Beiträge von Vaelion

    Die Flammen knistern leise, werfen warmes Licht auf die Gesichter der Händler und lassen die Schatten der Wagen und Zelte langsam über den Boden wandern. Der Geruch von gebratenem Fleisch und einfachem Eintopf liegt in der Luft, vermischt mit Rauch und dem trockenen Duft des gesammelten Holzes.

    Die Anspannung des Tages ist verflogen.

    Einer der Händler erzählt eine Geschichte, gestenreich und mit sichtlicher Freude an den übertriebenen Details – von Schattenwesen, die in der Dämmerung lauern und sich von Angst nähren. Geschichten, die man eigentlich Kindern erzählt, damit sie nicht allein in den Wald laufen.

    Ein anderer widerspricht ihm lachend, verbessert hier und da eine Erinnerung oder fügt eigene Ausschmückungen hinzu. Es wird gescherzt, gelacht, manchmal durcheinander gesprochen.


    Vaelion sitzt mit bei den Händlern am Feuer, etwas näher, als er es tagsüber meist ist. Das warme Licht der Flammen spiegelt sich in seinen Augen, während er den Geschichten aufmerksam lauscht.

    Seine Laute liegt neben ihm im Gras, griffbereit, doch für den Moment rührt er sie nicht an. Statt zu spielen, hört er zu – den Stimmen, dem Knistern des Feuers und dem leisen Klirren von Geschirr, wenn jemand seine Schale abstellt.

    Vor allem aber hört er den Worten zu.

    Den Geschichten von fernen Orten, übertriebenen Begegnungen und Wesen, die vielleicht nur in Erzählungen existieren. Und für einen Augenblick wirkt er nicht wie jemand, der zwischen zwei Welten steht, sondern wie ein junger Mann, der einfach nur zuhört.


    Als die Dämmerung einsetzt, beginnt das Licht sich schleichend zu verändern.

    Das Gold des Feuers hebt sich deutlicher vom Rest der Welt ab, während die Farben des Tages verblassen. Das Grün der Bäume wird dunkler, das Grau der Steine kühler. Die Schatten zwischen den Stämmen werden länger, tiefer, ohne dass man genau sagen könnte, wann es begonnen hat.

    Die Gespräche halten noch an, doch sie werden ruhiger.

    Jemand schiebt nachdenklich mit einem Stock in der Glut, lässt die Funken kurz aufsteigen, bevor die letzten Flammen erlöschen. Ein anderer zieht seinen Mantel enger um die Schultern, obwohl die Luft noch mild ist.

    Die Stimmen senken sich unmerklich.

    Die Gespräche kreisen nun weniger um Geschichten und mehr um beiläufige Dinge – den morgigen Weg, das Wetter, die nächsten Rastplätze.


    Einer der Händler hebt langsam den Kopf, als würde ihm erst jetzt wieder ein Teil der eben erzählten Geschichte einfallen. Sein Blick wandert hinaus in die Dämmerung, suchend, unsicher.

    „…die Schatten…“, murmelt er leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen.

    Und dann erkennt er sie.

    Schatten lösen sich aus den Felsen, als wären sie schon immer da gewesen. Formen, die sich nicht entscheiden können, ob sie Traum oder Wirklichkeit sind. Die Händler geraten in Panik; einer stolpert rückwärts, ein anderer zieht ein Messer, das in seiner Hand eher wie ein Trost wirkt als wie eine Waffe.


    Vaelion steht da und spürt, wie sein Herz schneller schlägt. Nicht aus Mut. Nicht aus Trotz. Sondern aus diesem seltsamen Gefühl, dass etwas in ihm antworten will. Also fängt er an zu singen.

    Leise. Fast zu leise für die Dunkelheit, die sich um sie legt. Kein heroischer Klang, kein kraftvoller Ton. Nur ein dünner, klarer Faden, der sich aus seiner Kehle löst, als würde er nicht ihm gehören. Ein Lied über Übergänge, über das fragile Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkel. Ein Lied, das er selbst nicht kennt – er singt einfach frei heraus.

    Nach einem kurzen Augenblick halten die Schatten inne und ziehen sich zurück, nicht aus Furcht, sondern als würden sie lauschen. Und als die Dämmerung langsam vorübergeht und der erste Stern am Himmel erscheint, lösen sie sich auf wie Nebel im Morgenlicht.


    Für einen Herzschlag lang bleibt Vaelion stehen, unsicher, was genau in den Schatten lauert.

    Vielleicht sind es wirklich Schattenwesen, bösartige Kreaturen aus dem Zwielicht, die sich von Angst nähren.

    Vielleicht aber auch nur Wölfe, die im Dunkel lauern, und der Wind, der durch die Baumkronen fährt.

    Nichts davon zeigt sich klar, nichts lässt sich greifen. Nur dieses Gefühl, dass etwas auf seinen Gesang reagiert hat – egal, was es war.

    Als langsam Ruhe einkehrt, bleibt für einen Moment nur Stille. Eine andere Stille als zuvor: nicht drohend, sondern erschöpft. Die Händler stehen noch immer dicht beieinander, als müssten sie erst begreifen, dass die Gefahr wirklich vorüber ist. Einer lässt das Messer sinken. Ein anderer atmet hörbar aus, als hätte er die Luft viel zu lange angehalten.


    Langsam kehrt Bewegung in die Gruppe zurück. Flüstern, unsicher zuerst, dann dringlicher. Sie reden darüber, was sie gesehen haben oder was sie glauben gesehen zu haben. Manche sagen, die Schatten hätten ihm etwas hinterlassen – eine Gabe oder vielleicht eine Bürde. Andere behaupten, er sei nur ein begnadeter Barde.

    Ende Taumond 526


    Vaelion ist ein junger Wandersänger, kaum mehr als ein Lehrling, der mehr Fragen als Antworten mit sich herumträgt.

    Seine Reise hat ihn auf den Heideweg geführt – eine Straße, die älter wirkt als die meisten Geschichten, die über sie erzählt werden.

    Er schließt sich einer kleinen Händlergruppe an, nicht aus Not, sondern aus Gelegenheit. Karawanen bringen Bewegung, Stimmen, kleine Fragmente von Leben – und manchmal auch neue Lieder.

    Die Händler sprechen davon, dass diese Straße früher einmal anders war. Breiter. Fester. Voller Leben. Dass hier Wagen an Wagen gefahren seien,

    dass Reisende aus fernen Ländern einander begegneten und dass entlang des Weges Gasthäuser standen, in denen man Geschichten ebenso tauschte wie Münzen.

    Jetzt ist davon wenig übrig.


    Vaelion geht meist ein Stück neben der Karawane, seine Schritte leicht versetzt zu denen der anderen. Nicht aus Absicht, eher aus Gewohnheit. So kann er die Umgebung hören.

    Das Knacken vereinzelter Äste im Wald, das leise Rascheln im Unterholz und das Zwitschern der Vögel zwischen den Bäumen. Dazwischen mischen sich die vertrauten Geräusche der Karawane – das Knirschen der Räder auf der Straße, das leise Klirren von Metall an den Wagen und das gedämpfte Murmeln der Händler, wenn sie untereinander sprechen.

    Alles fügt sich zu einem gleichmäßigen Klangbild zusammen, das ihn begleitet, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.


    Doch anders als die dichten, verschlossenen Wälder, die Vaelion kennt, wirkt dieser hier offener. Buchen und Eichen stehen in weiten Abständen, dazwischen Heidekraut, Gras und niedrige Sträucher. Vereinzelte Kiefern ragen höher auf, ihre Kronen zeichnen dunkle Linien gegen den Himmel.

    Das Licht fällt ungehindert zwischen die Stämme, wandert mit ihnen und verändert sich mit jeder Stunde.

    Immer wieder zweigen schmale Pfade vom Heideweg ab – kaum mehr als Spuren im Gras. Manche verlieren sich schon nach wenigen Schritten zwischen den Bäumen, andere scheinen tiefer in den Wald zu führen. Die Händler beachten sie kaum. Für sie zählt der Weg, nicht das, was von ihm fortführt.

    Vaelion dagegen wirft ihnen gelegentlich einen Blick nach.

    Nicht aus Misstrauen, eher aus Neugier – als würde jeder dieser Pfade eine Geschichte tragen, die nur darauf wartet, erzählt zu werden.


    Der Tag vergeht ruhig.

    Die Karawane bewegt sich in gleichmäßigem Tempo, unterbrochen nur von kurzen Pausen, in denen die Tiere versorgt und Wasser verteilt wird. Es sind einfache Abläufe, eingespielt und ohne Eile.

    Vaelion spricht nicht viel, doch er ist nicht abwesend.

    Er hört zu.

    Ein Händler erzählt von einer Stadt am Ildorel, deren Märkte so groß sein sollen, dass man sich darin verlaufen kann. Ein anderer schwört auf ein Gasthaus weiter östlich, in dem der Wein besser ist als überall sonst auf dieser Strecke.

    Es wird gelacht, gestritten, übertrieben.

    Alltägliche Dinge.

    Und doch merkt Vaelion, wie sich daraus etwas zusammensetzt – ein Bild der Welt außerhalb der Wälder, die er kennt.


    Manchmal holt er seine Laute hervor.

    Nur, um zu spielen und sich die Zeit zu vertreiben. Leise Melodien, kaum mehr als Fragmente.

    Ein paar Händler hören hin, andere nicht. Es stört niemanden. Die Töne mischen sich mit den Geräuschen des Weges, als gehörten sie dazu.

    Als die Sonne sich langsam senkt, beginnt die Karawane nach einem geeigneten Lagerplatz zu suchen – einem Ort mit ausreichend Platz für die Wagen, genug Sicht, um sich nicht eingeengt zu fühlen. Routine entscheidet mehr als alles andere.

    Die Händler wirken entspannt, einer pfeift leise, ein anderer zählt bereits die verbliebenen Vorräte.

    Die Gespräche werden wieder etwas lebhafter, als der Gedanke an eine Pause näher rückt.


    Vaelion sammelt trockenes Holz am Rand des Weges, prüft es kurz in den Händen, bevor er es zum Lagerplatz trägt und dort für das Feuer ablegt. Die Bewegungen sind ruhig und selbstverständlich, als hätte er sie schon oft gesehen, auch wenn sie für ihn noch nicht lange Teil des Alltags sind.

    Währenddessen greifen die Abläufe der Karawane ineinander. Einige der Händler beginnen damit, einen einfachen Zaun aus Seilen und eingeschlagenen Pflöcken zu ziehen, gerade genug, um den Platz zu ordnen und die Pferde beisammen zu halten. Andere kümmern sich um die Tiere, führen sie zusammen, lösen Geschirr und Lasten und sprechen leise auf sie ein, während sie angebunden werden.

    Zwischen den Wagen werden die ersten Zelte aufgeschlagen. Stoff spannt sich zwischen Holzstangen, Knoten werden festgezogen, Handgriffe wiederholen sich, ohne dass darüber gesprochen werden muss.

    Als der Tag sich dem Ende neigt und die letzten Arbeiten getan sind, verlangsamen sich die Bewegungen nach und nach.

    Einer nach dem anderen findet sich am entstehenden Feuer ein, bis schließlich alle ihren Platz dort gefunden haben und zur Ruhe kommen können.

    Hymne der ersten Gaben



    Als die ersten Völker einst erwachten,

    noch suchend in einem wilden Land,

    da wandelten die Götter unter ihnen

    und wachten über sie mit weisender Hand.


    Da trat Lyr aus den stillen Schatten,

    der Hüter aller Worte dieser Welt.
    Er lehrte Schrift und Klang den jungen Völkern,
    damit ihr Denken Form und Richtung hält.


    Aus sanfter Stille wuchs die Welt in Inari´s warmem Schein,

    sie hauchte Leben in die Lüfte, ließ Licht in jedes Herz hinein.
    Webte Frieden in die Felder, schenkte jedem Wesen Zeit
    und lehrte in jedem Anfang eine Spur von Ewigkeit.


    In den Schatten hoher Tannen, lauerte Anukis auf ihre Beute.
    Sie lehrte Ehrfurcht vor der Wildnis
    und Mut, wenn man die Jagd nicht scheute.


    Aus stillen Keimen wuchsen grüne Wunder,
    Amitari´s Hauch erweckte Wald und gab den Völkern Rat.

    Sie lehrte Pflanzen, Saat und Frucht zu hüten
    und gab den Völkern den Segen ihrer Saat.


    Da flammte Loa´s Feuer in den Herzen,

    ein warmer Funke, hell und voller Mut.
    Sie zeigte, wie man Glut in Stärke wandelt
    und schuf aus Flammen Wärme, Werk und Gut.


    Als erste Stürme über Länder rollten,

    trat Bran hervor, ein Schild, wenn Dunkelheit naht.
    Er lehrte, wie man Furcht in Stärke wandelt

    und dass ein tapfrer Geist die Welt bewahrt.


    Eisen formte sich an Sil´s Amboss,

    er schlug mit seinem Hammer kräftig im Funkenflug,
    er lehrte, wie man Feuer Kraft verleiht,
    und zeigte Menschen das Schmieden in lodernder Glut.


    Im Schweigen hüten sie die alten Pfade,

    ihr Wille webt sich durch die Dunkelheit.
    Unhörbar tragen sie die Welt im Wandel
    und bleiben nah, auch jenseits unsrer Zeit.

    Hymne der Ersten Morgenstunde


    Als noch kein Licht die Leere kannte,

    kein Atem wehte, und keine Hand sich erhob,

    da war nur Stille, tief und ohne Namen,

    ein endlos Dunkel, das im Nichts verflog,


    Da hob sich Rohas’ Wille aus den Schatten,
    ein Funke, kaum geboren, doch voller Macht.
    Der Wandel kam mit unbändiger Kraft,
    und aus der Leere wurden Tag und Nacht.


    Sil formte die wilden Länder, aus Fels,

    Staub, aus Erde und Stein.

    Berge erhoben sich wie Riesen über Täler,

    und Felder blühten, die in Ewigkeit gedeihn.


    Da hob Shenrah das erste Licht aus Schatten,

    und goldener Glanz durchströmte weit das Land.

    Dann spann Faêyris Nacht mit leuchtenden Sternen,

    ein stilles Funkeln im dunklen Gewand.


    Amur, Herr des Wassers, schuf Wellen und Wogen,

    und Ströme rauschten durch die junge Zeit.

    Vendis ließ Stürme über weite Meere toben,

    und Winde trugen selbst das Wolkenkleid.


    Sithech ließ Winter über weite Lande schreiten,

    und Frost erstarrte Fluss und Feld im eisigen Wind.

    Die Raben riefen Seelen in die weißen Weiten,

    wo sie im Schweigen seiner Macht geborgen sind.


    Doch über allem steht das Erste Feuer,
    der Funke, dem die Leere einst erlag.
    Und jeder Atem, jedes Herz der Schöpfung
    trägt einen Hauch von Rohas’ erstem Tag

    Cobrins Wacht


    Ein kleines Dorf am Ildorel,

    von Fischern, die Frieden wie Krieg nur zu gut kannten.

    In Hütten aus Holz, aus Stein und Lehm lebten sie glücklich –

    mit Freunden, Nachbarn, Verwandten.


    Doch fern im Norden zog ein Gerücht durch die Nacht.

    Ein Heer rüstet sich schon für eine grausame Schlacht.

    Jedes Dorf auf ihrem Wege wird niedergebrannt,

    sie kommen durch die stürmische See, durchs bergige Land,

    nichts hält ihnen stand.


    Im Dorf begann die Unruh’ leis zu wehn,

    man sah die Fischer schweigend an den Ufern stehn.

    Die Netze ruhten – Kinder brachte man in Sicherheit,

    denn jeder spürte: Bald naht schreckliches Leid.


    Dann brach der Morgen an, die Flüsse färbten sich rot,

    die Fischer griffen nach allem, was sie fanden in der Not.

    Mit Netzen, Stangen, Messern zogen sie in die Schlacht,

    und stellten sich dem Sturm der Barbaren und ihrer Übermacht.


    Doch als die Kräfte schwanden, Hoffnung kaum noch stand,

    da hob sich fern ein Staubschleier überm Land.

    Ein Priester kam, im Mantel weiß wie Licht,

    und mit ihm ein Heer – das durch die Reihen der Barbaren bricht.


    Schwer gebrandmarkt überstand das Dorf die Schlacht,

    dank Priester Cobrin überlebten die Fischer die Nacht.

    Doch er zog weiter, als er sah, dass neue Hoffnung bei den Überlebenden entfacht –

    seitdem trägt das Dorf den Namen Cobrins Wacht.