„Sometimes the bravest thing you can do is show up.“
— aus ‚Grey’s Anatomy‘
21. Langschnee 525
← Die Straßen der Stadt
Die große Südstraße liegt ruhig vor ihm, als Aneirin sie erreicht. Der Schnee hat sie mit einer gleichmäßigen, gedämpften Decke überzogen, die jeden Schritt weicher macht, jedes Geräusch schluckt. Die Stadt liegt bereits hinter ihm, ihre Geräusche sind verebbt, zurück bleibt nur das leise Knirschen seiner Stiefel und sein eigener Atem.
Zu beiden Seiten des Weges breitet sich das Land flach aus. Felder, die unter dem Schnee ruhen, als hätten sie beschlossen, den Winter einfach hinzunehmen. Hier und da ragen niedrige Hecken hervor, dunkle Linien im Weiß, und vereinzelt stehen kahle Bäume, deren Äste wie feine Linien in den grauen Himmel greifen. Weiter hinten, dort wo sich die Landschaft leicht hebt, verdichtet sich das Larisgrün, still und dunkel. Nur wenige Reisende kommen ihm entgegen, hinterlassen ihre Spuren im frischen Schnee.
Aneirin geht gleichmäßig, lässt den Blick schweifen. Der Atem geht ruhig. Seine Schultern fühlen sich leichter an, als sie es seit Langem getan haben. Seine Gedanken wandern, aber nicht mehr in diesen müden Kreisen von früher. Sie kommen und gehen. Er denkt an Lyall, an ihr Lächeln, an den Moment, in dem sie ihn angesehen hat, als hätte sie nicht gezweifelt, dass er kommen würde. Er denkt an die Wärme in der Bäckerei, an Falks schiefes Grinsen, an das leise Klirren der Münzen in Valerias Hand. Er denkt an Niall und das, was er angestoßen hat.
Und irgendwo dazwischen begreift er etwas, das er lange nicht benennen konnte: Dass die letzten Jahre schwer gewesen sind. Nicht nur traurig, sondern leer. Als hätte er sich selbst auf Abstand gehalten, aus Angst, noch mehr zu verlieren. Die Monde und Zwölfmonde waren vergangen, ohne wirklich zu vergehen. Arbeit, Schlaf, Arbeit. Eine Routine, die ihn beschützt hat. Aber nun… Nun fühlt es sich an, als würde etwas wieder in Bewegung kommen. Nicht plötzlich. Nicht mit einem Schlag. Eher wie Schnee, der langsam taut.
Er bleibt kurz stehen, zieht den Mantel enger um sich und atmet tief ein. Die kalte Luft brennt leicht in der Lunge, klar und wach. Es tut gut. Er ist hier. Er geht diesen Weg, weil er es will. Nicht, weil er muss.
Als er die Abzweigung nach Nachtschatten passiert, verändert sich die Landschaft. Der Weg wird schmaler, weniger begangen. An einer Wegkreuzung bleibt er kurz stehen, schaut in die möglichen Richtungen, versucht sich an die Wegbeschreibung zu erinnern, die Lyall ihm gegeben hat. Dann schlägt er den Pfad ein, der sich abseits hält, schmal und unscheinbar unter der frischen Schneedecke.
Der Bauernweg führt ihn fort von der Straße, hinein in die Stille. Der Schnee liegt hier nahezu unberührt, nur selten durchzogen von vorsichtigen, tierischen Spuren. Nach einer Weile taucht eine kleine Brücke auf, deren Geländer von Frost und Schnee weiß überzogen ist. Dahinter erhebt sich eine Toranlage aus hellem, grob behauenem Stein. Aneirin bleibt einen Moment stehen, hebt den Blick. Die beiden steinernen Löwen auf den Pilastern wirken im Schneefall beinahe lebendig, als bewachten sie etwas Wertvolles.
Als Aneirin durch die Toranlage tritt, verlangsamt sich sein Schritt beinahe von selbst. Der Hof von Glyn-y-Defaid öffnet sich vor ihm wie ein eigener kleiner Kosmos. Der Himmel über ihm ist nicht mehr das klare Winterblau des Nachmittags – die Dämmerung hat bereits eingesetzt, legt ein kühles, weiches Licht über die Welt, ohne sie schon ganz der Dunkelheit zu überlassen.
Der Schnee liegt auch hier weich auf dem Pflaster, doch die Spuren der Menschen sind überall sichtbar – breite, freigeschaufelte Wege, sich kreuzende Fußabdrücke, das dumpfe Geräusch einer Schaufel, die irgendwo gegen Stein schlägt. In der Luft liegt dieses sonderbare Zwielicht, in dem Geräusche gedämpfter klingen und alles einen Hauch von Ruhe annimmt.
In der Mitte des Platzes erhebt sich ein alter Baum, dessen mächtige Äste sich schützend über einen steinernen Brunnen beugen. Selbst jetzt, im Winter, wirkt er lebendig, als trüge er die Geschichte dieses Ortes in sich – und als würde er all jene willkommen heißen, die in dieser Stunde hier ankommen.
Aneirin bleibt kurz stehen und lässt den Blick wandern. Ringsum liegen die Wirtschaftsgebäude, solide und zweckmäßig, aus demselben hellen Stein errichtet wie die Toranlage. Aus einer der Stallungen dringt gedämpftes Schnauben, irgendwo klappert Holz, und der Geruch von Rauch, Tieren und kalter Erde liegt in der Luft. Menschen sind unterwegs – eine Gestalt, die Schnee vom Weg schiebt, eine andere, die mit einem Korb unter dem Arm zwischen den Gebäuden hindurchgeht. Niemand wirkt gehetzt. Alles folgt einem ruhigen, geübten Rhythmus.
Aneirin hebt die Hand zum Gruß, als ihm jemand entgegenkommt, und wird unerwartet freudig empfangen. Als er nach dem Herrenhaus fragt, deutet man ihm gerne den Weg. Er folgt dem Hinweis und bleibt schließlich stehen.
Vor ihm erhebt sich das Herrenhaus, größer als die übrigen Gebäude, aber nicht prunkvoll. Die hellen Steine wirken warm im Winterlicht, das Schieferdach trägt eine feine Schneeschicht. Über der Eingangstür spannt sich ein hölzerner Vorbau, an dem sich selbst jetzt noch die kahlen Ranken des Goldregens entlangziehen. Weinreben klettern an den Wänden empor, ihre Blätter längst gefallen, doch ihre Linien noch sichtbar, als warteten sie nur auf den nächsten Frühling. Lichter brennen hinter den Fenstern.
Und erst jetzt, als er wirklich davorsteht, spürt Aneirin, wie sein Herz schneller schlägt. Er hört seinen eigenen Atem. Spürt das Gewicht des Beutels an der Schulter, den festen Stand der Stiefel auf dem gefrorenen Boden. Für einen Augenblick ist da dieses alte, vertraute Ziehen in ihm. Die Stimme, die fragt, ob es nicht leichter wäre, einfach umzudrehen. Den Weg zurückzugehen. Nichts zu erklären. Sein Griff um den Riemen des Brotbeutels wird fester. Er atmet tief durch.
Dann richtet Aneirin den Blick wieder auf die Tür. Hinter dem Holz schimmert warmes Licht hervor, gedämpfte Stimmen, Bewegung – Leben. Er hebt die Hand, um zu klopfen. Doch das alte leise, aber hartnäckige Zerren lässt ihn zögern. Seine Finger verharren in der Luft. Er denkt an Lyall, an die Selbstverständlichkeit, mit der sie gesagt hatte, dass er kommen solle. Dass es passt. An das Versprechen, das er ihr gegeben hat: Ich komme.
„Macht niemand auf?“
Die Stimme kommt so plötzlich, dass Aneirin zusammenzuckt. Er fährt herum, ein wenig ertappt, und sieht sich einem jungen Mann gegenüber, der ein breites, offenes Lächeln im Gesicht trägt. Dunkelblondes Haar lugt unter einer Mütze hervor, graugrüne Augen mustern ihn neugierig, aber freundlich. In seinen Armen hält er ein Bündel Holz.
„Ich glaub, du müsstest etwas lauter klopfen“, meint der Fremde gutmütig. „Die sind alle mitten in den Vorbereitungen. Kann sein, dass sie’s sonst gar nicht hören.“
Aneirin blinzelt, will gerade ansetzen zu erklären, dass er noch gar nicht geklopft habe, da legt der andere den Kopf leicht schief.
„Moment…“ Ein erkennendes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Du bist Aneirin, oder? Lyall hat von dir erzählt. Sie meinte, du würdest heute kommen.“
Überrascht hebt Aneirin die Brauen. „Ja. Also…“
„Dann passt das ja“, unterbricht ihn der junge Mann fröhlich. „Ich wollte sowieso nach hinten zur Küche. Kann gleich Bescheid sagen.“ Er deutet mit dem Daumen über die Schulter. „Oder du kommst einfach mit. Ist wärmer als hier draußen.“
Seine Art ist unbekümmert, offen, als sei Aneirin längst Teil dieses Ortes. Bevor dieser noch recht weiß, was er antworten soll, hat der andere sich schon in Bewegung gesetzt, wirft ihm einen aufmunternden Blick zu.
„Komm schon. Die warten bestimmt schon.“
Aneirin zögert noch einen Herzschlag. Dann senkt er die Hand, die eben noch zum Klopfen erhoben war und folgt ihm.
„Ich bin übrigens Liam“, meint der Blonde über die Schulter hinweg, ehe er die Tür zur Küche aufstößt. „Ich sag nur schnell–“ Weiter kommt er nicht.
„Halt!“ Die Stimme kommt scharf wie ein Messerhieb. Liam bleibt augenblicklich stehen, noch halb im Türrahmen, und seufzt leise, als hätte er genau das erwartet. Vor ihm steht eine Frau mit rehbraunen Augen und einem Gesicht, das zugleich freundlich und unerbittlich wirken kann – je nachdem, wie man ihr begegnet. Ihr kastanienbraunes Haar ist zu einem praktischen Knoten gebunden, einzelne Locken haben sich gelöst und tanzen in der warmen Luft der Küche. Ihr Blick wandert prüfend über Liam, bleibt an seinen Stiefeln hängen, gleitet über Mantel und Schultern – und verengt sich minimal.
„Schnee“, stellt sie trocken fest. Noch ehe Liam etwas erwidern kann, ist sie schon bei ihm, klopft mit geübten Handgriffen Mütze und Schultern ab. Flocken rieseln zu Boden und bilden kleine, dunkle Flecken auf den sauberen Steinen. Liam zieht nur die Schultern hoch, grinst unschuldig und lässt es über sich ergehen.
„Ich habe heute drei Mal gewischt“, sagt sie, ohne die Stimme zu heben. „Drei. Mal.“
Liam hebt beschwichtigend die Hand. „Ich war vorsichtig.“
„Nein warst du nicht.“
Dann fällt ihr Blick auf Aneirin. Einen Moment mustert sie ihn – den Schnee in den Falten seines Mantels, die Spuren des Weges an seinen Stiefeln – und seufzt leise, aber nicht unfreundlich.
Liam grinst breit. „Das ist Rhona. Meine Cousine. Herrscherin über alles, was sauber bleiben soll.“ Er deutet mit dem Daumen über die Schulter. „Und das hier ist Aneirin. Der Gast, von dem Lyall erzählt hat.“
Rhonas Gesicht hellt sich sofort auf. „Ach? Na, dann komm näher.“ Mit wenigen, geübten Handgriffen klopft sie auch Aneirin den Schnee von den Schultern und dem Mantel, nicht grob, aber mit jener resoluten Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch duldet. Erst als sie zufrieden ist, nickt sie knapp.
„So. Jetzt könnt ihr rein. Aber langsam.“ Aneirin stampft den letzten Dreck von den Stiefeln, bevor er Liam in die Küche folgt. Dieser legt das Holz ab und steuert sogleich auf eine weitere Tür zu. „Komm“, sagt er über die Schulter. „Ich zeig dir, wo du deinen Mantel aufhängen kannst.“
„Moment noch…“, wendet Aneirin ein und dreht sich zu Rhona um. Er deutet auf den Brotbeutel über seiner Schulter. „Ich habe frisches Brot und Rosinenbrötchen mitgebracht.“ Er tritt näher und übergibt ihr die in Tücher gewickelten Backwaren aus seinem Brotbeutel. Liam beugt sich neugierig über seine Schulter. „Rosinenbrötchen…“, murmelt er sehnsüchtig und will schon zugreifen. Doch Rhonas Hand ist schneller. Ein leichter Klaps auf seine Finger, nicht schmerzhaft, aber eindeutig. „Finger weg. Die gibt es später. Für alle.“
Dann sieht sie wieder zu Aneirin und es liegt ein echtes Lächeln in ihrem Blick. „Vielen Dank. Das kommt gerade recht. Ich schneide es gleich auf.“ Ohne weitere Worte wendet sie sich ihrer Arbeit zu.
Liam legt Aneirin im Vorbeigehen kurz die Hand auf die Schulter und beugt sich zu ihm. „Beste Entscheidung des Abends“, flüstert er verschwörerisch. „Sie mag dich.“ Dann nickt er in Richtung der Tür. „Komm.“
Die Eingangshalle des Herrenhauses ist kleiner, als Aneirin erwartet hat. Die Wände sind von vier alten Wandteppichen geschmückt, deren Farben im warmen Licht der Lampen sanft schimmern. Ein Kachelofen verbreitet wohlige Wärme, daneben steht eine kleine Sitzecke – ein niedriger Tisch, zwei lederne Ohrensessel, mit weichen Lammfellen ausgelegt. Alles wirkt gebraucht, aber gepflegt. Ein Haus, in dem gelebt wird.
Liam deutet auf einen Garderobenständer nahe der Eingangstür. „Hier kannst du deinen Mantel aufhängen. Warte kurz hier“, meint er. „Ich schau, ob ich sie finde und sag Bescheid.“ Dann steuert er auf einen Raum gegenüber zu.
Aneirin bleibt zurück. Er löst den Verschluss seines Umhangs, hängt auch Mantel, Gugel und den Beutel ordentlich auf und streicht unbewusst noch einmal über den Stoff seiner blauen Tunika mit den goldenen Borten, als müsse er sich vergewissern, dass er wirklich angekommen ist. Die Kälte fällt langsam von ihm ab, während die Wärme des Hauses in ihn einsickert.
Für einen Moment überlegt er, ob er sich in die kleine Sitzecke setzen soll. Die Sessel sehen einladend aus, das Feuer knackt leise im Ofen. Doch er entscheidet sich dagegen. Stattdessen bleibt er stehen, die Hände locker an den Seiten, da er nicht weiß, wohin mit ihnen. Seinen Blick hält er einen Moment auf die Wandteppiche gerichtet, ohne sie wirklich zu sehen. Sein Atem geht ruhig, aber sein Herz schlägt schneller als eben noch. Und dann merkt er: Es fühlt sich richtig an, hier zu sein.