Beiträge von Aneirin

    „And suddenly you know: It’s time to start something new and trust the magic of beginnings.“
    — Meister Eckhart



    21. Langschnee 525



    Der Vormittag ist geschäftig, wie er es an Jul immer ist. Schon früh stehen die Menschen dicht gedrängt vor der Theke, stampfen sich den Schnee von den Stiefeln und bringen Kälte und Stimmen mit hinein. Valeria behält den Überblick, reicht Brote, nimmt Münzen entgegen, lacht hier, mahnt dort zur Geduld. Ihre Stimme klingt über das Stimmengewirr hinweg wie etwas Verlässliches.

    Hinter der Theke arbeiten Aneirin und Falk fast wortlos nebeneinander. Teig wird portioniert, Bleche gewechselt, Körbe neu bestückt. Immer wieder kommt einer von ihnen kurz nach vorn, hilft beim Verkauf aus, nimmt ein paar Bestellungen entgegen, verschwindet dann wieder nach hinten, wo es warm ist und kräftig nach Hefe, Gewürzen und süßem Gebäck riecht. Gegen Mittag ebbt der Andrang langsam ab. Die Tür geht seltener auf, der Raum wird ruhiger, fast behaglich.


    Aneirin schiebt das letzte Blech Rosinenbrötchen in den Ofen. Für Jul hat er sie ein wenig üppiger gemacht als sonst, mehr Früchte, ein Hauch Honig im Teig. Sie werden heute nicht mehr über den Tresen gehen. Sie sind für etwas anderes gedacht.

    Als er das Blech schließlich wieder herauszieht, steigt ihm der warme, süße Duft entgegen. Aneirin stellt es beiseite, damit die Brötchen abkühlen können, und tritt einen Schritt zurück. Für einen Moment weiß er nichts mit seinen Händen anzufangen. Also geht er zum Fenster.


    Sein Atem zeichnet einen flüchtigen Schleier auf das kalte Glas, der sich langsam wieder auflöst. Draußen liegt die Stadt unter einer frischen Schicht Schnee. Die Dächer, die Fensterbänke, selbst die unebenen Pflastersteine sind weiß überzogen, als hätte jemand alles mit einem leisen Tuch bedeckt. Es schneit wieder, feine Flocken treiben schräg durch die Luft, langsam, beinahe gemächlich.

    Hinter ihm ist die Bäckerei noch in Bewegung. Valeria rückt Brotkörbe zurecht, zählt mit geübten Fingern die Münzen des Vormittags und legt sie ordentlich beiseite. Das geschäftige Murmeln von eben ist abgeklungen, zurück bleibt das vertraute Rascheln von Tüchern, das leise Klirren von Metall.

    In ihm liegt eine seltsame Mischung aus Vorfreude und Anspannung, ein leises Ziehen, das er nicht ganz einordnen kann. Er weiß, dass Lyall nichts von ihm erwartet – keine Worte, keine Gesten. Nur, dass er kommt.

    Und genau das wiegt schwerer als alles andere. Aneirin ist sich sicher, dass sie enttäuscht wäre, bliebe er wieder fern. Und dass er selbst es ebenso wäre. Der Gedanke, Jul noch einmal allein zu verbringen, fühlt sich plötzlich nicht mehr schützend an, sondern leer.

    Unwillkürlich legt er die Hand an den Fenstersims. Das Holz ist kalt unter seinen Fingern, vertraut und fest. Das Alleinsein hat ihn lange bewahrt, ihm Halt gegeben in einer Zeit, in der er nichts anderes ertragen konnte. Doch während er in den fallenden Schnee hinausblickt, wird ihm klar, wie müde er davon ist, sich weiter hinter diesem Schutz zu verbergen.


    Falk, der gerade ein Blech beiseitestellt, sieht zu ihm herüber. Er beobachtet ihn einen Augenblick lang, ohne etwas zu sagen. Dann wischt er sich die Hände an der Schürze ab.

    „Du willst dich wirklich heute noch ins Tal der Schafe aufmachen?“

    „Hm?“ Aneirin blinzelt, als müsse er erst wieder zurückfinden, und blickt fragend über die Schulter zu dem jungen Bäcker.

    „Nach Glyn-y-Defaid“, präzisiert Falk. Sein Blick wandert kurz zum Fenster. Valeria hält in ihrer Bewegung inne, blickt kurz auf. Sie sagt nichts, aber ihre Aufmerksamkeit bleibt einen Moment bei ihnen, während sie die Münzen in der Kasse verstaut und anschließend beginnt, die Theke abzuwischen.

    „Wenn das stärker wird mit dem Schnee“, fährt Falk fort und deutet mit dem Kinn zum Fenster, „könnte das ein mühsamer Weg werden.“

    Aneirin runzelt nachdenklich die Stirn, folgt seinem Blick nach draußen. Die Flocken fallen weiter, ruhig, aber beharrlich. Einen Moment lang sagt er nichts.

    „Ich weiß.“ Er wendet sich vom Fenster ab, sieht zu dem Blech mit den Rosinenbrötchen.

    „Aber ich habe es ihr versprochen.“ Der Satz kommt ohne Zögern, fast selbstverständlich. Außerdem möchte ich es so.

    Valeria wischt weiter, langsamer jetzt. Aneirin spürt ihre Anwesenheit, ohne sie anzusehen.

    „Falls es in der Nacht richtig losgeht …“ Aneirin zuckt kurz mit den Schultern. „Dann bleibe ich eben länger. Die Bäckerei ist morgen ohnehin geschlossen.“

    Falk mustert ihn, als wolle er etwas sagen, entscheidet sich dann aber dagegen. Stattdessen nickt er nur mit einem nachgiebigen Lächeln.

    „Und schlimmstenfalls“, fügt er nach einem Herzschlag hinzu, ein ungewohnt schalkhaftes Glimmen in seinem Blick, „gönne ich mir ein paar Tage Urlaub auf Glyn-y-Defaid.“ Er sieht zu Falk, der überrascht blinzelt. „Ich bin mir sicher, du treibst mir die Bäckerei schon nicht in den Ruin.“

    Falk schnaubt leise. „Na, dann hoffe ich, dass es nicht allzu viele Tage werden.“ Ein schiefes Grinsen liegt auf seinen Zügen. „Irgendwer muss ja dafür sorgen, dass die Leute hier weiter ihr Brot bekommen.“ In diesem Moment liegt etwas beinahe Leichtes zwischen ihnen. Etwas, das lange gefehlt hat.

    „Genieß es. So ein Urlaub kommt nicht oft“, lächelt Valeria über die Theke hinweg.

    In diesem kurzen, unspektakulären Miteinander liegt etwas von einer Vertrautheit, die Aneirin lange schmerzlich vermisst hat. Für einen Moment sieht er den beiden jungen Leuten mit einem leisen Lächeln zu, ehe er seine Arbeit wieder aufnimmt.


    Aneirin legt die abgekühlten Rosinenbrötchen sorgfältig auf saubere Tücher. Ein paar Brote, die übrig geblieben sind, kommen hinzu. Nichts Besonderes, aber etwas, das er gerne teilen möchte. Er legt die Tücher zusammen, knotet sie fest und verstaut sie in einem größeren Brotbeutel, den er sich später umhängen kann. So lassen sich die Backwaren leichter durch den Schnee tragen. Dann wendet er sich wieder der Bäckerei zu.

    Gemeinsam räumen sie auf. Bleche werden gestapelt, Arbeitsflächen abgewischt, Mehlreste zusammengefegt. Valeria löscht die Lampen im Verkaufsraum eine nach der anderen, bis nur noch das Licht im hinteren Teil brennt. Die Stille, die folgt, ist keine leere – sie gehört dazu, wie das Ausatmen nach getaner Arbeit.

    Aneirin zieht die Schürze aus, hängt sie ordentlich an ihren Haken. Er bleibt einen Moment stehen, schaut sich um. Die Bäckerei wirkt aufgeräumt, bereit für die Ruhe des nächsten Tages. Morgen bleibt sie geschlossen. Ein seltener Luxus.

    Falk tritt neben ihn. „Wenn du loswillst, ist jetzt ein guter Zeitpunkt“, meint er. „Der Schnee ist noch fein.“

    Aneirin nickt. „Ich hol nur noch meine Sachen von nebenan“, sagt er. Valeria wischt sich die Hände an der Schürze trocken und kommt näher.

    „Dann wünschen wir dir einen schönen Julabend“, sagt sie lächelnd.

    „Danke“, erwidert Aneirin. Er tritt näher und legt die Arme um beide, kurz, aber fest – zuerst Valeria, dann Falk. Es ist keine große Geste, eher etwas Selbstverständliches.

    „Schöne Jultage auch euch“, sagt er, als er sich wieder löst. „Und danke … für alles.“

    Falk klopft ihm kurz auf die Schulter. „Mach dir keinen Kopf. Wir passen hier schon auf.“

    Aneirin legt sich den Brotbeutel um. An der Hintertür bleibt er stehen. „Schließt ihr ab?“, fragt er noch, halb über die Schulter.

    „Ja“, antwortet Valeria. „Geh nur.“


    Er öffnet die Tür. Kalte Luft schlägt ihm entgegen, klar und frisch. Der kleine Hof liegt unter einer feinen Schneeschicht, die Schritte zeichnen sich dunkel darin ab. Aneirin tritt hinaus, zieht die Tür hinter sich zu und bleibt einen Moment stehen, bevor er sich dem Wohnhaus zuwendet, um sich reisefertig zu machen.

    „Some nights are made for remembering, not for sleeping.“

    — unbekannt



    13. Langschnee 525



    ← Der Marktplatz


    Die Nacht legt sich schwer auf das Haus des Bäckermeisters, als hätte sie beschlossen, heute nicht weiterzuziehen. Aneirin liegt auf dem Rücken in seinem Bett, die Hände locker auf dem Bauch gefaltet, und starrt an die dunkle Decke. Schlaf will sich nicht einstellen. Zu sehr hallt der vergangene Tag in ihm nach – und das, was er ausgelöst hat. Aufregung. Vorfreude. Aber auch ein leiser Rest Unsicherheit.


    Lyalls Lächeln taucht immer wieder vor seinem inneren Auge auf. Die Art, wie ihre Augen heller geworden waren, als er gesagt hatte, dass er kommen würde. Dieses Aufleuchten, das nichts verlangte und doch so viel bedeutete. Er spürt ein Ziehen in der Brust – kein schmerzhaftes, eher eines, das ihm zeigt, dass dort etwas ist, das er lange vermisst hat. Dass er sie vermisst. Ihre Nähe. Ihre Vertrautheit. Dieses selbstverständliche Wissen, ihr alles sagen zu können, ohne es tatsächlich tun zu müssen.

    Die Melodie vom Nachmittag schiebt sich in seine Gedanken, vermischt sich mit dem Bild von Lyall, mit dem Klang ihrer Stimme, mit der Erinnerung an das erste Mal, als sie gelacht hatte über etwas so Unscheinbares wie das dunstblaue Häschen, das seiner Flöte entsprungen war. Wie ehrlich ihre Freude gewesen war. Wie leicht ihm das Herz in diesem Moment gewesen ist.

    Aneirin schließt die Augen, hält dieses Bild fest. Wie sehr er sich wünscht, sie könnten dorthin zurückkehren. Zu dieser Unbeschwertheit, bevor sich etwas Unsichtbares zwischen sie geschoben hat. Und mit einer Klarheit, die sich nicht mehr verdrängen lässt, wird ihm bewusst: Er wird es ihr sagen müssen. Alles. Und darauf hoffen, dass sie dann immer noch ihn sieht – nicht das, was sich unter seiner Haut verbirgt und an jedem Vollmond hervorbricht.


    Als er die Augen wieder öffnet, nagen die Zweifel erneut an ihm. Ist das wirklich der richtige Weg? Vielleicht wäre es einfacher, das zu bewahren, was sie jetzt noch voneinander haben. Was, wenn sie sich von ihm abwendet, wenn sie erst weiß, welcher Fluch Teil von ihm geworden ist – und es bis zu seinem Tod bleiben wird?


    Aneirin dreht den Kopf zur Seite. Sein Blick fällt auf die Kommode gegenüber dem Bett. Die oberste Schublade. Er weiß, was darin liegt. Die Flöte ruht dort seit langem, sorgsam in ein Tuch gewickelt. Nicht vergessen – nur beiseitegelegt. Noch eine Weile liegt er da. Atmet gleichmäßig ein und wieder aus. Dann setzt er sich auf.

    Die Dielen knarren leise unter seinem Gewicht, als er aufsteht und zur Kommode geht. Jeder Handgriff ist bedacht, beinahe vorsichtig. Er zieht die Schublade ein Stück auf, dann ganz. Sein Blick fällt auf ein weiches, ausgebleichtes Leinentuch, dessen Ränder vom vielen Waschen leicht ausgefranst sind. Vorsichtig schlägt er das Tuch auseinander. Die Flöte liegt ruhig darin – nicht versteckt, sondern sorgsam aufbewahrt.

    Er nimmt sie nicht sofort. Sieht sie nur an, als müsse er sich erst vergewissern, dass er es darf. Schließlich hebt er sie heraus, schließt die Schublade wieder und setzt sich zurück auf das Bett.


    Die schlicht gearbeitete Flöte, aus warm schimmerndem Kirschholz, liegt leicht, aber kühl in der Hand. Er zögert. Es ist so lange her, dass er sie gespielt hat, dass es ihm beinahe unwirklich vorkommt. Schließlich hebt er sie an die Lippen.

    Der erste Ton ist zu laut. Er zuckt unwillkürlich zusammen, als hätte er die Stille erschreckt. Doch das Haus antwortet nicht, kein Laut ist zu hören. Aneirin atmet aus, hebt die Flöte erneut an seine Lippen, versucht es noch einmal – leiser diesmal, vorsichtiger.

    Die Töne sind unsicher. Er sucht, tastet sich vor, folgt keiner festen Ordnung. Die Melodie, an die er sich erinnern will, ist nicht greifbar. Sie war improvisiert gewesen, entstanden im Moment, getragen von Lyalls Nähe und Begeisterung. Jetzt bleibt ihm nur eine Ahnung davon, eine Richtung, kein Ziel.

    Er spielt weiter. Nicht schön. Nicht rund. Aber ehrlich. Die Flöte klingt anders als die Laute. Ihre Töne sind klarer, lassen weniger Raum für Verstecke. Aneirin lässt die Töne kommen und gehen, ohne sie festhalten zu wollen.


    Irgendwann senkt er das Instrument wieder und horcht in die Stille. Er sitzt da, hört seinem eigenen Atem zu. Und merkt, dass ihn nichts daran hindert, die Flöte wieder aufzunehmen, wenn er es möchte. Dass sie nicht zurück in die Schublade muss. Nicht jetzt. Stattdessen legt er sie vorsichtig auf den Nachttisch neben seinem Bett.

    Aneirin legt sich wieder hin, dieses Mal auf die Seite, den Blick auf die Flöte gerichtet. Der Schlaf kommt langsam, zögernd, aber er kommt. Und während er die Augen schließt, ist da kein Gedanke an Verlust. Sondern eine leise wachsende Hoffnung.


    Ein Geschenk… Ich brauche noch ein Geschenk…

    “It hurts to be trusted and not believed.”

    Graham Greene



    14. Erntemond 525


    Die Alarmglocken in Aneirin schrillen, gleich nachdem Niall seinen Monolog begonnen hat. Er muss sich zusammenreißen, nicht unwillkürlich zurückzuweichen, als dessen Hand ihm scheinbar freundschaftlich auf die Schulter fällt. Die Worte verfehlen ihre Wirkung nicht – im Gegenteil. Aneirin hört genau hin, nimmt jede Betonung wahr, jedes überdeutlich gesetzte Gewicht. Und genau das macht ihn wachsam.

    Sein Blick ruht aufmerksam auf Niall, während in ihm die Frage wächst, wohin dieses ganze Schauspiel führen soll. Denn so fühlt es sich an: wie ein Stück auf einer Bühne, bei dem der Darsteller sich zu sehr bemüht, nicht erkennen zu lassen, dass er gerade eine Rolle spielt – und dabei doch genau das tut. Vielleicht ist es Niall aber auch schlicht egal, ob man sein Spiel durchschaut. Vielleicht gehört es sogar dazu. Als Ablenkung. Als Irritation. Oder aus einem Grund, den nur die Götter kennen.

    Umso aufmerksamer verfolgt Aneirin jede Bewegung, als Niall ohne weitere Erklärung aufsteht und ihm bedeutet, zu warten. Etwas in ihm spannt sich an als der Dunkelhaarige mit einem großen Schritt einer der Schankmaiden den Weg versperrt. Ein Gedanke kommt Aneirin schneller, als ihm lieb ist: Hoffentlich macht er jetzt keinen Ärger.

    Innerlich flucht er leise über sich selbst. Darüber, dass er sich hat gehen lassen. Dass er viel zu schnell bereit gewesen ist, diesem Mann zu vertrauen, nur weil er die richtigen Worte gefunden hatte. Er hat sich tragen lassen von diesem Gefühl, verstanden zu werden. Was auch immer Niall vorhat – Aneirin weiß, dass er in einer körperlichen Auseinandersetzung den Kürzeren ziehen würde. Selbst dann, wenn sein Körper nicht müde und angeschlagen wäre. Und dieser Gedanke ist bitterer als jeder Schlag, den er an diesem Abend eingesteckt hat. Und es schärft seine Wachsamkeit nur noch mehr.


    Als sich Niall schließlich von der Schankmaid abwendet, folgt Aneirins Blick der jungen Frau noch einen Moment länger. Prüfend, beinahe unwillkürlich. Er will sich vergewissern, dass Niall ihr nichts getan oder gesagt hat, was sie hätte verletzen können. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Ihr Kopf ist hochrot, ihr Lächeln verlegen, vielleicht sogar ein wenig geschmeichelt — aber nichts an ihr wirkt verstört oder unangenehm berührt.

    Die Beobachtung überrascht Aneirin, auch wenn er sich nichts davon anmerken lässt. Stattdessen richtet sich seine Aufmerksamkeit wieder auf Niall, als dieser mit zwei kleinen Gefäßen an den Tisch zurückkehrt, sich setzt und ihm eines der Pinnchen mit einem so übertrieben unschuldigen Lächeln zuschiebt, dass Aneirin nicht anders kann, als ihn skeptisch anzustarren.

    Er solle nicht so dreinschauen, meint Niall und setzt seinen Redeschwall fort. Aneirin hört die Worte, doch sie erreichen ihn nicht mehr wirklich. Zu sehr ist er damit beschäftigt, sich zu fragen, was Niall mit diesem ganzen Theater bezweckt. Die Gläschen hätte er nicht selbst holen müssen. Es wäre nicht nötig gewesen.

    Sein Blick streift nur flüchtig die bernsteinfarbene Flüssigkeit. Er rührt sie nicht an. Innerlich hat Aneirin längst beschlossen, dass es für diesen Abend genug Alkohol gewesen ist. Sein Instinkt sagt ihm, dass er nun wachsamer sein sollte. Und so widerwillig er diesen Gedanken auch zulässt, alles in ihm richtet sich inzwischen darauf ein, dass der Dolch, den er bislang nur von außen erwartet hat, vielleicht doch von Niall selbst kommen könnte.

    Einer Bestätigung gleich blitzt es kampflustig in Nialls Augen auf, nur um im nächsten Augenblick hinter amüsiertem Schalk zu verschwinden. Dann erhebt er sich. Aneirin merkt sofort, wie sein Körper reagiert: Wie sich etwas in ihm anspannt, wie seine Füße unwillkürlich festen Halt auf den Dielen suchen, bereit, sich aufzurichten, auszuweichen, notfalls zu kämpfen.

    Er wolle ihm gratulieren, meint Niall, während er ihm erneut die Hand entgegenstreckt. Aneirin starrt sie mehrere Herzschläge lang an, ohne sich zu rühren. In dieser kurzen Stille liegt alles — Misstrauen, Abwägen, die nüchterne Erkenntnis, dass sich hier gerade etwas entscheidet.

    Dann erhebt er sich ebenfalls. Langsam. Wachsam. Aber mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel daran lässt, dass er diesen Moment nicht aus Schwäche hinnimmt.


    Plötzlich geht alles sehr schnell. Kaum, dass Aneirin seinen Arm hebt, schnellt Nialls Hand hervor und schließt sich um seine. Fest und unerbittlich, wie eine Schlange, die sich um ihr Opfer legt und nicht mehr loslässt. Obwohl Aneirin mit etwas gerechnet hat, ist er für einen einzelnen Herzschlag überrascht. Nicht vom Griff selbst, vielmehr von der Entschlossenheit dahinter.

    Er hebt den Blick. Und da bemerkt er, dass Niall die Maske hat fallen gelassen. Das selbstgeschriebene Theaterstück hat seinen Höhepunkt erreicht und Niall betrachtet ihn nun offen, beinahe triumphierend, als wolle er jede Regung in Aneirins Gesicht lesen.

    Zunächst spürt Aneirin nichts. Doch dann, als reagiere sein Körper etwas verzögert, breitet sich Hitze in seiner Hand aus, brennt sich etwas in seine Haut. Seine Augen senken sich zu ihren ineinander verschränkten Händen. Für einen Herzschlag blinzelt er irritiert, der Blick huscht fragend zu Niall, versucht zu begreifen, was gerade geschieht. Aneirin zieht die Luft langsam zwischen den Zähnen ein, als sich der Schmerz in seine Handfläche frisst. Das Gesicht spannt sich, die Kiefer pressen aufeinander. Schmerz zeichnet sich offen in seinen Zügen ab – nicht laut, nicht dramatisch, aber unverkennbar. Als er den Blick wieder hebt, liegt darin etwas Ungläubiges, ein stummes ‚Was tust du da?‘, das keine Worte braucht. Aneirin zwingt sich, die Hand nicht reflexartig zurückzuziehen. Der Gedanke, es überhaupt zu versuchen, erscheint ihm einen Herzschlag lang absurd — Niall würde ihn nicht loslassen. Stattdessen verstärkt er den Griff unwillkürlich — mehr ein Reflex als eine Entscheidung.


    Aneirin könnte später nicht sagen, wie viel Zeit vergeht, während ihre Hände ineinander gefangen bleiben – ob es nur Atemzüge sind oder etwas, das sich länger anfühlt, als es sein dürfte. Der Schmerz ist da, ständig, brennend, ein dumpfer Druck, der mit jedem Herzschlag tiefer in seine Handfläche pocht und seine Züge unwillkürlich anspannt. Sein Atem geht flacher, ein kaum hörbares Zischen entweicht zwischen seinen Zähnen, als würde er den Schmerz so bändigen wollen.

    Als sich ihre Hände lösen, ist nicht zu sagen, wer es zuerst tut. Etwas fällt zu Boden. Ein helles, fast unschuldiges Geräusch erklingt als es die Dielen berührt, viel zu leise für das, was es ausgelöst hat. Aneirin sieht hinab. Eine silberne Münze, durch ein Loch in der Mitte an ein feines Lederband geknüpft. Dann besieht er sich seine eigene Hand. Die Haut in der Mitte ist gerötet, wund, glänzend vor Hitze, als hätte man ihm ein glühendes Eisen hineingedrückt. Nein, kein Eisen – Silber. Der Schmerz pulsiert hartnäckig, fordernd, zieht bis in den Unterarm und lässt seine Finger einen Moment lang steif werden.


    Ohne weiter darüber nachzudenken, greift er rasch mit seiner Linken nach Nialls Handgelenk, bevor dieser es ihm vollständig entziehen kann. Nicht aggressiv, lediglich kurz prüfend. Seine Miene ist angespannt, der Blick scharf, als müsse er sich vergewissern, dass er sich nicht täuscht. Es braucht nur einen Herzschlag, um zu sehen, was er sehen muss: dieselbe Brandspur in der fremden Handfläche.

    Er hebt den Blick. In seinen Augen liegt für einen flüchtigen Moment etwas Ungefiltertes – Überraschung, schmerzhaftes Begreifen. So ist das also… Jetzt versteht Aneirin, warum ihm dieser Mann so vertraut vorgekommen war. Warum die Worte saßen. Warum der Nebel kein Fremdwort war.

    Einen Augenblick lang bewegen sie sich beide nicht. Aneirin hält Nialls Blick, spürt das Nachbrennen in seiner Hand, das Pochen unter der Haut, das ihn zwingt, den Kiefer fest zusammenzupressen. In diesem kurzen Innehalten liegt mehr als bloß Erkenntnis. Eine Gewissheit, die zwischen ihnen steht. Etwas, das nicht mehr zurückgenommen werden kann. Ein unausgesprochenes: Jetzt weißt du es.


    Aneirin senkt den Blick. Nicht aus Scheu, sondern weil er ihn einen Moment lang nicht auf Niall halten will. Er beugt sich langsam nach unten, um die Münze vom Boden aufzuheben, als gäbe ihm diese einfache, greifbare Handlung etwas, woran er sich festhalten kann. Die Finger seiner unverletzten Hand schließen sich um das lederne Band. Als er sich aufrichtet, bleibt sein Blick nicht bei Niall. Stattdessen gleitet er suchend durch den Schankraum, bis er jene Schankmaid findet, der sein Gegenüber den Talisman abgeschwatzt haben muss.

    Langsam nimmt Aneirin Abstand zu dem Dunkelhaarigen, bahnt sich seinen Weg quer durch den Raum und bleibt vor der jungen Frau stehen. Er legt ihr das Band behutsam in die Hand. „Ich glaube, das gehört Euch“, sagt er ruhig. „Ihr solltet so etwas Kostbares nicht fortgeben. Nicht für ein paar schöne Worte, die vermutlich nicht einmal ernst gemeint waren.“ Da ist kein Vorwurf in seiner Stimme, eher ein leiser, ernst gemeinter Rat.


    Als die Schankmaid sich unsicher lächelnd von ihm abwendet, bleibt Aneirin noch mit dem Rücken zu Niall stehen. Er braucht einen Augenblick, um sich zu sammeln. Er hebt die verletzte Rechte in seine linke Hand — und dieses Mal entweicht ihm ein scharfes, ungehaltenes Zischen, halb Schmerzlaut, halb unterdrücktes Knurren. Seine Schultern spannen sich, der Kiefer fährt hart zusammen, als müsse er verhindern, dass ihm etwas Unbedachtes über die Lippen kommt. Für einen kurzen Moment ist sein Gesicht sichtbar verzerrt, nicht nur vom Brennen, sondern von Ärger.

    Vorsichtig fährt sein Daumen um die wunde Stelle in der Handfläche, tastend, prüfend — als wolle er sich vergewissern, dass das hier tatsächlich passiert ist. Das Brennen flammt auf, zieht erneut bissig den Arm hinauf. Aneirin stößt hörbar die Luft aus, ein hartes Ausatmen durch die Nase. Er schließt die Augen kurz. Nicht, um dem Schmerz zu entkommen, sondern um ihn niederzuringen und die Kontrolle zurückzuerobern. Als er sie wieder öffnet, bewegt er die Finger. Zögernd. Einer nach dem anderen. Sie gehorchen ihm noch – den Göttern sei Dank.

    Elender Hund… schießt es ihm durch den Kopf. Ärger flackert auf, heiß und kurz. Nicht, weil es weh tut, sondern weil Niall aus Vertrauen ein Spiel gemacht hat. Die bittere Erkenntnis, dass er jemandem mehr Raum gegeben hat, als dieser verdient hat, trifft Aneirin hart. Er war weiter gegangen, als ihm lieb ist, hatte sich einem Fremden geöffnet… Und das hier ist es, was dieser verdammte Mistkerl daraus macht.


    Aneirin wendet sich um und kehrt zum Tisch zurück. In ihm arbeitet noch der Ärger, wie ein Grollen unter der Haut, das nach mehr verlangt als nach Worten. Er zwingt ihn nieder, Schritt für Schritt. Einen Herzschlag lang mustert er Niall. In seinem Blick liegt etwas Ungeschütztes. Nicht die Wut selbst, sondern das, was darunter freigelegt wurde: Eine Enttäuschung, die er nicht schnell genug verbergen kann. Dann setzt er sich, atmet einmal tief durch, sammelt sich und richtet die Schultern. Erst danach hebt er den Blick.

    „Ihr hättet fragen können“, meint er schließlich. Seine Stimme bleibt ruhig, auch wenn es ihm schwerfällt, ihr die Kränkung nicht anhören zu lassen. Seine Augen haben etwas an Wärme verloren. „Ich hätte es Euch vermutlich gesagt. Ich habe Euch nichts vorgespielt.“ Ein kurzer Atemzug, der verrät, dass es ihn Mühe kostet, so sachlich zu bleiben. „Aber Ihr wolltet Gewissheit. Auf Eure eigene Art.“

    „Es gibt Augenblicke, in denen etwas in uns erwacht, lange bevor wir wissen, was es ist.“

    — Rainer Maria Rilke



    13. Langschnee 525



    Aneirin lässt den Atem langsam entweichen, von dem er gar nicht gemerkt hat, dass er ihn angehalten hat. Einen kurzen Augenblick war er sich nicht sicher, ob Lyall überhaupt antworten würde. Doch dann platzt es geradezu aus ihr heraus: Dass das Angebot noch steht. Dass er willkommen ist. Dass es passt.

    Sein Blick senkt sich kurz zu ihren Händen, die seine eben noch gehalten haben, dann hebt er ihn wieder. Da ist etwas Weiches in seinem Gesicht, fast wie Erleichterung.

    „Danke“, sagt er leise. Das Wort ist schlicht, aber es trägt mehr, als er sonst zu sagen wagt. „Das… bedeutet mir viel.“

    Er nickt, einmal, als würde er sich selbst bestätigen. „Ich komme.“ Kurz zögert er. „Alles Weitere … sehen wir dann.“ Kein Ausweichen, eher ein ehrliches Eingeständnis seiner Grenzen.

    Ein kleines, fast unsicheres Lächeln huscht über seine Züge. „Ich freue mich“, fügt er hinzu – und er sagt es nicht einfach nur so. Er freut sich wirklich. Und auch wenn zwischen ihnen noch immer Dinge unausgesprochen sind, fühlt es sich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr an, als läge unüberwindbarer Abstand zwischen ihnen. Vielmehr als hätte sich ein erster Stein aus der unsichtbaren Mauer, die sich in den Jahren zwischen ihnen aufgetürmt hat, gelöst.


    Aneirin nickt Lyall noch einmal zu, ein stilles Einverständnis, dann wendet er sich zum Gehen. Ein, zwei Schritte trägt ihn der gewohnte Fluchtimpuls bereits fort, weg aus der Nähe, zurück in das vertraute Alleinsein.

    Er bleibt stehen. Er ist sich nicht sicher, warum er plötzlich innehält, als hätte etwas in ihm die Hand gehoben und Stopp gesagt. Aneirin atmet ein, dreht sich zu Lyall um, bevor er es sich anders überlegen kann.

    Er sagt nichts. Geht die wenigen Schritte zurück, legt die Arme kurz um sie, fest genug, dass sie es spüren kann, aber nicht lange genug, ihr die Entscheidung einer Erwiderung zu einzuräumen. Für einen Herzschlag hält er sie so, als müsste er sich vergewissern, dass dieser Moment wirklich ist.

    Dann lässt er los.

    „Bis dann“, bringt er noch hervor, leise, fast atemlos – und schon ist er wieder auf dem Weg, schneller jetzt, als müsse er diesem Mut entkommen, bevor er merkt, was er getan hat.

    Erst als der Abstand zwischen ihnen wieder wächst, merkt Aneirin, dass ihm das Herz bis zum Hals schlägt – nicht vor Angst, sondern vor etwas, das sich nach Hoffnung anfühlt.

    „Sometimes all you need is twenty seconds of insane courage.“

    We Bought a Zoo (Film)



    13. Langschnee 525



    Aneirin steht noch eine Weile am See. Das Wasser liegt ruhig, die letzten Töne des Liedes sind längst verklungen. Es fühlt es sich an, als müsste er erst wieder lernen, sich zu bewegen. Er fährt sich mit der Hand über den Nacken, atmet ein, dann aus.


    Da fällt sein Blick auf eine Bewegung am Rand seines Sichtfeldes. Eine vertraute Gestalt kommt den Weg entlang, ruhig, mit diesem unverkennbaren Gang, den er selbst aus der Entfernung erkennt. Lyall. Die dunklen Haare, die Haltung, aufmerksam, aber entspannt. Sie geht nicht hastig. Sie ist einfach unterwegs.

    Aneirin folgt ihr mit den Augen, nur einen Moment. Dann noch einen. Sein Herz zieht sich zusammen – nicht schmerzhaft, eher wie bei einem Sprung, den man zu lange hinausgezögert hat. Er könnte sie ziehen lassen. Es wäre leicht. So wie immer.

    Er setzt einen Schritt nach vorn. Bleibt wieder stehen. Der altvertraute Fluchtimpuls meldet sich. Nein, nicht heute.

    „Lyall.“

    Seine Stimme ist zu leise. Sie hört ihn nicht. Sie geht weiter. Er schluckt, holt Luft, läuft los. Seine Schritte sind schneller, als er beabsichtigt hat.

    „Lyall!“ Dieses Mal fester. Sie bleibt stehen, dreht sich um.

    Aneirin kommt vor ihr zum Stehen, ein wenig außer Atem. Nicht vom Laufen allein. Er richtet sich auf, wirkt einen Moment unsicher, als müsse er erst entscheiden, wie viel er jetzt sagen darf.

    „Hej“, sagt er schließlich, fast schief lächelnd.

    Er zögert. Reibt sich kurz die Handflächen aneinander. Dann sieht er sie an, direkt, offen wie selten.

    „Du hattest mich vor ein paar Siebentagen gefragt … wegen Jul.“ Er hält inne, sammelt sich. „Ob ich mit dir und Cinaéd feiern möchte. Auf Glyn-y-Defaid.“

    Ein Atemzug. Dann spricht er weiter, vorsichtig, aber klar.

    „Falls das Angebot noch steht…“ Ein kurzes, beinahe entschuldigendes Schulterzucken. „Ich weiß, es ist nicht mehr lange hin. Und wenn es Umstände macht, oder zu kurzfristig ist, dann…“ Er bricht ab, schüttelt leicht den Kopf. „Ich wollte nur sagen… ich würde gern kommen. Wenn es für euch passt.“

    Er wartet. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sich dieses Warten nicht wie Stillstand an, sondern wie ein Schritt, den er tatsächlich gegangen ist.

    „Music expresses that which cannot be put into words and that which cannot remain silent.“

    — Victor Hugo



    13. Langschnee 525



    ← Bäckerei Gerdenwald


    Der Weg über den Marktplatz ist belebt, aber nicht laut. Es ist einer dieser Nachmittage, an denen die Stadt ihren eigenen Rhythmus hat, geschäftig, vor allem jetzt zur Julzeit. Aneirin geht mit den Händen in den Manteltaschen, den Kopf leicht gesenkt, als folge er einer Spur, die nur er sieht. Der Geruch von warmem Gebäck haftet ihm noch an, vermischt sich mit kalter Luft und dem fernen Klang von Stimmen.

    In seinem Geiste arbeitet es weiterhin beharrlich. Es gelingt ihm immer noch nicht zu fassen, was genau es ist, das ihn so beschäftigt. Wieder und wieder vergegenwärtigt er sich Erlebnisse der letzten Siebentage, um herauszufinden, was sich dort in seiner Brust unaufhörlich seinen Weg an die Oberfläche gräbt. Inzwischen ist Aneirin sich recht sicher, dass es an jenem Abend begann, als er in der Taverne auf Niall traf. Oder zumindest hat er es dort das erste Mal bewusst wahrgenommen. Aber seit dem gestrigen Abend hat es noch einmal eine ganz andere Intensität gewonnen.


    Aneirin bleibt stehen und atmet tief durch. Sein Atem bildet in der kalten Luft weiße Wölkchen, die mit einer ruhigen Regelmäßigkeit kommen und gehen. Er hebt den Blick gen Himmel, fragt sich unwillkürlich, ob es bald wohl schneien wird.

    Da trägt der Wind eine Melodie an seine Ohren. Sie kommt nicht plötzlich. Sie schiebt sich nicht in den Vordergrund. Sie ist einfach da, wie etwas, das er vorher überhört hat und jetzt bewusst wahrnimmt. Dann verklingt sie. Aneirin blickt sich vorsichtig suchend um, während er lauscht. Er merkt nicht, dass er den Atem anhält. Für einen Moment glaubt er, sich zu täuschen. Doch da erklingt sie wieder. Unvollständig, suchend.

    Erst als ein Passant an ihm vorbeigeht, regt Aneirin sich wieder. Er geht weiter, langsamer. Auf der Suche nach dem Ursprung der Melodie erreicht er den Blaupfuhl.

    Am Ufer des Sees stehen mehrere Bänke, unregelmäßig verteilt. Menschen sitzen dort, reden leise, beobachten das Wasser, lassen Steine springen. Ein paar Kinder lachen, ein Hund tollt umher. Und etwas abseits, auf einer der Bänke, sitzt eine Frau mit einer Laute auf dem Schoß.


    Aneirin erkennt sie sofort. Mit ihrem gewellten, kastanienbraunen Haar und ihrer Stimme fügt es sich ihm sofort zusammen. Die Bardin vom Vorabend, deren Stimme ihn so aufwühlte. Sie spielt, während sie singt, aber nicht für andere. Ihre Stimme ist zurückgenommen, fast nach innen gerichtet. Die Finger auf den Saiten tasten sich vor, halten inne, setzen neu an. Es ist kein fertiges Lied. Es ist Arbeit. Gedanken in Klang.

    Aneirin bleibt stehen. Ein paar Schritte entfernt. Er sagt nichts. Er weiß nicht, ob sie ihn bemerkt hat, und für einen Moment ist er dankbar dafür. Sein Blick folgt ihren Händen. Der Laute. Dem vertrauten Schwung der Bewegung, der ihm unerwartet den Atem nimmt.

    Seine Lippen öffnen sich einen Spalt.

    Ein Ton löst sich aus ihm, kaum mehr als ein Atemhauch. Er erschrickt darüber und verstummt sofort, als jemand hinter ihm vorbeigeht. Sein Blick senkt sich. Als hätte er etwas getan, das nicht für ihn gedacht war.

    Die Melodie stockt kurz. Er hebt den Kopf wieder. Sie hat ihn gesehen. Ihr Blick ist ruhig, offen, ohne Erwartung. Sie spielt weiter, leiser nun, lässt Raum. Aneirin zögert. Er könnte gehen. Jeder Schritt zurück wäre leicht. Niemand würde es bemerken.

    Stattdessen geht er langsam näher.

    Er nähert sich der Bank, bleibt davor stehen, unschlüssig, als müsse er erst prüfen, ob er bleiben darf. Schließlich setzt er sich, ein Stück entfernt, genug Abstand, um sich nicht aufzudrängen. Das Wasser vor ihnen kräuselt sich leicht im Wind. Die Laute klingt warm, trotz der kühlen Luft.

    Die Bardin wiederholt eine Stelle. Noch einmal. Und noch einmal. Die Melodie sucht nach etwas, das sie nicht findet. Aneirin hört zu, nicht mit dem Teil von sich, der analysiert, sondern mit dem, der erinnert. Seine Finger bewegen sich unwillkürlich, als würden sie Saiten greifen, die nicht da sind.


    „Die Wendung“, sagt er schließlich, leise, fast mehr zu sich selbst. Schon verstummt er wieder, als hätte er zu viel gesagt. Die Frau sieht ihn abwartend an. Aneirin atmet tief ein. Es fällt ihm schwer, es in Worte zu fassen. Kurz ist er versucht es dabei zu belassen. Aber irgendetwas in ihm will ihr zeigen, an was er denkt.

    „Darf ich…?“ Seine Hand hebt sich ein wenig, deutet auf die Laute. „Nur kurz.“

    Es ist eine echte Frage. Offen genug für ein Nein.

    Die Bardin zögert nicht lange. Sie reicht ihm das Instrument, vorsichtig, als gäbe sie etwas Wertvolles aus der Hand. Aneirin nimmt die Laute, als wäre sie zerbrechlich. Sein Griff ist zunächst unsicher. Sie liegt vertraut in seinen Händen und doch fremd, wie etwas, das man lange nicht mehr gehalten hat. Gemischte Gefühle steigen in ihm auf. Sieben Jahre lang hat er versucht so gut es geht, alles zu vermeiden, das mit Musik zu tun hat. Eine Laute nur zu halten, war bis vor Kurzem nahezu undenkbar.

    Er stimmt eine Saite an. Dann noch eine. Ganz vorsichtig. Er runzelt die Stirn, korrigiert sich selbst, hört genauer hin. Die ersten Töne sind rau und unsicher. Er hält inne, atmet aus, beginnt von vorn.

    Er spielt die Stelle, an der sie zuvor hängen geblieben ist. Zögernd. Hält an. Wiederholt sie. Noch einmal. Seine Finger finden langsam ihren Weg, erinnern sich. Die Bewegung wird flüssiger, der Klang sicherer. Er wagt eine kleine Abweichung, kehrt zurück und probiert es erneut.

    Die Musikerin neben ihm sagt nichts. Sie beobachtet ihn aufmerksam, während ihre Hände locker in ihrem Schoß liegen.

    „Vielleicht…“, sagt sie schließlich, nachdenklich. „Wenn die Melodie dort nicht nach oben geht, sondern sich hält.“

    Aneirin nickt. Probiert es aus. Die Melodie schwingt weiter, ruhiger jetzt. Er wiederholt die Stelle bis sie sich richtig anfühlt. Irgendwann beginnt er, leise mitzusingen. Erst nur Töne summend, dann mit vorsichtigen Worten, die die Bardin vorschlägt. Er nimmt sie auf, formt sie, fügt neue hinzu, lässt sie klingen, als wären sie schon immer Teil des Liedes gewesen.

    Er merkt nicht, wann er aufhört zu zögern. Schritte kommen und gehen, Stimmen flackern auf und ab. Jedes Mal, wenn jemand näherkommt, senkt Aneirin kurz die Stimme, hält inne – und setzt wieder ein, sobald die Geräusche sich entfernen. Schließlich vergisst er auch das. Die Welt um sie herum tritt zurück.

    Er spielt. Er singt. Nicht laut. Nicht für andere. Nur für sich.


    Als das Lied ausklingt ist es einen Moment still. Dann vernimmt Aneirin ein einzelnes Klatschen. Überrascht, fast erschrocken, blickt Aneirin auf. Ein Mann am Ufer nickt ihm zu, lächelt kurz, geht weiter.

    Aneirin atmet langsam aus.

    Er gibt seiner Nachbarin die Laute zurück. Seine Hände zittern kaum merklich. Er schließt sie umeinander.

    „Danke“, sagt er, leise. Sie nimmt das Instrument entgegen, mustert ihn einen Moment.

    „Du hast ein gutes Gespür für Melodien.“

    Er schüttelt den Kopf. „Es ist lange her.“

    „Manches vergisst man nicht“, sagt sie.

    Sie sitzen noch eine Weile schweigend nebeneinander da und blicken auf das Wasser. Es ist kein unangenehmes Schweigen. Eher ein einvernehmliches Genießen der Gegenwart des Anderen. Schließlich steht sie auf, legt sich die Laute über die Schulter. Aneirin erhebt sich ebenfalls, blickt sie zögerlich an, als wolle er sie nicht aufhalten – und tut es doch.

    „Darf ich dich noch etwas fragen?“ Seine Stimme ist ruhig, aber unsicher. Dennoch, er muss es wissen. Sie dreht sich zu ihm um und sieht ihn erwartungsvoll an.

    „Bist du … eine Harfnerin?“

    Für einen Herzschlag wirkt sie überrascht. Dann lächelt sie leicht, schüttelt den Kopf.

    „Nein“, sagt sie schlicht.

    Sie wünscht ihm einen guten Abend, nickt ihm noch einmal zu und geht. Ihre Schritte entfernen sich, verlieren sich in den Geräuschen der Stadt.


    Aneirin bleibt am Ufer stehen. Das Wasser liegt still, als hätte es alles gehört und beschlossen, es für sich zu behalten. Er atmet langsam ein und aus. Er merkt jetzt, dass sich etwas in ihm gelöst hat. Und es war kein Zauber. Keine fremde Hand. Aneirin fühlt beinahe etwas wie Erleichterung.

    Es ist nur eine Tür. Eine, die er selbst geöffnet hat – und die sich nicht wieder schließt, als er den Blick hebt und der Melodie nachlauscht, die noch immer irgendwo in ihm weiterklingt. Als hätte er etwas zurückbekommen, von dem er sich nicht sicher war, ob es noch existiert. Und es fühlt sich gut an.

    „The song is over, but the melody lingers on.“

    — Irving Berlin



    13. Langschnee 525



    ← Die Straßen der Stadt


    Der Morgen kommt schnell. Aneirin liegt schon eine ganze Weile wach. Er hat nicht schlecht geschlafen, aber unruhig. Als hätte etwas in ihm die ganze Nacht hindurch leise weitergearbeitet, ohne dass er es hätte benennen können.

    Die Bäckerei ist still, als er die Tür aufschließt. Diese besondere Stille, die nicht leer ist, sondern wartet. Mehlstaub liegt noch in der Luft vom Vortag, als hätte jemand vergessen, den Abend ganz zu beenden. Aneirin bindet sich die Schürze um, wäscht die Hände, ganz selbstverständlich, und beginnt.

    Der Teig für die süßen Brötchen ist angesetzt wie immer um diese Zeit im Jahr. Jul ist nicht mehr fern. Rosinen, ein Hauch Honig, etwas Zitronenschale – nichts Ausgefallenes, aber auch nichts Alltägliches. Etwas, das warme Lächeln auf die Gesichter der Kunden zaubert.

    Aneirin arbeitet ruhig, kräftig, die Bewegungen vertraut, fast meditativ. Es passiert, ohne dass er es merkt.

    Erst ist da nur der Rhythmus: drücken, falten, drehen. Dann zwischen zwei Atemzügen ein Ton, kaum mehr als ein Hauch. Aneirin hält nicht inne. Der Teig klebt ein wenig an seinen Fingern, er arbeitet weiter und irgendwo zwischen Ausatmen und Bewegung findet sich eine Melodie. Unvollständig. Zögernd. Wie eine Erinnerung. Er kennt die Worte nicht. Wenn es welche gab, sind sie ihm entglitten. Aber die Melodie ist da, mit kleinen Lücken, in denen er kurz innehält, nur um sie im nächsten Moment wieder aufzunehmen.

    Als Falk wenig später durch die Hintertür kommt, bleibt er einen Moment stehen. Sagt nichts. Er hängt den Mantel auf, wäscht sich die Hände, nimmt sich eine Schüssel. Sein Blick streift Aneirin nur flüchtig. Aneirin summt nicht laut, aber Falk hört es.

    Der Morgen vergeht in gewohnten Bahnen. Der Ofen wird angeheizt, die ersten Bleche vorbereitet. Aneirin verstummt irgendwann, ohne es zu merken. Aber etwas von der Melodie bleibt in ihm zurück, wie ein Nachklang, der sich nicht ganz vertreiben lässt.

    Später, als sie die letzten Bleche aus dem Ofen holen, denkt er unwillkürlich an die kleine Taverne. An die Stimme, die dort gesungen hat. Er schiebt den Gedanken beiseite. Es bedeutet nichts. Es ist nur… Musik. Nur ein Lied. Und doch fragt er sich, ohne die Antwort wirklich zu wollen, ob sie heute Abend wieder dort sein wird.

    Am Nachmittag schließen sie zeitig. Jul wird die nächsten Tage genug Arbeit bringen. Falk zieht sich den Mantel an, greift nach seiner Mütze. Aneirin ist noch mit Aufräumen beschäftigt, als Falk an der Tür kurz stehen bleibt.

    Er sagt es ruhig, ohne großes Gewicht, fast beiläufig: „Es ist … schön, dich so zu sehen.“ Ein Lächeln liegt auf seinen Lippen. Dann geht er.

    Aneirin hält einen Moment inne. Der Geruch von warmem Gebäck liegt noch in der Luft. Er atmet ein, langsam. Und für einen Augenblick ist da wieder diese Melodie, ganz leise, irgendwo tief in ihm.


    → Der Marktplatz

    “Despite knowing the journey and where it leads, I embrace it.”

    – Arrival (Film, 2016)



    14. Erntemond 525


    „Aneirin“, erwidert der Bäcker und ergreift die ausgestreckte Hand. Der Griff ist fest gemeint, doch seine Finger brauchen einen Moment länger, um die Kraft wirklich aufzubringen. Seine Muskeln reagieren einen Herzschlag zögerlicher als er es gewohnt ist. Er spürt eine matte Wärme, die durch seine Glieder zieht und hält den Druck dennoch konzentriert, als wolle er sich selbst beweisen, dass er noch weiß, was er tut. Kurz überkommt ihn der Gedanke, ob es tatsächlich so klug gewesen ist, Nialls Pille ohne Hinterfragen herunterzuschlucken. Aber ändern kann er es jetzt ohnehin nicht mehr.


    Vielleicht hält er die Hand seines Gegenübers dadurch einen Atemzug zu lange. Vielleicht liegt es auch an dessen Worten, die in seinen Gedanken nachhallen.

    Nialls Worte haben etwas in ihm getroffen, das Aneirin nicht benennen kann. Nicht, weil sie besonders klug oder tröstlich wären, sondern weil sie zu genau sitzen. Tollwütig rasend, wie ein eingesperrtes Tier – Niall kennt den Nebel ebenfalls, der Gedanken vergiftet, diesen Druck unter der Haut verursacht. Dass jemand anderes das ohne Zögern ausspricht, weckt in Aneirin das Gefühl, vertrauen zu wollen. Für einen Moment fühlt es sich an, als müsste er nichts erklären. Als wäre da jemand, der den Nebel nicht nur gesehen, sondern selbst darin gestanden hat. Er fühlt sich gesehen. Und für einen Herzschlag ist das genug.

    Aneirin löst den Händedruck schließlich, zieht die Hand langsam zurück, als müsse er sich bewusst von diesem Moment lösen. Ein leises Ausatmen, dann ein schmales, müdes Lächeln.


    „Der Wolf…, murmelt Aneirin mehr zu sich selbst. Er hebt den Blick, mustert das wölfisch verschlagene Grinsen, die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der Niall den Raum einnimmt, ohne ihn an sich zu reißen. Etwas an ihm wirkt vertraut auf eine Weise, die Aneirin nicht greifen kann – nicht angenehm, nicht beruhigend, sondern seltsam stimmig.

    „Der Name passt.“ Zu gut sogar. Nicht wie ein Beiname, den man sich selbst gibt, um bei anderen Eindruck zu schinden. Eher wie etwas, das sich von außen festgesetzt hat, weil andere es nicht ignorieren konnten. Weil Niall etwas tut – oder ist –, das diesen Namen unausweichlich gemacht hat.

    Die Art wiederum, wie Niall über das Halsband gesprochen hat, so beiläufig, fast spöttisch, bewirkt in Aneirin, dass er ihm seine erste Erklärung nicht abkaufen mag. Gleichzeitig regt sich durch diese Worte etwas anderes. Ein dumpfes Warnsignal tief in Aneirins Brust, das ihm zuflüstert, dass Vertrauen hier keine gute Idee ist.

    Doch da war auch dieser kurze Moment gewesen, dieses kaum merkliche Zögern, bevor Niall hinzugefügt hatte: Und mich übrigens auch. Das wiederum klang aufrichtig, ungewollt ehrlich.

    Aneirin fällt auf, dass Niall seine Worte mit derselben Kontrolle wählt wie seine Bewegungen – ruhig, präzise, ohne sie unnötig zu schmücken. Sein Blick gleitet einen Moment über den Mantel aus feinem Stoff, über die Art, wie er ihn trägt, und der Gedanke drängt sich auf, dass Niall eher aus besseren Kreisen stammt, als dieser Ort vermuten lässt. Es ist keine Erkenntnis, die etwas ändert. Nur eine, die sich einordnet.


    Einige weitere Augenblicke vergehen, in denen Aneirin nicht antwortet und Nialls Nachfrage den Werwolf-Angriff betreffend noch etwas länger stehen lässt. Stattdessen lässt er den Blick noch einmal durch den Schankraum wandern. Der Tumult von eben ist inzwischen etwas abgeebbt: Der Wirt hat zwei der Streithähne am Kragen gepackt und voneinander weggezerrt, fluchend, mit hochrotem Kopf. Einer liegt noch immer reglos am Boden, ein anderer kniet daneben, hält sich stöhnend den Bauch, während jemand ihm einen Becher Wasser hinhält. Scherben knirschen unter Stiefeln, gelblicher Schaum zieht klebrige Spuren über die Dielen.

    Nichts Ungewöhnliches. Nichts, was Aneirin tatsächlich schreckt. Es gab Zeiten, da hätte er sich womöglich eingemischt und sei es nur, um sicherzustellen, dass niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist. Inzwischen jedoch hat er gelernt, dass ihn nicht alles angehen sollte. So hält er sich raus, beobachtet lediglich. Er lässt den Blick einen Herzschlag länger auf dem Bewusstlosen ruhen, als wolle er sich vergewissern, dass dieser atmet. Tut er. Das ist gut.

    Die Konturen des Raumes wirken plötzlich weicher, als hätte jemand die Welt einen Hauch unscharf gestellt. Dann ist da etwas am Rand seines Sichtfeldes. Klein. Still. Fehl am Platz.

    Brianna.

    Der Gedanke kommt schneller als jede Reaktion. Kein Schreck, kein Zusammenzucken — nur dieses trockene, müde Erkennen. Du auch noch, denkt er und ein kaum merkliches Ziehen huscht durch seine Brust. Du solltest längst schlafen. Für einen Herzschlag verändert sich etwas in Aneirins Gesicht. Die harte Gleichgültigkeit, die eben noch darin lag, weicht – als hätte jemand die Spannung aus seinen Zügen genommen. Seine Schultern sinken unmerklich, der Blick wird weich, beinahe fern.

    Er blinzelt. Sie ist fort.

    Natürlich… Die Pille, der Alkohol, der ganze Abend. Und Aneirin stellt sich nicht die Frage, ob sie wirklich da gewesen ist. Er weiß, dass sein Kopf gerade Dinge zusammensetzt, die so nicht hier sind. Der weiche Ausdruck auf seinen Zügen ist wieder verschwunden, als wäre er nie da gewesen.


    Aneirin versucht seine Gedanken zu ordnen. Nialls Fragen wühlen etwas in ihm auf. Nicht, weil er sie nicht verstanden hätte, sondern weil in der Weise wie Niall die Fragen gestellt hat, etwas mitschwingt, das Aneirin nicht gewohnt ist: Zweifel. Nicht bösartig, nicht spöttisch – aber Zweifel an seiner Aussage. Er atmet einmal langsam durch. Erst dann wendet er sich wieder Niall zu.


    „Natürlich wurde ich verletzt“, sagt er ruhig. Zu ruhig vielleicht. „Schwer genug, dass ich es nicht vergesse.“ Ein kaum merkliches Zucken liegt in seinem Kiefer, als er fortfährt. Über die Art der Verletzungen schweigt er bewusst.

    „Und ja. Ich bin mir sicher, was sie war.“ Jetzt klingt seine Stimme fester, fast beleidigt, als hätte Niall ihm nahegelegt, er könne sich in etwas so Grundlegendem täuschen.

    „Eine Werwölfin.“

    Vor seinem inneren Auge flackern sie auf – diese Augen. Dieses Gelb. Wahnsinnig, gierig, leer von allem Menschlichen. Er wird sie nie vergessen können, selbst wenn er es wollte. Unwillkürlich pressen seine Kiefer aufeinander, so fest, dass es fast schmerzt. So sehr er sich über all die Jahre bemüht hat, ihr nicht zu zürnen – es sogar zwangsläufig lernen musste, um vor Anukis‘ Angesicht zu bestehen –, den aufsteigenden Zorn, der ihn beim Anblick dieser Augen noch immer erfasst, kann er nicht vollends unterdrücken.

    Dabei weiß er inzwischen besser. Aneirin weiß, dass es kein sauberes Trennen gibt zwischen dem Menschen und dem Monster, das in ihm schlummert. Dass beides ineinandergreift, unauflöslich miteinander verwoben ist, so wie es auch bei ihm selbst der Fall ist. Es hat eine lange Weile und viele Gespräche gebraucht, um dies zu begreifen. Und der Gedanke, man würde ihn selbst auf diesen einen, dunklen Teil in ihm reduzieren, lässt etwas in ihm zusammenzucken.

    Und doch… Der Zorn bleibt. Nicht auf die Frau, nicht mehr. Nicht auf das, was sie einst gewesen ist. Sondern auf den Teil in ihr, der die Kontrolle verlor, der sich von Schmerz und Wahnsinn hat treiben lassen, bis kein Halt mehr blieb. Auf das Monster, das sie nicht zügeln konnte – oder nicht mehr wollte –, als ihre Trauer sie überrollte, als Aneirin ihr Brianna entriss.

    Dass sie selbst ein Kind verloren hatte, dass ihr eigener Schmerz sie zerrissen hatte, macht die Tat begreiflicher, aber nicht verzeihlicher. Aneirin weiß, dass dieser Gedanke ungerecht ist. Aber er weiß auch, dass er ihn trotzdem fühlt.


    Aneirin merkt erst im nächsten Augenblick, dass nicht nur seine Kiefer angespannt sind, sondern dass er auch die Schultern unwillkürlich gestrafft hat. Er ist es nicht gewohnt ist, sich in dieser Sache rechtfertigen zu müssen. Normalerweise stellt niemand solche Fragen. Entweder, weil er ohnehin über Briannas Tod und die Umstände schweigt – oder weil jene, die seine Geschichte kennen, die Wahrheit bereits kennen. Weil sie dabei waren oder weil sie sie aus dem Mund derer gehört haben, die dabei waren.

    Ein leiser Anflug von Irritation mischt sich unter Aneirins Gedanken. Warum habe ich es überhaupt erwähnt? Und doch ist da wieder dieses seltsame Gefühl von Vertrautheit, von Verstanden werden. Als er den Blick hebt und für einen flüchtigen Augenblick Nialls Augen trifft, kann Aneirin darin keine offene Regung erkennen. Kein Entsetzen, keine Skepsis, kein Mitleid. Wenn überhaupt, dann nur ein kurzes, kaum greifbares Aufflammen von etwas, das tatsächlich echtes Interesse sein mag. So versucht Aneirin dessen Fragen nicht persönlich zu nehmen und atmet einmal tief durch.


    „Ich habe überlebt, weil ich nicht allein war“, fährt er schließlich fort, nüchterner jetzt. „Ich hatte Glück. Mehr, als mir lieb ist.“ Er senkt kurz den Blick, sammelt die Worte.

    „Ich hatte Gefährten dabei. Sire Tiuri Blutaxt, ein kampferfahrender Loaritter der Steinfaust. Er hat die Bestie bekämpft und ihr den Todesstoß versetzt.“ Ein Atemzug.

    „Und Lady Arúen Liasiranis, Hohepriesterin der Anukis.“ Seine Stimme wird leiser. Nicht brüchig – nur gedämpfter. „Sie hat getan, was sie konnte. Mehr, als irgendjemand hätte verlangen dürfen.“ Ein kurzes Kopfschütteln. Er steht so tief in Arúens Schuld, dass ein Dutzend Leben nicht ausreichen würden, diese zu begleichen. „Aber selbst sie konnte meiner Tochter nicht mehr helfen.“


    Er hebt den Blick wieder zu Niall. Kein Trotz darin. Keine Bitte um Verständnis. Nur diese nüchterne Ehrlichkeit eines Mannes, der gelernt hat, die Dinge beim Namen zu nennen, weil alles andere nicht zu ertragen wäre.

    „Also ja“, schließt er ruhig. „Ich hatte Glück.“


    Aneirin lässt die Worte einen Moment zwischen ihnen stehen. Ich hatte Glück. Glück…


    Er nimmt einen langsamen Schluck aus dem Krug, mehr um sich Zeit zu geben als aus Durst. Aneirin merkt erst jetzt, wie schwer ihm der Krug in der Hand liegt. Oder vielleicht ist es nicht der Krug, sondern alles andere. Er stellt ihn langsamer ab, als nötig wäre, lehnt sich einen Moment zurück und lässt das Gewicht in seine Schultern sinken, als hätte er etwas losgelassen, das er zu lange festgehalten hat.

    Ein Teil von ihm ist sich durchaus bewusst, dass er mit diesem Gespräch weiter gegangen ist als gewöhnlich. Dass er Dinge ausgesprochen hat, die sonst unausgesprochen bleiben. Es überrascht ihn weniger, als es sollte.


    Er hebt den Blick zu Niall, mustert ihn, als sei er sich selbst nicht ganz sicher, was er dort sucht. Dann sagt er leise, müde, aber ohne Ausweichen:

    „Mehr… ist es im Grunde nicht.“

    Die Worte klingen nicht abschließend. Nicht wie ein Rückzug. Eher wie das ruhige Setzen einer Grenze. Sein Blick hält stand, ruhig und wach, aber irgendwo darin liegt ein Zaudern. Nicht vor der Wahrheit selbst, die ein weiterer Schritt wohl unabdinglich ans Licht bringen würde –, sondern vor dem, was folgen würde, wenn sie erst ausgesprochen wäre.

    “It is not the song that stays with us, but the moment we first heard it.”

    Patrick Rothfuss



    12. Langschnee 525


    Der Winter liegt kalt über der Stadt, ohne Schnee, ohne Milde. Die Luft an diesem Nachmittag ist klar und schneidend. Aneirin zieht den Mantel enger um sich, während er den Marktplatz überquert. Seine Schritte hallen gedämpft auf dem Stein, vermischen sich mit Stimmen, mit Lachen, mit einem ersten, vorsichtigen Klang von Saiten.

    Eine kleine Bühne ist aufgebaut worden, schlicht, aus dunklem Holz. Harfen lehnen an Ständern, eine Laute wird gestimmt, ein Bogen fährt prüfend über eine Fiedel. Menschen bleiben stehen, bilden lose Kreise. Münzen klimpern. Aneirin bleibt ebenfalls stehen – einen Moment zu lang. Da begreift er.


    Harfnersang.


    Die Erkenntnis trifft ihn unvermittelt, wie ein Zug kalter Luft in der Lunge. Njar’das’ Tag. Musik. Gesang. Stimmen, die nicht nur gehört, sondern gefühlt werden wollen. Nicht nur von Musikern aller Klassen. Auch von magiebegabten Barden, sogenannten Harfnern, deren Lieder sich unter die Haut legen und aufwühlen können, ob man es will oder nicht. Aneirin will es nicht.

    Sein Blick gleitet über die Bühne, ohne wirklich etwas zu sehen. Ein Teil von ihm redet sich ein, dass er hier nichts verloren hat. Nicht heute. Nicht an einem Tag, der Erinnerungen weckt, die er seit Jahren sorgsam meidet. Seine Schultern spannen sich, als hätte jemand an unsichtbaren Fäden gezogen. Er wendet sich ab.


    Seine Schritte werden schneller, fast hastig, als müsse er dem Klang entkommen, bevor er ihn einholt. Doch die Stadt scheint damit nicht einverstanden zu sein. An jeder Ecke erklingt Musik: Stimmen in unterschiedlichsten Klangfarben, die durch die Seitenstraßen klingen, ein rhythmisches Klopfen, begleitet von Flöten, ein fernes Lachen, das in Gesang übergeht. Die Klänge überlagern sich, ziehen durch Gassen und über Plätze, lassen sich nicht abschütteln.

    Er sollte nach Hause gehen. Es wäre ganz einfach. Die Tür hinter sich schließen. Den Tag aussitzen. Warten, bis die Stadt wieder still wird. Doch seine Füße tragen ihn nicht dorthin.


    Aneirin verlangsamt den Schritt, bleibt schließlich stehen. Er weiß selbst nicht warum. Der Wind trägt einen Melodiefetzen heran und für einen Herzschlag lang ist er nicht mehr hier. Er sieht Holzspäne im Abendlicht, offene Scheunentüren, tanzende Schatten an den Wänden einer Schreinerei. Stimmen, die sich im Lachen verlieren. Musik, die nichts fordert – außer, dass man bleibt.


    Er atmet aus.


    Als er den Blick hebt, steht er vor einer kleinen Taverne, eingezwängt zwischen zwei schmale Häuser. Das Schild schwingt leise im Wind. Warmes Licht fällt durch die Fenster, gedämpft, einladend. Von drinnen dringt Musik nach außen, gedämpft durch Stein und Glas, aber unverkennbar. Er zögert zwei Herzschläge lang. Dann stößt er die Tür auf.

    Drinnen ist es wärmer. Aneirin tritt rasch ein als sei er auf der Flucht und sucht sich hastig einen Platz, möglichst unauffällig, mit dem Rücken zur Wand. Er setzt sich, legt den Mantel nicht einmal richtig ab. Als die Schankmaid ihn ansieht, bestellt er etwas zu trinken – ein Vorwand, nichts weiter.


    Wenige Augenblicke später umschließt er den Becher mit geglühtem Wein mit beiden Händen, lässt die Wärme in seine Finger kriechen. Er schließt die Augen und versucht die Unruhe, die in seinem Inneren tobt, mit gleichmäßigen Atemzügen zu bezähmen. Er hört die Musik jetzt nicht nur mit den Ohren. Tief in ihm, dort, wo er seit Jahren eine Tür verschlossen hält, regt sich etwas. Etwas, das er vermisst hat. Etwas, das er eigentlich nicht mehr fühlen wollte.


    Langsam hebt Aneirin den Blick.


    Zunächst nimmt er nur die Wärme wahr, das gedämpfte Licht, das sich in Holz und Stein fängt. Dann die Menschen. Er lässt den Blick über die Anwesenden schweifen, über Gesichter, die gelöst sind, offen, heiter. Einige wiegen sich unbewusst im Takt, andere lehnen sich zueinander, lachen leise, lauschen. Niemand hier scheint zu fliehen. Niemand verschließt sich.


    Eine männliche Stimme singt im Hintergrund. Kein großes Lied, nicht kunstvoll, eher etwas Einfaches, Bodenständiges. Die Melodie trägt, auch wenn sie stellenweise holpert. Ein Ton ist nicht sauber getroffen, ein Griff auf den Saiten einen Herzschlag zu spät.

    Aneirins Kopf neigt sich unwillkürlich ein wenig. Sein Finger zuckt gegen den Rand des Bechers, kaum merklich, als hätte sein Körper die Ungenauigkeit eher bemerkt als sein Verstand. Er richtet den Blick auf den Sänger.

    Der Mann steht auf einer improvisierten Bühne, die kaum mehr ist als ein kleiner, freigeräumter Bereich: zusammengeschobene Tische, beiseitegestellte Bänke, ein paar Kerzen, die ihn aus dem Halbdunkel lösen. Die Stimme ist warm, ehrlich, ein wenig rau. Aneirin spürt, wie sich etwas in seiner Brust regt, ein leiser Druck, der nichts mit Schmerz zu tun hat.

    Rasch senkt er seinen Blick wieder, umfasst den Becher fester. Die Wärme dringt inzwischen bis in seine Handflächen vor und in Aneirin wird es stiller.


    Weitere treten auf. Ein Barde mit einer Laute, dessen Lieder gefällig sind, aber nichts fordern. Eine junge Frau mit einer Flöte, die schnell Beifall erntet, doch ebenso schnell wieder im Hintergrund verschwindet. Aneirin hört zu, nimmt es wahr, ohne hinzuschauen, nickt hier und da unbewusst im Takt. Es tut gut. Es reicht aus.

    Aneirin lehnt sich ein wenig zurück, lässt den Blick sinken. Irgendwann in den letzten Augenblicken hat er sich damit abgefunden, den Abend so zu verbringen – still, gedankenversunken, als Teil der Menge, nicht mehr. Die Musik darf da sein, solange sie nichts von ihm verlangt und nichts in ihm anrühren will.


    Nach einer weiteren kurzen Pause erklingen die ersten Töne einer Drehleier. Aneirin nippt an seinem Honigwein. Die Süße liegt schwer auf der Zunge, warm und rund. Er schluckt langsam, lässt den Becher einen Moment in der Hand ruhen. Die Drehleier setzt erneut an, gleichmäßig, beinahe meditativ. Er folgt den Tönen, findet Gefallen an ihrem ruhigen Kreisen, an der Beständigkeit des Klangs. Seine Schultern lösen sich ein wenig. So darf es bleiben.


    Dann setzt eine Stimme ein. Aneirin hält inne.


    Der Becher verharrt auf halbem Weg, seine Finger schließen sich unwillkürlich fester darum. Seine Augen bleiben offen, doch sein Blick verliert sich im Leeren. Er sitzt leicht abgewandt, sieht die Sängerin nicht und doch ist sie plötzlich überall. Die Stimme fährt ihm unter die Haut, nicht mit Lautstärke, nicht mit Drängen – sondern mit Nähe.

    Er hört den Text kaum. Worte gleiten an ihm vorbei. Es ist der Klang, der ihn trifft. Die Farbe der Stimme. Etwas daran zerrt an dem festen Knoten in seiner Brust, dort, wo er Dinge verwahrt, die keinen Platz mehr haben sollten. Erinnerungen drängen sich auf, ungefragt, gegen seinen Willen an die Oberfläche gezogen, als hätte jemand an einer verborgenen Saite gezupft.


    Sein Atem stockt für einen Herzschlag.


    Langsam, beinahe vorsichtig, wendet er den Kopf Richtung Bühne, um zu sehen, wer ihm das antut. Langes, gewelltes kastanienbraunes Haar umrahmt ihr Gesicht, fängt das Licht der Kerzen ein. Ihre Haltung ist ruhig, die Hände sicher am Instrument. Aneirin spürt ein leises Kribbeln auf der Haut, kein Begehren, kein Verlangen – eher etwas wie Anerkennung. Bewunderung. Als würde er etwas wiedererkennen, ohne es benennen zu können.


    Für einen flüchtigen Moment trifft ihr Blick den seinen. Er wendet die Augen nicht sofort ab.


    Die Drehleier setzt erneut ein, ruhiger nun, getragen. Aneirin kann nicht sagen, woran er es festmacht – nicht an den Griffen, nicht am Rhythmus. Doch der Gedanke ist plötzlich da: eine Harfnerin. Nicht nur Sängerin. Nicht nur Bardin. Etwas anderes. Etwas Tieferes. Es würde erklären, warum es sich anfühlt, als zerre etwas an ihm, das er nicht benennen kann.


    Ein instinktiver Impuls zu gehen ist plötzlich da. Nicht, weil er es hier nicht mehr aushält – sondern weil er fürchtet, was kommen wird, wenn er bleibt. Ihre Stimme hat bereits mehr freigelegt, als ihm lieb ist. Er weiß nicht, was sie noch an die Oberfläche ziehen könnte, wenn er ihr länger zuhört.

    Sein Körper reagiert schneller als sein Verstand. Die Muskeln spannen sich, seine Füße drücken gegen den Boden, bereit, sich zu erheben. Für einen flüchtigen Moment glaubt er, gleich aufzustehen, sich durch den Raum zu bewegen. Hinaus. Weg.


    Doch er tut es nicht.


    Zu viele Augen. Zu viel Nähe. Er will keine Aufmerksamkeit erregen, keine Blicke auf sich ziehen. Also zwingt er sich zur Ruhe. Seine Schultern bleiben gesenkt, der Blick ruht scheinbar gelassen irgendwo vor ihm. In ihm jedoch tobt es.

    Gedanken drängen sich auf, Bilder schieben sich ineinander, Erinnerungen pochen an Stellen, die er lange verschlossen gehalten hat. Er atmet flach, zählt seine Herzschläge, hält sich an Kleinigkeiten fest – am Gewicht des Bechers, an der Kälte des Metalls unter seinen Fingern.


    Er bleibt sitzen. Nicht, weil es ihm leichtfällt. Sondern, weil er es sich nicht erlaubt zu fliehen.


    Einzelne klatschen, andere stimmen leise mit ein, tragen die Töne weiter durch den Raum. Beides füllt den Raum, legt sich über ihn wie ein Mantel. Aneirin nimmt es dankbar an. Es gibt ihm Deckung.

    Langsam hebt er den Blick wieder, nutzt den Moment, in dem niemand auf ihn achtet. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals, hart und unruhig. Er richtet den Blick erneut zu der Bardin hinüber, vorsichtig, als könne schon das Hinsehen zu viel sein.

    Sie singt noch immer, ganz bei sich. Ihre Hände bleiben ruhig an der Drehleier, sicher, als wüssten sie genau, wohin sie gehören. Aneirin beobachtet sie. Ohne es zu merken, hält er den Atem an. Etwas in ihm will diesen Anblick festhalten, will begreifen, was ihn so trifft – und scheitert daran.


    Dann verklingt das Lied.


    Der letzte Ton löst sich, verliert sich im Raum. Einen Herzschlag lang ist es still, ehe der Applaus lauter wird, Stimmen aufeinandertreffen, der Zauber sich verteilt. Aneirin blinzelt, als müsste er erst wieder sehen lernen. Und plötzlich ist da etwas anderes.

    Ein leises Ziehen in der Brust, dort, wo eben noch Spannung war: Bedauern. Unerwartet, fehl am Platz. Er hat nicht gewollt, dass das Lied endet. Der Gedanke trifft ihn unvorbereitet. Verwirrt runzelt er kaum merklich die Stirn. Sein Blick senkt sich wieder auf den Tisch, während er grübelt. Warum sollte er sich wünschen, dass es weitergeht?

    Er umschließt den Becher fester, als ließe sich seine Grübelei so zum Schweigen bringen. Doch sie bleibt. Leise und beharrlich.


    Der Drang, zu gehen, gewinnt schließlich die Oberhand. Aneirin stellt den Becher ab, langsam, als müsse er sich selbst davon überzeugen, dass er es wirklich tut. Er erhebt sich, achtet darauf, keine Hast zu zeigen, keine Unruhe nach außen dringen zu lassen. Ein Schritt, dann noch einer, vorbei an Tischen, Stimmen, Bewegung.

    Kurz bevor er die Tür erreicht, hebt er unwillkürlich den Blick. Ihre Augen treffen die seinen. Nur für einen Moment. Doch sie lächelt. Kein breites Lächeln, kein einladendes – eher etwas Ruhiges, Wissendes. Als hätte sie ihn bemerkt, ohne ihn festhalten zu wollen. Aneirin spürt, wie es ihm den Atem nimmt. Er nickt kaum merklich, dann wendet er sich ab und stößt die Tür auf.


    Die Kälte schlägt ihm entgegen.


    Er tritt hinaus, lässt die Tür hinter sich zufallen. Da erst bemerkt er, dass er den Atem angehalten hat. Er bleibt stehen, legt den Kopf leicht in den Nacken und holt tief Luft. Die kalte Winterluft brennt in seinen Lungen, klärt den Kopf, zwingt ihn zurück in den Moment.

    Sein Herz schlägt noch immer zu schnell. Er fragt sich, was das gewesen ist. Ob es die Musik war. Ihre Stimme. Magie. Ein Zufall. Ob er sich etwas eingeredet hat, weil er es gebraucht hat.


    Die Frage bleibt unbeantwortet, begleitet ihn, während Aneirin den Mantel enger zieht und sich in Bewegung setzt. Der Weg nach Hause ist ihm vertraut. Doch irgendetwas fühlt sich anders an, als er ihn einschlägt.


    → Bäckerei Gerdenwald

    „The worst storms are inside us.“

    — The Witcher (Buchreihe, Andrzej Sapkowski)



    14. Erntemond 525


    Aneirin starrt auf die beiden dunklen Kügelchen, als wären es Artefakte aus einer anderen Welt. Einen weiteren Herzschlag wägt er ab, ob er es riskieren soll, den Worten des Fremden zu vertrauen. Doch dann nimmt er sie entgegen, nimmt eine zwischen Daumen und Zeigefinger. Ein heiseres, trockenes Lachen entrinnt seiner Kehle.

    „Sie riechen genauso schlimm, wie sie aussehen.“

    Resigniert atmet er aus, ehe er sie sich in den Mund steckt. Die Pille schmeckt tatsächlich so, wie der Dunkelhaarige es beschrieben hat – nur schlimmer. Ein scharfes Stechen fährt ihm bis in die Nasenwurzel. Er verzieht das Gesicht, presst die Lippen aufeinander, damit das Zeug nicht wieder herauskommt. Seine Augen tränen kurz, dann schnaubt er, halb genervt, halb beeindruckt.

    „Bei allen Göttern… Ihr seid ein Sadist.“

    Zum ersten Mal seit Stunden zuckt sein Mundwinkel zu etwas, das einem echten Grinsen ähnelt. Rasch bedeutet er der Schankmaid mit einem Wink, dass er dringend flüssigen Nachschub braucht.


    Er greift nach der Geldkatze, um den Beutel zu sich herüberzuziehen, der schwerer als erwartet ist. Aneirin glaubt zu ahnen, was es zwischen den Zeilen mit dem Erwerb dessen auf sich hat. Mit den Fingern nestelt er an dem Band, zieht es vorsichtig auseinander.

    „Das…“ Er kippt ihn nicht aus, mustert nur des Dunkelhaarigen Gesicht, das Grinsen, das Funkeln darin. „…wäre nicht nötig gewesen.“

    Er entnimmt eine Münze und steckt sie dem Schankmädchen zu, das ihnen in diesem Augenblick zwei Humpen serviert.

    „Aber wenn der Schirmherr meint, sich entschuldigen zu müssen, soll er es tun. Ich bin nicht derjenige, der deswegen schlecht schlafen wird.“

    Ein kurzer Blick, halb amüsiert, halb misstrauisch. „Und bevor Ihr fragt – nein, ich gebe es nicht zurück. Aber gebraucht hätte ich es auch nicht.“

    Bedächtig lässt er die zweite Kugel in die Geldkatze fallen, ehe er den Beutel zuzieht und an seinen Gürtel bindet. Anschließend greift er nach dem Krug, prostet seinem Gegenüber zu und nimmt einen großen Schluck. Der Alkohol brennt. Anders als die Pille. Und als würde er etwas lösen. Nicht die Schmerzen – die werden morgen noch sein. Aber vielleicht diesen Knoten tief in seiner Brust.


    Als Aneirin den Dunkelhaarigen genauer betrachtet, fällt ihm die Wildheit in dessen Zügen auf: die kantigen Wangenknochen, der kräftige Kiefer, der selbst im Halblicht wirkt, als wäre er aus etwas Härterem gehauen, der entschlossene Mund, umrahmt von einem dunklen Bart. Und dann diese Augen — rauchblau, ruhelos, wachsam. Im flackernden Schein des Lichts scheint sie ein gelblicher Schimmer zu durchziehen, als gehörten sie eher einem Tier als einem Menschen.

    Doch etwas anderes fängt seine Aufmerksamkeit noch stärker ein. Der Andere sitzt da, scheinbar entspannt, die Füße auf dem Stuhl abgelegt, die Hände locker. Aber unter dieser Lässigkeit liegt eine Körperspannung, die so gar nicht hierher passt. Die Art, wie er das Gewicht verlagert, wie jeder Muskel bereit scheint, in einem Atemzug zu reagieren — es hat nichts von einem Kneipenschläger an sich. Eher etwas… lautloses. Kontrolliertes. Die Bewegungen sind zu leise, zu geschmeidig, fast wie die eines Raubtiers, das nie ganz zur Ruhe kommt.

    Für einen Herzschlag regt sich tief unter Aneirins Rippen dieses flüchtige Ziehen — ein instinktives Aufhorchen, das keinen Namen hat. Ein Echo, ein Erkennen ohne Worte, als stünde ihm jemand gegenüber, der zu viel versteht. Viel mehr, als ein Fremder verstehen sollte.

    Doch bevor der Gedanke Form annimmt, bricht die Müdigkeit darüber zusammen wie eine Decke aus nassem Stoff. Zu viel Schmerz, zu viel Erschöpfung an diesem Abend. Und ganz sicher tut die bittere Pille allmählich ihr Übriges dazu.


    Aneirin fährt sich erschöpft über die Stirn. Mit jedem Atemzug verliert er ein Stück mehr von seiner Fähigkeit, den Raum aufmerksam zu halten; die Geräusche werden dumpfer, die Bewegungen unschärfer. Sein Instinkt sagt ihm, dass dies das wohl das Dümmste ist, was ihm in dieser Spelunke passieren könnte. So fremd der Mann ihm auch ist — und so unbeteiligt er wirken mag — irgendetwas in Aneirin ist sicher, dass dieser nicht tatenlos zusähe, wenn jemand ihn hinterrücks abstechen wollte. Eine Gewissheit ohne Grund, ohne Logik. Nur ein Gefühl. Tief und still.


    „Ihr habt recht. Ich bin nicht zum ersten Mal hier…“, setzt Aneirin an. „Und für den Sieg war ich tatsächlich auch nicht dort unten. Auch nicht wegen des Geldes…“ Der Daumen seiner Rechten fährt langsam den kühlen Krug auf und ab, während die anderen Finger den Humpen weiterhin umschlossen halten.

    „Ich bin kein Kämpfer, aber…“ Aneirins Blick verliert für einen Moment den Fokus, gleitet an Niall vorbei und irgendwohin in die Dunkelheit hinter ihm, als würde er in einem anderen Raum stehen, in einer anderen Zeit.

    Die letzten Zwölfmonde, die er erinnert, tragen mehr Gewicht, als er in Worte fassen könnte. Vor seinem inneren Auge tauchen Bruchstücke jener Tage auf, die ihn stumm geprägt haben: das Haus, in dem er mit Freunden lebte, der verdrängte Schreck darüber, dass jemand in ihren Schutz eingedrungen war, während er nichts tun konnte; die Jagd durch das Unterholz, als Wilderer die Frau einfingen, die er liebte und er viel zu spät erkannte, wie verletzlich selbst Mutige sein können.

    Er erinnert sich daran, wie der Elb, mit dem er damals wohnte, ihm wortlos einen Stab in die Hand drückte und ihn lehrte, sich wenigstens so viel zur Wehr zu setzen, dass er nicht erneut tatenlos zusehen musste.

    Und darüber liegt, wie ein bleierner Schatten, jene Nacht, in der Brianna starb — der verzweifelte Kampf gegen die Werwölfin, der letzte, kleine Atemzug in seinen Armen. Die Erkenntnis, dass er nichts hatte tun können — und der bittere Schwur, nie wieder so hilflos zu sein.

    Seitdem sucht er den immer wieder den Kampf, die Herausforderung, nicht aus Eitelkeit, nicht aus Blutlust, sondern weil Stillstand gefährlicher ist als jeder Schlag. Weil Bewegung das Einzige ist, was ihn davor bewahrt, wieder in dieser Nacht gefangen zu sein.

    Er blinzelt, kehrt zurück, als wären diese Erinnerungen nur Schatten, die kurz an ihm vorübergezogen sind. Ein kurzes Aufatmen, dann setzt er fort: „Es ist wohl in meinem eigenen Interesse, nicht vollkommen wehrlos dazustehen.“


    Mit einem leichten, vielleicht etwas stolzen Grinsen lehnt er sich zurück.

    „Eigentlich bin ich Bäcker. Früher einmal Barde. Eine Zeit lang auch beides. Ein backender Barde oder singender Bäcker, sucht’s euch aus…“, meint er und kichert leise, mehr über sich selbst als über das schlechte Wortspiel.

    Schlagartig werden seine Züge wieder erst.

    „Den Barden gibt’s nicht mehr…“

    Er starrt eine Weile auf das Holz der Tischplatte vor sich, und erst als der Moment fast zu lang ist, kommt die Stimme zurück.

    „Der ist gestorben. Heute vor sieben Jahren. Zusammen mit meiner Tochter. Sie war gerade einmal vier Jahre alt…“

    Papaaa-! Unzählige winzige Holzsplitter stieben vor seinem inneren Auge auseinander, quälend langsam, so greifbar nah. Und dort inmitten der Dunkelheit das unheimliche Glühen gelber Augen. Das Aufblitzen tödlicher Fangzähne.

    „Sie wurde getötet.“

    Seine Finger krallen sich kurz in das feuchte Tuch, das auf dem Tisch liegt. Sein Blick wird glasig, ohne dass die Tränen kommen. Aneirin hebt den Blick und sieht sein Gegenüber an.

    „Von einem Werwolf.“

    Es liegt etwas in seinem Blick, das schwer zu fassen ist — eine Mischung aus alter Wut, die längst stumpf geworden ist, tiefer Trauer und der Erschöpfung eines Mannes, der seit sieben Jahren zu schwer trägt.


    Ein leises, raues Ausatmen, halb Müdigkeit, halb ein Versuch, den Stich in der Brust zu glätten. Seine rechte Hand wandert beinahe von selbst zu seiner linken Schulter, findet den alten Biss unter dem Stoff.

    „Ich konnte sie nicht beschützen. Im Gegenteil, sie hat mich beschützt und dafür mit ihrem Leben bezahlt. Ich konnte nichts weiter tun als ihren sterbenden Körper zu halten und ihre letzten Atemzüge zu begleiten. Ich habe überlebt, ja. Aber… Manchmal… fühlt es sich an, als wäre das der Fehler gewesen.“

    Er stützt die Unterarme auf die Tischplatte, senkt den Blick und beugt sich leicht vor, als würde allein das Erinnern Kraft kosten, die sein Körper eigentlich nicht mehr hat.

    „Manchmal höre ich sie noch,“ sagt er leise. „Ihr Lachen. Oder… ihren letzten Schrei. Wenn das passiert, brauche ich etwas, das lauter ist als meine Gedanken. Laufen. Schlagen. Irgendetwas, das mich aus diesem Nebel zieht.“

    Aneirin hebt den Kopf und sucht den Blick aus rauchblauen Augen.

    „Heute wart Ihr das.“

    Ein Lächeln. Ehrlich. Dankbar.


    Aneirin lässt seine Schultern sacht gegen die Stuhllehne sinken, als fiele nun erst die Anspannung aus seinen Knochen. Für einen Augenblick sagt er nichts, nur sein Blick wandert – langsam, prüfend. Er bleibt an dem Halsband hängen.

    Die Stacheln fangen das flackernde Licht ein, werfen kurze Schatten über das Schlüsselbein des Dunkelhaarigen, bewegen sich kaum merklich mit jedem Atemzug.

    Es wirkt… seltsam. Seltsam fehl am Platz. Wie etwas, das gleichzeitig Schutz und Strafe ist.

    Aneirin blinzelt, neigt leicht den Kopf, und als er wieder spricht, klingt seine Stimme leiser – nicht neugierig im üblichen Sinn, sondern wie jemand, der Muster erkennt, ohne sie benennen zu wollen.

    „Dieses… Halsband.“

    Er sucht kurz nach Worten.

    „Es ist kein Schmuck, oder?“

    Keine Anschuldigung. Keine Furcht. Nur eine ruhige Feststellung, sanft wie das Nachglühen eines Gedankens. Er senkt den Blick auf seinen Krug, fährt gedankenverloren mit dem Daumen über den Rand.

    „Es sieht aus… als hätte es einen Zweck.“

    Dann atmet er langsam durch, und ein müdes, kaum sichtbares Lächeln zieht an einem Mundwinkel.

    „Aber verzeiht. Es geht mich nichts an.“

    „The real battle is always inside.“

    — Fight Club


    14. Erntemond 525


    Irritation huscht über Aneirins Züge als ein weiterer Gegner den Ring betritt. Nicht vom Schirmherrn geschickt, nicht vom Kampfrichter. Selbstbewusst und eigenmächtig. Und bereit. Aneirin ignoriert das Raunen und Gestikulieren am Rande des Rings, lässt seinen Gegner nicht aus den Augen.

    Den Mann, dessen Oberkörper ein Land aus Narben ist als trüge er jede Linie wie ein Kapitel seines Lebens. Die Haut ist gezeichnet, rau und unruhig . Dort ein schmaler silbergrauer Strich, der sich über die Brust zieht, dort ein Netz feiner aufgehellter Linien, wie Flüsse, die einmal heftig waren und nun nur noch ein ausgetrocknetes Flussbett. Zwischen der Muskulatur ragen schattig die Narben hervor – nicht mächtig im Volumen, aber deutlich in der Tiefe.

    Der Hals ist breit und fest – ein Fundament zwischen Kopf und Schultern. Und dort wölbt sich das auffällige "Schmuckstück": Ein Halsband mit nach innen gerichteten, nahezu fingerlangen Stacheln. Es liegt eng an der Haut, fast provokativ. Sicher schmerzhaft. Aneirin hat so etwas noch nie gesehen. Als hätte der Dunkelhaarige seinen Blick bemerkt, schiebt dieser das Halsband zurecht und hebt die Fäuste.


    Rasch schiebt Aneirin die Gedanken und Fragen in seinem Kopf beiseite, konzentriert sich allein auf seinen Kontrahenten. Alles um ihn herum verschwimmt zu einem fernen, dumpfen Rauschen. Nur der Mann ihm gegenüber bleibt klar – mit seinem dunklen Haar, dem kontrollierten Blick, den wölfischen Bewegungen. Ein Gegner, der keine Gnade braucht und keine zeigt.

    Aneirin hebt die Fäuste, spürt, wie seine Hände zittern. Nicht vor Angst, sondern vor freudiger Erwartung. Etwas in ihm giert danach, sich zu entladen. Nicht nur die Muskeln. Der Wolf unter seiner Haut drängt, will sich endlich wieder fühlen dürfen. Wut, Schmerz, Blut – alles, was hilft, den Nebel in seinem Kopf zu vertreiben.


    Als der erste Schlag trifft, spürt Aneirin kaum den Schmerz. Kopfschüttelnd fängt er sich, schmeckt das Metall in seinem Mund. In einer beiläufigen Bewegung wischt er sich das Blut fort. Kurz zuckt der Mundwinkel. Es war erst ein Schlag. Blitzschnell und gezielt. Ein Schlag, der Aneirin ahnen lässt, wozu sein Gegner noch fähig ist.

    Sein Gegner ist schnell. Verpasst ihm einen Schlag nach dem anderen. Er kontert, weicht aus, stürmt wieder vor. Seine Rippen brennen, seine Lunge pfeift. Und doch ist es fast eine Erlösung. Endlich jemand, der standhält. Endlich jemand, den er schlagen darf, ohne dass gleich etwas in ihm zerbricht. Vor seinen Augen wird der Ring wird zu jener Nacht, in der Brianna geschrien hat. In der er zu schwach war, sie zu retten.

    Der andere Mann bewegt sich mit tödlicher Ruhe, aber Aneirin sieht etwas anderes in ihm – das Aufblitzen von Zähnen, das Funkeln von gelben Augen. Damals hat es ihn von den Füßen gerissen, im wahrsten Sinne des Wortes. Schnell, viel zu schnell. Er hat nur noch zusehen können, wie die Pranke Brianna den tödlichen Schlag versetzte.

    Die Faust seines Gegners trifft Aneirin mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Er taumelt, stolpert zurück, schmeckt erneut Blut. Sein Körper will fallen, aber er zwingt ihn zum Stehen. Sein Herz hämmert wie wild. Dieses Mal nicht. Dieses Mal wird er nicht fallen.


    Plötzlich erkennt Aneirin eine Öffnung in der Deckung seines Gegners. Schneller als der Kopf denken kann, stößt er sich mit den Füßen ab und rammt ihm seine Schulter in den Bauch. Ohne Zögern setzt seine Faust nach, als dieser taumelt, und kracht in die grässliche Fratze des Monsters.

    Schnell tänzelt er wieder außer Reichweite, lässt seinen Gegner weiterhin nicht aus den Augen. Sein Herz will vor Aufregung durch seine Brust brechen. In seinen Ohren rauscht das Blut. Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem triumphierenden Lächeln, als der Andere Blut spuckt. Vielleicht soll er sie tatsächlich bekommen. Die Chance, seinen kleinen Sonnenschein zu retten. Und wenn er das Monster nur hinhält, bis Arúen und Tiuri bei ihm sind. Er muss nur durchhalten.


    Doch die Pranken seines Gegenübers sind wieder schnell bei ihm, lassen ihm keine Möglichkeit mehr, seine Deckung zu verlassen. Unerbittlich treibt es ihn in die Enge. Aneirin spürt, wie ihn die Kraft verlässt. Fast schon verzweifelt versuchen sich seine Beine gegen das Unausweichliche zu wehren. Nur noch etwas durchhalten. Nur noch ein wenig.

    Der letzte Schlag trifft ihn unerwartet. Und obwohl er alle verbliebene Kraft aufwendet, um es zu verhindern, geben seine Beine nach, lassen ihn widerwillig auf die Knie sinken. Sein Atem geht schwer, seine Schläfen pochen. Die Muskeln sind zum Schmerzen gespannt bei dem Versuch sich zu erheben. Es eicht aber gerade einmal dazu, ein Bein aufzustellen. Aneirin stützt sich mit dem Unterarm auf das Knie und schließt die Augen. Eine zarte, vertraute Stimme hallt in seinem Geist wider. Ich… hab dich lieb… Papa… Dumpfes Rauschen brandet wie stürmische Wellen gegen seinen Geist. Dann Stille.


    Ein Ruck durchfährt Körper und Geist, als es ihn schlagartig ins Hier und Jetzt zurückwirft. Die verkrampften Muskeln beginnen zu zittern, ergeben sich allmählich der Erschöpfung. Aneirin blinzelt. Das Pochen in seinem Ohr lässt langsam nach, lässt nun wieder die Rufe und das Jubeln der Umstehenden durch. Mit tiefen Atemzügen versucht er sein rasendes Herz zu beruhigen.


    Er hebt er den Kopf und sucht den Blick seines Kontrahenten. Von Ermüdung keine Spur… Als hätten sie lediglich eine kurze Rangelei hinter sich. Was es wohl braucht, um diesen dort wirklich herauszufordern? Und obwohl Aneirin ganz offensichtlich nie eine Chance gehabt hat, diesen Kampf zu gewinnen, fühlt er sich erleichtert, spürt er wie Ruhe einkehrt.

    Die Hand des Fremden reißt ihn aus seinen Gedanken. Aneirin starrt sie einen Herzschlang lang an. Er spürt das erschöpfte Zittern seiner Finger. Diese Hand ist so viel mehr als ein Hilfsangebot und Aneirin weiß dies wirklich zu schätzen. Er atmet einmal tief durch und ergreift sie ohne weiteres Zögern. Die Muskeln brennen, als er seine verbliebene Kraft aufwendet, um sich hochzustemmen.

    Der Griff des anderen Mannes ist fest, aber nicht feindlich. Aneirin steht wieder, schwankt leicht, Blut rinnt ihm aus der Nase, tropft auf den Boden. Er wischt sich über Mund und Nase. Der Verband um seine Hände ist inzwischen rot durchtränkt. Und in der Stille, die zwischen zwei Atemzügen entsteht, spürt er, dass dieser Fremde ihn gerade vor sich selbst gerettet hat.


    Ein kaum merkliches, dankbares Nicken, mehr bringt Aneirin nicht hervor, als wären Worte zu viel. Der andere erwidert das Nicken und Aneirin ist sich sicher, dass dieser auch keine Worte erwartet. Er bleibt noch einen Herzschlag stehen und mustert ihn. Ein huschender Blick zur Treppe, das Kinn kaum merklich angehoben – kein Befehl, kein Bitten, nur ein stilles Angebot unter Männern, die einander Blut und Respekt zugleich abgerungen haben.

    Als Aneirin sich abwendet, zieht der Schmerz mit jedem Schritt höher die Wirbelsäule hinauf. Er hat das Gefühl die Füße kaum vom Boden heben zu können. Hinter ihm ruft der Schirmherr etwas. Worte, die er zunächst kaum versteht. Als Aneirin innehält, hört er es doch: dass der Kampf „nicht genehmigt“ gewesen sei, dass die Einnahmen bereits verrechnet wären. Er dreht den Kopf leicht, aber nicht ganz.

    „Behalt’s“, sagt er nur, kaum mehr als ein Rest Atem, und geht weiter. Er hat nicht des Geldes wegen gekämpft. Das tat er nie. Ein Jüngling reicht ihm seinen Mantel, den er sich schwerfällig über die Schulter wirft.


    Die Treppe hinauf kostet ihn mehr Kraft, als er zugeben möchte. Er tastet sich an der Wand entlang, das linke Auge halb geschlossen. Die stickige Luft des Kellers weicht oben dem Geruch von Bier und billigem Rauch. Dafür ist sie deutlich kühler. Mit einem erschöpften Seufzer lässt er sich auf einen Stuhl in einer ruhigen Ecke fallen, legt sich den Mantel über die Oberschenkel und stützt die Ellbogen auf den runden Holztisch.

    „Etwas Starkes“, sagt er zur Schankmaid, ohne aufzusehen als er ihren fragenden Blick auf sich ruhen spürt und fügt hinzu, als sie gerade auf dem Absatz kehrt machen will: „Zwei.“

    Als sie mit zwei kleinen Bechern und einem feuchten Tuch zurückkehrt, drückt er ihr sogleich die entsprechenden Münzen in die Hand.

    Der erste Schluck brennt, kratzt die Kehle hinunter und nimmt den Blutgeschmack nicht fort, aber dämpft ihn wenigstens. Ein zweiter folgt. Der Raum verschwimmt ein wenig, Stimmen werden zu einem einzigen dumpfen Summen. Den kühlen Becher in seiner Hand drückt er sich mit einem leisen Seufzen gegen das zuschwellende Auge. Mit der anderen wischt er sich mit dem Tuch das Blut aus dem Gesicht.


    Eine Bewegung neben ihm. Holz knarzt, als jemand sich auf einen der anderen Stühle setzt. Aneirin braucht nicht hinzusehen. Mit einer müden Bewegung schiebt er den zweiten Schnapsbecher zu dem Dunkelhaarigen und prostet ihm zu, ehe er seinen eigenen leert.

    Aneirin atmet hörbar aus.

    „Ihr seid geübt im Zuschlagen“, sagt er schließlich, hebt den Blick und mustert die rauchblauen Augen seines Gegenübers.

    „Hab ich überhaupt den Hauch einer Chance gehabt?“, fügt er mit einem schiefen Lächeln hinzu, obwohl er die Antwort ohnehin zu kennen glaubt.

    „There’s no peace for those who remember.“

    — Cormac McCarthy



    14. Erntemond 525


    ← Bäckerei Gerdenwald


    Der Geruch von Rauch und altem Bier hängt wie ein schwerer Mantel in der Luft. Aneirin tritt ein, die Tür fällt dumpf hinter ihm zu. Für einen Moment bleibt er stehen, die Hände in seinem Mantel vergraben, lässt die Geräusche des Raumes auf sich einwirken – das Grölen, das Klirren, das schrille Quietschen einer Drehleier, die irgendwo im hinteren Teil des Schankraums um Gnade winselt.

    Umzusehen braucht er sich nicht. Es ist ohnehin immer wieder der gleiche Anblick. Und Aneirin weiß genau, dass er nichts verpasst, wenn er nicht genauer hinschaut. Die Geräuschkulisse genügt ihm, um festzustellen: Alles zu laut. Zu nah. Und doch ist da dieses Loch in ihm, das merkwürdigerweise genau danach verlangt: Bloß nicht alleine sein, nicht heute Nacht.


    Er zieht die Schultern etwas höher, als könne er sich in sich selbst verbergen, und bahnt sich seinen Weg zum Tresen. Der Wirt nickt ihm kaum merklich zu, als Aneirin sich auf einen Hocker sinken lässt, der unter seinem Gewicht leise knarzt, und murmelt: „Etwas Starkes.“ Nur wenige Herzschläge später wird ihm wortlos ein Becher hingestellt. Gedankenschwer greift Aneirin nach dem Becher und setzt an. Der erste Schluck brennt wie Feuer. Branntwein, vermutlich – billig, scharf, ehrlich. Er fühlt, wie die Hitze in ihm aufsteigt, ohne etwas zu wärmen. Nur ein kurzes Aufglühen, das sofort wieder erlischt.


    Im Augenwinkel nimmt er eine Bewegung wahr – ein dunkles Blau, fast schon zu edel für diesen Ort. Irgendjemand neben ihm am Tresen. Aneirin sieht nicht direkt hin. Es bleibt beim flüchtigen Eindruck eines gut geschnittenen Gehrocks, eines Fremden, der fehl am Platz wirkt – und dennoch wirkt, als gehöre er genau hierher.

    Aneirin kippt den Rest hinunter, spürt den dumpfen Schlag des Alkohols gegen die innere Leere. Er stellt den Becher zurück auf das klebriges Holz. Zweimal schließen und öffnen sich seine Hände zu Fäusten. Dann hebt er den Kopf und sucht den Blick des Wirtes.


    „Ich brauche Bewegung. Ist noch Platz im Keller?“


    Der Wirt versteht sogleich, tut so, als poliere er ein Glas, während sein Blick kurz zuckt – kaum merklich, aber eindeutig. Aneirin erwiderte den Hinweis mit einem Nicken. Zwei Münzen klirren hell auf dem Holz, als er sie hinlegt. Dann steht er auf, schiebt den Hocker zurück und geht, ohne sich noch einmal umzusehen, in Richtung der hinteren Treppe. Bewegung – das und irgendetwas, das endlich den Lärm seinem Kopf übertönt.


    Der Boden unter seinen Stiefeln ist klebrig, der Geruch nach Rauch und Bier mischt sich mit dem von Ruß von Öllampen und Schweiß als er die Treppe hinab steigt. Das Brüllen der Menge schwillt an, je tiefer er kommt, bis die Musik der Schankstube oben nur noch ein fernes Dröhnen ist. Unten ist es eng, stickig. Öllampen werfen ein schwaches, flackerndes Licht. In der Mitte des Raumes befindet sich ein abgesteckter Bereich, kaum mehr als ein Kreis aus Fässern und Seilen, darin zwei Männer – einer taumelnd, der andere mit blutiger Lippe, aber klaren Augen.


    Jeder Schlag hallt dumpf in Aneirins Brust wider, und etwas in ihm reagiert. Es wird unruhig, hungrig nach Bewegung, nach dem dumpfen Trost von Kraft und Schmerz.


    Aneirin umrundet die Zuschauer, ignoriert einige flüchtige, prüfende Blicke. Er findet den Mann, den man wohl als Schirmherr dieses Abends bezeichnen würde – ein breitschultriger Typ mit wettergegerbtem Gesicht, der Wetten entgegennimmt und die Kämpfer einteilt. Aneirin bleibt kurz stehen, der Blick fest, die Stimme rau als sich die Aufmerksamkeit des Mannes auf ihn richtet:

    „Ich bin dran, wenn der da fertig ist.“ Sonst nicht seine Art, aber heute will er nicht länger warten, kann er nicht länger warten. Dieses Gefühl, dass es ihn innerlich zerreißen wird, wenn er nicht bald den Kopf abschalten und den Körper übernehmen lassen kann, ist zu stark.


    Der Mann mustert ihn zwei Herzschläge lang, erkennt ihn schließlich und ein schiefes Lächeln zuckt über sein Gesicht. „Du schon wieder? Bist dir sicher? Der letzte hat ’nen Siebentag gebraucht, bis er halbwegs auf den Beinen war.“

    Aneirin zuckt nur die Schultern. „Dann such mir diesmal einen, der stehen bleibt.“ Der andere lacht, aber nicht unfreundlich, und winkt ab. Aneirin lehnt sich an die Wand, beobachtet den Rest des Kampfes. Aus den Taschen seines Mantels zieht er eine dünne, aufgewickelte Stoffbahn, legt den Mantel ab und bindet sich den Stoff um die Hände. Das Ritual des Bandagierens hat sonst etwas Beruhigendes: Wickeln, ziehen, verknoten — Ordnung schaffen, bevor die Unordnung losbricht. Heute aber spürt er, wie sich seine Muskeln verspannen. Es ist, als sei sein Körper zu eng geworden, als wolle etwas hinaus, das kein Ventil findet.


    Der Sieger wird mit Applaus aus dem Ring begleitet, der Verlierer aus dem Kreis gezogen. Aneirin tritt vor. Die Rufe des Publikums dringen nur dumpf an seine Ohren, Stimmen rufen Wetten, Münzen klimpern, während sie durch viele Hände wandern. Sein Gegner stolpert in den Ring – groß, breitschultrig, aber mit glasigen Augen und schwerer Zunge. Der Geruch von Alkohol schlägt ihm entgegen.

    Aneirin spürt sofort die Enttäuschung. Kein Feuer, kein Widerstand. Der Mann schlägt wild, doch ungezielt. Aneirin weicht mühelos aus, blockt, setzt einen gezielten Treffer nach dem anderen. Der Kampf ist kurz. Zu kurz. Sein Gegner fällt, bleibt liegen, während das Publikum johlt.

    Für Aneirin ist es kein Sieg. Nur Leere. Er steht da, atmet nicht einmal schwer, während das Blut in seinen Schläfen rauscht – und plötzlich mischt sich ein anderes Geräusch darunter: ein Schrei. Hoch, hell, zu vertraut. Brianna. Nur ein Echo, irgendwo aus der Tiefe seines Kopfes. Er spürt, wie sich sein Nacken versteift. Der Boden unter ihm scheint kurz zu schwanken.


    Er blickt zum Schirmherrn hinüber.

    „Schick mir den Nächsten,“ sagt er, die Stimme tief und angespannt. „Und diesmal keinen, der schon halb im Fass liegt.“


    Der Mann nickt, ruft einen weiteren Kämpfer heran. Aneirin greift wahllos nach einem Becher in Reichweite. Der Schnaps brennt auf der Zunge, flackert warm durch die Adern, erreicht aber den Kern nicht. Die Unruhe bleibt, wie glühendes Eisen hinter der Brust. In seinen Ohren ertönt das Splittern von Holz – die Laute in seiner Hand, zerbrochen in unzählige Splitter. Die gelbleuchtenden Augen.


    Er reißt sich aus dem Gedanken, als der nächste Gegner vor ihm steht. Ein junger Mann, kaum zwanzig, die Hände zittrig. Aneirin merkt sofort, dass es wieder keiner ist, der ihn fordert. Trotzdem geht er in Stellung. Der erste Schlag trifft, dann der zweite – schnell, automatisch. Der Junge taumelt, und Aneirin merkt, wie der Druck in seinem Kopf wächst statt zu weichen. Jeder Treffer ruft Bilder hervor, nicht Ruhe. Papa ist da. Ich hab‘ dich gefunden.

    Er schlägt fester zu. Härter, als er müsste. Der Junge geht zu Boden, keucht, bleibt liegen. Jubel. Stimmen. Alles verschwimmt. Aneirin steht über ihm, Blut an der Faust, und spürt nichts. Keinen Sieg, keine Erleichterung. Nur das Zittern in den Fingern.


    Er hebt den Kopf, sucht erneut den Blick des Schirmherrn.


    „Noch einen,“ sagt er, leise. Die Stimme klingt fremd in seinem eigenen Ohr.

    Und niemand im Keller wagt, ihm zu widersprechen.