“After the longest night, tomorrow we sing up the dawn. There is a rejoicing that, even in the darkest time, the sun is not vanquished.”
~ Dacha Avelin ~
21. Langschnee 525 – Julfeierlichkeiten
Still blickt Lyall zufrieden auf die fast vollends dekorierte Jultafel, die sich unter festlichem Glanz vor ihr ausbreitet. Für diesen Augenblick gleicht sie einem sorgsam komponierten Stillleben, einem Bild voll ruhiger Erwartung, das schon bald von Stimmen, Lachen und dem warmen Klang erhobener Becher erfüllt sein wird. Noch liegt eine feierliche Ruhe über ihr, ein Innehalten vor dem Beginn, das Lyall jedes Jahr aufs Neue schätzt.
Mit jedem Zwölfmond wandelt sich der Schmuck der Tafel ein wenig, folgt dem Lauf der Zeit und den Stimmungen jener, die an ihr Platz nehmen. Mal sind es andere Läufer, andere Gläser oder neue Farbklänge, die im Kerzenlicht schimmern und ein anderes Antlitz zeigen. Wie die Jahre selbst verändert das Gedeck seine Gestalt, und doch verliert es nie etwas von seiner stillen, feierlichen Schönheit; jener zeitlosen Würde, die diesem Abend innewohnt.
In diesem Jahr ist die Tafel in Tönen von Waldgrün, Blutrot und gedämpftem Gold gehalten; Farben, die Wärme und Tiefe ausstrahlen und etwas Erdendes, beinahe Heimeliges besitzen.
Zwei lange Läufer aus dunkelgrünem Samt ziehen sich zu beiden Seiten des Tisches entlang, einander spiegelnd wie die Bahnen still vorüberziehenden Himmelskörper. In ihr Gewebe sind Mondsicheln und Sternbilder von Roha eingearbeitet, die im flackernden Licht der Laternen sanft aufleuchten und den Blick unweigerlich einfangen. Auf diesem Band ruhen Geschirr und Besteck, als wären sie bewusst Teil eines größeren Musters.
Glänzend geölte Scheiben aus dem Stamm einer Birke, deren helle Rinde bewusst belassen wurde, dienen als Platzteller. Sie tragen je einen flachen und einen tiefen Suppenteller aus dunklem Zinn, dessen Ränder ein feines Neumondrelief zu Ehren Faêyris ziert. Kunstvoll gefaltete Stoffservietten bilden das Bett für kleine Gastgeschenke: Sträußchen aus duftenden Kräutern und Gewürzpflanzen, die mitgenommen oder gleich genutzt werden können, um heißen Met oder Wein zu verfeinern, sowie kandierte Orangenscheiben, auf die in Zuckerschrift der jeweilige Name des Gastes gesetzt wurde.
Für die Getränke stehen bauchige, elegant glasierte Keramikbecher bereit, tiefgrün und mit feinen goldenen Sprenkeln durchzogen, als hätten sich Sterne auf ihrer Oberfläche niedergelassen. Blank geschliffene Schalen aus Schiefer warten darauf, die Beilagen aufzunehmen, während kleine Gefäße aus Perlmutt und schimmerndem Waldglas bereits mit Salz, Pfeffer sowie Gewürzen wie Zimt und Anis gefüllt sind, um den Geschmack des Mahls sanft zu vollenden.
Das polierte Silberbesteck reflektiert den honiggoldenen Schein der entzündeten Laternen, und dünnwandige Gläser mit silbernem Rand funkeln mit dem Licht um die Wette. In der Mitte der Tafel liegt ein weitläufiges, bewusst locker gehaltenes Gesteck aus immergrünen Zweigen – Tanne, Fichte, Buchs und Eibe –, durchzogen von schmalen Bändern in Grün, Rot und Gold. Getrocknete Apfel- und Birnenscheiben, Nüsse und mit feinem Goldstaub bestäubte Zapfen fügen sich zu einer natürlichen Zier, die ebenso sehr zum Naschen wie zum Verweilen des Blickes einlädt.
Über den Tisch verstreut liegen getrocknete weiße Schlehenblüten, zart und unscheinbar wie gefallene Schneeflocken. Sie sind Sithech geweiht, dem Herrn des Winters, und erinnern an die stille Kälte, die über der Welt ruht, während unter ihr bereits die Erneuerung keimt.
Unter dem floralen Gesteck fangen polierte Metallspiegel zusätzlich das Licht ein, vervielfältigen es und lassen die Tafel größer, tiefer und beinahe grenzenlos wirken, als hätte man ein Stück der funkelnden Sternennacht selbst auf ihr ausgebreitet.
Die einzigen Elemente, die noch nicht ganz ihren endgültigen Platz gefunden haben, sind die Kerzenhalter und Ständer mit den noch unberührten Kerzen. Noch immer stehen die drei Frauen darüber gebeugt, leise diskutierend, ob diese besser als gemeinsames Zentrum wirken oder doch über die Länge des Tisches verteilt werden sollten. Mehrfach werden sie versetzt, neu gruppiert, wieder auseinandergezogen, bis schließlich Einigkeit herrscht: Zwei kleine Ensembles, bewusst versetzt, von hoch nach niedrig abfallend, sodass sie ein harmonisches Bild ergeben, ohne die Sichtlinien der einander gegenübersitzenden Gäste zu stören. „Das ist eine sehr gute Idee, Mair. So wirkt es wirklich stimmig“, sagt die Wargin anerkennend, während die Mägde die letzten Kerzenhalter an ihre endgültigen Plätze schieben.
So vertieft ist Lyall in das Arrangement, in Licht und Linien, dass sie erst bemerkt, dass ihr Liebster an sie herangetreten ist, als sich seine Arme bereits um sie legen. Ein leiser, überraschter Atemzug entweicht ihr, als sie seine Nähe spürt, die Wärme seines Körpers und seinen Atem, der sanft ihr Haar streift. Für einen Herzschlag zuckt sie zusammen – ganz untypisch für sie, ihn nicht gehört zu haben – doch sofort gibt sie sich der vertrauten Umarmung hin.
Still steht sie da, schließt die Augen und lässt das wohlige Gefühl in sich einsickern. Seine Wärme breitet sich langsam durch den Stoff ihrer Kleidung aus, vereint sich mit der ihren und wärmt sie auf eine Weise, wie es kein Kaminfeuer je vermocht hätte. Dass die Mägde kichernd den Raum verlassen, um ihnen ungestörte Zweisamkeit zu schenken, nimmt Lyall nur am Rande wahr. Zu sehr ist sie damit beschäftigt, Cináeds Küsse ebenso leidenschaftlich zu erwidern, wie sie ihr zuteilwerden; zu sehr darin verloren, die Vertrautheit dieser Berührung zu genießen.
Auch ihre Arme umschlingen fest seinen Körper und nur widerwillig löst sie sich ein wenig von ihm, um ihm in die Augen zu sehen, bereit zu antworten – doch was sie dort findet, lässt ihr den Atem stocken. So viel Liebe, so viel Zärtlichkeit liegt in seinem Blick, dass ihre Knie weich werden wollen, und ohne ein weiteres Wort presst sie sich erneut an ihn.
„Oh, es gab sehr viel zu tun“, erwidert sie schließlich ausweichend. „Bei dir sicher auch. Wir haben uns den ganzen Tag nicht gesehen …“ Ein leiser Anflug von Schuld regt sich in ihr, so früh aus dem gemeinsamen Gemach geflohen zu sein, doch ebenso ist sie überzeugt, dass es ihm nicht ganz ungelegen kam, einander an diesem Tag aus dem Weg gegangen zu sein. Jul ist nun einmal eine Zeit der Geheimnisse. Zumindest bis zur Bescherung. So wundert es sie nicht, dass er auf ihre Frage nach seinem Tag ähnlich vage antwortet. Ein verschmitztes Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht.
Bei der zweiten Frage jedoch zögert sie. Allein ihr Klang genügt, um ihr ein mulmiges Gefühl in die Magengrube zu legen.
„Ja, ich freue mich. Sehr sogar“, sagt sie schließlich leise. „Ich danke dir, mo leannan*, dass Aneirin das Fest bei uns verbringen kann. Du wirst ihn mögen, ganz bestimmt. Ich habe nur … nun ja … Bedenken, dass er es vielleicht doch nicht schafft. Oder… dass er sich nicht wohlfühlen könnte.“ Lyalls bernsteingoldene Augen folgen dem nachdenklichen Blick ihres Shida’ya auf die Szenerie vor dem Fenster, und wortlos stehen sie beieinander, während draußen der Schnee sanft vor dem Fenster herabfällt. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach.
Nun liegt es an Aneirin, ob er sein Versprechen wahrmacht. Oder nicht.
„Ich hoffe das Beste“, sagt sie schließlich ruhig. „Dieses Mal klang er wirklich … froh. Und ehrlich begeistert, der Einladung zu folgen.“ Mit einem tiefen Seufzer schüttelt sie die aufkeimenden Zweifel ab, bevor die Wargin sich Cináed betrachtend zuwendet. Sein rotes Haar schimmert im Licht des Kaminfeuers wie poliertes Kupfer, und für einen Moment ist sie versucht, ihr Gesicht in seine Hand zu schmiegen und weitere Zärtlichkeiten einzufordern. Doch draußen schwindet das Tageslicht in der selben Schnelligkeit, wie Laternen- und Feuerschein an Intensität gewinnen.
„Komm“, sagt sie schlussendlich leise lachend, „wir müssen uns noch herrichten. So können wir uns nicht an die Jultafel setzen. Rhona würde uns den Kopf abreißen.“ Dann fügt sie, verschwörerisch und mit einem warmen Funkeln in den Augen, hinzu: „Lass uns die verbleibende Zeit nutzen und … Versäumtes nachholen.“ Sanft, aber bestimmt ergreift sie seine Hand und führt ihn aus dem Kaminzimmer hinaus, die Stufen hinauf in ihr Gemach – fort von Pflicht und Vorbereitung, hinein in kurze aber ungestörte Zweisamkeit.
*Mein Geliebter