Beiträge von Laeney

    „The world is full of wonders, and I do not know where to begin.“

    - aus „Der goldene Kompass“ (Philip Pullman)


    Anfang Sturmwind 526



    ← Der Platz der Händler



    Am Vormittag


    Mit jedem Schritt wächst der Lärm. Stimmen, Rufe, das Quieken von Schweinen, das Klirren von Hufeisen. Der Boden ist noch feucht vom Tau, aber dort, wo die Karren fahren, glitzern braune Rinnen.


    Das Händlertor ragt vor ihm auf, groß wie ein Berg. Die beiden Tortürme werfen lange Schatten über die Straße, und im goldenen Licht erkennt er die Reliefstatuen: zur Linken ein lächelnder Dschinn mit einem kleinen Äffchen, zur Rechten ein Wanderer mit Stab. Über allem spannt sich das zinnenbewehrte Vorwerk wie der Rachen eines steinernen Tieres.

    Menschen strömen hindurch – Bauern mit Karren, Hausierer mit Kiepen, Händler, die lautstark Preise priesen. Der Geruch von Leder, Tier, Metall und frischem Brot mischt sich zu einem dichten, lebendigen Nebel.


    Laeneys Schritte verlangsamen sich. Vor ihm öffnet sich die Stadt – Talyra. Sein Herz schlägt heftig, fast schmerzhaft. Er zieht die Luft tief ein, schmeckt Rauch, Gewürze, Abenteuer. Dann tritt er durch das Tor.


    Straßen verzweigen sich in alle Richtungen. Häuser mit bemalten Fassaden und Schornsteinen, aus denen Rauch quillt. Händlerstände dicht an dicht, Stimmen, Gerüche, Bewegung. Der Boden unter seinen Füßen ist gepflastert – uneben, aber fest – und das Licht gleitet über feuchte Steine wie über Schuppen.


    Rechts von ihm erstreckt sich ein Viertel mit gedrungenen, niedrigen Häusern, deren Schindeldächer sich fast berühren. Aus offenen Türen weht der Duft von Brot, Kräutern und Seife. Zwischen den Menschen huschen kleinere Gestalten mit wachen Augen und runden Gesichtern – Mogbar, wie er später hören wird. Ihre Stimmen sind warm, ihre Schritte flink, und sie scheinen jeden hier zu kennen. Einer trägt einen Korb voller Gemüse, ein anderer balanciert eine Schüssel Teig; irgendwo lacht ein Kind, das eine Ziege am Strick führt.


    Weiter vorn zieht sich die Hauptstraße am Mogbar-Viertel vorbei. Auf der rechten Seite beginnt das Handwerkerviertel mit seinen Werkstätten und Schildern aus bemaltem Holz. Links, etwas erhöht, erhebt sich die Mauer des Festungsviertels – grauer Stein, sauber gefugt, mit Türmen und Bannern. Von dort oben blicken Wachen herab, als wollten sie prüfen, wer die Stadt betritt.


    Laeney zieht die Luft tief ein. Sie schmeckt nach Staub, Rauch, Eisen, Brot – nach allem zugleich. Er weiß nicht, wohin er zuerst sehen soll. Zu den Häusern, den Menschen, den Farben. Alles vibriert, alles atmet.


    „Also das…“, flüstert er leise, „…ist Talyra.“


    Und für einen Moment bleibt er einfach stehen, mitten im Strom der Leute und vor Staunen geweiteten Augen – und lächelt.

    Das Füttern war rasch getan, doch Laeney zog es in die Länge, mehr, um die Ungeduld zu zügeln, als aus Pflichtgefühl. Das dumpfe Schnauben der Tiere, das Knistern des Heus, der warme Dampf aus den Nüstern – all das gehört zu den stillen Morgenmomenten, die er mag. Aber heute fühlt es sich an, als würde jede Minute doppelt zählen.


    „Du bist mit dem Kopf schon hinter den Mauern, was?“

    Tarin tritt neben ihn, ein halber Sack Hafer über der Schulter, und mustert ihn mit einem verstehenden Schmunzeln. Laeney zuckt die Achseln, versucht ein unschuldiges Lächeln.

    „Vielleicht ein kleines bisschen.“

    „Dann geh nur. Aber nicht, bevor du was gegessen und den Eseln Wasser gegeben hast.“ Er klopft ihm die Schulter, mustert den Jungen, als überlege er sich etwas.

    „Wenn du schon in die Stadt gehst, kannst du mir gleich was mitbringen. Schau bitte auf dem Markt oder gleich beim Gerber im Handwerkerviertel nach einem Zügelriemenstück. Dunkles Leder, fest wie Draht. So eines wie dieses hier“, zeigt ihm Tarin an einem der Halfter. „Ich gebe dir ein paar Münzen mit.“

    Laeney nickt eifrig.

    „Mach ich. Und wenn sie mich übers Ohr hauen will, zaubere ich ihr die Münze wieder aus der Hand.“

    „Tu das lieber nicht,“ brummt Tarin, grinst aber doch. „Du willst dir doch keinen Ärger einfangen.“


    Laeney lacht, nimmt den leeren Eimer und stellt ihn zur Seite. Da zupft jemand an seinem Ärmel. Ein Junge, kaum zehn, steht neben ihm – Lir, einer der Jüngsten aus der Truppe. Seine Augen glänzen hell vor Erwartung.

    „Nimmst du mich mit? Ich will auch die Stadt sehen.“

    „Nicht heute, Lir.“

    „Aber ich war noch nie da!“

    Laeney beugt sich zu ihm hinunter.

    „Ich auch nicht. Aber ich erzähl dir alles, wenn ich zurück bin. Von jedem Haus, jedem Stand, sogar dem größten Hund, den ich finde.“

    Lir verschränkt trotzig die Arme, sieht ihn finster an. Doch dann kommt seine Mutter hinter dem Wagen hervor.

    „Lir, du bleibst hier, hörst du?“

    Der Junge schnaubt, stampft auf, dann trollt er sich murrend davon. Laeney sieht ihm nach, lächelt nachsichtig. Er erinnert sich, wie er selbst einmal so dagestanden hatte – zu jung, zu neugierig, zu ungeduldig. Manchmal ist er das heute noch, zeigt es nur nach außen hin nicht.


    „Na los“, ruft Tarin ihm nach. „Bevor ich noch eine andere Aufgabe für dich finde.“

    Laeney greift nach seiner ledernen Tasche, prüft, ob alles an seinem Platz ist – Münzbeutel, die kleinen Requisiten, sein Kartenfächer – und wirft sie sich über die Schulter. Der Gehrock fällt schwer um seine Schultern, das Halstuch leuchtet im Morgenlicht wie eine Flamme.


    Der junge Zauberer nickt zufrieden. Dann schlägt er mit klopfendem Herzen den Weg zum Tor ein.



    → Das Händlertor

    Am nächsten Morgen


    Ein fahles Grau liegt über dem Lager, als Laeney die Augen öffnet. Für einen Moment weiß er nicht, wo er ist– dann hört er das leise Schnauben eines Pferdes und das entfernte Klirren von Geschirr, und die Erinnerung kehrt zurück: die Weltenstadt.


    Er setzt sich auf, reibt sich den Schlaf aus den Augen. Draußen glimmt schon das erste Licht über der Ebene, fahl und kalt. Irgendwo krähen Hähne, und über den Wagen spannt sich ein blasser Streifen Himmel. Laeney hat kaum geschlafen; zu viele Geräusche, zu viel Aufregung. Der Wind hatte in der Nacht die Plane des Zelts bewegt, sodass sie bei jedem Atemzug raschelte. Das Lachen der Schausteller, die Stimmen der Händler, das ferne Rollen von Rädern auf Stein – alles ist neu. Alles ist lebendig.


    Er schiebt sich hinaus, atmet tief ein. Der Morgen riecht nach Tau, nach Holzrauch und Pferden. Ein Wassereimer steht bereit, gefüllt mit eisigem Brunnenwasser. Ohne zu zögern, schöpft er eine Handvoll und spritzt sie sich ins Gesicht. Die Kälte fährt ihm durch die Glieder, lässt ihn erschauern, doch sie hilft. Einmal kräftig durchatmen – und die Müdigkeit weicht, als hätte er sie fortgewaschen.


    Er wäscht sich gründlich, so gut es mit kaltem Wasser und einem Stück Seife geht, reibt sich die Arme, den Nacken, bis die Haut warm prickelt. Dann legt er die staubige Reisekleidung beiseite und zieht frische Sachen an: eine dunkle Lederhose, ein in Brauntönen gestreiftes Hemd, die bunt gemusterte Weste in warmen Rot- und Goldtönen, darüber den dunkelroten, schon leicht abgewetzten Gehrock mit den tiefen Taschen. Zum Schluss schlingt er sich das Halstuch locker um – ein vertrauter Griff, der ihn wieder zu dem macht, der er sein will: nicht der müde Junge vom staubigen Weg, sondern der Illusionist, der Lächeln heraufbeschwören kann.


    Einen Moment bleibt er stehen, betrachtet sich in der glatten Fläche des Wassereimers. Das Gesicht, das ihm entgegenblickt, ist jung, wacher, als er sich fühlt. Die Schatten unter den Augen verraten die kurze Nacht, doch das Feuer darin – das ist echt.

    „Na also“, murmelt er.


    Beim Frühstück sitzt er zwischen zwei jüngeren Mädchen aus der Truppe. Die eine kaut gelangweilt auf einem Stück Brot, die andere verfolgt mit glänzenden Augen einen Schmetterling, der sich in die Nähe des Feuers verirrt hat.

    Laeney greift nach einem Stück Brot, beißt – getrieben von einer ungeduldiger Vorfreude – hastig hinein und verschluckt sich sogleich.


    „Langsam, Junge“, lacht jemand hinter ihm – Tarin, der Wagenmeister, wieder einmal. „Wenn du erstickst, haben wir einen Zauberer weniger.“


    Laeney hustet trocken, versucht mit Hilfe eines Bechers Milch den Hals zu befreien, wischt sich über den Mund und versucht ein Grinsen. „Dann wäre die Vorstellung wenigstens unvergesslich.“


    Ein paar Kinder kichern, und die Erwachsenen schütteln nur den Kopf.


    Als er das Zelt verlässt, steht die Sonne schon flach über dem Horizont. Der Himmel ist hell, noch ohne Wärme, und über den Wiesen glitzert der Tau. Nicht weit entfernt erheben sich die Mauern der Stadt – grau, gewaltig, mit Türmen, auf denen Banner träge im Wind flattern. Das Tor ist geöffnet. Menschen strömen hinein und hinaus, Händler mit Karren, Reisende mit schweren Stiefeln, ein paar Bauern mit Körben.


    Laeney bleibt stehen. So nah. Nur ein paar hundert Schritte. Er spürt, wie sein Herz schneller schlägt – nicht vor Angst, sondern vor Erwartung. Alles, was vor ihm liegt, ist unbekannt, aber genau darin liegt der Reiz. Nur ein Schritt nach dem anderen, sagt er sich. Nur nicht zögern.


    Doch noch ehe er einen Schritt tun kann, hört er die Stimme des alten Wagenmeisters.

    „He, du Träumer! Die Tiere füttern sich nicht von allein.“


    Laeney zuckt leicht zusammen, dreht sich um. Tarin steht an einem der Wagen, die Ärmel hochgekrempelt, ein Arm voll Heu.

    „Bin gleich da“, ruft Laeney zurück.


    Widerwillig wendet er sich ab, blickt noch ein letztes Mal zum Stadttor. Dann atmet er tief durch und geht zum Pferdewagen. Der Duft von Stroh und Fell mischt sich mit dem von Metall und Seife – und unter allem liegt das leise Summen der Stadt, das ihn wie eine unsichtbare Melodie anzieht.

    „Nur noch ein bisschen Geduld“, murmelte er leise, während er das Halfter eines Maultiers löst. Die Tiere schnauben leise. Über ihm färbt sich der Himmel langsam golden.

    „It was the first time he had ever seen a place like this, and his heart beat faster with excitement and fear.“

    - aus „Harry Potter und der Stein der Weisen“ (J.K. Rowling)



    Anfang Sturmwind 526



    ← Große Südstraße


    Als sie weiterziehen, senkt sich der Abend. Der Himmel färbt sich purpurn und die Schatten der Rundtürme fallen lang über den gepflasterten Platz der Händler. Das Donnern der Wagenräder auf Stein mischt sich mit dem Brüllen von Vieh, dem Bellen von Hunden und dem Singsang fremder Sprachen. Überall lodern Fackeln und Laternen auf, tauchen Zelte, Holzstände und bemalte Stoffbahnen in ein flackerndes Licht.


    Laeney hat noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Zwischen den Verkaufsständen der Frühlingskarawane drängen sich Menschen, Händler, Pilger, Gaukler – jeder scheint etwas anzubieten oder zu suchen. Düfte von Gewürzen, gerösteten Nüssen und gebratenem Fleisch steigen auf. Er bleibt unwillkürlich stehen, die Finger leicht geöffnet, als könnte er die Atmosphäre greifen.


    „Wirklich ein Ort für Wunder…“ murmelt er halblaut, mehr zu sich selbst.


    Ein älterer Mann in einem weiten, bunt bestickten Mantel – Rajan, der Sprecher der Adamarah – redet derweil mit zwei städtischen Aufsehern, die in lederverstärkte Kittel einghüllt und mit Schreibtafeln bewaffnet sind. Laeney hört nur Wortfetzen, während er den Blick von dem bunten Treiben vor ihm nicht abwendet: „Genehmigung… südlicher Rand… kein Feuerwerk ohne Aufsicht…“. Er runzelt kaum merklich die Stirn, das Feuer ist sein liebstes Element – und der Gedanke, womöglich darauf verzichten zu müssen, schmeckt ihm wenig. Doch er sagt nichts.


    „Laeney!“ Eine Stimme reißt ihn aus den Gedanken. Es ist Mira, die Seiltänzerin, die ihn mit einem Nicken zu sich winkt. „Komm, wir brauchen dich! Die Plane klemmt!“


    Er seufzt, schiebt die Hände in die Ärmel seines Mantels und eilt zu ihr. Das Tuch ist groß, schwer, riecht nach Staub und Leinöl. Gemeinsam spannen sie es zwischen zwei Wagen, während um sie herum Hämmer klopfen, Stricke gespannt werden und Kinder durch den Staub tollen.


    Die Sonne ist längst verschwunden, als die Adamarah ihr kleines Lager schließlich errichtet haben. Rund um sie tanzen die Lichter der Karawane, Musik erklingt irgendwo in der Ferne – eine Flöte, eine Trommel, ein fremdartiger Rhythmus.


    Laeney richtet sich auf, wischt sich über die Stirn und blickt noch einmal in Richtung Stadtmauer. Über den Türmen glühen die ersten Sterne. Er lächelt. Nur kurz, fast unmerklich.


    Morgen, denkt er, morgen wird er Talyra betreten. Und vielleicht, nur vielleicht, wird man dort bald seinen Namen kennen.

    „There is nothing more thrilling than arriving in a new place on your own
    and feeling the sense of possibility and excitement that brings with it.“

    - Diane von Fürstenberg



    Anfang Sturmwind 526


    Der Tag neigt sich bereits dem Ende zu, als sich die Straße aus dem Süden langsam öffnet und den Blick auf das gewaltige Bollwerk der Weltenstadt freigibt. In der sinkenden Sonne leuchten Talyras Mauern in einem matten Gold, die Türme werfen lange Schatten über das hügelige Umland. Über der Stadt liegt ein Dunst aus Rauch, Gewürzen und fernem Stimmengewirr – der Atem eines Ortes, der niemals ganz zur Ruhe kommt.


    Von der Anhöhe aus, auf der der Tross der Adamarah zum Stehen kommt, wirkt Talyra wie ein lebendiges Versprechen. Laeney steht neben einem der zahlreichen Wagen, die Hände in die Hüften gestemmt, der Wind fährt ihm durchs kastanienbraune Haar. Die gepflasterte Straße unter ihm glänzt vom Tag noch staubig und warm. Sie zieht sich wie ein lebendiges Band durch die Landschaft, verbindet Fürstentümer und Städte. Hinter ihm klirren Geschirre, Pferde wiehern, Maultiere schreien, Kinderlachen hallt zwischen den Wagen wider.


    „Da ist sie!“, ruft ein Mädchen aus der Sippe, kaum zwölf Sommer alt, und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die Mauern.

    „Siehst du das, Laeney?“, ein kleiner Junge hüpft neben ihm auf und ab, das Gesicht verschmiert vom Staub der Straße.

    „Ich seh’s, ja“, antwortet Laeney, und obwohl er seine Stimme ruhig hält, spürt er, wie sich in seiner Brust etwas regt – eine Mischung aus freudiger Erwartung, Nervosität und vielleicht auch ein klein wenig Angst.


    Die Stadt wird würdevoll in das orangene Licht der Abendsonne getaucht. Hinter den Mauern glimmen schon die ersten Laternen, und aus der Ferne dringt das Läuten von Glocken herüber. Laeney schweigt einen Moment lang und lässt den Anblick der Weltenstadt auf sich wirken. Der Weg hierher war lang, die Füße brennen, aber jetzt, wo die Stadt zum Greifen nah ist, spürt er wie die Vorfreude sich in seinem Inneren breit macht. Seine Finger trommeln nervös gegen seine Hüften und seine Fersen beginnen, auf und ab zu wippen.


    Laeney wischt sich den Staub aus dem Gesicht. Seine Reisekleidung ist schlicht, dunkel, vom Wege abgetragen; die Weste trägt ein paar Brandflecken, die Ärmel sind hochgekrempelt. Die Müdigkeit hängt ihm in den Gliedern. Und nun, da das Sonnenlicht schwindet, spürt er, wie die Kälte der anstehenden Nacht allmählich nach seinen Gliedern greift.


    „Na los, Junge“, brummt eine dunkle Stimme hinter ihm. Tarin, der alte Wagenmeister, hebt warnend den Finger. „Die Stadt läuft uns nicht davon. Weiter jetzt – ehe die Pferde von selbst entscheiden, wo sie rasten.“

    Laeney zuckt leicht mit einem Mundwinkel. „Schon gut, schon gut. Ich glotz‘ ja gar nicht…“, erwidert er und fügt nach einem Herzschlag ein halblautes „Na gut, vielleicht ein bisschen“ hinzu. Rasch zieht er einen Mantel vom Wagen, den er sich sogleich überwirft, ehe er das Halfter des Maultieres greift und der Tross seinen Weg gemeinsam fortsetzt.


    → Der Platz der Händler