Freund nicht viel mehr zu erzählen. Es ist über die lange Zeit so viel passiert, dass sie schon gar keine genauen Erinnerungen mehr daran hat, was alles geschehen ist oder gar wann genau. Und über sein spurloses Verschwinden, ihre Sorgen darüber und die innerliche Kränkung, die sie empfunden hat und die ganze Zeit über zusätzlich über allem geschwebt hat, mag sie jetzt nicht sprechen. Es ist einfach nicht der Richtige Zeitpunkt.

    Ansonsten ist ihr Kopf gerade relativ leergefegt und sie fühlt sich wieder so unendlich müde, sodass sie sich an den erstbesten Gedanken klammert, der ihr in den Kopf kommt und diesen ausspricht. Seltsamerweise möchte sie kein erneutes Schweigen zwischen ihnen aufkommen lassen. So spricht sie das relativ neutrale Thema der Bäckerinnung nochmals an. Sie erkundigt sich, warum Aneirin sich bei dieser hatte melden müssen und lauscht seinen Ausführungen still und aufmerksam, während sie im Gewirr der Talyrer Gassen in Richtung Seeviertel abbiegen.

    Liebe WS-ler, :upsido:


    ich wünsche euch für das nächste Jahr viel Gesundheit (für euch selbst, eure Familien und alle, die euch wichtig sind :soppy: ), viel Erfolg bei allen euren Vorhaben :flower: , viel Zeit für Freude und Abenteuer :uglyrock: und genug Ruhe, um sich von Stress zu erholen :uglycafe: .


    Rutscht später gut rein, man liest sich spätestens 2023 wieder :grouphug: <3

    Ein paar Tage nach Jul 521



    Sie kennt die Geste der auf die Brust gelegten Faust und schmunzelt. Waldkinder und sein Volk scheinen die selben Gestiken zu nutzen, dabei könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Der eine groß, der andere klein; eine Heimat der dichte Wald und bei ihm wohl die Stadt. Wie lange sie diese Geste nicht mehr selbst gebraucht hat… es mag schon ein paar Zwölfmonde her sein. Mittlerweile hat sie sich an das Händeschütteln und Umarmen gewöhnt, welche hier zu den Gepflogenheiten gehören.

    Gespannt lauscht sie seinen Ausführungen und kann die Nervosität fast körperlich spüren, welche er bei den Worten „euch Großen“ wohl empfinden muss. Sie rückt daher noch ein klein wenig mehr von ihm ab, um ihn ihre Größe nicht so sehr spüren zu lassen.

    „Seid unbesorgt, Herr Erle. Hier kennen und schätzen wir auch die kleinen Wesen. Ein Irrlicht nennt dieses Anwesen schon sehr lange sein Zuhause, auch Feen waren schon zu Gast und wir wissen gut um die Probleme, welche wir Großen für die kleinen Völker aufwerfen können. In diesem Hause leben noch Lady Aurian sowie Avila, die oberste Magd. Alle herzenzgute Menschen… ähm beziehungsweise auch eine Halbelbe… Die Lady hat das besagte Irrlicht vor lange Zeit ebenso gerettet. Aus den Klauen eines Magiers, wie ich meine mich erinnern zu können. Ich kann daher für eure Sicherheit garantieren. Hier muss weder Elb, Mensch, Tier noch jedes sonstige Wesen etwas befürchten. Wenn es euch jedoch lieber ist, bleibt eure Anwesenheit natürlich geheim. Ärger würde mir dies nicht einbringen, aber eigentlich habe ich vor meinen Freundinnen keine Geheimnisse, da dies nie nötig war. Allerdings kann ich euch wohl dann am besten helfen, wenn meine Freudinnen ebenso von euch erfahren dürften. Denn Lady Aurian ist magiebegabt und Avila weiß noch viel mehr über Heilkräuter, als ich. Daher könnte euch dies nur zum Vorteil sein.“, sagt sie an den kleinen Herren gewandt, während sie ihre Tasse ebenso wie er seinen Fingerhut an ihren Mund führt und vorsichtig einen Schluck des heißen Tees nimmt. Die Tasse wärmt ihre kalten Finger zunächst angenehm, dann jedoch muss sie das Geschirrstück auf dem Tisch abstellen, da die Hitze über die Zeit unangenehm auf der Haut ihrer Finger zu brennen beginnt.

    „Ich weiß, dass meine Worte noch nicht sehr viel Gewicht haben, da wir uns erst so kurz kennen. Aber ich bürge dafür, dass ihr hier in vollkommener Sicherheit seid.“ Sie beäugt seine kleine Gestalt, die sich am Feuer wärmend im Stoff des Tuches eingemummelt hat, freundlich offen und mit einer Spur Neugierde, als er sich über die Eule beschwert und ihr abermals für seine Rettung dankt, welche sie mit einem leichten Kopfneigen quittiert.

    „Keine Ursache, Herr Erle. Hauptsache ihr seid mit recht heiler Haut aus der Sache herausgekommen und werdet mir hier nicht weiter krank. Doch… warum wart ihr in diesem Loch? Eure Kleider machen nicht den Anschein, als würdet ihr normalerweise unter der Erde leben, gar als Nachbarn der Mäuse? Auch wenn die Eule euch für ebensolche gehalten haben mag. Verzeiht mir die allzu direkte Frage aber, welchem Volk gehört ihr an? Da ihr keine Flügel habt nehme ich an, dass ihr weder Fee noch Irrlich seid. Oder doch? Und Ealara hat euch einfach nur… anders gemacht?“ Um ihre Worte zu verdeutlichen streicht sie mit beiden Händen über ihre pelzigen Ohren.

    Ende Blätterfall 521


    Das herzerweichende Schluchzen ist schon lange verklungen und auch ihre Tränen einstweilen versiegt, doch Lyall schweigt weiterhin. Den Blick starr auf ihre Stiefelspitzen geheftet spürt sie Aneirins Anwesenheit mehr, als dass sie ihn direkt sehen kann und fühlt sich beinahe so paralysiert, wie bei einer ihrer ersten Begegnungen.


    Als ihr Freund ihr gemeinsames erstes Treffen erwähnt, hier an diesem Platz, presst sie rasch ihre Augenlider aufeinander, um die Tränen auszusperren, welche sich erneut Bahn zu brechen versuchen. Natürlich weiß die Wargin wo sie beide gerade verweilen (auch wenn sie den Weg dahin durch den Schleier ihrer Tränen nur unzureichend hatte erkennen können) und sie kann sich an das kleine magisch erzeugte Wesen erinnern, welches durch Aneirins Zauber zum Leben erwacht war. Es war so zart und durchscheinend gewesen, wie ein Blütenblatt und doch so agil, wie ein echtes Tier. Es tanzte so lieblich zu seiner Flötenmusik, dass es Lyalls Herz im Sturm erobert hatte. So, wie es Aneirin getan hatte. Seit dem ersten Augenblick am Zaun des Anwesens, hat sie eine Verbindung zu diesem Mann gespürt und obwohl sie Vorsicht ihm gegenüber walten ließ, empfand sie diese tiefe, vertraute Empathie schon damals in zarten Zügen.


    Auch jetzt ist er ihr nach so langer Zeit der Trennung nicht fremd geworden und ruft in ihr dasselbe heimelig-warme Gefühl wach. Gleichzeitig wirkt er ungewohnt verändert und… irgendwie anders. Die Wargin kann die unterschwellige Emotion nicht in Worte fassen, doch da ist ein aufkeimendes Gefühl in ihr, welches Lyall eine vage Vermutung von erworbener Andersartigkeit ihres Freundes vermittelt und sich nicht abschütteln lassen will. Natürlich hat sich der blonde Bäcker verändert, dass lässt sich auf so einer langen Reise gar nicht vermeiden. Doch diese Andersartigkeit hat nichts mit einem gereiften Charakter oder neu gewonnenen Eindrücken zu tun. Nein… Etwas in oder an ihm ist anders. Und Lyall weiß genau, dass ihr Unterbewusstsein sich nicht durch den Bartwuchs in seinem Gesicht oder die etwas tiefer eingegrabenen Linien der Haut verunsichern lässt.


    Doch wirklich viel Raum will sie dieser inneren Unruhe auch nicht zugestehen, denn schließlich ist ihr Freund nach so einer langen Zeit endlich wieder in Talyra angekommen. Endlich ist er wieder zuhause. Sie möchte sich einfach nur freuen und das tut sie eigentlich auch, doch es fällt ihr schwer dies gerade in dem Maße an Überschwänglichkeit zu zeigen, die sie gerade empfinden mag. Dass er ihr in den letzten Monden nicht geschrieben hat und einfach gar kein Lebenszeichen von sich in die Weltenstadt hatte dringen lassen, sitzt wie ein widerhakenbewehrter Dorn schmerzhaft in ihrem Fleisch. Sie will ihm keine Vorhaltungen machen, sie weiß, dass er seine Gründe gehabt haben mag, sich so zu verhalten und sicher wird er ihr auch davon erzählen… oder auch nicht. Lyall will keine Geheimnisse aus ihm herauspressen, ihn einer peinlichen Befragung unterziehen oder wie ein keifendes eifersüchtiges Weib jeden seiner Schritte explizit erklärt wissen. Doch tief im Inneren ist die Drachenländerin doch irgendwie verletzt, hat sie doch womöglich mit einer tieferen Vertrautheit ihr gegenüber gerechnet, als tatsächlich der Fall ist. Oder tut sie ihm damit nicht Unrecht?


    Er ist stets offen und wahrhaftig ihr gegenüber gewesen. Sie hatten sich immer alles erzählen können und dem anderen bei jeder Art Problem beigestanden. Vielleicht trägt er nun eine seelische Last mit sich, die er keinem anderen aufbürden mag. Nicht mal einer guten Freundin?




    Sie seufzt tief, als er ihr zuraunt, dass es ihm Leid täte und schlussendlich blickt sie von ihren Stiefelspitzen auf. Zuerst schaut sie nur über die Wasseroberfläche des Sees, fängt die herbstliche Stimmung mit ihren Augen ein und versucht dann dem am meisten in ihr vorherrschenden Gefühl den Raum in ihren Emotionen zu geben, den es verdient: der unbeschreiblichen Freude darüber, dass Aneirin wieder bei ihr ist.

    So liegt in ihrem bernsteinfarbenen Blick ehrlich und tief empfundene Erleichterung als sie ihn erst über seine Schulter hinweg ansieht und sich dann aufrichtet, um den Bäckermeister und sein neues Aussehen richtig erkennen zu können. „Mir tut es leid, Aneirin. Ich hätte nicht solch einen Aufstand machen sollen. Bitte entschuldige vielmals. Aber dein Auftauchen war… zugegebenermaßen… mehr wie unerwartet. Es hat mich fast buchstäblich aus meinen Stiefeln gehauen.“ Sie versucht sich an einem schiefen Lächeln, um das Unbehagen zwischen ihnen Beiden zu vertreiben. Doch ganz will es ihr nicht gelingen. Um ihren nervösen Fingern etwas zu tun zu geben und ein paar Herzschläge Zeit für neue Worte zu schinden, greift sie nach dem nass geweinten Halstuch, zieht es sich etwas umständlich über den Kopf und stopft es leicht verlegen in ihren Stiefelschaft. Denn die nächsten Worte weiß sie nicht gut im Gespräch zu platzieren, denn sie will auch nicht mit der Tür ins Haus fallen. Die Situation ist durch ihren emotionalen Ausbruch sowieso schon aus dem Ruder gelaufen und haben ihn sicherlich noch weiter verunsichert. Wie gern würde sie ihn fragen, wo er die letzten Monde genau gewesen war, warum er sich nicht gemeldet hat, wie lange er schon in Talyra ist ohne ihr Bescheid zu geben, wie es ihm ergangen ist, ob die Rote Seuche ihn unbehelligt gelassen hat und so weiter und so fort.

    Und am liebsten all dies gleichzeitig. Das kann und will sie ihm jedoch nicht antun. Denn sie mag einen gewissen Stich der Zurückweisung empfinden, ihn dies jedoch nicht als eine Art Anschuldigung merken lassen. Böse oder sauer auf ihn ist die Drachenländerin keinesfalls. Sondern einfach nur verletzt.

    So spricht sie die Worte aus, die ihr am neutralsten erscheinen und am ehesten den vordringlichsten Gedanken in ihr wiedergeben: „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Geht es dir gut?“ Zart und fast wieder scheu ergreift sie seine Hand und bettet diese zwischen ihren schlanken Fingern. Die Haut seiner Hände ist rauer und irgendwie fester, als sie diese in Erinnerung hat. Eher die Haut eines Kämpfers, als die eines Bäckers., keimt es in ihren Gedanken auf, doch sie beruhigt sich damit, dass er auf seiner Reise sicherlich andere Arbeiten hatte verrichten müssen, als das Backen von Teig und das Schleppen von Mehlsäcken. Kurz drückt sie deine Hände und streicht dann kurz mit einem ihrer Daumen über seinen Handrücken.

    Ein paar Tage nach Jul 521



    Die Position auf dem Holzstuhl ist doch nicht die Bequemste gewesen und so hat Lyall es sich über die Zeit mit dem Kopf auf der Tischplatte gemütlich gemacht. Oder so gemütlich, wie es eben in dieser Position sein kann. Der tiefe Schlaf bleibt ihr auch dieses Mal verwehrt und das feine, andersweltliche Gespinst der Träume will sich nicht über sie legen, und so schwebt ihr Geist in einem körperlosen Zwischenzustand dahin. Doch auch durch diesen Schleier hindurch nimmt sie das flüsternde Zischen und Knacken des vom Feuer allmählich verzehrten Holz dumpf wahr; das gemächliche Blubbern des Wassers im Kessel als auch ihr eigener ruhiger Atem scheinen von weit weg zu kommen. Ihr feinstoffliches Ich ist durch einem dünnen Faden mit ihrem Körper verbunden, spürt diese weltliche Last aber nur minimal. Es treibt vor sich hin, ohne Träume, aber auch ohne Gedanken an die Strapazen der letzten Monde.

    Das es das erste Mal seit langer Zeit ist, dass sie relativ ungestört von Alpträumen oder Gedankenkarussellen zumindest ruhen kann, und dies offenbar auch an des kleinen Anirans Berührung liegt, ist Lyall nicht bewusst. Und so kann sie sich zumindest in der kurzen Zeit entspannen, bis ihr Gast aufwacht und ihre Ohren neue Geräusche zu ihr in den körperlosen Raum senden. Leise sind sie, wie das Flüstern von Stoff, leichtfüßige Schritte und dann eine belegte Stimme, die nur allmählich kraftvoller wird. Ihre Wolfsohren fangen jedes Wort deutlich ein, doch es dauert ein paar Herzschläge, bis sich der feine Faden zu spannen beginnt und ihren Geist zurück in ihren physischen Körper sowie das Hier und Jetzt holt.

    Die eben vernommenen Worte, wenn auch mit kratzig brechender Stimme gesprochen, setzt ihr Gehirn gerade wieder zu verständlichen Sätzen zusammen, während das Gefühl in ihre Glieder zurückkehrt und sie sich recken und strecken möchte. Im letzten Moment erinnert sie sich daran, dass der kleine Herr woh recht nah vor ihr sitzen muss und sie ein ausgiebiges Armbalett unterlässt und stattdessen nur langsam den Kopf dreht, ihn aus verschlafen wirkenden Augen anblickt, bevor sie sich wieder ordentlich auf den Stuhl setzt. Gut sieht ihr Gast nicht aus, kränklich blass eher und es verwirrt die Wargin ihn vollständig angezogen und mit Gepäck vor sich schwankend stehen zu sehen. Seine Augen sind weiterhin fiebrig und er sieht wirklich aus, als würde er gerade wieder ins Bett gescheucht gehören.

    Doch was hat er eben von sich gegeben?

    Die Maus ist am Roten Tod verendet und er möchte die Krankheit nicht mit hierher bringen?

    Und... er ist ein...Aniran?

    Unbewusst fasst sie sich ins Gesicht und streicht mit den Fingern über ihre Wange. Tatsächlich, die Wunde ist so gut wie verschwunden, nur eine minimale Erhebung können ihre Fingerspitzen noch ertasten.

    Vorsichtig räuspert sie sich, um ihn nicht zu erschrecken und spricht dann sanft: „Natürlich könnt ihr hier bleiben, werter Herr. Solange, bis es euch besser geht. Ich werde auch versuchen eine bessere Bettstatt zu organisieren, als diese dort.“ Mit einer flüchtigen Handbewegung weist sie auf das Körbchen sowie das Tuch hin, wobei sie auch erneut dem Kessel gewahr wird. “Aber verkühlt euch nicht. Vielleicht solltet ihr doch wieder unter das Tuch kriechen, bis der Tee bereit ist? Ich werde uns einen Thymian-Salbei-Tee zubereiten. Schmeckt nicht besonders gut, aber hilft wie ihr ja wisst.“ Um beider Anspannung ein bisschen zu mildern zwinkert sie ihm zu, geht zum Kessel herüber und nimmt diesen vom Dreibein. Leider hat sie so lange gedöst, dass nur noch weniger als die Hälfte des eingefüllten Wassers vorhanden ist, aber für eine Tasse sowie einen Fingerhut voll sollte es noch reichen. „Und macht euch keine Sorgen, wegen der Roten Seuche. Die letzte Ansteckung ist ja nun schon etwas her und wer weiß seit wann die Maus schon dort unten lag.“ Sie vermeitet ihm darzulegen, dass die Rote Seuche mehr als präsent im Anwesen gewesen ist, denn sie möchte die emotionalen Wunden im Moment nicht weiter aufreißen. „Und da ihr ja ein Aniran seid, mache ich mir keine Sorgen. Schließlich habt ihr ja auch meine Wange geheilt. Vielen Dank dafür!“, lächeld dreht sie sich kurz zu ihm um, während sie kleingebröselte Kräuterteile in ein Leinensäckchen füllt, in eine Kanne hängt und mit heißem Wasser aufgießt, bevor sie erneut an den Tisch tritt und sich setzt. Kritisch beäugt sie den Mann und setzt an: „Ihr gefallt mir gar nicht. Ihr müsst euch wieder in`s Bett legen. Wie kann ich euch dieses angenehmer gestalten? Und ich habe erst mit dem Gedanken gespielt, euch in meine Kammer zu nehmen, aber hier ist es wärmer. Das wird euch gut tun.“ Sie versucht sich etwas weiter herunter zu beugen, um mehr auf seiner Augenhöhe zu sein, aber ohne ihn ungewollt ihrem Atemsturm auszusetzen. „Wie darf ich euch eigentlich nennen? Mein Name ist Lyall. Möchtet ihr auch noch etwas zu Essen haben?“ Weitere Fragen bilden sich in ihrem Kopf, aber später wird noch genug Zeit sein darüber zu sprechen.