1. Sturmwind 526
Die Goldene Harfe erhebt sich vor Vaelion aus dem Strom der Straße heraus, als hätte jemand sie bewusst von allem übrigen getrennt.
Für einen Moment bleibt er stehen. Das Gebäude wirkt nicht wie eine gewöhnliche Herberge, eher wie ein Ort, der schon seit langer Zeit selbstverständlich Teil dieser Stadt ist – und genau deshalb nicht hinterfragt wird. Aus dem Inneren dringen gedämpfte Stimmen nach draußen, vermischt mit Wärme und Bewegung. Vaelion legt kurz die Hand an den Riemen seiner Laute und atmet einmal tief durch. Dann tritt er ein.
Für einen Moment bleibt er im Eingangsbereich stehen. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss und trennt die Straße von der Wärme der Schankstube. Das Licht ist gedämpft, golden, und bewegt sich in flackernden Schatten über Holz und Stein. Vaelion lässt den Blick langsam durch den Raum wandern. Dann tritt er an die Theke heran. Der Schankraum ist belebt, doch nicht chaotisch. Ein gleichmäßiger Strom aus Stimmen, Gläsern und Schritten füllt den Raum, getragen von der Wärme des großen Kamins und dem Duft von Essen, das aus der Küche herüberzieht.
Hinter der Theke steht ein kräftiger Mann mit ruhigen Bewegungen, der gerade einen Krug abwischt, bevor er den Blick hebt.
Vaelion zögert kurz, dann spricht er. „Ist das die Goldene Harfe?“
Der Wirt mustert ihn einen Augenblick, dann nickt er knapp. „Das ist sie.“
Vaelion lässt den Blick kurz über den Raum schweifen. Für einen Moment wirkt es, als hätte er etwas anderes erwartet.
Die Worte des alten Mannes auf der Straße – „kein billiges Loch“ – hatten in seiner Vorstellung etwas deutlich Einfacheres, Raueres entstehen lassen. Einen Ort, der funktioniert, nicht einen, der lebt. Doch hier ist es warm. Geordnet. Voller Leben. Und weit weniger „einfach“, als er es sich vorgestellt hatte.
Der Wirt räuspert sich leicht. „Was darf’s sein?“
Vaelion zögert einen kurzen Moment, dann greift er nach den wenigen Münzen, die er noch bei sich trägt, und legt sie vorsichtig auf das Holz.
„Etwas zu essen … und etwas zu trinken, wenn es reicht.“ Der Wirt wirft einen kurzen Blick auf die Münzen, nickt dann knapp.
„Reicht“, sagt er schlicht. „Setz dich. Ich bring’s dir an den Tisch.“
Vaelion nickt dankbar und sucht sich einen Platz am Rand des Raumes, dort, wo das Licht etwas schwächer ist und man den Schankraum gut überblicken kann.
Er setzt sich, legt die Laute neben sich und wartet.
Nicht lange später stellt ihm der Wirt eine Schale mit einfachem Eintopf vor ihn, dazu ein Stück grobes Brot und einen Becher leichten Biers.
Vaelion bedankt sich leise und beginnt langsam zu essen.
Während er isst, wandert sein Blick immer wieder durch den Schankraum. Gespräche ziehen an ihm vorbei, ohne dass er ihnen wirklich folgt. Hier und da bleibt sein Blick an einzelnen Gästen hängen, an kurzen Gesten, an flüchtigem Lachen oder dem Klirren von Bechern.
Als die Schale vor ihm schließlich leer ist, bleibt er noch einen Moment sitzen. Der Lärm des Gasthauses trägt weiter durch den Raum, doch für ihn rückt er langsam in den Hintergrund. Vaelion lässt den Blick sinken. Seine Hand legt sich beinahe wie von selbst auf den Hals der Laute neben ihm.
Für einen Augenblick zögert er noch, dann zieht er das Instrument langsam näher heran.
Die ersten Töne sind leise. Mehr ein vorsichtiges Anspielen als ein wirkliches Lied. Die meisten Gäste beachten ihn kaum; Gespräche werden weitergeführt, Krüge abgestellt und Stühle über den Boden gerückt. Vaelion spielt ruhig weiter, den Blick auf die Saiten gesenkt.
Die Gespräche verstummen nicht sofort. Doch nach und nach verändern sie sich. Manche werden leiser, andere verlieren sich mitten im Satz. Selbst das Klirren von Bechern und Geschirr scheint für einzelne Augenblicke vorsichtiger zu werden.
Vaelion spielt weiter. Vertieft in seine Melodie erwartet er weder Aufmerksamkeit noch Münzen. Er spielt nur, weil es sich in diesem Moment richtig anfühlt.
Seine Stimme setzt erst später ein. Ruhig. Warm. Nicht laut genug, um den Raum zu beherrschen – aber deutlich genug, dass die Worte ihren Platz darin finden.
Als das Lied verklingt, bleibt der Raum für einen kurzen Moment stiller als zuvor.
Irgendwo zwischen den Tischen räuspert sich schließlich jemand.
„Ihr habt eine außergewöhnliche Stimme. Wie lautet Euer Name?“
Vaelion hebt den Blick.
Ein schmales, beinahe überrascht wirkendes Lächeln huscht über sein Gesicht. Er neigt leicht den Kopf, als wollte er die freundlichen Worte anerkennen.
„Vaelion“, antwortet er zunächst ruhig.
Für einen kurzen Augenblick scheint er den nächsten Teil erst suchen zu müssen.
Dann hebt sich das Lächeln ein wenig.
„Vaelion Dämmerstimme.“