Beiträge von Aneirin
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„Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“
— Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, 12. August 190414. Erntemond 525
Aneirins Blick folgt Nialls Fingern, die über das schwere Metall gleiten. Sein Gegenüber berührt es nicht wie etwas, das ihn stört oder das er bei jeder Bewegung aufs Neue verflucht. Auch scheint in der Geste kein Wunsch zu liegen, es von sich zu lösen. Vielmehr wirkt sie so selbstverständlich, beinahe vertraut, als gehörte das Halsband längst ebenso zu ihm wie die Narben auf seiner Haut oder die dunklen Strähnen, die ihm in die Stirn fallen
Aneirin empfindet den Anblick als eigenartig. Befremdlich sogar. Die nach innen gerichteten Spitzen liegen dicht genug an Nialls Kehle, dass allein ihr Anblick ein unangenehmes Ziehen unter seiner eigenen Haut hervorruft. Aneirin versteht es nicht. Und doch passt es auf eine schwer erklärbare Weise zu dem Mann vor ihm.
Als Niall den Blick wieder hebt, hält Aneirin ihm stand, auch wenn er für einen Moment nicht recht weiß, was ihm darin begegnet. Das schiefe Lächeln, das kurze Aufblitzen der Zähne, der beinahe beiläufige Ton tragen erneut jene Spur von Amüsement, hinter der Niall offenbar alles verbirgt, was zu nah an ihn heranreicht. Aneirin hat es bereits zuvor bemerkt: den Spott, wenn eine Antwort zu ehrlich werden könnte, den Zynismus, der einem Gedanken die Schwere nehmen soll, bevor jemand anderes sie bemerkt.
Und doch liegt diesmal noch etwas anderes in den graublauen Augen. Keine offene Wärme oder Zustimmung. Eher ein Hauch von Anerkennung, flüchtig und schwer zu greifen. Aneirin ist sich nicht sicher, ob er diesen Blick richtig deutet. Vielleicht amüsiert Niall sich lediglich darüber, dass ausgerechnet ein Bäcker in einem schmutzigen Schankraum beginnt, an den Widersprüchen seiner Erscheinung zu rühren.
Doch erstaunlicherweise hat Aneirin nicht mehr das Gefühl, von Niall geprüft zu werden. Für einen kurzen Augenblick scheint es beinahe, als würde der andere Mann ihn ebenfalls ernst nehmen.
Aneirins Brauen heben sich kaum merklich, als Niall das Halsband so entschieden von der Kontrolle des Wolfes trennt. Damit hat er nicht gerechnet. Die Art wie die nach innen gerichteten Spitzen dicht um Nialls Kehle liegen, hatte so offensichtlich nach Zwang und Beherrschung ausgesehen, dass Aneirin keine eine andere Erklärung dafür gesucht hatte. Doch je länger Niall spricht, desto weniger klingt seine Behauptung nach bloßer Prahlerei.
Aneirin mustert ihn schweigend, während ringsum das Klappern von Geschirr, der Ruf einer Magd und das träge Stimmengewirr des Schankraumes an ihrem Tisch vorüberziehen. Der Mann vor ihm wirkt nicht wie jemand, der sich selbst überschätzt, zumindest nicht in dieser Hinsicht. In seinen Worten liegt keine Unsicherheit, kein hastiges Bedürfnis, Aneirin oder vielleicht auch sich selbst davon zu überzeugen, dass er den Wolf beherrscht. In seiner Stimme und seinen Worten liegt eine nüchterne Gewissheit und zu Aneirins eigener Überraschung glaubt er ihm.
Niall braucht das Halsband nicht, um den Wolf im Zaum zu halten. Er trägt es, damit andere glauben, dass er es braucht. Dieser Gedanke lässt Aneirins Blick erneut zu dem Metall wandern. Eine Bestie, die nur schwer im Zaum gehalten werden kann. Die Worte berühren etwas in ihm, das sich augenblicklich dagegen sträubt. Niall beschreibt damit genau das Bild, vor dem Aneirin sich seit sieben Jahren fürchtet. Das Tier, das hinter menschlichen Augen lauert. Die Gefahr, die nur mühsam unter einer vertrauten Gestalt verborgen bleibt. Eine Kreatur, bei der jeder vernünftige Mensch Abstand hält, sobald er erkennt, was sie ist.
Doch Niall scheint zu wollen, dass man es in ihm sieht. Mehr noch: Es wird genutzt. Zur Schau gestellt. In eine Arena geschickt und mit jeder Narbe zu dem Stück Metall noch bedrohlicher gemacht, weil Grausamkeit offenbar ebenso gut verkauft werden kann wie Brot, Wein oder ein warmes Bett.
Mit einem Mal wird Aneirin beinahe schmerzhaft bewusst, wie verschieden ihre Leben sind. Er selbst hat alles darangesetzt, den Wolf unsichtbar zu machen. Er verbirgt ihn hinter verschlossenen Türen, in sorgfältig gewählten Erklärungen und unter einer Menschlichkeit, die er umso entschlossener nach außen trägt, je deutlicher er das Tier in seinem Inneren spürt. Er hält seine Stimme ruhig, wenn seine Sinne sich schärfen, und sein Lächeln freundlich, wenn etwas unter seiner Haut zu nahe an die Oberfläche drängt. Niemand soll ihn ansehen und zuerst den Wolf erkennen.
Bei Niall scheint es beinahe umgekehrt. Sein Wolf wird nicht verborgen. Er wird angekündigt. Das Halsband trägt nach außen, was Aneirin mit aller Kraft im Inneren hält. Für einen Augenblick fragt er sich, wie es sein muss, auf diese Weise zu leben – ohne Heimlichkeit, aber deshalb nicht notwendigerweise frei. Denn so selbstverständlich Niall über die Wirkung des Halsbandes und die Geschäfte der Arena spricht, bleibt für Aneirin unklar, wie viel von diesem Bild tatsächlich Nialls eigene Entscheidung ist.
Vielleicht hat er gewählt, als Bestie gesehen zu werden. Vielleicht hat er auch nur gelernt, eine Rolle so überzeugend zu tragen, dass niemand mehr danach fragt, wer sie ihm gegeben hat. Das Zwinkern und der leichte Zynismus nehmen den Worten scheinbar ihre Schwere, doch auch diesmal erreicht das Lächeln Nialls Augen nicht ganz.
Aneirin bemerkt es. Und langsam beginnt er sich zu fragen, ob Niall nicht noch sehr viel mehr hinter seinem Spott verbirgt. Die kurze Stille, die folgt, fühlt sich anders an als die Pausen zuvor. Niall scheint seine nächsten Worte abzuwägen, und Aneirin lässt ihm die Zeit dazu. Er drängt nicht, stellt keine weitere Frage, obwohl sich längst mehrere in ihm auftun. Sein Blick bleibt ruhig auf dem anderen Mann liegen, aufmerksam, aber nicht fordernd.
Vielleicht ist es gerade diese Zurückhaltung, die Niall schließlich dazu bewegt, noch ein wenig mehr von der Wahrheit preiszugeben.
>>Am Ende habt Ihr den Kern getroffen.<<
Für einen kurzen Augenblick empfindet Aneirin beinahe so etwas wie Genugtuung. Nicht aus Stolz darüber, den Widerspruch erkannt zu haben, sondern weil Niall ihn nicht länger mit einem Scherz beiseiteschiebt. Weil er zugibt, dass hinter dem schweren Metall mehr als bloße Abschreckung liegt. Doch die Genugtuung vergeht, kaum dass sie sich regt.
>>Jemand anderes hat den Schlüssel.<<
Die Worte sind leicht dahingesagt, umgeben von einem Scherz, dessen Spitze Aneirin durchaus versteht. Doch hinter den Worten bleibt etwas, das sich nicht fortlächeln lässt. Aneirins Blick folgt unwillkürlich den nach innen gerichteten Stacheln, die im Licht der Öllampen aufblitzen. Nun erscheint ihm das Halsband nicht mehr wie ein selbstverständlicher Teil von Niall. Es ist das sichtbare Zeichen einer Grenze, über die ein anderer bestimmt. Eine Fessel.
Aneirin hebt den Blick wieder zu Niall, doch er weiß nicht, was er in dessen Gesicht zu finden hofft. Widerstand vielleicht. Oder Bitterkeit. Einen Hinweis darauf, dass dieser Mann das Metall nur deshalb so selbstverständlich trägt, weil ihm keine andere Wahl geblieben ist.
Aber Niall gibt ihm nicht etwas so Einfaches. Aneirin kann nicht erkennen, wie viel von diesem Leben Niall selbst gewählt hat. Vielleicht hat er sich bewusst dafür entschieden, in einer Arena als Bestie verkauft zu werden. Vielleicht hat er die Bedingungen angenommen, weil sie ihm Vorteile bringen. Vielleicht hat er sich nur so lange mit ihnen arrangiert, bis niemand mehr unterscheiden konnte, wo Zustimmung endet und Gewöhnung beginnt. Vielleicht nicht einmal Niall selbst.
Der Gedanke fühlt sich jedoch anmaßend an und Aneirin verfolgt ihn fürs Erste nicht weiter. Er kennt diesen Mann kaum. Er kennt nicht die Hände, die den Schlüssel halten. Nicht die Gründe, aus denen Niall das Halsband trägt. Nicht die Länge der Kette, die damit verbunden sein mag, auch wenn sie unsichtbar bleibt.
Doch eines begreift Aneirin nun mit bedrückender Klarheit: Niall ist nicht frei. Jedenfalls nicht vollständig. Er hat den Wolf angenommen und trägt ihn offen nach außen, doch über etwas so Einfaches wie das Metall an seiner eigenen Kehle entscheidet offenbar ein anderer. Aneirin dagegen verbirgt den Wolf, verleugnet ihn und fürchtet ihn. Dennoch besitzt er wenigstens den Schlüssel zu seinen eigenen Türen. Vielleicht ist Niall ihm in einer Hinsicht voraus und in einer anderen gebundener, als Aneirin es je gewesen ist.
Der Gedanke bleibt in ihm zurück, schwer und ungelöst. Einen Moment lang erwägt er, danach zu fragen, doch Nialls letzte Worte ziehen seine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung.
>>Ihr habt noch über beides die Kontrolle. Über euch selbst und den Wolf.<<
Aneirins Blick sinkt auf seine Hände. Kontrolle. Das Wort klingt zunächst vernünftig. Beruhigend beinahe. Es bezeichnet etwas, das er seit sieben Jahren zu besitzen glaubt, weil er niemanden verletzt hat, weil er jede Vollmondnacht überstanden und den Wolf immer wieder hinter Mauern, Türen und seinem eigenen Willen gehalten hat. Doch je länger er darüber nachdenkt, desto unsicherer wird er. Hat er den Wolf tatsächlich kontrolliert? Oder hat er ihn nur niedergedrückt, sobald er sich regte?
Aneirin antwortet Niall nicht sofort. Stattdessen lauscht er in sich hinein. Es ist ein vorsichtiges Tasten, als lege er im Dunkeln die Hand an eine Tür, die er seit Jahren verschlossen hält, und warte darauf, ob von der anderen Seite etwas gegen das Holz stößt. Er hat zuvor nie bewusst nach dem Wolf gesucht. Er hat gelernt, seine Nähe zu erkennen, wenn sie sich nicht mehr verleugnen lässt: in den Nächten, in denen der Vollmond seine Knochen auseinanderzieht, in dem fiebrigen Drängen unter seiner Haut, in den Augenblicken, in denen seine Sinne sich schärfen und die Welt plötzlich zu laut, zu nah und zu voll von Gerüchen wird. Er kennt die Zeichen seines Erwachens ebenso gut wie er als Bäcker die Hitze seines Ofens kennt, noch bevor er die Hand an die Klappe legt.
Doch stets hat er auf dieselbe Weise darauf reagiert: Er hat ihn zurückgedrängt. Aneirin hat jede Regung erstickt, kaum dass er sie bemerkte und den Wolf tiefer in sich hineingezwungen, als könnte er ihn irgendwann an einen Ort verbannen, von dem er nicht mehr zurückfindet.
Doch dieses Mal tut Aneirin nichts dergleichen. Sein Atem verlangsamt sich, während das Stimmengewirr um ihn herum allmählich an Bedeutung verliert. Es verstummt nicht, doch es zieht sich zurück, wird zu einem fernen Rauschen, hinter dem er den eigenen Herzschlag wahrnimmt, das Gewicht seiner Arme auf dem Tisch, die Berührung seiner Finger, die sich um den leeren Krug vor ihm schließen.
Für einen Moment geschieht nichts. Ein Becher wird irgendwo abgestellt. Holz trifft dumpf auf Holz. Eine Frauenstimme lacht am anderen Ende des Raumes, hell und kurz, während hinter Aneirin ein Stuhl über die Dielen scharrt.
Dann schlägt sein Herz. Nicht schneller. Ein einziges Mal nur, doch so heftig, dass Aneirin das Gefühl hat, etwas in seiner Brust habe sich mit einem Ruck aufgerichtet und von innen gegen seine Rippen gestoßen. Seine Finger verhärten sich augenblicklich und pressen sich gegen den kühlen Ton des Kruges.
Der nächste Atemzug bleibt ihm in der Kehle stecken, bevor er ihn zu hastig einsaugt. Wärme steigt unter seinem Brustbein empor, breitet sich wie ein plötzlich entfachtes Feuer durch seinen Oberkörper aus und kriecht bis in seinen Nacken. Gleichzeitig beginnt das Blut so laut in seinen Ohren zu rauschen, dass Aneirin für einen flüchtigen Augenblick glaubt, Niall müsse es hören können.
Doch die übrigen Geräusche verschwinden nicht unter diesem Rauschen. Sie treten daraus hervor. Eines nach dem anderen. Der Schankraum, eben noch ein einziges fernes Murmeln, zerfällt in zahllose scharf voneinander getrennte Einzelheiten. Aneirin hört das feuchte Schmatzen, mit dem ein Mann am Nachbartisch von seinem Eintopf isst. Das leise Knacken einer Diele unter dem Gewicht einer vorübergehenden Magd. Das Schaben eines Fingernagels über gebrannten Ton. Das unregelmäßige Atmen eines Betrunkenen hinter ihm. Selbst das Flattern der nächsten Öllampe dringt an sein Ohr, ein winziges, hungriges Züngeln, das er unter gewöhnlichen Umständen niemals wahrgenommen hätte.
Auch die Gerüche verändern sich. Bier und Bratenfett, Rauch, nasse Wolle und altes Leder. Der säuerliche Schweiß der Menschen, die sich in dem warmen Raum drängen. Blut, kaum mehr als ein Hauch, vermutlich aus einer aufgesprungenen Fingerkuppe. Fleisch aus der Küche, dunkel gebraten und schwer gewürzt.
Und inmitten all dessen liegt etwas, das sich deutlich von den übrigen Gerüchen abhebt. Der matte Geruch von Metall, Blut, Schweiß und Kampf. Aneirins Aufmerksamkeit richtet sich unwillkürlich darauf: Niall. Er sieht ihn an – und spürt dabei noch etwas anderes: Etwas Dunkles und Wildes, das er nicht benennen kann, aber auf eine Weise erkennt, die nichts mit Wissen und nichts mit Erinnerung zu tun hat.
Für einen flüchtigen Moment nimmt er Niall nicht nur als den Mann wahr, der ihm gegenübersitzt. Da ist etwas Vertrautes an ihm. Nicht Freund. Nicht Feind. Nicht Beute. Für kaum mehr als einen Herzschlag scheint sich ein warmer, bernsteinfarbener Schimmer über das Grün in Aneirins Augen zu legen. Er ist so flüchtig, dass er ebenso gut ein unsteter Reflex der Öllampen sein könnte.
Meinesgleichen.
Der Gedanke trifft Aneirin so unmittelbar, dass er nicht sagen kann, ob er selbst ihn geformt hat. Sein Magen zieht sich zusammen, sein Atem stockt, und etwas Kaltes schiebt sich unter der Hitze in seiner Brust empor.
Im selben Augenblick flackert das Bild vor seinen Augen. Für die Dauer eines Herzschlags scheint Nialls menschliche Gestalt zu verrutschen, als würde ein plötzlicher Lichtschein etwas sichtbar machen, das sonst im Schatten verborgen liegt: tiefer liegende Augen, ein zu langer Kiefer, Zähne, die nicht in einen menschlichen Mund gehören, dunkles Fell zwischen den silbernen Spitzen des Halsbandes.
Aneirin weiß nicht, ob die Pillen ihm erneut einen grausamen Streich spielen oder ob für diesen einen Herzschlag tatsächlich etwas durch Nialls menschliche Gestalt hindurchschimmert, das gewöhnlich verborgen bleibt.
Dann ist das Bild fort. Niall sitzt unverändert vor ihm. Doch die Anspannung weicht nicht. Aneirins Schultern verhärten sich, seine Hände pressen sich fester um den Krug. Noch ehe er den Gedanken weiterverfolgen kann, greift er tief in seinem Inneren hastig nach der vertrauten Tür, bereit, sie zuzuschlagen und den Riegel vorzuschieben.
Der Wolf regt sich gegen den Druck. Nicht mit jener blinden Gewalt, die Aneirin aus den Vollmondnächten kennt. Er wirft sich nicht gegen die Grenzen, die Aneirin ihm setzt, und versucht nicht, seinen Körper an sich zu reißen. Es ist kaum mehr als ein Widerstand, ein erneuter Pulsschlag tief unter seinem Brustbein, dort, wo kein zweites Herz liegen kann. Doch es genügt.
Aneirins Atem wird flach. Seine Finger schmerzen von dem Druck, mit dem er sie zusammenpresst. Seine Augen huschen für einen Wimpernschlag zur Eingangstür. Am Rand seines Bewusstseins beginnt er bereits, die Entfernung zur Tür abzuschätzen, die Größe der Fenster, sollte er die Tür nicht rechtzeitig erreichen.
Da kehren Nialls Worte zurück, so klar, als spräche er sie noch einmal über den Tisch hinweg: >Stoßt ihn nicht von Euch.<
Aneirins vertrauter Widerstand gerät ins Stocken. Nialls Warnung steht gegen alles, was er in den vergangenen sieben Jahren getan hat.
>Versucht nicht, ihn zu unterdrücken. Er wird sich nicht unterdrücken lassen.<
Und dann jener Satz, der Aneirin nun beinahe schwerer trifft als alles andere: >Das habe ich gelernt.<
Niall hat nicht behauptet, die Wahrheit über den Wolf zu kennen, weil er klüger ist als Aneirin. Er hat nicht gesprochen wie ein Priester, der eine Lehre verkündet, oder wie jemand, der eine bequeme Antwort für das Leid eines anderen bereithält. Er hat es gelernt. Vermutlich nicht ohne einen Preis.
Der Druck, mit dem Aneirin den Wolf zurückzwingt, lässt nicht nach. Aber er verstärkt sich auch nicht weiter. Aneirin hält inne. Nur einen Herzschlag lang. Er kann die Tür nicht weiter öffnen. Nicht hier, inmitten all dieser Menschen. Vielleicht könnte er es nirgendwo. Noch nicht. Doch für diesen einen Augenblick lehnt er sich innerlich nur gegen das Holz, ohne es zuzuschlagen. Und wartet.
Die Wärme bleibt unter seiner Haut. Das Blut rauscht weiterhin in seinen Ohren. Doch der Wolf stößt nicht vor. Er reißt nicht an Aneirins Körper. Er verlangt nicht nach Fleisch oder Gewalt, drängt nicht danach, die Kontrolle zu übernehmen. Er ist einfach da. Die Erkenntnis ist so fremd, dass Aneirin sie kaum festhalten kann.
Vielleicht liegt es an Nialls Nähe. Vielleicht daran, dass der Wolf in seinem Inneren den anderen erkennt. Vielleicht ist dieser Augenblick gefährlicher, als Aneirin sich eingestehen will, und nur seine Hoffnung macht etwas Harmloses daraus. Doch für diesen einen Atemzug fühlt es sich nicht an, als stünde Aneirin einer Bestie gegenüber. Es fühlt sich an, als lausche etwas zurück. Seine Angst verschwindet nicht. Aber sie verliert für einen flüchtigen Moment ihre Gewissheit.
Dann ist es Aneirin, der den Kontakt beendet. Er zieht sich zurück, behutsamer als sonst, aber dennoch entschieden. Die innere Tür schließt sich wieder, ohne dass er sie mit aller Kraft zuschlägt. Die Wärme sinkt tiefer. Das fremde Pochen unter seinem Brustbein verblasst, und die wache Gegenwart zieht sich allmählich dorthin zurück, wo Aneirin sie nicht mehr unmittelbar erreichen kann.
Seine Sinne stumpfen ab, einer nach dem anderen. Das Schaben eines Löffels. Das Atmen hinter ihm.
Das Flackern der Lampe. Alles verliert seine scharfen Ränder und schlägt im nächsten Augenblick über ihm zusammen wie eine Welle. Gelächter vermischt sich mit klirrendem Geschirr, dem Rufen einer Magd und dem dumpfen Poltern eines Kruges, der viel zu hart auf einen Tisch gesetzt wird. Der Geruch von Bier, Rauch, Schweiß und Essen liegt wieder schwer und ungeordnet in der Luft, eine warme, stickige Masse, die Aneirin plötzlich beinahe den Atem nimmt.
Er blinzelt und atmet tief durch die Nase ein. Seine Finger lösen sich nur langsam vom Krug. Rötliche Abdrücke zeichnen sich auf seinen Fingerkuppen ab, die sich gegen den kühlen Ton gepresst haben. Einen Moment lang betrachtet er seine Hände, als müsse er sich vergewissern, dass sie noch immer ihm gehören.
Sein Herz schlägt noch etwas zu schnell, doch er sitzt weiterhin auf seinem Stuhl. Seine Hände sind menschlich. Seine Zähne liegen unverändert hinter geschlossenen Lippen. Sein Blick zieht flüchtig durch den Schrankraum. Niemand schreit. Niemand flieht. Ringsum kümmert sich noch immer niemand darum, was an ihrem Tisch geschehen ist. Nichts ist passiert. Und doch stimmt das nicht ganz.
Aneirins Blick wandert zurück zu dem Krug vor ihm, und für einen kurzen Moment bedauert er die Leere darin. Er hebt ihn an das verletzte Auge und drückt ihn vorsichtig gegen die pochende Haut. Doch die erhoffte Kühle bleibt aus. Der Krug ist längst von seinen Händen erwärmt, nachdem er ihn die ganze Zeit über festgehalten hat. Ein kaum hörbares Seufzen verlässt seine Lippen, ehe er ihn wieder auf den Tisch stellt und den Blick zu Niall hebt.
Sein Gegenüber hatte ihn nicht aufgefordert, etwas zu beweisen. Er hatte ihm keine Sicherheit versprochen und ihm auch nicht versichert, dass nichts geschehen könne. Doch Aneirin hatte ihm für den Augenblick genug vertraut, um seine Worte nicht nur anzuhören, sondern sie ernst zu nehmen. Das Ergebnis sitzt noch immer wie ein zweiter Herzschlag tief in seiner Brust.
Er öffnet den Mund, doch zunächst kommt kein Laut. Aneirin räuspert sich leise, mehr um seine Stimme wiederzufinden als wegen der Trockenheit in seiner Kehle, und fährt mit dem Daumen über die Abdrücke auf seinen Fingerkuppen.
„Ich weiß nicht, ob das Kontrolle ist“, sagt er schließlich. Seine Stimme klingt ruhiger, als er sich fühlt. Nur eine leichte Rauheit verrät, dass etwas geschehen ist, das sich nicht vollständig verbergen lässt. Sein Blick sinkt noch einmal kurz zu dem Halsband und kehrt dann zu Niall zurück. „Vielleicht habe ich ihn bisher einfach nur zum Schweigen gebracht.“
Die Worte verlassen ihn beinahe widerwillig. Nicht, weil er sie für falsch hält, sondern weil sie zu wahr sein könnten. Weil ihre Wahrheit bedeuten würde, dass sieben Jahre der vermeintlichen Beherrschung vielleicht nichts weiter waren als sieben Jahre, in denen Aneirin sich geweigert hat zuzuhören.
Er atmet langsam aus. „Ihr sagt, Ihr habt Euch selbst und den Wolf unter Kontrolle.“ Ein kaum merkliches Zögern liegt in Aneirins Stimme. „Aber den Schlüssel zu diesem Halsband trägt jemand anderes.“
Es klingt nicht wie ein Vorwurf. Auch nicht wie Mitleid. Aneirin spricht die Worte lediglich aus, als lege er etwas zwischen ihnen auf den Tisch, das Niall zuvor selbst sichtbar gemacht hat.
Aneirin weiß, dass es wieder eine jener unbequemen Fragen ist, von denen Niall gesagt hat, dass man sie lieber nicht beantwortet. Vielleicht sollte er sie deshalb unausgesprochen lassen. Doch der Widerspruch lässt sich nicht mehr übersehen, nun, da Niall ihn selbst benannt hat. Aneirin weiß nicht, ob das Halsband der Preis für den Wolf ist oder nur das sichtbare Zeichen einer Unfreiheit, die schon vorher bestanden hat.
„War das Eure Entscheidung?“
Er rechnet beinahe damit, dass Niall lacht. Dass das schiefe Lächeln zurückkehrt und er die Frage mit einem Scherz beiseiteschiebt oder ihr gerade weit genug ausweicht, um nichts preisgeben zu müssen. Aneirin setzt deshalb nicht sofort nach. Er lässt ihm den Raum, es dabei zu belassen.
Erst nach einem Moment fügt er leiser hinzu: „Oder ist es etwas, mit dem Ihr gelernt habt zu leben?“
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... schau ich nach gefühlter Ewigkeit mal vorbei.
... hab ich mit Mühe und Not das Passwort zusammen bekommen.
... entschuldige ich mich dass ich so verschwunden bin.
... überleg ich wieder zu spielen... wenn ihr mich noch wollt.
Wir würden uns riesig freuen.
Welcome back. 
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Prima. Kein Ding, ich kann warten. Ich freu mich.

Ich habe zwei neue Chars angemeldet, die sehr gern dazu stoßen würden, aber ich kann nicht sagen, wann sie freigegeben werden.
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Hallo zusammen,
Aneirin und Laeney sind zu Inaris Festtag (30. Sturmwind 526) derzeit auf dem Marktplatz unterwegs. Falls noch jemand Lust hat Inarinacht zu feiern oder auch nur eine kurze Begegnung zu spielen, darf jederzeit mitmachen.

Viele Grüße
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“He looked like a person who had something to say to the world.”
— aus: A Little Life
30. Sturmwind 526 – Inarinacht
Aneirin verliert irgendwann den Überblick darüber, wie oft er schon stehen geblieben ist. Es sind nicht immer große Dinge, die ihn halten. Manchmal nur ein Lied, das er halb kennt, manchmal ein Lachen, das ihn im Vorbeigehen streift oder der Geruch von gebratenem Fleisch, der ihn aus dem Gedanken reißt, obwohl er eigentlich glaubt, gar keinen Hunger zu haben. Und doch steht er wenig später mit einem Holzspieß in der Hand am Rand eines Platzes, kaut langsam, während irgendwo vor ihm zwei Musiker miteinander wetteifern, wer die schnelleren Finger hat.
Das Essen ist schnell verschwunden, der Geschmack noch eine Weile da, warm und würzig, und der Strom an Menschen zieht Aneirin mit, allein durch Bewegung. Irgendwo hat sich ein Kreis gebildet, nicht groß, aber eng genug, dass man sich kaum entziehen kann. Hände greifen nach ihm, lachen, drehen ihn einmal im Takt der Musik. Ehe er darüber nachdenken kann, bewegt er sich mit ihnen, ein Schritt, noch einer, ungeplant und doch vertraut. Es fühlt sich leicht an. Für einen Moment zumindest.
Er löst sich wieder, ohne Aufsehen, tritt einen Schritt zurück, dann noch einen, lässt den Kreis hinter sich, während die Musik weitergeht, als hätte er nie dazugehört. Sein Atem ist etwas schneller, ein Hauch von Wärme unter der Haut, der nicht nur vom Tanzen kommt. Aneirin streift sich mit der Hand durch das Haar, sieht sich um. Zu viele Eindrücke, zu viele Richtungen. Er wählt keine bewusst.
Die Menge trägt ihn ein Stück weiter, dichter jetzt, lauter, und irgendwo vor ihm entsteht dieses besondere Murmeln, das sich bildet, wenn Menschen gleichzeitig innehalten.
Aneirin hebt den Blick. Er hat die Flamme selbst nicht gesehen, nur ihr Nachglühen in den Gesichtern der anderen, dieses Aufmerken, das sich von einem zum nächsten überträgt. Es reicht, um ihn langsamer werden zu lassen, den Kopf leicht zu drehen, bis er den Ursprung findet.
Ein Junge, nicht mehr Kind aber auch noch kein Mann, steht etwas erhöht mit dieser sicheren Art, die nichts Zufälliges hat. Alles an ihm scheint auf Bewegung ausgelegt zu sein — die schmalen Hände, die niemals ganz stillhalten, die leichte Spannung in seiner Haltung, selbst das warme Rot seiner Kleidung, das im Licht beinahe wie Glut wirkt. Er sieht aus wie jemand, der gelernt hat, Aufmerksamkeit festzuhalten, lange bevor er alt genug war, um zu verstehen, was sie eigentlich wert ist.
Aneirin bleibt ebenfalls stehen. Der junge Künstler spricht, leise genug, dass die Worte in der allgemeinen Geräuschkulisse untergehen, aber die Bewegung seiner Hände ist klar. Etwas Kleines flackert zwischen seinen Fingern, wandert, verschwindet, taucht wieder auf. Ein Kind steht vor ihm, den Arm ausgestreckt, und für einen Moment wirkt es, als hielte es selbst die Flamme fest.
Ein Trick, denkt Aneirin. Und dann… vielleicht auch nicht. Es ist schwer zu sagen, woran es liegt. An der Ruhe in den Bewegungen vielleicht, an diesem Fehlen von Hast, das viele andere haben, wenn sie gesehen werden wollen. Hier ist nichts davon. Nur Kontrolle. Und ein Spiel, das der Junge selbst bestimmt. Aneirin neigt den Kopf ein wenig, beobachtet noch einen Herzschlag länger, sieht, wie sich die ersten Münzen in den Taschen der Menschen vor ihm lösen, wie das Lachen leiser wird, dafür konzentrierter.
Jemand stößt leicht gegen Aneirins Schulter, murmelt eine Entschuldigung, drängt weiter, und Aneirin weicht automatisch einen Schritt zurück. Als er wieder hinsieht, ist der Kreis vor ihm dichter geworden, die Sicht schlechter, der Junge nur noch ein Teil von vielen. Er könnte nähertreten. Tut es nicht. Stattdessen wendet er sich ab, lässt den Blick noch einmal über den Rand des Geschehens streifen, als würde er sich den Ort merken, ohne genau zu wissen, warum.
Dann geht er weiter. Die Musik holt ihn wieder ein, Stimmen, Bewegung, das stetige Fließen der Stadt, und der kurze Moment aus Licht und flackernden Fingern bleibt zurück, mischt sich mit allem anderen, wird Teil dieses Tages, der ohnehin schon zu viel enthält, um alles festzuhalten. Und doch bleibt etwas davon. Nur ein Hauch.
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“It’s a new dawn, it’s a new day, it’s a new life… and I’m feeling good.”
— Song „Feeling Good“ (u.a. Nina Simone)
30. Sturmwind 526 – Inarinacht
Mit einem leisen, metallischen Klicken fällt der Riegel ins Schloss. Für einen kurzen Augenblick bleibt Aneirin einfach stehen, die Hand noch auf dem kühlen Metall der Türklinke, als würde er sich vergewissern wollen, dass er den Vormittag wirklich hinter sich gelassen hat: die Arbeit, den Duft von Mehl und Hefe, das gleichmäßige, vertraute Treiben von kommender und gehender Kundschaft. Langsam atmet Aneirin aus und wendet sich schließlich ab.
Die Straßen des Mühlenviertels liegen ruhig im warmen Licht des frühen Nachmittags. Irgendwo über ihm zieht ein milder Wind über die Dächer und die frischen, lebendigen Blätter einzelner Bäume, die nach den kargen Wochen des Winters wieder an den Zweigen sitzen. Er ist kaum hörbar, mehr ein Flüstern als ein Geräusch. Für einen Moment hebt Aneirin den Blick, lässt ihn einfach treiben, ohne etwas Bestimmtes zu suchen und spürt dabei dieses leise, ungewohnte Gefühl von… Freiheit. Sorglosigkeit. Nichts drängt. Weder Zeit noch Raum.
Die Tunika, die er sich angelegt hat, fällt locker bis über die Oberschenkel. Ein sattes, tiefes Grün, das im Licht fast lebendig wirkt, eingefasst von einer schmalen, sorgfältig gestickten Borte in warmen Goldtönen, die sich am Halsausschnitt und an den Ärmeln entlangzieht und bei jeder Bewegung dezent auffängt, was die Sonne ihr schenkt. Der Stoff ist leicht, angenehm auf der Haut, und doch von einer Qualität, die zeigt, dass er sich für diesen Tag bewusst etwas gewählt hat, das über das Alltägliche hinausgeht, ohne dabei fremd an ihm zu wirken. Ein dunkler Gürtel hält das Ganze zusammen, das Leder weich getragen, vertraut. Daran schwingt ein kleiner Beutel mit Münzen. Seine Haare hat er ordentlich zurückgenommen und das Deckhaar am Hinterkopf zusammengebunden. Nur ein paar lose Strähnen haben sich bereits wieder gelöst und spielen nun im Wind um sein Gesicht.
Aneirin geht nicht hastig. Warum auch – heute hat er alle Zeit der Welt. Die Straßen füllen sich mit jedem Schritt mehr, und schon in den ersten Gassen merkt er, wie sich die Stimmung verändert: nicht abrupt, sondern wie ein langsames Anschwellen, ein stetiges dichter Werden von Stimmen, Lachen, Musikfetzen, die irgendwo zwischen den Häusern hängen bleiben und sich überlagern. Menschen in festlicher Kleidung, heller als gewöhnlich, farbiger, offener, ziehen an ihm vorbei oder in die gleiche Richtung, und hier und da liegt bereits der süße, schwere Duft von Gewürzen und gebratenem Fleisch in der Luft, vermischt mit dem frischen Grün junger Zweige, die an Türen und Fenster gehängt wurden.
Aneirin nimmt es wahr. Nicht nur beiläufig, nicht wie in den Jahren zuvor, in denen er sich durch solche Tage eher treiben ließ, ohne wirklich hinzusehen, sondern bewusst, Schritt für Schritt, als würde er sich selbst erlauben, alles wieder neu kennenzulernen. Ein Lächeln huscht über seine Lippen, ganz von selbst.
Er fängt einen Gesprächsfetzen auf, ein helles Lachen, irgendwo klimpert ein Saiteninstrument, ein Kind ruft lautstark nach etwas Süßem, und für einen kurzen Moment bleibt sein Blick an einer Gruppe stehen, in der ein Vater seinen kleinen Sohn auf die Schultern hebt, nur um ihm etwas über die Menge hinweg zu zeigen. Es ist kein Stich, kein schmerzhafter Riss – nur ein kurzer, stiller Moment, in dem sein Blick weicher wird, bevor er sich wieder löst und weiterzieht, ohne dass die Leichtigkeit in ihm daran zerbricht.
Im Gegenteil. Da ist dieses Gefühl. Dieses leise, fast vorsichtige Staunen darüber, wie leicht sich sein Körper anfühlt, wie frei seine Schritte sind, wie wenig Gewicht heute auf ihm liegt. Kein unterschwelliges Ziehen im Hinterkopf. Kein dunkler Schatten, der sich langsam näher schiebt, je weiter der Tag voranschreitet. Nur dieser Tag. Nur dieses Fest.
Seine Aufmerksamkeit wandert, bleibt hier und da hängen: an einer jungen Frau, deren nackte Füße tatsächlich in einem warmen Rot schimmern, das sich deutlich vom staubigen Pflaster abhebt; an einem Paar, das sich lachend gegenseitig durch die Menge zieht; an einem Händler, der lautstark seine Gewürze anpreist. Aneirins Blick ist offen, interessiert, und da ist wieder dieses vertraute Funkeln darin, dieses leichte, verspielte Interesse, das nie ganz verschwunden war, aber lange unter anderem begraben lag. Er sucht nicht. Und doch entgeht ihm nichts.
Je näher Aneirin dem Marktplatz kommt, desto dichter wird das Gedränge, und mit ihm wächst die Lautstärke zu einem lebendigen, pulsierenden Klangteppich an, der ihn schließlich ganz umhüllt, als er durch eine der letzten Gassen tritt und der Platz sich vor ihm öffnet.
Für einen Herzschlag bleibt er stehen. Es ist… viel. Mehr, als er es in Erinnerung hat – oder vielleicht nimmt er es einfach nur zum ersten Mal wirklich so wahr.
Überall schwingen Bänder im Wind, in warmen Farben, die sich zwischen den Häusern und über den Platz spannen, durchzogen von feinen, golden schimmernden Drähten, die im Licht aufblitzen, als hätten sie ein Eigenleben. Blumen sind in dichten Girlanden geflochten, um Säulen gewunden, über Tische gelegt, und selbst der Boden wirkt sauberer, heller, als hätte jemand sich die Mühe gemacht, der Stadt für diesen Tag ein anderes Gesicht zu geben.
Der Tanzboden ist bereits belebt, erste Paare bewegen sich im Takt der Musik, die von mehreren Seiten gleichzeitig zu kommen scheint – Trommeln, Flöten, Saiteninstrumente, Stimmen, alles ineinander verwoben, ohne sich gegenseitig zu verschlucken.
Und dazwischen Menschen. So viele Menschen. Lachen, Rufen, Gespräche, das Klirren von Bechern, das Rascheln von Stoff, der Duft von frisch gebackenem Brot, von Honig, von Gewürzen, von Wein, der noch jung ist und süß in der Luft liegt.
Aneirin steht einfach da. Atmet ein. Und diesmal lässt er es zu. Langsam, beinahe unmerklich, hebt sich sein Brustkorb, während sich sein Blick über den Platz bewegt, ohne Hast, ohne Ziel – und ein Lächeln, ruhig und echt, legt sich auf sein Gesicht, als würde sich etwas in ihm an genau diesem Ort, in genau diesem Moment, ganz leise wieder an seinen Platz schieben.
Heute, denkt er – oder vielleicht denkt er es auch gar nicht bewusst, sondern spürt es nur –, heute gehört ihm dieser Tag. Und was die Nacht bringt… das darf kommen.
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“We didn’t realize we were making memories, we just knew we were having fun.”
— A. A. Milne
21. Langschnee 525
„Ich bin gut hergekommen“, antwortet er Lyall ruhig, als sie ihn anspricht, und hebt den Blick zu ihr. „Deine Beschreibung war… ausreichend.“ Ein leiser Anflug von Schalk huscht über sein Gesicht. Er nimmt einen Schluck von dem gewürzten Apfelwein, schließt für einen kurzen Moment die Augen, während sich die Wärme in ihm ausbreitet.
Ein kaum hörbares Schnauben zieht durch seinen Atem, fast belustigt, als sie die Rosinenbrötchen anspricht. „Ich dachte mir, ein bisschen Proviant schadet nie“, meint er leise. „Und ich wollte nicht ganz mit leeren Händen kommen.“ Ein Hauch nicht ganz ernst gemeinter Entschuldigung huscht durch seinen Blick. Er erinnert sich genau, dass sie sagte, er brauche nichts mitzubringen. Aber wer kommt schon gerne zu einer Einladung mit leeren Händen.
Ein kurzer Blick huscht zur Tür, durch die die Zwillinge verschwunden sind. „Auch wenn ich fürchte, dass ich mir damit gerade einen gewissen Ruf erarbeitet habe.“ Sein Lächeln ist ruhig, ehrlich. Er muss an Azra und ihre Kinderschar der Goldenen Harfe denken. Es genügte, ein einziges Mal etwas Süßgebackenes mitzubringen und schon war er von da an nur noch der Zuckerbäcker. Obwohl die süßen Dinge eher die Ausnahme sind, auch wenn er sie inzwischen tatsächlich öfter macht als früher.
Als Lyall schließlich den Becher hebt, folgt er der Bewegung ohne Zögern. „Auf Jul“, sagt er leise. Die Becher stoßen an, ein weiches, tönernes Klingen, das sich für einen Moment im Raum hält. Aneirin nimmt einen weiteren Schluck, lässt den Blick kurz ins Feuer sinken. Die Wärme, das Licht, die Stimmen – alles legt sich ruhig um ihn, ohne ihn zu erdrücken. Dann, fast wie von selbst, wandern seine Gedanken noch einmal zu den beiden kleinen Gestalten, die eben aus dem Raum verschwunden sind. Ein zartes Schmunzeln.
„Aniesa und ich waren nicht anders“, sagt er schließlich. Sein Blick huscht zu Cináed und ohne sich groß zu erklären, fügt er nur hinzu: „Meine Schwester.“ Er lehnt sich ein wenig zurück, den Becher locker in den Händen, der Blick kurz in die Flammen gerichtet.
„Es gab bei uns zu Hause in der Küche ein Fach, das eigentlich nicht für uns gedacht war. Hat uns nie aufgehalten.“ Ein leises, trockenes Lachen. „Wir waren überzeugt, dass es eher eine… Herausforderung war.“
Sein Blick hebt sich wieder. „Sie hat mich meistens zum Wache halten an die Tür geschickt. Ich sollte schauen, ob jemand kommt.“ Ein kurzer Atemzug. „Und wenn wir erwischt wurden, hat sie natürlich so getan, als hätte sie mich gewarnt.“ Ein kleines, warmes Lächeln. „Ich glaube, ich war nie besonders gut darin.“
Er nimmt noch einen Schluck, lässt den Becher dann ruhig in seinen Händen. „Kinder erinnern einen daran, wie einfach Dinge sein können“, fügt er leise hinzu und wirft noch einmal einen Blick zur Tür. „Wenn man sie lässt.“ Dann sieht er Lyall wieder an. Ruhig, offen und ohne jeden Schatten, den sie fürchten müsste.
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„You cannot change what you are. Only what you do.“
— The Witcher
14. Erntemond 525
Eine ganze Weile wartet Aneirin zunächst vergeblich auf eine Antwort. Irgendwo hinter ihm klirrt Glas auf Holz, Stimmen schwellen an und verebben wieder im dumpfen Gemurmel des Schankraums. Es ist nicht so, dass Niall nicht reagiert. Im Gegenteil. Aneirin sieht ihm an, wie es in ihm arbeitet. Nialls Blick wandert unstet, besieht sich alles Mögliche, Aneirin ausgeschlossen, aber nie lange genug, um wirklich etwas davon wahrzunehmen. Sein Gegenüber fährt sich durch die Haare, reibt sich die Schläfen und es fehlt eigentlich nur noch ein tiefes Seufzen, um das Bild zu vervollständigen. Es wirkt, als würde Niall ebenfalls etwas abwägen, bevor er antwortet. Vielleicht fällt ihm eine tatsächlich ehrliche Antwort schwerer als Aneirin dachte. Nicht, weil Niall keine Antwort hätte, sondern weil er sich wie Aneirin zuvor fragt, ob es klug wäre, einem Fremden gegenüber ehrlich zu sein. Aneirin hat das Gefühl, dass Niall sich mit Ehrlichkeit deutlich schwerer tut als er selbst.
Dann sieht Niall ihn wieder an. Unwillkürlich fragt Aneirin sich bei diesem abschätzenden Blick aus den graublauen Augen, was ein Mensch erlebt und ertragen haben muss, dass ihm Ehrlichkeit so fremd ist.
Plötzlich lacht Niall, kurz und rau, aber so unerwartet, dass Aneirin irritiert blinzelt. Das Fünkchen Unsicherheit, dass Nialls Lachen in ihm auslöst, versucht er schnell beiseitezuschieben, während er sich kurz mit dem Handrücken über das schmerzende Auge streicht. Aneirin war bisher recht davon überzeugt, eine gute Menschenkenntnis zu besitzen. Doch dieser Mann vor ihm erscheint ihm wie ein höchst kompliziertes Rätsel. Und dennoch ist da weiterhin dieses zarte Bauchgefühl, das ihm einreden will, dass hinter dieser Fassade, die Niall sich aufgebaut hat und stur aufrechterhält, jemand steckt, der Aneirins Vertrauensvorschuss verdient.
Schließlich stützt Niall seinen Kopf auf seine Fäuste, beinahe ergeben, als hätte er eine Entscheidung getroffen, mit der er selbst nicht ganz zufrieden ist oder von der er sich selbst noch nicht ganz überzeugt hat. >>Ich meine rechtmäßig sagen zu können, dass ich noch nie einen Mann wie euch zu Gesicht bekommen habe, Aneirin.<< Erneut blinzelt Aneirin überrascht und ist sich nicht sicher, ob das als Kompliment gemeint ist oder eher eine Feststellung, die er noch nicht recht einordnen kann. Für einen Moment neigt er leicht den Kopf, als würde er die Worte prüfen, bevor er darauf reagiert. Doch noch bevor er etwas sagen kann, schließt Niall bereits die Augen, und es scheint Aneirin fast, als wäre allein diese Aussage schon mehr gewesen, als der andere preisgeben wollte.
So sieht Niall ihn nicht an, als er die Augen wieder öffnet und schließlich zu einer Antwort auf seine Frage ansetzt. Im Kern meine er seine Aussage so, erwidert Niall. Aneirin hält den Blick aus seinen grünen Augen auf sein Gegenüber gerichtet. Er hört ihm zu als er bei dem Sinnbild eines Geschenks bleibt, das man entweder annehmen oder ablehnen kann. Aneirin glaubt seinem Blick anzusehen, dass Niall tatsächlich ehrlich meint, was er sagt. Es überrascht ihn weniger als es vielleicht sollte. Aber er spürt eine gewisse Erleichterung.
>>Mit manchen Geschenken muss man erst umgehen lernen… manchmal dauert dies Jahre… aber eines ist allen Geschenken zu eigen: Entweder man behält sie oder man wird sie auf die eine oder andere Weise los. Und ihr, mein Freund, habt bereits die Entscheidung getroffen, es zu behalten. Auch wenn ihr es vielleicht selbst nicht wahrhaben wollt. Hättet ihr sonst das Ritual durchführen lassen? Ihr hättet es wegwerfen können… euch wegwerfen können. Aber ihr habt es nicht getan.<<
Aneirin senkt den Blick auf seine eigenen Hände. Nein. Das stimmt so nicht. Diese Entscheidung hat er nie selbst getroffen. Aneirin erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. Wie er Arúen gegenüber saß, aufgewühlt und trotzig, weil er nicht akzeptieren wollte, dass es keine andere Lösung für den Biss in seiner Schulter geben sollte.
Der Geruch von Bier und warmem Holz liegt schwer in der Luft, irgendwo lacht jemand zu laut — und wirkt plötzlich unendlich weit entfernt. Aneirin erinnert sich an Arúens schonungslose Worte, auch wenn sie sanft und voller Mitgefühl waren: >>Es gibt keine andere Lösung, Aneirin. Ich verstehe Dich und wenn ich einen anderen Weg wüsste, irgendeinen, ich würde ihn mit Dir gehen. Aber es gibt keinen. Und gerade weil ich nicht will, dass Du zu einem Monster wirst, musst Du Dich diesem Ritual stellen… und es bestehen. Dass Du es verweigerst, steht nicht zur Debatte. Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie Du Deine Seele an den Fluch verlierst und unweigerlich zum Môrgrinan, zum Monster wirst… Eher töte ich Dich eigenhändig.<<
Nein. Aneirin hat sich nicht entschieden, dieses Geschenk zu behalten. Arúen hatte für ihn entschieden, während er nicht akzeptieren konnte oder wollte, dass es nur diese zwei Möglichkeiten gab. Sie hat ihm die Wahl gar nicht erst gelassen. Sie hätte nicht zugelassen, dass er, wie Niall es nennt, sich hätte wegwerfen können. Außerdem… Was für eine Wahl soll das auch sein, wenn die einzige Alternative der Tod ist? Das ist keine Wahl. Das ist Überleben.
Sein Kiefer spannt sich für einen Moment, kaum sichtbar. Für einen Herzschlag schließt er die Augen, während er langsam ausatmet. Im Nachhinein ist Aneirin Arúen dankbar dafür, dass sie für ihn das Überleben wählte. Er widerspricht Niall fürs Erste nicht. Aber der Gedanke lässt ihn nicht los.
Als Niall weiterspricht, hebt Aneirin den Blick wieder. >>Glauben, mein Freund, ist etwas für Priester und Tempelnovizen. Glauben entspringt der Ahnungslosigkeit, dem Unwissen. Das, was uns befallen hat, das ist real. Greifbar. Unausweichlich. Nennt es Chance, wenn euch Geschenk nicht gefällt. Ihr habt diese Chance bereits zum Teil ergriffen und es liegt nun an euch, was ihr daraus macht.<<
Er hört zu, ohne die Augen von Niall abzuwenden. Glauben… Für einen Moment bleibt der Gedanke an ihm hängen, ungewohnt schwer.
Das Stimmengewirr um sie herum rauscht an ihm vorbei, ohne dass er ein Wort davon wirklich wahrnimmt. Er hatte nach genau so etwas gesucht. Nach einer Möglichkeit, es anders zu sehen. Einen anderen Blick darauf zu finden, der es… erträglicher macht. Doch je länger er darüber nachdenkt, desto hohler klingt es.
Sein Daumen streicht unbewusst über die empfindliche Stelle in seiner Handfläche. Ein Geschenk. Eine Chance. Letztlich bleibt der Inhalt derselbe, egal wie er es nennt. Er würde nur einen anderen Namen für etwas suchen, das sich dadurch nicht verändert. Aber vielleicht… liegt genau darin das Problem. Dass er die ganze Zeit versucht hat, etwas zu verändern, das sich nicht verändern lässt. Vielleicht geht es gar nicht darum, daran zu glauben, dass ein anderer Name es besser macht. Aneirins Blick senkt sich kurz, nicht um auszuweichen, sondern weil sich der Gedanke erst setzen muss.
>> Der Wolf ist nun ein Teil von euch. Ob ihr ihn leugnet oder nicht. Und ich kann euch nur raten: Stoßt ihn nicht von euch. Versucht nicht, ihn zu unterdrücken. Er wird sich nicht unterdrücken lassen. Das habe ich gelernt.<<
Für einen Moment spannt sich etwas in Aneirin an — nicht aus Trotz, sondern aus Wiedererkennen. Ist es nicht genau das, was er die ganze Zeit versucht hat? Dieses Drängen, die Unruhe unter der Haut… Er hat es immer zurückgestoßen. Er hat jede Verwandlung als etwas behandelt, das es zu überstehen gilt, nicht als etwas, dem man begegnet. Er hat sie so lange wie möglich hinausgezögert, selbst in den Vollmondnächten. Sein Atem stockt kaum merklich, bevor er ihn wieder kontrolliert fließen lässt. Aber es hat nichts verändert. Der Wolf ist geblieben. Mehr noch… er ist stärker geworden.
Ein Stuhl scharrt über den Boden, jemand flucht leise — Aneirin nimmt es kaum bewusst wahr. Nialls Worte legen sich darüber, ohne sich aufzudrängen. Sie treffen auf etwas, das Aneirin längst kennt. Und für einen Moment wird Aneirin mit einer Klarheit bewusst, die er bisher vermieden hat: Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass es da ist. Sondern darin, wie er die ganze Zeit versucht hat, damit umzugehen. Es geht nicht darum, es anders zu sehen oder zu benennen. Sondern darum, aufzuhören, die Augen vor dem zu verschließen, was es tatsächlich ist: ein Teil von ihm… Der Gedanke fühlt sich fremd an. Und gleichzeitig… unangenehm schlüssig.
Das Erkennen zieht durch seinen Blick wie ein flüchtiger Lichtschein – nicht stark genug, um Gewissheit zu geben, aber genug, um das Dunkel für einen Moment zu durchbrechen. Als der Schimmer in seinen Augen verblasst, ist sein Blick wieder ruhiger. Nicht gelöst, aber gefasster.
>>Der Wolf macht euch nicht besser oder schlechter als den Mann, der ihr wart. Er verstärkt nur, was bereits in euch liegt. Ihr wollt niemanden verletzen? Dann lernt, ihn zu kontrollieren. Lernt euch selbst zu kontrollieren. Nicht aus Angst… sondern aus neuem Verständnis. Für euch selbst. Furcht vor Neuem erwächst aus Unwissen. Und Wissen, das Kennenlernen der anderen Seite, ist das Einzige was euch davor bewahren kann, euch selbst zu verlieren.<<
Nialls Worte bleiben hängen. Nicht laut, aber hartnäckig. Aneirin lebt nun schon sieben Jahre mit dem Wolf. Sieben Jahre, in denen er niemanden verletzt hat, in denen er sich im Griff behalten hat. Wenn es je etwas an ihm verändert hätte… dann hätte er es doch längst bemerken müssen. Es stimmt, der Wolf macht ihn nicht besser oder schlechter.
Aneirins Blick senkt sich einen Moment. Es gab Zeiten, in denen er sich selbst kaum wiedererkannt hat. Aber nicht wegen des Wolfs. Sondern wegen allem, was danach kam. Ein Schatten huscht durch seinen Ausdruck, so flüchtig, dass er ihn sofort wieder zurückdrängt. Und doch… ist da dieses Drängen unter der Haut, das sich nicht mehr nur an die Vollmondnächte bindet. Aneirin spürt es inzwischen auch dann, wenn es eigentlich keinen ersichtlichen Grund gibt. Und zum ersten Mal lässt sich ein Gedanke nicht ganz beiseiteschieben: Dass es vielleicht nicht mehr ausreicht, es einfach nur zurückzuhalten. Dass seine Kontrolle nicht so unerschütterlich ist, wie er bisher geglaubt hat, wenn er seinen Weg weiter geht. Seine Finger zucken leicht, als würde er etwas zurückhalten, das sich nicht mehr ganz ruhig halten lässt.
Aneirin richtet sich ein wenig auf, unbewusst, als würde er Abstand zu dem Gedanken suchen. Sein Blick hebt sich wieder, langsamer diesmal, erst nachdem sich der Gedanke gesetzt hat. Und bleibt schließlich an Nialls Kehle hängen. An den nach innen gerichteten Spitzen des Halsbandes, die im flackernden Licht matt aufblitzen. Nialls Worte klingen in ihm nach: nicht unterdrücken, Kontrolle, Verständnis. Und doch trägt Niall so etwas. Etwas, das überhaupt nicht nach Vertrauen aussieht. Für einen Moment sagt Aneirin nichts. Nicht, weil ihm die Worte fehlen — sondern weil er sie abwägt.
Eine Schankmaid tritt an den Tisch, ein flüchtiges Lächeln auf den Lippen, das mehr Gewohnheit als echtes Interesse ist. „Noch etwas?“ fragt sie, den Blick zwischen ihnen wechselnd, als spüre sie die Spannung, ohne sie einordnen zu können. Aneirin hebt kurz den Kopf und schüttelt ihn schließlich leicht. „Nein, danke.“ Sie nickt, nimmt beiläufig einen leeren Krug von einem der Nachbartische und verschwindet wieder im Stimmengewirr des Schankraums, das sich sofort wieder über den Moment legt. Aneirin atmet leise aus.
Dann hebt er den Blick ganz. „Ihr sagt, man soll ihn nicht zurückstoßen… ihn kennenlernen.“ Seine Stimme ist ruhig, nachdenklich, ohne Schärfe. „Und doch… haltet Ihr Euch selbst so in Schach.“ Sein Blick bleibt offen, suchend, nicht vorwurfsvoll – streift dabei unwillkürlich noch einmal die Spitzen an Nialls Kehle. „Ist das Euer Weg… ihn zu kontrollieren?“
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„Alle großen Leute waren einmal Kinder, aber nur wenige erinnern sich daran.“
— Antoine de Saint-Exupéry
21. Langschnee 525
Aneirin sieht zuerst nur zwei kleine Gestalten, die zögernd unter der Tischkante hervorkommen. Dunkelblonde Locken, Sommersprossen, große Augen, in denen sich noch immer ein Rest von ertappter Heimlichkeit spiegelt. Er schaut zu ihnen hinunter und lächelt.
Sie bleiben einen Moment stehen, als müssten sie erst prüfen, ob dieser fremde Mann tatsächlich ungefährlich ist. Dann macht Nuala einen Schritt vor, während ihr Bruder dicht neben ihr bleibt. Aneirin geht langsam in die Hocke, damit sie nicht zu ihm aufsehen müssen.
„Aneirin“, wiederholt Nuala sehr ernsthaft, als probiere sie den Namen aus. „Das ist ein schöner Name.“
„Danke“, erwidert er ebenso ernst. „Und ihr seid Fiachra und Nuala.“
Fiachra nickt knapp, als bestätige er eine wichtige Tatsache. Nuala hingegen mustert Aneirin mit offener Neugier, als gäbe es an ihm sehr viel zu entdecken.
Während sie zu sprechen beginnen – zunächst vorsichtig, dann immer lebhafter – merkt Aneirin schnell, dass ihre Worte schneller kommen als seine Antworten. Schließlich setzt er sich ganz einfach vor sie auf den Boden, die Beine locker angewinkelt, denn so ist es leichter, ihnen zuzuhören. Den Becher Apfelwein, den Cináed ihm gereicht hat, hält er noch immer in der Hand. Und er hört ihnen wirklich zu.
Er folgt ihren Geschichten mit der größtmöglichen Aufmerksamkeit: von der Katze Zimtstern, die nur wenige Menschen möge. Er wäre er Nuala sehr dankbar, wenn sie ein gutes Wort für ihn einlegen würde. Vom Pfeifen, das schwierig sei, was Aneirin nur bestätigen kann. Von anderen Dingen, die Kinder wichtig finden und Erwachsene oft überhören.
Als Nuala zu ihm aufblickt, blitzt für einen flüchtigen Augenblick eine Erinnerung auf: Brianna. Die gleiche Art, die Stirn leicht zu neigen, wenn sie etwas erklärt. Die gleiche Ernsthaftigkeit, mit der ein Kind seine Welt ordnet. Nur die Augen sind anders. Nicht grün wie Briannas. Diese sind himmelblau. Die Erinnerung an seinen Sonnenschein kommt und geht wieder, mit einem leisen Ziehen, aber ohne Schmerz.
„Kannst du pfeifen?“ fragt Nuala schließlich noch einmal mit großem Ernstnach, nachdem die mit ihrem Bruder über die Schwierigkeiten des Pfeifens diskutiert hat. Aneirin zieht leicht die Brauen hoch.
„Ein bisschen“, gibt er zu. „Aber ich glaube, im Backen bin ich besser.“
Sofort werden beide aufmerksam.
„Backen?“ fragt Fiachra.
„Auch Süßes?“ ergänzt Nuala hoffnungsvoll. Aneirin nickt langsam.
„Manchmal. Kekse und solche Dinge. Aber meistens backe ich Brot und Brötchen.“
Die Zwillinge sehen ihn an, als wäre das eine überraschende Enttäuschung.
Dann fügt er hinzu: „Heute habe ich allerdings süße Rosinenbrötchen mitgebracht.“
Die Wirkung ist unmittelbar: Beide Kinder strahlen gleichzeitig, und ihre Blicke beginnen sofort suchend durch den Raum zu wandern, als könnten die Brötchen irgendwo auf geheimnisvolle Weise erschienen sein. Aneirin schmunzelt.
„Die habe ich Rhona in der Küche gegeben.“
Die Zwillinge sehen sich an. Es ist dieser kurze, wortlose Blick, den Geschwister austauschen können, wenn kein Satz nötig ist. Aneirin denkt an seine eigenen wortlosen Blicke, die er immer mit Aniesa getauscht hat. Sie haben sich stets auch ohne Worte verstanden und Aneirins Mutter behauptete mehr als einmal, dass sie ganz sicher telepathische Fähigkeiten besitzen mussten.
Da nicken die Zwillinge – gleichzeitig, vollkommen einverstanden. Und im nächsten Moment sind sie auch schon auf dem Weg zur Tür. Aneirin sieht ihnen noch einen Augenblick nach, das Lächeln noch immer auf seinen Lippen. Als ihre kleinen Schritte im Flur verklungen sind, nimmt er einen Schluck vom Apfelwein, um nichts zu verschütten, wenn er sich erhebt. Langsam steht er auf und tritt zu Lyall und Cináed hinüber, lässt sich dort in einen Sessel sinken.
„Herzallerliebst…“, murmelt er lächelnd, lehnt sich etwas zurück und nippt ein weiteres Mal an dem Apfelwein.
Das Feuer knackt leise.
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„Ein gegebenes Wort ist ein gegebenes Wort.“
— Theodor Fontane
21. Langschnee 525
Liam taucht schnell wieder auf und schließt die Tür leise hinter sich. Die wenigen Schritte zu Aneirin hat er ebenso rasch überbrückt. „Lyall ist noch oben“, sagt er leise. „Sie macht sich fertig, kommt aber sicher gleich.“ Er deutet kurz zur Sitzecke. „Du kannst gern warten. Setz dich ruhig.“ Aneirin schüttelt kaum merklich den Kopf. „Danke, ich bleibe solange stehen.“
„Wie du magst.“ Liam lächelt. „Ich muss nochmal in die Küche. Rhona braucht Hilfe. Und ich sollte mich auch noch umziehen.“ Er hebt kurz die Hand. „Bis gleich.“ Dann ist er verschwunden.
Aneirin bleibt allein in der Halle zurück. Das Feuer knackt leise im Ofen, irgendwo im Haus klingt Gelächter auf, Schritte, Stimmen, das Klirren von Geschirr dringt aus der Küche. Die Wärme legt sich weiter um Aneirin, nimmt ihm die letzte Kälte des Weges. Er wartet geduldig. Nicht unruhig, nur ein klein wenig aufgeregt.
Da hört er das leise Knarren von Stufen, Schritte auf der Treppe. Aneirin hebt den Blick. Der Hausherr schreitet ruhig und aufrecht die Stufen hinab, jede Bewegung gelassen, sicher. Das warme Licht aus der Halle legt sich auf sein rotes Haar und den Stoff seiner Kleidung, lässt ihn beinahe wie einen festen Bestandteil dieses Hauses wirken – nicht als Gastgeber, sondern als jemand, der hier einfach hingehört.
Aneirins Blick wandert weiter. Und bleibt an Lyall hängen. Der Stoff ihres Kleides fällt weich um ihre Schritte, fängt das Licht ein und gibt es gedämpft wieder frei. Ihr dunkles Haar liegt in offenen Wellen über ihren Schultern, und zwischen den Strähnen zeichnen sich die vertrauten Konturen ihrer Wolfsohren ab.
Aneirin blinzelt. Für einen Moment wirkt alles an ihr fremd und zugleich vertraut. Schön war sie für ihn immer gewesen. Aber in diesem Augenblick zeigt sich etwas an ihr, das er so noch nie wahrgenommen hat – und das ihn still innehalten lässt. Er hat sie schon einmal in einem Kleid gesehen. Aber nicht so. Nicht mit dieser Ruhe, nicht mit dieser selbstverständlichen Eleganz. Sein Blick löst sich nicht mehr von ihr. Sie kommt näher und plötzlich beschleunigen sich ihre Schritte, verlieren die vorsichtige, erlernte Zurückhaltung. Da ist nur noch offene, unverstellte Freude.
Aneirin macht unwillkürlich einen Schritt vor. Dann noch einen, fast als fürchte er, sie könnte im letzten Augenblick doch noch stolpern. Ihre Arme öffnen sich und er schließt sie fest in seine eigenen. Er hält sie, ohne zu zögern. Sein Gesicht sinkt in ihr Haar, der vertraute Duft trifft ihn sofort, warm, lebendig. Seine Lippen streifen beinahe die Haut ihres Halses, dort, wo der weite Ausschnitt des Kleides beginnt. Für einen Atemzug bleibt er einfach dort, spürt die Nähe, die Wirklichkeit dieses Moments.
„Ja… Ich bin hier“, murmelt er leise in ihr Haar. Er hält sie einen Herzschlag länger, als es vielleicht nötig wäre. Dann löst er sich langsam. Sein Blick sucht ihren, warm, offen – und er lächelt. Dieses ehrliche, ruhige Lächeln, das so unverkennbar zu ihm gehört.
Cináed tritt ganz unaufdringlich hinzu. Aneirin wendet sich ihm zu, noch ganz in diesem Nachklang der Umarmung, und reicht ihm die Hand. Der Hausherr neigt leicht den Kopf, eine Geste, die mehr Respekt als Förmlichkeit in sich trägt. Als sich ihre Hände schließen, spürt Aneirin sofort die feste, ruhige Wärme darin – keinen prüfenden Griff, sondern eine Selbstverständlichkeit, die ihm unerwartet guttut. Mehr braucht es nicht.
Aneirin nickt, hält den Händedruck einen Augenblick länger, als es der bloßen Begrüßung entspräche, und legt schließlich auch die linke Hand kurz auf Cináeds. „Danke…“, murmelt er ehrlich. „…dass ich hier sein darf.“
Neben ihnen steht Lyall, ganz erfüllt von diesem Moment. Aneirin nimmt sie aus dem Augenwinkel wahr – das Lächeln, das sie nicht zurückhalten kann, die Leichtigkeit, die von ihr ausgeht. Sie sagt nichts, muss nichts sagen. Ihre Freude liegt offen zwischen ihnen, warm und still. Und während die Männer die Begrüßung lösen, begreift Aneirin, dass er nicht nur angekommen ist. Er ist willkommen.
Aneirin folgt Lyall und Cináed zu der Tür hinter jener Liam zuvor nach der Wargin suchte. Schon im Türrahmen schlägt ihnen wohlige Wärme entgegen. Das Feuer im Kamin brennt ruhig, sein Licht tanzt über Wände und Decke. Der große Tannenbaum in der hinteren Ecke glitzert im Schein der Kerzen, Nadeln und Schmuck fangen das flackernde Licht ein und werfen es sanft zurück in den Raum.
Die Jultafel steht bereits gedeckt, still und feierlich, als warte sie darauf, dass Stimmen und Bewegung sie zum Leben erwecken. Farben, Düfte, das matte Glänzen von Metall und Glas – alles wirkt sorgfältig gewählt, mit einer Ruhe, die nichts zur Schau stellt und gerade deshalb so eindringlich ist.
Aneirin tritt ein und bleibt unwillkürlich stehen. Er nimmt alles gleichzeitig wahr und doch nichts ganz: das Grün der Zweige, das warme Rot, die goldenen Reflexe, das leise Knacken des Holzes im Kamin, den Duft von Gewürzen und frischem Gebäck. Für einen Moment starrt er mit vor Erstaunen leicht geöffnetem Mund. Er ist er mehr als überwältigt. Es ist zu viel… und doch genau richtig.
So lange hat er nicht mehr gefeiert. Die Jahre nach Briannas Tod sind an ihm vorübergezogen, ohne Schmuck, ohne Lichter. Höchstens ein kleines Gesteck mit einer Kerze auf dem Tisch, das Valeria und Falk ihm irgendwann hingestellt hatten – mehr hatte er nicht zugelassen, sich selbst nicht erlaubt.
Jetzt steht er hier, mitten in Wärme, Farbe und Erwartung, und weiß für einen Moment nicht, wohin er zuerst schauen soll. Sein Blick wandert über die Tafel, den Baum, die Spiegelungen im Licht – und bleibt schließlich einfach irgendwo dazwischen hängen, während er tief durchatmet.
Da bemerkt er im Augenwinkel eine zunächst unscheinbare Bewegung. Ganz am anderen Ende der Tafel, halb verdeckt vom lockeren Gesteck aus Zweigen und getrocknetem Obst, ragen gleich zwei kleine Berge dunkelblonder Locken hinter der Tischkante hervor. Dann erscheinen zwei suchende kleine Hände, die vorsichtig durch die Schlehenblüten nach den kandierten Orangenscheiben auf dem Tisch tasten. Kaum, dass sie etwas gefunden haben, sind sowohl Hände als auch Locken wieder verschwunden. Doch als Aneirin etwas genauer lauscht, kann er ein leises, heimliches Kichern vernehmen.
Aneirin spürt, wie sich ein leises Lächeln in sein Gesicht stiehlt. Er sagt nichts, geht keinen Schritt näher, macht keine Bewegung, die sie verraten würde. Stattdessen hebt er nur leicht die Brauen – ein stilles Einverständnis, das mehr Verschwörung als Tadel in sich trägt.
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„Sometimes the bravest thing you can do is show up.“
— aus ‚Grey’s Anatomy‘21. Langschnee 525
Die große Südstraße liegt ruhig vor ihm, als Aneirin sie erreicht. Der Schnee hat sie mit einer gleichmäßigen, gedämpften Decke überzogen, die jeden Schritt weicher macht, jedes Geräusch schluckt. Die Stadt liegt bereits hinter ihm, ihre Geräusche sind verebbt, zurück bleibt nur das leise Knirschen seiner Stiefel und sein eigener Atem.
Zu beiden Seiten des Weges breitet sich das Land flach aus. Felder, die unter dem Schnee ruhen, als hätten sie beschlossen, den Winter einfach hinzunehmen. Hier und da ragen niedrige Hecken hervor, dunkle Linien im Weiß, und vereinzelt stehen kahle Bäume, deren Äste wie feine Linien in den grauen Himmel greifen. Weiter hinten, dort wo sich die Landschaft leicht hebt, verdichtet sich das Larisgrün, still und dunkel. Nur wenige Reisende kommen ihm entgegen, hinterlassen ihre Spuren im frischen Schnee.
Aneirin geht gleichmäßig, lässt den Blick schweifen. Der Atem geht ruhig. Seine Schultern fühlen sich leichter an, als sie es seit Langem getan haben. Seine Gedanken wandern, aber nicht mehr in diesen müden Kreisen von früher. Sie kommen und gehen. Er denkt an Lyall, an ihr Lächeln, an den Moment, in dem sie ihn angesehen hat, als hätte sie nicht gezweifelt, dass er kommen würde. Er denkt an die Wärme in der Bäckerei, an Falks schiefes Grinsen, an das leise Klirren der Münzen in Valerias Hand. Er denkt an Niall und das, was er angestoßen hat.
Und irgendwo dazwischen begreift er etwas, das er lange nicht benennen konnte: Dass die letzten Jahre schwer gewesen sind. Nicht nur traurig, sondern leer. Als hätte er sich selbst auf Abstand gehalten, aus Angst, noch mehr zu verlieren. Die Monde und Zwölfmonde waren vergangen, ohne wirklich zu vergehen. Arbeit, Schlaf, Arbeit. Eine Routine, die ihn beschützt hat. Aber nun… Nun fühlt es sich an, als würde etwas wieder in Bewegung kommen. Nicht plötzlich. Nicht mit einem Schlag. Eher wie Schnee, der langsam taut.
Er bleibt kurz stehen, zieht den Mantel enger um sich und atmet tief ein. Die kalte Luft brennt leicht in der Lunge, klar und wach. Es tut gut. Er ist hier. Er geht diesen Weg, weil er es will. Nicht, weil er muss.
Als er die Abzweigung nach Nachtschatten passiert, verändert sich die Landschaft. Der Weg wird schmaler, weniger begangen. An einer Wegkreuzung bleibt er kurz stehen, schaut in die möglichen Richtungen, versucht sich an die Wegbeschreibung zu erinnern, die Lyall ihm gegeben hat. Dann schlägt er den Pfad ein, der sich abseits hält, schmal und unscheinbar unter der frischen Schneedecke.
Der Bauernweg führt ihn fort von der Straße, hinein in die Stille. Der Schnee liegt hier nahezu unberührt, nur selten durchzogen von vorsichtigen, tierischen Spuren. Nach einer Weile taucht eine kleine Brücke auf, deren Geländer von Frost und Schnee weiß überzogen ist. Dahinter erhebt sich eine Toranlage aus hellem, grob behauenem Stein. Aneirin bleibt einen Moment stehen, hebt den Blick. Die beiden steinernen Löwen auf den Pilastern wirken im Schneefall beinahe lebendig, als bewachten sie etwas Wertvolles.
Als Aneirin durch die Toranlage tritt, verlangsamt sich sein Schritt beinahe von selbst. Der Hof von Glyn-y-Defaid öffnet sich vor ihm wie ein eigener kleiner Kosmos. Der Himmel über ihm ist nicht mehr das klare Winterblau des Nachmittags – die Dämmerung hat bereits eingesetzt, legt ein kühles, weiches Licht über die Welt, ohne sie schon ganz der Dunkelheit zu überlassen.
Der Schnee liegt auch hier weich auf dem Pflaster, doch die Spuren der Menschen sind überall sichtbar – breite, freigeschaufelte Wege, sich kreuzende Fußabdrücke, das dumpfe Geräusch einer Schaufel, die irgendwo gegen Stein schlägt. In der Luft liegt dieses sonderbare Zwielicht, in dem Geräusche gedämpfter klingen und alles einen Hauch von Ruhe annimmt.
In der Mitte des Platzes erhebt sich ein alter Baum, dessen mächtige Äste sich schützend über einen steinernen Brunnen beugen. Selbst jetzt, im Winter, wirkt er lebendig, als trüge er die Geschichte dieses Ortes in sich – und als würde er all jene willkommen heißen, die in dieser Stunde hier ankommen.
Aneirin bleibt kurz stehen und lässt den Blick wandern. Ringsum liegen die Wirtschaftsgebäude, solide und zweckmäßig, aus demselben hellen Stein errichtet wie die Toranlage. Aus einer der Stallungen dringt gedämpftes Schnauben, irgendwo klappert Holz, und der Geruch von Rauch, Tieren und kalter Erde liegt in der Luft. Menschen sind unterwegs – eine Gestalt, die Schnee vom Weg schiebt, eine andere, die mit einem Korb unter dem Arm zwischen den Gebäuden hindurchgeht. Niemand wirkt gehetzt. Alles folgt einem ruhigen, geübten Rhythmus.
Aneirin hebt die Hand zum Gruß, als ihm jemand entgegenkommt, und wird unerwartet freudig empfangen. Als er nach dem Herrenhaus fragt, deutet man ihm gerne den Weg. Er folgt dem Hinweis und bleibt schließlich stehen.
Vor ihm erhebt sich das Herrenhaus, größer als die übrigen Gebäude, aber nicht prunkvoll. Die hellen Steine wirken warm im Winterlicht, das Schieferdach trägt eine feine Schneeschicht. Über der Eingangstür spannt sich ein hölzerner Vorbau, an dem sich selbst jetzt noch die kahlen Ranken des Goldregens entlangziehen. Weinreben klettern an den Wänden empor, ihre Blätter längst gefallen, doch ihre Linien noch sichtbar, als warteten sie nur auf den nächsten Frühling. Lichter brennen hinter den Fenstern.
Und erst jetzt, als er wirklich davorsteht, spürt Aneirin, wie sein Herz schneller schlägt. Er hört seinen eigenen Atem. Spürt das Gewicht des Beutels an der Schulter, den festen Stand der Stiefel auf dem gefrorenen Boden. Für einen Augenblick ist da dieses alte, vertraute Ziehen in ihm. Die Stimme, die fragt, ob es nicht leichter wäre, einfach umzudrehen. Den Weg zurückzugehen. Nichts zu erklären. Sein Griff um den Riemen des Brotbeutels wird fester. Er atmet tief durch.
Dann richtet Aneirin den Blick wieder auf die Tür. Hinter dem Holz schimmert warmes Licht hervor, gedämpfte Stimmen, Bewegung – Leben. Er hebt die Hand, um zu klopfen. Doch das alte leise, aber hartnäckige Zerren lässt ihn zögern. Seine Finger verharren in der Luft. Er denkt an Lyall, an die Selbstverständlichkeit, mit der sie gesagt hatte, dass er kommen solle. Dass es passt. An das Versprechen, das er ihr gegeben hat: Ich komme.
„Macht niemand auf?“
Die Stimme kommt so plötzlich, dass Aneirin zusammenzuckt. Er fährt herum, ein wenig ertappt, und sieht sich einem jungen Mann gegenüber, der ein breites, offenes Lächeln im Gesicht trägt. Dunkelblondes Haar lugt unter einer Mütze hervor, graugrüne Augen mustern ihn neugierig, aber freundlich. In seinen Armen hält er ein Bündel Holz.
„Ich glaub, du müsstest etwas lauter klopfen“, meint der Fremde gutmütig. „Die sind alle mitten in den Vorbereitungen. Kann sein, dass sie’s sonst gar nicht hören.“
Aneirin blinzelt, will gerade ansetzen zu erklären, dass er noch gar nicht geklopft habe, da legt der andere den Kopf leicht schief.
„Moment…“ Ein erkennendes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Du bist Aneirin, oder? Lyall hat von dir erzählt. Sie meinte, du würdest heute kommen.“
Überrascht hebt Aneirin die Brauen. „Ja. Also…“
„Dann passt das ja“, unterbricht ihn der junge Mann fröhlich. „Ich wollte sowieso nach hinten zur Küche. Kann gleich Bescheid sagen.“ Er deutet mit dem Daumen über die Schulter. „Oder du kommst einfach mit. Ist wärmer als hier draußen.“
Seine Art ist unbekümmert, offen, als sei Aneirin längst Teil dieses Ortes. Bevor dieser noch recht weiß, was er antworten soll, hat der andere sich schon in Bewegung gesetzt, wirft ihm einen aufmunternden Blick zu.
„Komm schon. Die warten bestimmt schon.“
Aneirin zögert noch einen Herzschlag. Dann senkt er die Hand, die eben noch zum Klopfen erhoben war und folgt ihm.
„Ich bin übrigens Liam“, meint der Blonde über die Schulter hinweg, ehe er die Tür zur Küche aufstößt. „Ich sag nur schnell–“ Weiter kommt er nicht.
„Halt!“ Die Stimme kommt scharf wie ein Messerhieb. Liam bleibt augenblicklich stehen, noch halb im Türrahmen, und seufzt leise, als hätte er genau das erwartet. Vor ihm steht eine Frau mit rehbraunen Augen und einem Gesicht, das zugleich freundlich und unerbittlich wirken kann – je nachdem, wie man ihr begegnet. Ihr kastanienbraunes Haar ist zu einem praktischen Knoten gebunden, einzelne Locken haben sich gelöst und tanzen in der warmen Luft der Küche. Ihr Blick wandert prüfend über Liam, bleibt an seinen Stiefeln hängen, gleitet über Mantel und Schultern – und verengt sich minimal.
„Schnee“, stellt sie trocken fest. Noch ehe Liam etwas erwidern kann, ist sie schon bei ihm, klopft mit geübten Handgriffen Mütze und Schultern ab. Flocken rieseln zu Boden und bilden kleine, dunkle Flecken auf den sauberen Steinen. Liam zieht nur die Schultern hoch, grinst unschuldig und lässt es über sich ergehen.
„Ich habe heute drei Mal gewischt“, sagt sie, ohne die Stimme zu heben. „Drei. Mal.“
Liam hebt beschwichtigend die Hand. „Ich war vorsichtig.“
„Nein warst du nicht.“
Dann fällt ihr Blick auf Aneirin. Einen Moment mustert sie ihn – den Schnee in den Falten seines Mantels, die Spuren des Weges an seinen Stiefeln – und seufzt leise, aber nicht unfreundlich.
Liam grinst breit. „Das ist Rhona. Meine Cousine. Herrscherin über alles, was sauber bleiben soll.“ Er deutet mit dem Daumen über die Schulter. „Und das hier ist Aneirin. Der Gast, von dem Lyall erzählt hat.“
Rhonas Gesicht hellt sich sofort auf. „Ach? Na, dann komm näher.“ Mit wenigen, geübten Handgriffen klopft sie auch Aneirin den Schnee von den Schultern und dem Mantel, nicht grob, aber mit jener resoluten Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch duldet. Erst als sie zufrieden ist, nickt sie knapp.
„So. Jetzt könnt ihr rein. Aber langsam.“ Aneirin stampft den letzten Dreck von den Stiefeln, bevor er Liam in die Küche folgt. Dieser legt das Holz ab und steuert sogleich auf eine weitere Tür zu. „Komm“, sagt er über die Schulter. „Ich zeig dir, wo du deinen Mantel aufhängen kannst.“
„Moment noch…“, wendet Aneirin ein und dreht sich zu Rhona um. Er deutet auf den Brotbeutel über seiner Schulter. „Ich habe frisches Brot und Rosinenbrötchen mitgebracht.“ Er tritt näher und übergibt ihr die in Tücher gewickelten Backwaren aus seinem Brotbeutel. Liam beugt sich neugierig über seine Schulter. „Rosinenbrötchen…“, murmelt er sehnsüchtig und will schon zugreifen. Doch Rhonas Hand ist schneller. Ein leichter Klaps auf seine Finger, nicht schmerzhaft, aber eindeutig. „Finger weg. Die gibt es später. Für alle.“
Dann sieht sie wieder zu Aneirin und es liegt ein echtes Lächeln in ihrem Blick. „Vielen Dank. Das kommt gerade recht. Ich schneide es gleich auf.“ Ohne weitere Worte wendet sie sich ihrer Arbeit zu.
Liam legt Aneirin im Vorbeigehen kurz die Hand auf die Schulter und beugt sich zu ihm. „Beste Entscheidung des Abends“, flüstert er verschwörerisch. „Sie mag dich.“ Dann nickt er in Richtung der Tür. „Komm.“
Die Eingangshalle des Herrenhauses ist kleiner, als Aneirin erwartet hat. Die Wände sind von vier alten Wandteppichen geschmückt, deren Farben im warmen Licht der Lampen sanft schimmern. Ein Kachelofen verbreitet wohlige Wärme, daneben steht eine kleine Sitzecke – ein niedriger Tisch, zwei lederne Ohrensessel, mit weichen Lammfellen ausgelegt. Alles wirkt gebraucht, aber gepflegt. Ein Haus, in dem gelebt wird.
Liam deutet auf einen Garderobenständer nahe der Eingangstür. „Hier kannst du deinen Mantel aufhängen. Warte kurz hier“, meint er. „Ich schau, ob ich sie finde und sag Bescheid.“ Dann steuert er auf einen Raum gegenüber zu.
Aneirin bleibt zurück. Er löst den Verschluss seines Umhangs, hängt auch Mantel, Gugel und den Beutel ordentlich auf und streicht unbewusst noch einmal über den Stoff seiner blauen Tunika mit den goldenen Borten, als müsse er sich vergewissern, dass er wirklich angekommen ist. Die Kälte fällt langsam von ihm ab, während die Wärme des Hauses in ihn einsickert.
Für einen Moment überlegt er, ob er sich in die kleine Sitzecke setzen soll. Die Sessel sehen einladend aus, das Feuer knackt leise im Ofen. Doch er entscheidet sich dagegen. Stattdessen bleibt er stehen, die Hände locker an den Seiten, da er nicht weiß, wohin mit ihnen. Seinen Blick hält er einen Moment auf die Wandteppiche gerichtet, ohne sie wirklich zu sehen. Sein Atem geht ruhig, aber sein Herz schlägt schneller als eben noch. Und dann merkt er: Es fühlt sich richtig an, hier zu sein.
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„Trust is a dangerous thing. It makes you vulnerable.“
— aus Westworld14. Erntemond 525
Als Niall auflacht, dieses kurze, zynische Schnauben, spürt Aneirin, wie sich etwas in ihm zusammenzieht. Er sagt nichts, als sein Gegenüber nach dem Rum greift, beobachtet nur, wie der andere das Glas leert – hastig, achtlos. Ein Teil von ihm registriert den Akt fast beiläufig, ein anderer fragt sich, warum es ihm etwas ausmacht. Vielleicht, weil es das letzte bisschen Leichtigkeit zwischen ihnen nimmt.
>>Ihr hättet es mir gesagt… vermutlich…<< Aneirin hört die Worte, aber er hört vor allem den Ton darunter. Dieses halbe Lächeln, das mehr Urteil als Humor ist. Und mit einem Mal weiß er: Niall glaubt ihm nicht. Oder schlimmer – er glaubt, ihn durchschaut zu haben. Ein dumpfer Stich fährt ihm durch die Brust. Nicht aus verletztem Stolz. Sondern aus der bitteren Erkenntnis, dass Offenheit für manche Menschen nur eine weitere Schwäche ist, die man ausloten kann.
Als Niall ihn mustert, spürt Aneirin das Gewicht dieses Blicks. Nicht feindselig – aber kühl, abwägend. Wie man etwas betrachtet, das seinen Zweck erfüllt hat. Und während Niall spricht, begreift Aneirin langsam, was ihn eigentlich so enttäuscht hat: Nicht die Münze. Nicht der Schmerz. Sondern, dass Niall ausgerechnet dort geprüft hat, wo er selbst am verletzlichsten war. Dass er aus einem Moment von Nähe in dieser Verletzlichkeit ein Kräftemessen gemacht hat.
Als der Dunkelhaarige spricht, nimmt Aneirin jedes Wort auf. Der Schmerz der Münze hat die dumpfe Müdigkeit, die ihn zuvor noch benommen gehalten hatte, größtenteils von ihm abgeschüttelt. Jetzt ist er wacher, nimmt jedes Wort aufmerksamer wahr, als er es noch vor wenigen Augenblicken gekonnt hätte. Nicht nur den Inhalt – auch den Ton. Die Schärfe in Nialls Stimme lässt nach, schwankt zwischen Spott und etwas, das beinahe wie Müdigkeit klingt.
>>Sehr nur, was ihr angerichtet habt…<<
Aneirin verzieht keine Miene. Doch etwas trifft ihn innerlich. Nicht der Satz selbst – sondern, weil er erkennt, wie Niall sich dahinter verschanzt. Wie leicht es ihm fällt, die Situation in Ironie zu kleiden, sie kleinzureden, sich selbst über die Dinge zu stellen, statt sie wirklich anzusehen. Und Aneirin glaubt zu verstehen: Das ist kein Humor. Das ist Abwehr.
Als Niall den Blick senkt, als suche er im leeren Glas nach etwas, das dort nicht mehr ist, spürt Aneirin für einen flüchtigen Moment so etwas wie Mitgefühl. Nicht viel. Aber genug, um zu begreifen, dass auch dieser Mann wohl etwas verloren hat – oder zumindest glaubt, es verloren zu haben.
>>Ah, und vergesst es das schlechte Gewissen auf mich abzuwälzen. Schließlich habt ihr mich um die Wahrheit im ersten Anlauf betrogen und ebenso dreist um meine Bettgenossin...<<
Aneirin merkt, wie sich seine Schultern aus einer Art bitterer Resignation etwas verspannen. Niall wirft hier etwas in einen Topf, das für ihn nie dasselbe Gewicht hatte. Wahrheit. Vertrauen. Besitz. Für den Dunkelhaarigen scheint das alles austauschbar zu sein.
Aneirins Blick bleibt fast unwillkürlich an dem Halsband hängen. An den nach innen gerichteten Stacheln, die im schummrigen Licht matt aufblitzen, so unauffällig wie bedrohlich. An der Art, wie sie sich gegen Nialls Kehle schmiegen. Ein altes Stück, hatte Niall es genannt, als spräche er über ein Kleidungsstück. Eine Abschreckung. Ein Scherz vielleicht. Oder eben auch nicht. Es wirkt nicht wie Schmuck. Nicht wie eine Eigenart. Sondern wie etwas, das einen Zweck erfüllt.
>Es hält andere davon ab, auf dumme Ideen zu kommen. Und mich übrigens auch.< Der Satz hallt hartnäckig in Aneirin nach. Wenn Niall sich wirklich wandeln würde, so wie er selbst es kann – dann wäre dieses Ding kein Scherz. Kein selbstironischer Kommentar. Dann wäre es ein Risiko. Vielleicht sogar ein Todesurteil, sollte jemand anderes darüber entscheiden, wann es geschlossen oder gelöst wird. Der Gedanke daran lässt etwas Unbehagliches in ihm aufsteigen.
Aneirin fragt sich, ob Niall sich diese Grenze selbst gesetzt hat. Oder ob sie ihm auferlegt wurde. Er selbst hat gelernt, sich zu beherrschen — aber aus eigener Entscheidung. Er behält die Kontrolle – aus Schuldgefühl, aus Angst vor dem, was er anrichten könnte. Doch immer mit der Gewissheit, dass die Wahl letztlich bei ihm liegt. Bei Niall ist er sich dessen nicht mehr sicher. Der Gedanke gefällt ihm nicht. Und noch weniger gefällt ihm, wie sehr er ihn beschäftigt.
Als das Wort „vergebe“ fällt, hebt Aneirin kaum merklich den Blick. Da ist er wieder, dieser Tonfall. Dieses Spiel mit Überlegenheit, das sich als Großzügigkeit tarnt. Ein Teil von ihm will fast auflachen. Nicht aus Belustigung, sondern weil es so offenkundig ist. Du vergibst mir nichts, denkt er. Du tust nur so, als hättest allein du das Recht zu entscheiden, was falsch war.
Die Stille danach ist schwerer als jedes Wort. Aneirin hält sie aus, ohne sich zu rühren. Er senkt den Blick nicht, sucht keinen Ausweg. Und als Niall ihn mustert, dieses lauernde, prüfende Ansehen, fühlt Aneirin es deutlich: Das hier ist kein Spiel mehr. Das ist ein Abtasten. Abschätzen. Ein Versuch zu begreifen, warum er noch da ist.
>>Ihr hättet gehen können. Und dennoch seid ihr zurück an diesen Tisch gekommen…<<
Ja, hätte er. Er weiß es selbst. Er weiß auch, dass er sich normalerweise längst erhoben hätte. Mit einem knappen Nicken, einem sauberen Abgang. Einen Herzschlag lang wollte er genau dies tun. Aber irgendetwas hatte ihn gehalten. Da ist dieses verdammte Gefühl, dass das alles mehr war als ein Spiel. Dass Niall ihn nicht nur geprüft hat, sondern womöglich selbst etwas sucht – auch wenn er es hinter Spott und Schärfe verbirgt.
Als Niall ihn nun mustert wie ein Raubtier, spürt Aneirin keinen Impuls zur Flucht. Sein Blick ist ruhig, aber nicht mehr unberührt. In seinen Augen liegt keine Wut, keine offene Anklage – eher ein ruhiges Abwägen. In ihm klingt die Frage, ob es sich wirklich lohnt, noch einen Schritt weiterzugehen. Er atmet einmal tief ein, als würde er sich innerlich sammeln. Dann lehnt er sich minimal zurück, nicht abwehrend, eher so, als gäbe er dem Moment Raum.
Was ich erwarte? Aneirin atmet langsam aus, der Blick noch immer fest auf Niall gerichtet. Er erwartet nichts Großes. Er erwartet keine Entschuldigung. Nicht einmal Verständnis. Was er sucht, ist schlichter. Eine Antwort auf diese eine, unbequeme Frage, die sich in ihm festgesetzt hat: Meinte er es ernst?
„Ihr habt von einem Geschenk gesprochen. Von einem zweiten Leben. Einer zweiten Chance…“ Seine Stimme wird leiser, aber nicht unsicher. „Für mich war es bisher nichts davon. Es war Verlust. Schuld. Etwas, das man erträgt – nicht etwas, das man feiert.“
Aneirin lässt einen Moment verstreichen, als würde er abwägen, wie viel Wahrheit er sich noch leisten kann. Ein Teil von ihm weiß, dass genau hier der Punkt liegt, an dem man schweigt – oder ehrlich wird. Und er weiß, dass Schweigen in dieser Situation nur wieder ein Ausweichen wäre. Also hebt er den Blick wieder. Offen, unverstellt, als hätte er eine Entscheidung getroffen.
„Ihr seid der Zweite, dem ich begegne, der das mit mir teilt“, sagt er schließlich. „Wenn man die Frau nicht mitzählt, die mich gebissen hat.“ Für einen Herzschlag wirkt sein Blick abwesend. „Der Erste war ein Templer aus Verd. Ich blieb nach dem Ritual eine Zeit lang bei ihm. Er hat mir gezeigt, wie ich die Kontrolle behalte. Wie ich mit dem leben kann, was ich geworden bin.“
Ein Zögern. Kaum mehr als ein Hauch. „Er hatte gehofft, dass ich es akzeptiere.“ Das Wort schmeckt ihm nicht. „Aber das konnte ich nie wirklich. Also habe ich gelernt, es… zu tolerieren.“ Ein Schatten huscht über sein Gesicht. „Die meisten wissen nicht, was ich bin. Weder Familie noch Freunde. Und die, die es wissen… mussten es wissen.“ Sein Blick hebt sich wieder, vorsichtig und wachsam, aber nicht vorwurfsvoll.
„Ich spreche sonst nicht darüber“, fügt er hinzu. „Über das, was ich bin. Über das, was geschehen ist.“ Ein flüchtiges Kopfschütteln. „Aber in diesem einen Moment vorhin… habe ich nicht darüber nachgedacht.“ Ein tiefer Atemzug. „Denn für einen Moment habt Ihr mir das Gefühl gegeben, verstanden zu werden, ohne dass ich mich erklären muss. Und das hat gereicht, um mir glauben zu machen, ich könnte Euch vertrauen.“
Sein Blick fällt auf die eigene Hand. Er sieht die Rötung, spürt das Nachbrennen, das Ziehen im Arm. Langsam bewegt er die Finger, erneut prüfend, als müsste er sich vergewissern, dass sie immer noch gehorchen. Er schnaubt leise. Nicht spöttisch – eher über sich selbst. Er sollte wütend auf sein Gegenüber sein, ist es aber nicht. Jedenfalls nicht deswegen.
„Wenn Ihr also fragt, was ich von Euch erwarte…“ Für einen flüchtigen Moment wird Aneirin bewusst, was er hier tut. Dass er sich erneut weiter öffnet, als klug wäre. Dass er Niall damit etwas in die Hand gibt, das leicht gegen ihn verwendet werden könnte. Vielleicht würde er keine ehrliche Antwort bekommen. Vielleicht würde Niall ausweichen, spotten, das Gesagte zerreden – oder es gegen ihn wenden, so wie zuvor. Und vielleicht, denkt Aneirin ruhig, wäre das der Punkt, an dem er aufstehen und gehen müsste.
Er hebt den Blick wieder, ruhig, offen, ohne Herausforderung. „Dann nur eine ehrliche Antwort: Ob Ihr das wirklich so meintet. Denn wenn Ihr wirklich glaubt, dass es ein Geschenk ist… Eine Chance…“ Seine Stimme bleibt ruhig, doch in seinen Augen liegt etwas Fragendes, beinahe Hoffendes. „… dann wüsste ich gern, wie man lernt, so etwas zu glauben.“
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Was hören meine Ohren – eine neue Stimme? Tja, Aneirin wird sich wohl auf einen Bardenwettstreit einstellen müssen. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. 😉
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...wink ich hier auch mal rein
