It´s a bird... It`s a plane... It´s Superman!
~ Musical von David Newman und Robert Benton
Anfang Sturmwind 525
Das Rufen eines einzelnen Mannes dringt nur behäbig von ihren Ohren zum Gehirn durch, die Information wird verarbeitet aber langsam, andere Informationen ihres Körpers haben in diesem Moment eine höhere Priorität. Ihr Denkorgan ist vollauf damit beschäftigt diverse Körperfunktionen gleichzeitig zu orchestrieren, möglichst ohne sich dabei selbst zu sehr von den Warnsignalen beeinflussen zu lassen. Eine schwere Aufgabe, an der es langsam zu verzweifeln beginnt.
Luft, sie braucht Luft, aber ihr Rachen hat sich spastisch zusammengezogen, es darf nichts hindurchdringen, kein Brocken von was auch immer weiter in die Lunge rutschen. Doch die Lunge und damit auch der ganze Körper lechzt nach Sauerstoff, der nicht kommt und ihr System in Panik versetzt. Ihr Mund ist plötzlich so trocken und die Feuchtigkeit, die sie dort am nötigsten hätte, quillt derweil ungehemmt aus ihren Augen. Ihr Kopf ist ein einziges Chaos und der denkende Teil von Lyall ist zusammengeschrumpft, überfordert und angesteckt von der Panik. Doch dort… da kommt die Stimme zu ihr durch. Ein Mann nähert sich ihr. Seine Worte ergeben erst keinen Sinn, zerfasernde Satzfetzen, Worthüllen ohne Bedeutung. Schließlich erkennt sie die Stimme.
An… Aneirin?
Er kniet vor ihr, seine Silhouette dunkel und konturlos in ihrem tränenverschleierten Blickfeld. Sie würde ihm gerne die Fragen beantworten, die aus ihm heraussprudeln und ihren Zustand erklären, doch es geht nicht. Nichts funktioniert in ihrem Hals, japsend und mit hämmerndem Herzen ringt sie um jeden Atemzug und versucht durch mehrfaches Schlucken irgendwie den heilbringenden Speichelfluss wieder anzuregen. Doch bis auf ein trockenes Knacken bringt ihr Rachen nichts zustande.
Nein, keine Mandel… der Zucker! Bei Ea, ich werde doch nicht ersticken?
Es ist nur ein winziges Areal, welches der süße Stoff getroffen hat und doch reicht dies aus, um sie fast kollabieren zu lassen. Instinktiv sagt etwas in ihr, dass ihr Hals keinen Schaden genommen und das kleine Karamellstück sicherlich schon seinen korrekten Weg in Richtung Magen angetreten hat. Aber der Schmerz sitzt fest, sticht unbarmherzig zu, als steckt ein winziges Stilett in der Schleimhaut, unfähig sich zu lösen.
Dass er ihr auf den Rücken klopft merkt sie kaum und auch das Abwinken geschieht mehr aus Reflex, als aus einer überlegten Handlung heraus.
Ein relativ unbeteiligter Teil ihres Gehirns, der bis jetzt recht zynisch und teilnahmslos auf die Szenerie geblickt hat, verkündet ihr trocken, dass das hier ziemlich peinlich ist und sie sich nicht besser mit dem Ersticken beeilen sollte, um der Schande endlich zu entgehen und auch den Umstehenden die Peinlichkeit baldigst zu ersparen. Ein wunderlicher Gedanke, den die Wargin jedoch nicht weiter eruieren kann, da ihre Füße plötzlich die Bodenhaftung verlieren.
Aneirins Arme umklammern ihren Brustkorb und pressen zwei… drei Mal beherzt zu. Sie kann seine kräftige Brust in ihrem Rücken spüren, wie eine Wand, gegen die sie zum wiederholten Male geschleudert wird. Das letzte bisschen Luft in ihrem Atmungsorgan entweicht geräuschvoll und scheint gleichzeitig die Initialzündung für einen tiefen Atemzug zu sein. Und für den nächsten. Ihr System jubelt dem Sauerstoff entgegen und ihre Lungen finden langsam in den eigentlichen Rhythmus aus Ein- und Ausatmung zurück.
Als ihre Füße wieder den Boden berühren, hält sie sich noch kurz an Aneirin fest, weiterhin um die Kontrolle über ihren Körper ringend. Sie kann wieder atmen, ja. Schwerfällig aber es sind Atemzüge. Das Stechen ist allerdings nur leicht abgeebbt, und sie hat die nagende Befürchtung es könnte jederzeit wieder losgehen. Die Bäche aus Tränen versiegen langsam, doch sie merkt die Alarmbereitschaft ihres Körpers noch sehr deutlich. Er traut dem eben zurückgewonnenen Frieden noch nicht so richtig über den Weg. Es braucht ein paar Herzschläge und dann noch ein paar mehr, bevor sie Aneirin mit einem Kopfnicken signalisieren kann, dass das Schlimmste vorbei zu sein scheint. Sie richtet sich vorsichtig auf, wischt sich etwas unschicklich mit ihrem Ärmel über Augen und Nase und stiert ihren Retter dann aus wässrig-roten Augen an. „Es… geht wieder.“, presst sie leise hervor, sehr darauf bedacht die noch immer schmerzhaft wunde Stelle in ihrem Hals nicht erneut zu reizen. Mehrmals blinzelt sie die letzte Feuchtigkeit aus den Augen und wird sich erneut den Umstehenden und ihrer Reaktionen bewusst. Sie würde ihnen allen gerne kampflustig in die Augen blicken, ihnen einen spöttischen Kommentar entgegenschleudern und ihre peinliche Berürtheit auf die Gruppe umwälzen: Was gibt’s da zu glotzen? Noch nie verschluckt? Was glaubt ihr hier zu sehen, ein Weltwunder?
Doch das traut sie sich nicht, ist zu sehr von der Situation überfordert und der Schreck sitzt ihr noch merklich in den zittrigen Gliedern. Und so greift sie nach Aneirins Hand, ein Anker der Beständigkeit, der ihren rasenden Puls nach und nach beruhigt und ihre Atemzüge flacher werden lässt.
„Mit Zunge… was sind... das denn... für Töne? Hättest du wohl... gerne?“, haucht sie trotz der Situation belustigt als sie ihn aus dem Augenwinkel mustert. Ihre Stimme ist gedämpft und kratzig, doch der Schalk blitzt schon wieder aus ihren Augen. Sie hofft, das ist Zeichen genug, dass sie sich auf dem Weg der Besserung befindet. „Welch ein... Ritt. Ich brauche… etwas Wasser.“
Sie rafft ihre Einkäufe schnellstmöglich zusammen, nimmt ihren Retter wieder an die Hand und zerrt ihn aus dem sich langsam auflösenden Getümmel. Nur einzelne feine Tropfen fallen noch vom grauen Himmel auf den Marktplatz, als sie sich zu der Wasserverkäuferin schlängeln, welche aus einem großen Fass Wasser für die durstigen Kehlen verkauft.
Durstig ist sie nicht aber bei Ea, sie braucht einen Schluck. Oder das ganze Fass. Schon von weitem signalisiert sie der kleinen, recht beleibten Frau, ihr ein Becher zu füllen. Offenbar muss sie die noch nicht ganz verebbte Panik in Lyalls Augen wahrnehmen, denn sie sputet sich zwei Becher zu füllen, um beiden diese bereits bei der Ankunft entgegen zu stecken. Die Wargin ergreift die Becher mit beiden Händen, leert erst den einen, dann den anderen. Was für eine Wohltat dies für sie bedeutet würde sie wahrscheinlich niemandem begreiflich machen können, der nicht selbst schon eine solche heikle, wenn auch nicht wirklich gefährliche Situation mitgemacht hat. Sie fühlt sich wie aus einem Würgegriff entlassen, als das kühle Nass die wunde Stelle in ihrem Hals lindernd umspült.
„Meine Güte, das hat sich knapp angefühlt.“, sagt sie mit einem schiefen Lächeln und erzählt dann was zu der Situation geführt hatte. Jetzt, nachdem sie getrunken hat und der Schmerz langsam nachlässt, kommt sie sich dumm vor. Eigentlich eine Nichtigkeit… und doch steigt galligbittere Panik bei dem Gedanken auf, es könnte nochmal passieren.
Nein, das wird es nicht. Das war einfach Pech.
„Danke für deine schnelle Reaktion. Ein Segen, dass du in der Nähe warst.“ Mit einer festen Umarmung versucht sie sich zu revanchieren und gleichzeitig von der Peinlichkeit abzulenken. Ihr Blick fällt auf die leeren Becher in ihren Händen, welche sie so schnell geleert hatte wie ein Kampftrinker in einer der Hafenkneipen. „Du möchtest nicht zufällig auch einen Schluck? Oder lieber etwas stärkeres? Auf den Schreck? Ich gebe einen aus. Ich muss sowieso aus der Nässe raus. Meine Einkäufe sind... empfindlich.“
So wie ich offenbar selbst...