Beiträge von Lyall

    The best things in life are the moments that warm your heart.

    ~ unknown ~



    21. Langschnee 525 – Julfeierlichkeiten



    Als Lyall und Cináed die Kammer verlassen, liegt noch der Nachhall des letzten Kusses auf ihren Lippen. Ihre Finger streifen seine, während sie die Tür ihrer Kammer hinter sich schließen. Ein flüchtiges, fast schelmisches Lächeln huscht über ihr Gesicht. Doch noch bevor sie den ersten Schritt zur Treppe setzt, hält sie für einen winzigen Moment inne und sieht ihren Verlobten an. Nicht nur flüchtig. Sondern tief, ehrlich und unendlich liebevoll.

    Wie er dort steht… die dunkelgrüne Tunika schlicht und doch edel, der feine Goldsaum ein stilles Echo ihres eigenen Gewandes. Der Stoff legt sich ruhig über seine Schultern, betont die aufrechte Haltung, die ihm so eigen ist. Und darüber ergießt sich sein Haar mit diesem warmen, rötlichen Schimmer, das im Kerzenlicht beinahe zu glühen scheint, wie getriebene Bronze.

    Das an tiefe Wälder erinnernde Dunkelgrün bringt diesen Glanz nur noch stärker hervor, lässt ihn leuchten, als trüge er selbst ein Stück Abendsonne mit sich. Ein zärtliches Staunen legt sich in die Miene der Wargin. Ihr Gefährte.

    Noch immer fühlt sich dieses Wort an wie etwas Kostbares auf der Zunge. Sie würde ihren Shida´ya und seine Liebe zu ihr nie in Frage stellen. Jeden Tag ist sie erneut von tiefem Glück beseelt, dass auch er sie gewählt hat. Und jedes Mal, wenn sie ihn betrachtet, so ruhig, so sicher an ihrer Seite, weiß sie erneut, dass sie keine bessere Wahl hätte treffen können.

    Ihr Herz schlägt nicht schneller vor Aufregung, sondern es schlägt tiefer. Völlig eingenommen vom stillen, warmen Stolz, ihn ihren Gefährten nennen zu dürfen. Dass er an ihrer Seite geht. Dass er zu ihr gehört und sie zu ihm.


    Das leise Knarren der Stufen, das Murmeln von Stimmen unten in der Halle begleiten Cináeds und Lyalls Schritte hinab in die im goldenen Kerzenschein liegende Eingangshalle.

    Die Wargin kann auf diesem kurzen Weg nicht verhindern, dass weiterhin ein kleiner eisiger Stachel des Zweifels in ihrem Herzen sitzt und dieser erst langsam zu schmelzen beginnt, als sie Aneirins großer Gestalt gewahr wird.

    Er ist wirklich gekommen. Hatte sein Versprechen gehalten. Die Verbindlichkeit seiner Worte hatte die Drachenländern nicht wirklich in Frage gestellt, aber es blieb die stumme unbeugsame Angst in ihr, dass sein Platz an der Tafel erneut leer bleiben würde.

    Doch Aneirin steht dort, warm eingehüllt im Kerzenlicht, dieses für ihn so typische ehrliche Lächeln auf den Lippen und plötzlich löst sich etwas in ihr, von dem sie gar nicht bemerkt hatte, wie fest es angespannt gewesen war. Ihre Schultern sinken kaum merklich, ihr Blick wird weich. All die kleinen Zweifel, die sie oben noch mit Cináed geteilt hatte, zerrinnen wie Frost unter den Strahlen einer erstarkenden Frühlingssonne.

    Lyall kann nicht umhin, dass sich ihre Schritte unwillkürlich beschleunigen und die letzten Schritte legt sie nicht mehr mit zurückhaltender Anmut hinter sich (eine Anmut, die sie in den letzten Wochen versucht hatte sich anzueignen, um relativ unfallfrei mit einem ihr sonst eher ungewohnten Kleidungsstück die Treppe hinunter zu kommen), sondern mit offener, unverstellter Freude.

    Ihre Augen leuchten voll Vorfreude und der Kerzenschein zaubert goldene Reflexe in diese hinein. Als sie die Arme herzlich öffnet, ist es keine formelle oder banale Geste. Es ist ein warmes Willkommen, das aus tiefstem Herzen kommt.

    „Aneirin… Du bist wirklich hier.“ Und dann umarmt Lyall Aneirin rasch noch fester und freut sich von ganzem Herzen, dass er tatsächlich zu ihnen gekommen ist.

    Während die Männer kurz eine freundschaftliche Begrüßung austauschen, schwelgt Lyall in purer Glückseligkeit. Sie freut sich so sehr, dass er der Einladung gefolgt ist und nun wirklich hier vor ihnen steht. Aber am allermeisten freut sie sich, dass von ihm wieder diese fröhliche Leichtigkeit ausgeht, die sie so sehr an ihm schätzt und die ihn so unverkennbar ausmacht. Sie hofft inständig, dass der Abend für ihn eine Möglichkeit ist, wieder gesellig zu sein ohne ihn anzustrengen oder zu überfordern. Er soll hier seine Sorgen vergessen können und nach der Feier vielleicht auch eine Geborgenheit und Ruhe finden, die für seinen Geist heilsam sein kann.

    Wahrscheinlich wird sie bald ein Krampf in den Gesichtsmuskeln bekommen, aber die kann nicht anders als überglücklich zu lächeln, bevor sie in einer einladenden Geste in Richtung Kaminzimmer deutet. „Meine Herren, bitte. Lasst uns das Fest beginnen“.

    After the longest night, tomorrow we sing up the dawn. There is a rejoicing that, even in the darkest time, the sun is not vanquished.

    ~ Dacha Avelin ~



    21. Langschnee 525 – Julfeierlichkeiten



    Still blickt Lyall zufrieden auf die fast vollends dekorierte Jultafel, die sich unter festlichem Glanz vor ihr ausbreitet. Für diesen Augenblick gleicht sie einem sorgsam komponierten Stillleben, einem Bild voll ruhiger Erwartung, das schon bald von Stimmen, Lachen und dem warmen Klang erhobener Becher erfüllt sein wird. Noch liegt eine feierliche Ruhe über ihr, ein Innehalten vor dem Beginn, das Lyall jedes Jahr aufs Neue schätzt.

    Mit jedem Zwölfmond wandelt sich der Schmuck der Tafel ein wenig, folgt dem Lauf der Zeit und den Stimmungen jener, die an ihr Platz nehmen. Mal sind es andere Läufer, andere Gläser oder neue Farbklänge, die im Kerzenlicht schimmern und ein anderes Antlitz zeigen. Wie die Jahre selbst verändert das Gedeck seine Gestalt, und doch verliert es nie etwas von seiner stillen, feierlichen Schönheit; jener zeitlosen Würde, die diesem Abend innewohnt.


    In diesem Jahr ist die Tafel in Tönen von Waldgrün, Blutrot und gedämpftem Gold gehalten; Farben, die Wärme und Tiefe ausstrahlen und etwas Erdendes, beinahe Heimeliges besitzen.

    Zwei lange Läufer aus dunkelgrünem Samt ziehen sich zu beiden Seiten des Tisches entlang, einander spiegelnd wie die Bahnen still vorüberziehenden Himmelskörper. In ihr Gewebe sind Mondsicheln und Sternbilder von Roha eingearbeitet, die im flackernden Licht der Laternen sanft aufleuchten und den Blick unweigerlich einfangen. Auf diesem Band ruhen Geschirr und Besteck, als wären sie bewusst Teil eines größeren Musters.

    Glänzend geölte Scheiben aus dem Stamm einer Birke, deren helle Rinde bewusst belassen wurde, dienen als Platzteller. Sie tragen je einen flachen und einen tiefen Suppenteller aus dunklem Zinn, dessen Ränder ein feines Neumondrelief zu Ehren Faêyris ziert. Kunstvoll gefaltete Stoffservietten bilden das Bett für kleine Gastgeschenke: Sträußchen aus duftenden Kräutern und Gewürzpflanzen, die mitgenommen oder gleich genutzt werden können, um heißen Met oder Wein zu verfeinern, sowie kandierte Orangenscheiben, auf die in Zuckerschrift der jeweilige Name des Gastes gesetzt wurde.

    Für die Getränke stehen bauchige, elegant glasierte Keramikbecher bereit, tiefgrün und mit feinen goldenen Sprenkeln durchzogen, als hätten sich Sterne auf ihrer Oberfläche niedergelassen. Blank geschliffene Schalen aus Schiefer warten darauf, die Beilagen aufzunehmen, während kleine Gefäße aus Perlmutt und schimmerndem Waldglas bereits mit Salz, Pfeffer sowie Gewürzen wie Zimt und Anis gefüllt sind, um den Geschmack des Mahls sanft zu vollenden.

    Das polierte Silberbesteck reflektiert den honiggoldenen Schein der entzündeten Laternen, und dünnwandige Gläser mit silbernem Rand funkeln mit dem Licht um die Wette. In der Mitte der Tafel liegt ein weitläufiges, bewusst locker gehaltenes Gesteck aus immergrünen Zweigen – Tanne, Fichte, Buchs und Eibe –, durchzogen von schmalen Bändern in Grün, Rot und Gold. Getrocknete Apfel- und Birnenscheiben, Nüsse und mit feinem Goldstaub bestäubte Zapfen fügen sich zu einer natürlichen Zier, die ebenso sehr zum Naschen wie zum Verweilen des Blickes einlädt.

    Über den Tisch verstreut liegen getrocknete weiße Schlehenblüten, zart und unscheinbar wie gefallene Schneeflocken. Sie sind Sithech geweiht, dem Herrn des Winters, und erinnern an die stille Kälte, die über der Welt ruht, während unter ihr bereits die Erneuerung keimt.

    Unter dem floralen Gesteck fangen polierte Metallspiegel zusätzlich das Licht ein, vervielfältigen es und lassen die Tafel größer, tiefer und beinahe grenzenlos wirken, als hätte man ein Stück der funkelnden Sternennacht selbst auf ihr ausgebreitet.


    Die einzigen Elemente, die noch nicht ganz ihren endgültigen Platz gefunden haben, sind die Kerzenhalter und Ständer mit den noch unberührten Kerzen. Noch immer stehen die drei Frauen darüber gebeugt, leise diskutierend, ob diese besser als gemeinsames Zentrum wirken oder doch über die Länge des Tisches verteilt werden sollten. Mehrfach werden sie versetzt, neu gruppiert, wieder auseinandergezogen, bis schließlich Einigkeit herrscht: Zwei kleine Ensembles, bewusst versetzt, von hoch nach niedrig abfallend, sodass sie ein harmonisches Bild ergeben, ohne die Sichtlinien der einander gegenübersitzenden Gäste zu stören. „Das ist eine sehr gute Idee, Mair. So wirkt es wirklich stimmig“, sagt die Wargin anerkennend, während die Mägde die letzten Kerzenhalter an ihre endgültigen Plätze schieben.

    So vertieft ist Lyall in das Arrangement, in Licht und Linien, dass sie erst bemerkt, dass ihr Liebster an sie herangetreten ist, als sich seine Arme bereits um sie legen. Ein leiser, überraschter Atemzug entweicht ihr, als sie seine Nähe spürt, die Wärme seines Körpers und seinen Atem, der sanft ihr Haar streift. Für einen Herzschlag zuckt sie zusammen – ganz untypisch für sie, ihn nicht gehört zu haben – doch sofort gibt sie sich der vertrauten Umarmung hin.

    Still steht sie da, schließt die Augen und lässt das wohlige Gefühl in sich einsickern. Seine Wärme breitet sich langsam durch den Stoff ihrer Kleidung aus, vereint sich mit der ihren und wärmt sie auf eine Weise, wie es kein Kaminfeuer je vermocht hätte. Dass die Mägde kichernd den Raum verlassen, um ihnen ungestörte Zweisamkeit zu schenken, nimmt Lyall nur am Rande wahr. Zu sehr ist sie damit beschäftigt, Cináeds Küsse ebenso leidenschaftlich zu erwidern, wie sie ihr zuteilwerden; zu sehr darin verloren, die Vertrautheit dieser Berührung zu genießen.


    Auch ihre Arme umschlingen fest seinen Körper und nur widerwillig löst sie sich ein wenig von ihm, um ihm in die Augen zu sehen, bereit zu antworten – doch was sie dort findet, lässt ihr den Atem stocken. So viel Liebe, so viel Zärtlichkeit liegt in seinem Blick, dass ihre Knie weich werden wollen, und ohne ein weiteres Wort presst sie sich erneut an ihn.

    „Oh, es gab sehr viel zu tun“, erwidert sie schließlich ausweichend. „Bei dir sicher auch. Wir haben uns den ganzen Tag nicht gesehen …“ Ein leiser Anflug von Schuld regt sich in ihr, so früh aus dem gemeinsamen Gemach geflohen zu sein, doch ebenso ist sie überzeugt, dass es ihm nicht ganz ungelegen kam, einander an diesem Tag aus dem Weg gegangen zu sein. Jul ist nun einmal eine Zeit der Geheimnisse. Zumindest bis zur Bescherung. So wundert es sie nicht, dass er auf ihre Frage nach seinem Tag ähnlich vage antwortet. Ein verschmitztes Lächeln stiehlt sich auf ihr Gesicht.


    Bei der zweiten Frage jedoch zögert sie. Allein ihr Klang genügt, um ihr ein mulmiges Gefühl in die Magengrube zu legen.

    „Ja, ich freue mich. Sehr sogar“, sagt sie schließlich leise. „Ich danke dir, mo leannan*, dass Aneirin das Fest bei uns verbringen kann. Du wirst ihn mögen, ganz bestimmt. Ich habe nur … nun ja … Bedenken, dass er es vielleicht doch nicht schafft. Oder… dass er sich nicht wohlfühlen könnte.“ Lyalls bernsteingoldene Augen folgen dem nachdenklichen Blick ihres Shida’ya auf die Szenerie vor dem Fenster, und wortlos stehen sie beieinander, während draußen der Schnee sanft vor dem Fenster herabfällt. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach.

    Nun liegt es an Aneirin, ob er sein Versprechen wahrmacht. Oder nicht.

    „Ich hoffe das Beste“, sagt sie schließlich ruhig. „Dieses Mal klang er wirklich … froh. Und ehrlich begeistert, der Einladung zu folgen.“ Mit einem tiefen Seufzer schüttelt sie die aufkeimenden Zweifel ab, bevor die Wargin sich Cináed betrachtend zuwendet. Sein rotes Haar schimmert im Licht des Kaminfeuers wie poliertes Kupfer, und für einen Moment ist sie versucht, ihr Gesicht in seine Hand zu schmiegen und weitere Zärtlichkeiten einzufordern. Doch draußen schwindet das Tageslicht in der selben Schnelligkeit, wie Laternen- und Feuerschein an Intensität gewinnen.

    „Komm“, sagt sie schlussendlich leise lachend, „wir müssen uns noch herrichten. So können wir uns nicht an die Jultafel setzen. Rhona würde uns den Kopf abreißen.“ Dann fügt sie, verschwörerisch und mit einem warmen Funkeln in den Augen, hinzu: „Lass uns die verbleibende Zeit nutzen und … Versäumtes nachholen.“ Sanft, aber bestimmt ergreift sie seine Hand und führt ihn aus dem Kaminzimmer hinaus, die Stufen hinauf in ihr Gemach – fort von Pflicht und Vorbereitung, hinein in kurze aber ungestörte Zweisamkeit.


    *Mein Geliebter

    Winter is the time for comfort,

    for good food and warmth,

    for the touch of a friendly hand

    and for a talk beside the fire: is is the time for home.

    ~Edith Sitwell~




    21. Langschnee 525 – Julfeierlichkeiten



    Mit zierlichen und mittlerweile gekonnten Stichen lässt Lyall die mit feinem Silbergarn versehene Nadel in den Stoff ein- und ausgleiten, bis sie ihr Werk schließlich zu ihrer Zufriedenheit vollendet hat. Die gleichmäßigen Nähte und sauber gesetzten Verzierungen zeugen davon, wie sehr sich ihre Fertigkeiten in den letzten Jahren verfeinert haben. Die Zeiten, in denen sie sich mühsam an schiefen Kissenbezügen versucht hatte, liegen längst hinter ihr. Schon seit dem frühen Morgen sitzt sie in der kleinen Werkstatt, umgeben von Wolle, diversem Garn und Filzresten und bestickt ein paar der Geschenke noch mit Verzierungen oder dem Namen des jeweiligen Beschenkten, während Eira friedlich bei ihr schlummert und mit ihrem Hundekörper dankenswerterweise ihre Füße wärmt.


    Viel ist in den vergangenen Siebentagen zu tun gewesen, sodass sie diese letzten Verschönerungsarbeiten noch auf den letzten Drücker hatte ausführen müssen, doch die Wargin ist mit dem Ergebnis durchaus zufrieden. Zum Teil sind es aufwendige Geschenke, bei denen Schnittführung, Passform und Materialwahl ein ruhiges Händchen und Erfahrung erfordert hatten, und die Drachenländerin hatte schon vor mehreren Monden mit ihrer Herstellung begonnen, immer darum bemüht, dass keiner diese entdeckte oder auch nur eine Vermutung aufkeimen konnte, sie hätte etwas zu verbergen, was die Beschenkten hätte neugierig machen können.

    Manchmal war es sehr knapp gewesen und Lyall hatte in letzter Sekunde die noch unfertigen Stücke Hals über Kopf wegschaffen müssen und auf dem Hof gab es gefühlt keinen Ort mehr, an dem sie die Geschenke nicht zumindest ein Mal vor zu eifrigen Augen hatte verbergen müssen.

    Die Einzige, die in vieles eingeweiht war, ist Rhona, da sie ihrer Hilfe des Öfteren bedurft hatte, um Maße abzuschätzen beziehungsweise zu nehmen. Am liebsten jedoch hätte sie alles brühwarm ihrem Shida`ya erzählt, ihn mit ihren Ideen und der Materialauswahl vollgesprudelt, doch so hätte sie ihm auch die Überraschung und Vorfreude verwehrt und dies wollte sie beileibe nicht tun. So hatte sie stillgehalten und keinen Mucks von sich gegeben, war bei jeder in diese bestimmte Richtung zeigende Frage eisern geblieben. Doch nun ist sie froh, dass sie nur noch ein paar Stunden durchhalten muss, bevor sie endlich die Geschenke überreichen und hoffentlich in freudige Gesichter blicken kann.


    Mit einem prüfenden Blick hält sie ihre vollendete Arbeit hoch und ist zufrieden mit sich. Über die letzten Jahre hatte sie von Rhona, aber vor allem auch von Nara, gelernt, wie man mit den unterschiedlichen Stoffen und Garnen umzugehen hatte, wie man Schnitte anpasst, sauber säumt und Verzierungen setzt, ohne den Stoff zu verziehen. So hatte sie sich, zusätzlich zu ihren bereits vorhandenen Fähigkeiten im Lederhandwerk, auch im Nähen stetig weiterentwickelt und konnte inzwischen durchaus passable Arbeiten anfertigen. Rhona und Nara konnte sie natürlich nicht das Wasser reichen, und das war auch nie ihr Ziel gewesen.

    Sanft senkt die Drachenländerin die Arbeit wieder auf den Tisch und streckt sich, bevor sie sich hinunterbeugt und Eira den Kopf krault. Zufrieden schiebt der Hund seine Schnauze näher an ihre Hand und brummt leise, während Lyalls Blick zu dem kleinen Fenster der Werkstatt wandert. Draußen tanzen dicke Schneeflocken gemächlich vom Himmel und legen sich wie ein stilles Versprechen auf Hof und Dächer. Ein leises Lächeln huscht über ihr Gesicht: Schnee zum Julfest, passender hätte es kaum sein können.

    Während ihr Blick den fallenden Flocken folgt, wandern ihre Gedanken unweigerlich zu Aneirin. Sie hofft, dass er heil durch dieses kalte Weiß kommt, dass die verschneiten Wege ihm wohlgesonnen sind und ihn nicht aufhalten oder zur Umkehr zwingen. Seit er ihr zugesagt hat zum Julfest zu kommen, trägt sie diese stille Vorfreude in sich, ein warmes, fast vorsichtig gehütetes Gefühl, das sie sich lange nicht erlaubt hatte. Aneirin hatte ihre Einladung angenommen und doch wagt Lyall es kaum, sich vollends darauf zu verlassen. Nicht, weil sie an der Aufrichtigkeit seiner Worte zweifelt, das tut sie nicht einen Herzschlag lang, sondern weil sie zu gut wusste, wie schnell ihn die Schatten seiner Einsamkeit wieder einholen konnten.


    In den vergangenen Jahren war da diese dunkle Melancholie gewesen, die sich wie ein stiller Schleier um ihn gelegt hatte; die ihn fortzog, leise und unerbittlich, selbst dann, wenn er eigentlich bleiben wollte. Lyall fürchtet, dass sie ihn wieder verlieren könnte, noch ehe er den Hof überhaupt erreicht hat. An Zweifel, an Kälte, an jene innere Schwere, die ihn manchmal glauben ließ, er gehöre nicht dorthin, wo Wärme und Gemeinschaft auf ihn warteten. Der Gedanke schmerzt, und doch hält sie an der Hoffnung fest, dass dieses Mal alles anders sein könnte. Dass der Schnee ihn nicht verschluckt, sondern trägt. Dass das Licht des Julfestes, der Baum, das Feuer im Kaminzimmer und all das Ungesagte zwischen ihnen stark genug sind, um ihn das wohlige Beisammensein von Glyn-y-Defaid zu führen. Zu den Menschen, die sich auf ihn freuen.

    Sie atmet leise aus, lässt die Sorge nicht überhandnehmen, und schenkt dem tanzenden Schnee noch einen letzten Blick, bevor sie sich daran macht die Werkstatt zu verlassen.

    Mit geübten Handgriffen beginnt sie, die fertigen und halbfertigen Geschenke sorgfältig unter dicken Fellen und Filzbahnen zu verbergen, achtet darauf, dass nichts verrät, was sich darunter verbirgt. Erst als alles sicher verstaut ist löscht sie die kleine Öllampe und öffnet die Tür der Werkstatt, um das Badehaus zu verlassen.


    Kalte aber erfrischende Winterluft strömt kurz herein, während die Wargin alsbald begleitet vom leisen Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln den Hof überquert. Eira trottet neben ihr her über den Hof, bleibt hier und da stehen, um ihren eigenen Geschäften nachzugehen bevor sie in Richtung der Ställe davontrottet, während Lyall den Weg zum Haupthaus einschlägt.

    Die Wargin hört das rhythmische Schaben der hölzernen Schneeschaufeln und wäre gern zu den Männern geeilt, um ihnen bei der schweißtreibenden Tätigkeit zu helfen, aber sie hatte schon mehr Zeit in der Werkstatt gebraucht als geplant.

    Nun muss sie sich sputen, beim Herrichten des Kaminzimmers zu helfen, das Gästezimmer fertig vorzubereiten und sich schließlich auch selbst für den Tag herzurichten. Cináed hatte sie seit dem frühen Morgen noch nicht gesehen. Noch vor dem ersten Grauen des Tages war sie leise aus dem Bett geglitten, hatte jeden Schritt bedacht auf die Holzdielen gesetzt, um ihn nicht zu wecken und sich klammheimlich davongestohlen, um die letzten Vorbereitungen für die Geschenke zu vollenden. Bald jedoch, da ist sie sich sicher, würden die Männer ins Haus kommen, um sich aufzuwärmen… und dann würde sie ihn endlich in die Arme schließen können.


    Drinnen empfängt sie wohlige Wärme und der vertraute Duft von Holz, Harz und diversen Köstlichkeiten, die einem schon jetzt das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Ihre Schritte tragen sie direkt in das Kaminzimmer, in dessen hinterer Ecke der große Tannenbaum steht, festlich geschmückt und im Schein des Feuers sanft glitzernd. Einen Moment bleibt sie stehen und betrachtet das Spiel aus Licht, Nadeln und Schmuck, spürt, wie sich eine ruhige Zufriedenheit in ihr ausbreitet.

    Vorsichtig berührt sie die aus Stroh gebastelten Sterne und Schneeflocken, die unter ihrer Berührung leicht nachschwingen. Über die Jahre ist die Zahl der Verzierungen für den Baum stetig angewachsen und ein paar der Sterne sind sogar aus ihrer Hand entstanden, doch die schönsten und aufwendigsten hatte die alte Cath noch zu ihren Lebzeiten mit kundiger Ruhe gebastelt. Ergriffen seufzt die Wargin und blickt für einen Moment zum Kaminsims herüber. Diverse Portraits blicken zu ihr zurück und scheinen im Licht der flackernden Kerzen gar lebendig zu wirken. Für einen Augenblick scheint alles genau so zu sein, wie es zum Julfest sein sollte und doch fehlen Gesichter und Stimmen im Raum, die sonst das Leben noch etwas mehr bereichert hatten.

    Aber im Geiste sind sie noch immer hier und die Bewohner des Hofes ehren sie, indem sie diese symbolisch an den Festen und wichtigen Ereignissen teilhaben ließen, wenn auch nur in einer kunstvoll auf Leinwand gebannten Form ihres vergangenen Selbst. Mit einem letzten Lächeln verabschiedet sie sich von den Portraits und wendet sich zum gehen.

    Nun wird bald das Schmücken der Jultafel beginnen.

    Die Mägde und sie hatten extra Kerzen für den Abend gezogen und mit Orangenöl versetztes Wachs genutzt, um dem Raum eine noch festlichere Note zu verleihen. Bald würde sich der Raum mit Stimmen, Lachen und dem leisen Klirren von Geschirr füllen; die Stille dem lebendigen Treiben des Julfestes weichen.

    Life is like a box of chocolates; you never know what you`re going to get.
    ~Forrest Gump~



    13. Langschnee 525



    Und wie es mich erst freut! Mit einem sonnigen Lächeln strahlt sie ihrem Freund entgegen und ihr Atem bildet ein paar heiter davontreibende Wölkchen in der kalten Winterluft, als sie erleichtert ausatmet. Für einen Moment glaubt Lyall beinahe, sich verhört zu haben, so überwältigend ist die Gewissheit, dass er tatsächlich kommen will. Sein schlichtes „Ich komme.“ hallt in ihr nach wie ein leises Versprechen und ihr Herz macht einen großen, freudigen Sprung, dem sie kaum Einhalt gebieten kann.

    Obwohl sein Mienenspiel noch zaghaft wirkt, beinahe vorsichtig, nimmt die Wargin in seinen Augen einen Funken altbekannter und schmerzlich vermisster Heiterkeit wahr. Das Lächeln erreicht seine Augen noch nicht ganz, doch es ist da: ein Ansatz, ein erster Riss im Grau der letzten Jahre. Und allein das genügt, um in ihr Hoffnung zu nähren.

    „Sei unbesorgt. Es wird ein gemütliches, ruhiges Fest werden. Ohne Hektik und Stress.“, versichert sie ihm ehrlich. Ihre Stimme ist sanft, beinahe beschwichtigend, als wolle sie jede Sorge noch im Keim ersticken. Sie hofft, dass er zwischen diesen wenigen Worten all das hört, was sie nicht ausspricht: dass keine Erwartungen an ihn gestellt werden, weder an Kleidung noch an Geschenke, weder an Worte noch an Gesten. Seine Anwesenheit allein wäre Geschenk genug. Und auch wenn sie es sich nicht eingestehen mag, hofft sie inbrünstig, dass seinen Worten auch Taten folgen werden. Sollte er doch nicht kommen, würde sie es ihm niemals übelnehmen aber traurig, ja... enttäuscht wäre sie allemal.


    Als Aneirin sich mit einem kurzen Nicken verabschiedet und die ersten Schritte von ihr fortgeht, kann Lyall nicht verhindern, dass Wehmut schmerzlich nach ihr greift. Seine Haltung verrät eine gewisse Hast, den Moment hinter sich zu lassen, als müsse er der Nähe entkommen, bevor sie zu viel wird. Ein unangenehmer Stich von Schwermut zieht sich durch ihre Herzgegend, doch sie zwingt sich, die Hoffnung nicht aufzugeben. Tief in ihr lebt der Wunsch, Aneirin eines Tages wieder in seiner alten, herzlichen und zuversichtlichen Art vor sich zu sehen... nicht unversehrt vielleicht, aber offen, warm, anwesend.

    Gerade als sie selbst sich zum Gehen wenden will, stocken seine Schritte. Er bleibt stehen. Und noch ehe sie recht begreift, was geschieht, kommt er die kurze Wegstrecke zurück, die er eben noch so hastig hatte hinter sich bringen wollen. Lyall rechnet mit einer Frage, vielleicht einer letzten Unsicherheit und in einem flüchtigen Schreckmoment schießt ihr sogar der Gedanke durch den Kopf, er könnte nun doch noch absagen.


    Doch dazu kommt es nicht. Stattdessen schlingt er plötzlich die Arme um sie und zieht sie in eine stumme Umarmung, so unerwartet und kurz, dass ihr für einen Augenblick die Luft aus der Lunge gepresst wird. Überrumpelt steht sie da, wie zu einer Salzsäule erstarrt. Bevor sie auch nur den Gedanken fassen kann, die Umarmung zu erwidern, löst er sich bereits wieder von ihr, als hätte er sich selbst nicht mehr Zeit zugestanden.

    „Bis dann.“, haucht er und sie braucht einen Herzschlag, um zu begreifen, dass sie atmen darf.

    „Bis dann.“, haucht sie ihm schließlich ebenso in die kalte Winterluft hinterher.


    Noch lange steht Lyall da und sieht ihm nach, bis seine Gestalt im Abstand kleiner wird und die Empfindung seiner sie umschlingenden Arme langsam verblasst. Für einen Moment fragt sie sich tatsächlich, ob diese Begegnung real gewesen ist oder nur ein unwirklicher Wunschtraum ihrer Fantasie.

    Als sie schließlich auf ihre Handschuhe hinabblickt, entdeckt sie ein blondes Haar, das sich zwischen ihren Fingern verfangen hat und es kommt ihr vor wie ein Pfand, das er ihr zusammen mit seinem Versprechen zurückgelassen hat.


    Als sie sich schlussendlich selbst zum Gehen wendet, fällt ihr auch endlich wieder der Name der Zutat ein, die sie noch besorgen soll und frohes Mutes schreitet sie erneut beherzt in Richtung Marktplatz aus. Ihr Herz ist nun warm und die Menschen um sie herum nimmt sie kaum wahr. Kandierte Pomeranze! Meine Güte!

    Ich wünsche euch allen ein frohes und gesundes neues Jahr! :uglycatch:

    Möge das beginnende Jahr viele schöne Momente sowie Zufriedenheit bringen und Glück euch bei allem begleiten, was ihr euch vornehmt. Ich hoffe, dass es Kraft für neue Herausforderungen schenkt und Raum für Freude, Ruhe und persönliche Erfolge lässt. Vor allem wünsche ich Gesundheit, denn sie ist das Wichtigste. Auf ein Jahr voller Zuversicht und positiver Augenblicke. :grouphug:

    Und vielleicht finden ein paar WS-ler und Weltenbauer dieses Jahr doch noch den Weg zurück nach Roha :soppy: :flirt:

    "We started as strangers, became friends, and now we are strangers again."

    ~And suddenly we were strangers again von Rebecca James~



    13. Langschnee 525



    Langsamer als sonst schreitet Lyall durch die Straßen der Stadt, vollkommen vereinnahmt von ihren geschäftigen Gedanken. Es ist nichts Besonderes, worüber sie nachdenkt, sondern rundum recht banal: Krampfhaft versucht die Wargin sich daran zu erinnern, was sie noch vor ein paar Stunden in ihrer, noch immer leicht krakelig und unsicheren Handschrift auf einem kleinen Stück Pergament verewigt hatte. Alltägliches ist es gewesen, kein Gedicht oder übermäßig komplizierte Berechnungen. Nur eine Gedächtnisstütze für einen Einkauf, von für die Julfestlichkeiten unabkömmlicher Dinge, die jedoch noch für Rhona möglichst frisch zu besorgen sind. Und obwohl es nur ein paar Punkte betrifft, hat sie schon wieder die Hälfte vergessen.

    Sie könnte nachlesen.

    Sicher.

    Wenn sich besagte Liste nicht weiterhin auf dem Küchentisch von Glyn-y-Defaid befinden würde, sondern hier in Talyra, in ihrer Hand.

    Ärgerlich bleibt sie kurz stehen, zieht geistesabwesend ihre Handschuhe aus, um kurz warmen Atem auf ihre kalten Finger zu hauchen.

    Zimtstangen, Mohn, dieses matschige Zeug aus Mandeln… hmm … Marzipan! Genau! Und… irgendwas mit… kandierte Po… Po… Zum Dunklen!Mit einem tiefen Seufzer des Unmutes setzt sie ihren Weg weiter in Richtung des Marktplatzes fort und hat diesen auch bald erreicht, ohne dass ihr auf der Wegstrecke wirklich mehr von der Liste eingefallen wäre. Sollte es ihr in den nächsten paar Minuten nicht wieder in den Sinn kommen, würde die Drachenländerin wohl oder übel bei Azra oder Aurian vorbeischauen müssen, um deren Hilfe in Anspruch zu nehmen: welche Julzutat ihnen einfällt, die mit der Silbe „Po“ beginnt. Sich innerlich wappnend bald in das Getümmel auf der Mitte des Marktplatzes einzutauchen, vernimmt sie plötzlich ihren Namen und hört schnelle Schritte auf sich zukommen.


    Noch halb in Gedanken dreht sie sich in die Richtung des Ankömmlings und ist zugegebenermaßen überrascht, Aneirin auf sich zueilen zu sehen. Eigentlich hätte sie ihn zu dieser Tageszeit in seiner Bäckerei vermutet, bis zu den Ellenbogen versunken im Teig seiner Arbeit. Ihn so unerwartet zu sehen versetzt ihr wieder diesen vertrauten Stich, der sie daran erinnert, dass sie, seit dem schicksalhaften Tag des Todes seiner Tochter und seinem anschließenden wortlosen Verschwinden, nicht genau weiß, wie sie sich ihm gegenüber verhalten soll.

    Etwas hängt zwischen ihnen im wortlosen Raum, auch noch nach all der Zeit und Lyall weiß nicht, wie sie diesen Zustand oder das Gefühl beschreiben geschweige denn überbrücken soll. Dieses Etwas hängt schief und sie haben es beide bis jetzt nicht geschafft gerade zu rücken. Denn Aneirin wich ihr weiterhin aus, blieb vage und unverbindlich, wenn sie sich mehr oder weniger zufällig trafen. Bis jetzt hatte er kaum eine der Fragen beantwortet, die Lyall an ihn gerichtet hatte, nahm kaum die Hilfe an, die sie ihm versuchte entgegenzubringen. Nach einiger Zeit wusste sie sich keinen Rat mehr, wie sie ihn unterstützen konnte und fürchtete sich davor ihn zu sehr zu bedrängen, ihn am Ende komplett zu verlieren und so hatte sie sich still zurückgezogen.

    Doch was sie am meisten verunsicherte und zugleich Verstörte ist, dass sie ihn erneut vollkommen zerschunden in der Bäckerei angetroffen hat. Diesmal übler zugerichtet, mit einem Veilchen, aufgeplatzter Lippe und Schürfwunden im Gesicht; seine eingefallenen Wangen und die dunklen Augenringe schon gar nicht mehr mitgerechnet. Auf ihre besorgten Nachfragen hatte er nur ausweichend knapp geantwortet und auch ein nach Antworten suchender Blick in Richtung Falk, hatte den jungen Bäckergehilfen nur dazu veranlasst hochrot aber ebenso wortlos im hinteren Teil der Backstube zu verschwinden. Eine Schlägerei wäre es gewesen und er hätte zu viel getrunken, nicht der Rede wert. Er. Aneirin. Zu viel getrunken. Und seit wann lungerte er in diesen Spelunken am Hafen herum? Das kann sie nicht glauben. Aber es ist die einzige Antwort, die sie bekommen hat.


    Ihre Miene scheint ihm ausdrucksloser entgegenzublicken, als von Lyall beabsichtigt, denn er wirkt bei seiner Ankunft befangen und plötzlich gehemmt sie anzusprechen.

    „Hallo Aneirin.“, erwidert sie und kann nicht ganz den traurigen Unterton verbergen, der in den zwei Worten mitschwingt. Sie schmerzt es, dass sie sich beide so seltsam vorsichtig verhalten. Etwas steht zwischen ihnen, was noch keinen Namen bekommen hat. Ihr Herz ist schwer. Er ist ihr so fremd geworden.

    Doch plötzlich ist da ein kleines Lächeln auf seinen Zügen und bei den nächsten Sätzen wirkt sein Blick offener und ehrlicher, als sie es in den letzten Monden von ihm gewohnt war. Still hört sie mit aufkeimender Hoffnung zu und kann kaum glauben, was ihre pelzigen Ohren zu hören kriegen. Sie braucht einen kurzen Moment, um die Worte und deren Bedeutung zu verarbeiten, was eine unangenehm lange Pause zwischen ihnen entstehen lässt, doch dann lächelt sie ihn ebenso an. „Ach, Aneirin! Aber natürlich steht das Angebot noch! So, wie es über all die Zwölfmonde bestanden hat!“ Sacht nimmt sie seine Hand und drückt diese kurz zwischen ihren behandschuhten Händen, bevor sie sie wieder loslässt. Eine Umarmung traut sie sich noch nicht.

    „Es passt! Und wie es passt!“ Die Wargin kann einfach nicht fassen, dass er ihr endlich zugesagt hat. „Ich werde es gleich auf dem Hof Bescheid sagen! Alle werden sich so freuen! Wir werden eines der Gästezimmer für dich herrichten. Du bleibst doch über Nacht, oder? Dann können wir den ganzen Julabend beisammen sein. Und du kannst alle kennenlernen!“ Doch dann hält sie inne, spricht die weiteren Sätze nicht aus. Sie will ihn nicht jetzt schon überfordern oder zwischen den Zeilen aufkeimende Erwartungen in ihm wecken, die ihn verschrecken könnten, sie aber gar nicht an ihn hat. Er soll einfach vorbeikommen. So wie er ist. So wie er sich fühlt. Einfach er selbst sein. Er wird schweigen dürfen, wenn er es braucht und lachen dürfen, wenn er sich danach fühlt.

    „Es wird einfach ein schöner Abend werden. Bestimmt.“, sagt sie und ihr Lächeln wird noch breiter.

    Muss man auch nicht. WoW spiele (oder spielte) ich schon seit Vanilla^^ Gibt nix vergleichbares in dem Genre. Ich bin halt eher der MMORPG Spieler, hab ich über die Zeit gemerkt. Ganz alleine zu spielen ist mir nach ner Stunde schon irwie zu lahm. Okay, ich gebe zu... ich bin von WoW auch verdorben. Ich bin zu ungeduldig für die ganzen Zwischensequenzen und die Gespräche geworden. Was schade ist.

    Geralt muss noch etwas warten, aber ich werde definitiv nochmal reinschauen.

    Und vllt bei den Sims. :uglysweet:

    Anfang Sturmwind 525



    „Wie ein Arduner Wolfshund?“, wiederholt Lyall leise die Frage, geistig gleichzeitig damit beschäftigt in ihren Erinnerungen an Begegnungen mit Haus- und Hoftieren der Weltenstadt zu kramen. Dabei fällt ihr auf, dass sie zwar schon mehrere Hunderassen gesehen hat, sich in ihrem Gedächtnis allerdings keine Namen abrufen lassen. Oder liegt es auch nur an diesem seltsamen Tag?

    Komisch. Als hätte sie der Umstand nie wirklich gestört, die unterschiedlichen Hunde nicht mit Namen benennen zu können. Die Wolfsrassen ja, aber Hunde? Sie ist leicht amüsiert und gleichzeitig auch etwas bestürzt über diese seltsame Ignoranz, die ihr eigentlich gar nicht ähnlich sieht. Offenbar hat sie das Wissen um Rassen nie gebraucht und ist auch nicht auf die Idee gekommen, sich selbst motivierend mit den ihr eigentlich so nahen Verwandten zu befassen.

    Aber sobald sie Lady Aurian oder Cinaéd in die Finger bekommt, wird sie diese nach allen ihnen bekannten Rassen ausquetschen. So viel steht fest!

    Zumindest kann sie davon ausgehen, dass dieser Hund scheinbar nicht klein ist und sie diesem wohl ähnlich sehen muss.

    Die Wargin kann nicht umhin, sich auf die Wandlung zu freuen. Fast einen ganzen Monat hat sie ununterbrochen in der menschlichen Gestalt verbracht, ohne ihrer Seelenwölfin Zugriff auf ihren Körper zu gewähren … irgendwie ist die Zeit so schnell verflogen…


    Aber Lyall kann ihre Wölfin spüren, wie sie sich in ihrem Inneren zu regen beginnt, freudig dem Abenteuer entgegensieht, wie immer mit einem furchtlosen Enthusiasmus beseelt, welcher der Wargin in ihrer menschlichen Gestalt öfters abhandenkommt.

    Unbestreitbar ist Azras Vorschlag ein guter und die Drachenländerin wüsste in diesem Moment keine andere Herangehensweise zu nennen, aber es bleibt das mulmige Gefühl eine Panik unter den Gästen auszulösen, was zu Unannehmlichkeiten und Umständen führen würde, die Lyall gerne vermeiden möchte. Sie ist ein Kind der Stille und Zurückgezogenheit (enge Freunde mögen vielleicht etwas anderes behaupten, da nur diese auch die andere, verspieltere Seite zu sehen bekommen) und nichts liegt ihr ferner, als Aufmerksamkeit auf sich zu lenken oder für unangenehme Überraschungen zu sorgen. Das gelingt ihr meist, aber nicht immer, wie der halbe Erstickungsanfall nur zu deutlich gemacht hat. Fettnäpfchen sind halt meine Spezialität…


    Azra tauscht in diesem Moment das Beweisstück für die Ungezogenheit zweier Kinder (ein bisschen sieht das Laken im Licht der Kammer aus, als hätte sich ein Regenbogen darüber erbrochen) gegen eines der größeren Leinentücher ein, welches schützend über dem großen ovalen Tisch zu Azras Rechten liegt.

    Auf ihre Fragen antwortet Lyall mit einem Nicken. „Ja, ich muss mich dafür ausziehen. Es ist mir nicht oft passiert, dass ich mich in Kleidung verwandelt habe, aber es ist schon vorgekommen. Ich kann nur sagen, es ist unbequemer als man meint und sieht noch lustiger aus, als man denkt.“ Sie zwinkert der Harfenwirtin mit einem Lächeln zu, denn langsam erfasst die Spannung und Vorfreude der Wölfin auch ihr menschliches Ich.

    „Ich würde meine Kleidung und Habseligkeiten gerne hierlassen, wenn es für dich in Ordnung ist. Und… du kannst gerne hierbleiben, wenn du das möchtest. Ich warne dich aber, dass die Geräusche nun… gewöhnungsbedürftig sind. Solange du dich umdrehst, kannst du gerne mit mir im Raum bleiben. Es wird… eine Erfahrung.“ Sie lächelt Azra dabei verschmitzt an, denn sie selbst fand die ersten Verwandlungen, denen die Drachenländerin bei Kaney und Ragna beigewohnt hatte, selbst etwas befremdlich. Es ist eine Sache sich einen Wandler nennen und Tiergestalt annehmen zu können, aber die Transition von einer in die andere Gestalt als Außenstehender mitzuerleben eine ganz andere. Aber Azra würde dies gut wegstecken, zumal sie nur hören aber nicht zusehen muss. Und die Halbelbe hat schon ganz andere Erfahrungen auf Rohas weitem Rund gemacht, da ist sich Lyall mehr als sicher. Sie ist ihr jedoch auch dankbar dafür, dass Azra offenbar spürt, welch sensibles Thema dies für einen Wargen ist. Nach kurzem Überlegen nickt die Harfenwirtin entschlossen, doch bevor sie sich ganz von Lyall wegdrehen kann sagt diese noch schnell: „Und du leuchtest natürlich nicht. Nicht in einem… unangenehmen Sinne. Aber gegen die dunkleren Wände und das Mobiliar hebt sich deine Gestalt nun… deutlicher ab. Ich wollte dich damit nicht kränken. Nichts liegt mir ferner.“ Um ihrer Entschuldigung Nachdruck zu verleihen legt sie ihre rechte, zur Faust geballte Hand auf ihre Herzregion und deutet eine Verbeugung an.

    Dann besinnt sich die Drachenländerin auf das eigentliche Vorhaben sowie die Erfüllung von Azras Bitte und beginnt sich zu entkleiden. Sorgfältig faltet Lyall ihre Kleidung, wenn diese soweit trocken geblieben ist und legt sie, ordentlich zu einem kleinen Häufchen gestapelt, auf den ihr am nächsten gelegenen Tisch, während sie die nassen oder feuchten Teile über diverse Stuhlrücken drapiert. Vorfreude über die Wandlung wäscht über sie hinweg, gleichzeitig verspürt sich jedoch auch ein bisschen Mitgefühl mit den Jungs, wenn sich bald das Donnerwetter von Azras Zorn über ihnen entladen wird. Aber wirklich nur ein bisschen.


    Es beginnt mit einem Atemzug – tief, ruhig, wie vor einem Sprung ins kalte Wasser. Nur ein Flimmern unter der Haut, wie feine Funken, die sich durch ihre Adern ziehen. Ihr Körper kennt den Weg längst. Unzählige Male hat sie ihn beschritten und ist sicherer und stärker geworden. Der Pfad, erst schmal und von dornigen Sträuchern und stacheligen Hecken gesäumt, die peinbringend und ungnädig Schmerz und Leid bei der Wandlung verursachten, ist er nun breit, offen und vertraut. Nicht, dass die Wandlung vollkommen schmerzfrei wäre, das ist sie keinesfalls. Aber ihr Körper weiß mittlerweile, dass der Schmerz nur temporär ist und sie keine Angst verspüren muss, ein notwendig zu durchstehendes Unterfangen, um ihre zweite Gestalt freizusetzen. Ihre Schultern senken sich, während sich ihre Finger verkürzen und dunkle Krallen ihre Nägel ersetzen, die Wirbelsäule krümmt sich mit fließender Eleganz in ihre neue langgestreckte Position. Gelenke schieben sich annähernd lautlos in neue Winkel und mit einem leisen Knistern schiebt sich dunkles Fell durch die einst glatte Haut. Das Menschliche Antlitz schmilzt dahin wie Nebel in der Morgensonne, und stattdessen tritt sie hervor: die Wölfin. Tiefschwarz, mit glänzendem Fell und goldenen Augen, in denen noch immer etwas von Lyalls menschlicher Natur liegt – wach, ruhig, wissend.

    Auch Azra müssen diese Geräusche erreichen, dieses leise, rhythmische Knistern, als würde sich Holz im Feuer langsam winden. Da ist das sanfte Rascheln von Kleidung, die zu Boden gleitet. Das dunkle, ruhige Atmen – erst menschlich, dann tiefer, voller, fremder. Kein Schrei, kein Aufbegehren. Nur ein Flüstern von Bewegung, ein kaum wahrnehmbares, leicht morbides Knacken von Knochen, als würden Gelenke sich neu sortieren, als würde ein Körper sich erinnern, was er einst war. Es ist kein grausamer Klang, eher etwas... Altes. Ein Ritual. Fast meditativ.

    Dann ist die Wandlung auch schon abgeschlossen und die Wölfin schüttelt und streckt sich ausgiebig, um sich ihres Körpers bewusst zu werden, ihn sich vollends anzueignen. Ein letztes ausgiebiges Gähnen später, bei dem ihre Kiefergelenke knacken, trottet sie hinüber zu Azra und stupst als stillen Gruß leicht ihre Handfläche an.

    "Now I know what a ghost is. Unfinished business, that´s what."

    ~ Salman Rushdie, The Satanic Verses ~


    Anfang Sturmwind 525


    Offenbar teilt Azra die Bedenken der Wargin, dass ein Schattenwolf in einem Wirtshaus mit diverser Klientel durchaus ein neuer Gast wäre, der zu unvorhergesehenen Reaktionen der weiteren Besucher der Harfe beitragen könnte.

    Und auch ihre Größe wird ein weiterer Grund sein, dass ihre Anwesenheit nicht unbemerkt bleiben wird. Ja, die Gestalt ihrer Seelenwölfin ist imposant und ihr menschlicher Körper scheint ein solch großes Tier nimmer beherbergen zu können. Aber es sind tatsächlich zwei Körper in einem verbunden, zwei Seelen in einem Gefäß, unterschiedlicher Natur und doch eins.

    Sie wird die Harfenwirtin durchaus überragen, getrost könnte sie auf ihr reiten. Wie Atevora damals… lange ist es her. Was wohl aus ihr geworden ist? Plötzlich keine Spur mehr, wie vom Erdboden verschluckt. Aber ich habe sie auch nicht gesucht. Das… hätte sie nicht gewollt. Kurz hängen ihre Gedanken in der Spinnwebfäden der Vergangenheit, verhaken sich in den Erinnerungsfetzen der skurrilen Erlebnisse mit der exzentrischen Frau, doch schnell sind sie wieder bei Azra, als diese einen fast genauso skurril anmutenden Vorschlag macht.


    Die Augen der Wargin huschen ungläubig zwischen Azra und den abgedeckten Möbeln hin und her. „Du willst, dass ich… dass ich... hm.“ Nur ein leichtes nachdenkliches Zucken ihrer Ohren verrät, dass es in der Drachenländerin arbeitet, als sie versucht Azras Gedanken weiterzuspinnen.

    Es könnte durchaus funktionieren. Aber… nun… am Ende wird sie ein Wolf unter einem Tuch sein. Wen kann man mit solch einer Verkleidung narren? Hätte sie viereckige Schultern und ein breites Becken, könnte sie mehr schlecht als recht als wandernder Tisch durchgehen, aber so? Oder würde sie Lyall als Geschenk an ihre Kinder verkaufen, welches - der Überraschung wegen - bis zur Preisgabe verhüllt zu bleiben hätte? Der Blick aus den schillernden Augen der Harfenwirtin ist jedoch ernst (wenn auch leicht verschmitzt) und die zierliche Frau erwägt den Vorschlag offenbar wirklich.


    Ein langgezogenes „Hmmmm…“ ausstoßend, geht Lyall zu einem der abgedeckten Bänke hinüber, zieht den Stoff zu sich heran und anschließend über ihren Kopf.

    Prüfend dreht sie sich hier hin und dort hin, wendet den Kopf von Azra weg, dann zu ihr hin, bevor sie die Arme und damit auch das Tuch sinken lässt.

    „Das Riechen sollte kein Problem sein. Allerdings ist der Stoff nicht so fadenscheinig, dass ich alles um mich herum erkennen kann. Gerade dunkle Umrisse vor dunklem Hintergrund zu unterscheiden ist schwierig. Ich glaube, weit sehen können werde ich nicht.“ Verlegen streicht sie das schwarze Fell ihrer Ohren glatt, bevor Lyall mit einem schiefen Lächeln bemerkt: „Außer alle Harfengäste strahlen so ätherisch hell, wie du. Ich glaube, du wirst an meiner Seite bleiben müssen, damit ich mit keinem Gegenstand oder Besucher kollidiere. Das… wird eine interessante Erfahrung.“ Der Tag hat so normal und unaufregend begonnen wie die Tage davor, bis zu jenem Moment der fehlgeleiteten Nuss in ihrem Hals und nun entartete er weiter zu einem neuen sonderbaren Ereignis, welches die Wargin nicht im Geringsten hätte erträumen können. Irgendwie fühlt sie, dass dies nicht das Ende der Wunderlichkeiten an jenem Tage bleiben wird.