„And suddenly you know: It’s time to start something new and trust the magic of beginnings.“
— Meister Eckhart
21. Langschnee 525
Der Vormittag ist geschäftig, wie er es an Jul immer ist. Schon früh stehen die Menschen dicht gedrängt vor der Theke, stampfen sich den Schnee von den Stiefeln und bringen Kälte und Stimmen mit hinein. Valeria behält den Überblick, reicht Brote, nimmt Münzen entgegen, lacht hier, mahnt dort zur Geduld. Ihre Stimme klingt über das Stimmengewirr hinweg wie etwas Verlässliches.
Hinter der Theke arbeiten Aneirin und Falk fast wortlos nebeneinander. Teig wird portioniert, Bleche gewechselt, Körbe neu bestückt. Immer wieder kommt einer von ihnen kurz nach vorn, hilft beim Verkauf aus, nimmt ein paar Bestellungen entgegen, verschwindet dann wieder nach hinten, wo es warm ist und kräftig nach Hefe, Gewürzen und süßem Gebäck riecht. Gegen Mittag ebbt der Andrang langsam ab. Die Tür geht seltener auf, der Raum wird ruhiger, fast behaglich.
Aneirin schiebt das letzte Blech Rosinenbrötchen in den Ofen. Für Jul hat er sie ein wenig üppiger gemacht als sonst, mehr Früchte, ein Hauch Honig im Teig. Sie werden heute nicht mehr über den Tresen gehen. Sie sind für etwas anderes gedacht.
Als er das Blech schließlich wieder herauszieht, steigt ihm der warme, süße Duft entgegen. Aneirin stellt es beiseite, damit die Brötchen abkühlen können, und tritt einen Schritt zurück. Für einen Moment weiß er nichts mit seinen Händen anzufangen. Also geht er zum Fenster.
Sein Atem zeichnet einen flüchtigen Schleier auf das kalte Glas, der sich langsam wieder auflöst. Draußen liegt die Stadt unter einer frischen Schicht Schnee. Die Dächer, die Fensterbänke, selbst die unebenen Pflastersteine sind weiß überzogen, als hätte jemand alles mit einem leisen Tuch bedeckt. Es schneit wieder, feine Flocken treiben schräg durch die Luft, langsam, beinahe gemächlich.
Hinter ihm ist die Bäckerei noch in Bewegung. Valeria rückt Brotkörbe zurecht, zählt mit geübten Fingern die Münzen des Vormittags und legt sie ordentlich beiseite. Das geschäftige Murmeln von eben ist abgeklungen, zurück bleibt das vertraute Rascheln von Tüchern, das leise Klirren von Metall.
In ihm liegt eine seltsame Mischung aus Vorfreude und Anspannung, ein leises Ziehen, das er nicht ganz einordnen kann. Er weiß, dass Lyall nichts von ihm erwartet – keine Worte, keine Gesten. Nur, dass er kommt.
Und genau das wiegt schwerer als alles andere. Aneirin ist sich sicher, dass sie enttäuscht wäre, bliebe er wieder fern. Und dass er selbst es ebenso wäre. Der Gedanke, Jul noch einmal allein zu verbringen, fühlt sich plötzlich nicht mehr schützend an, sondern leer.
Unwillkürlich legt er die Hand an den Fenstersims. Das Holz ist kalt unter seinen Fingern, vertraut und fest. Das Alleinsein hat ihn lange bewahrt, ihm Halt gegeben in einer Zeit, in der er nichts anderes ertragen konnte. Doch während er in den fallenden Schnee hinausblickt, wird ihm klar, wie müde er davon ist, sich weiter hinter diesem Schutz zu verbergen.
Falk, der gerade ein Blech beiseitestellt, sieht zu ihm herüber. Er beobachtet ihn einen Augenblick lang, ohne etwas zu sagen. Dann wischt er sich die Hände an der Schürze ab.
„Du willst dich wirklich heute noch ins Tal der Schafe aufmachen?“
„Hm?“ Aneirin blinzelt, als müsse er erst wieder zurückfinden, und blickt fragend über die Schulter zu dem jungen Bäcker.
„Nach Glyn-y-Defaid“, präzisiert Falk. Sein Blick wandert kurz zum Fenster. Valeria hält in ihrer Bewegung inne, blickt kurz auf. Sie sagt nichts, aber ihre Aufmerksamkeit bleibt einen Moment bei ihnen, während sie die Münzen in der Kasse verstaut und anschließend beginnt, die Theke abzuwischen.
„Wenn das stärker wird mit dem Schnee“, fährt Falk fort und deutet mit dem Kinn zum Fenster, „könnte das ein mühsamer Weg werden.“
Aneirin runzelt nachdenklich die Stirn, folgt seinem Blick nach draußen. Die Flocken fallen weiter, ruhig, aber beharrlich. Einen Moment lang sagt er nichts.
„Ich weiß.“ Er wendet sich vom Fenster ab, sieht zu dem Blech mit den Rosinenbrötchen.
„Aber ich habe es ihr versprochen.“ Der Satz kommt ohne Zögern, fast selbstverständlich. Außerdem möchte ich es so.
Valeria wischt weiter, langsamer jetzt. Aneirin spürt ihre Anwesenheit, ohne sie anzusehen.
„Falls es in der Nacht richtig losgeht …“ Aneirin zuckt kurz mit den Schultern. „Dann bleibe ich eben länger. Die Bäckerei ist morgen ohnehin geschlossen.“
Falk mustert ihn, als wolle er etwas sagen, entscheidet sich dann aber dagegen. Stattdessen nickt er nur mit einem nachgiebigen Lächeln.
„Und schlimmstenfalls“, fügt er nach einem Herzschlag hinzu, ein ungewohnt schalkhaftes Glimmen in seinem Blick, „gönne ich mir ein paar Tage Urlaub auf Glyn-y-Defaid.“ Er sieht zu Falk, der überrascht blinzelt. „Ich bin mir sicher, du treibst mir die Bäckerei schon nicht in den Ruin.“
Falk schnaubt leise. „Na, dann hoffe ich, dass es nicht allzu viele Tage werden.“ Ein schiefes Grinsen liegt auf seinen Zügen. „Irgendwer muss ja dafür sorgen, dass die Leute hier weiter ihr Brot bekommen.“ In diesem Moment liegt etwas beinahe Leichtes zwischen ihnen. Etwas, das lange gefehlt hat.
„Genieß es. So ein Urlaub kommt nicht oft“, lächelt Valeria über die Theke hinweg.
In diesem kurzen, unspektakulären Miteinander liegt etwas von einer Vertrautheit, die Aneirin lange schmerzlich vermisst hat. Für einen Moment sieht er den beiden jungen Leuten mit einem leisen Lächeln zu, ehe er seine Arbeit wieder aufnimmt.
Aneirin legt die abgekühlten Rosinenbrötchen sorgfältig auf saubere Tücher. Ein paar Brote, die übrig geblieben sind, kommen hinzu. Nichts Besonderes, aber etwas, das er gerne teilen möchte. Er legt die Tücher zusammen, knotet sie fest und verstaut sie in einem größeren Brotbeutel, den er sich später umhängen kann. So lassen sich die Backwaren leichter durch den Schnee tragen. Dann wendet er sich wieder der Bäckerei zu.
Gemeinsam räumen sie auf. Bleche werden gestapelt, Arbeitsflächen abgewischt, Mehlreste zusammengefegt. Valeria löscht die Lampen im Verkaufsraum eine nach der anderen, bis nur noch das Licht im hinteren Teil brennt. Die Stille, die folgt, ist keine leere – sie gehört dazu, wie das Ausatmen nach getaner Arbeit.
Aneirin zieht die Schürze aus, hängt sie ordentlich an ihren Haken. Er bleibt einen Moment stehen, schaut sich um. Die Bäckerei wirkt aufgeräumt, bereit für die Ruhe des nächsten Tages. Morgen bleibt sie geschlossen. Ein seltener Luxus.
Falk tritt neben ihn. „Wenn du loswillst, ist jetzt ein guter Zeitpunkt“, meint er. „Der Schnee ist noch fein.“
Aneirin nickt. „Ich hol nur noch meine Sachen von nebenan“, sagt er. Valeria wischt sich die Hände an der Schürze trocken und kommt näher.
„Dann wünschen wir dir einen schönen Julabend“, sagt sie lächelnd.
„Danke“, erwidert Aneirin. Er tritt näher und legt die Arme um beide, kurz, aber fest – zuerst Valeria, dann Falk. Es ist keine große Geste, eher etwas Selbstverständliches.
„Schöne Jultage auch euch“, sagt er, als er sich wieder löst. „Und danke … für alles.“
Falk klopft ihm kurz auf die Schulter. „Mach dir keinen Kopf. Wir passen hier schon auf.“
Aneirin legt sich den Brotbeutel um. An der Hintertür bleibt er stehen. „Schließt ihr ab?“, fragt er noch, halb über die Schulter.
„Ja“, antwortet Valeria. „Geh nur.“
Er öffnet die Tür. Kalte Luft schlägt ihm entgegen, klar und frisch. Der kleine Hof liegt unter einer feinen Schneeschicht, die Schritte zeichnen sich dunkel darin ab. Aneirin tritt hinaus, zieht die Tür hinter sich zu und bleibt einen Moment stehen, bevor er sich dem Wohnhaus zuwendet, um sich reisefertig zu machen.