The best things in life are the moments that warm your heart.
~ unknown ~
21. Langschnee 525 – Julfeierlichkeiten
Als Lyall und Cináed die Kammer verlassen, liegt noch der Nachhall des letzten Kusses auf ihren Lippen. Ihre Finger streifen seine, während sie die Tür ihrer Kammer hinter sich schließen. Ein flüchtiges, fast schelmisches Lächeln huscht über ihr Gesicht. Doch noch bevor sie den ersten Schritt zur Treppe setzt, hält sie für einen winzigen Moment inne und sieht ihren Verlobten an. Nicht nur flüchtig. Sondern tief, ehrlich und unendlich liebevoll.
Wie er dort steht… die dunkelgrüne Tunika schlicht und doch edel, der feine Goldsaum ein stilles Echo ihres eigenen Gewandes. Der Stoff legt sich ruhig über seine Schultern, betont die aufrechte Haltung, die ihm so eigen ist. Und darüber ergießt sich sein Haar mit diesem warmen, rötlichen Schimmer, das im Kerzenlicht beinahe zu glühen scheint, wie getriebene Bronze.
Das an tiefe Wälder erinnernde Dunkelgrün bringt diesen Glanz nur noch stärker hervor, lässt ihn leuchten, als trüge er selbst ein Stück Abendsonne mit sich. Ein zärtliches Staunen legt sich in die Miene der Wargin. Ihr Gefährte.
Noch immer fühlt sich dieses Wort an wie etwas Kostbares auf der Zunge. Sie würde ihren Shida´ya und seine Liebe zu ihr nie in Frage stellen. Jeden Tag ist sie erneut von tiefem Glück beseelt, dass auch er sie gewählt hat. Und jedes Mal, wenn sie ihn betrachtet, so ruhig, so sicher an ihrer Seite, weiß sie erneut, dass sie keine bessere Wahl hätte treffen können.
Ihr Herz schlägt nicht schneller vor Aufregung, sondern es schlägt tiefer. Völlig eingenommen vom stillen, warmen Stolz, ihn ihren Gefährten nennen zu dürfen. Dass er an ihrer Seite geht. Dass er zu ihr gehört und sie zu ihm.
Das leise Knarren der Stufen, das Murmeln von Stimmen unten in der Halle begleiten Cináeds und Lyalls Schritte hinab in die im goldenen Kerzenschein liegende Eingangshalle.
Die Wargin kann auf diesem kurzen Weg nicht verhindern, dass weiterhin ein kleiner eisiger Stachel des Zweifels in ihrem Herzen sitzt und dieser erst langsam zu schmelzen beginnt, als sie Aneirins großer Gestalt gewahr wird.
Er ist wirklich gekommen. Hatte sein Versprechen gehalten. Die Verbindlichkeit seiner Worte hatte die Drachenländern nicht wirklich in Frage gestellt, aber es blieb die stumme unbeugsame Angst in ihr, dass sein Platz an der Tafel erneut leer bleiben würde.
Doch Aneirin steht dort, warm eingehüllt im Kerzenlicht, dieses für ihn so typische ehrliche Lächeln auf den Lippen und plötzlich löst sich etwas in ihr, von dem sie gar nicht bemerkt hatte, wie fest es angespannt gewesen war. Ihre Schultern sinken kaum merklich, ihr Blick wird weich. All die kleinen Zweifel, die sie oben noch mit Cináed geteilt hatte, zerrinnen wie Frost unter den Strahlen einer erstarkenden Frühlingssonne.
Lyall kann nicht umhin, dass sich ihre Schritte unwillkürlich beschleunigen und die letzten Schritte legt sie nicht mehr mit zurückhaltender Anmut hinter sich (eine Anmut, die sie in den letzten Wochen versucht hatte sich anzueignen, um relativ unfallfrei mit einem ihr sonst eher ungewohnten Kleidungsstück die Treppe hinunter zu kommen), sondern mit offener, unverstellter Freude.
Ihre Augen leuchten voll Vorfreude und der Kerzenschein zaubert goldene Reflexe in diese hinein. Als sie die Arme herzlich öffnet, ist es keine formelle oder banale Geste. Es ist ein warmes Willkommen, das aus tiefstem Herzen kommt.
„Aneirin… Du bist wirklich hier.“ Und dann umarmt Lyall Aneirin rasch noch fester und freut sich von ganzem Herzen, dass er tatsächlich zu ihnen gekommen ist.
Während die Männer kurz eine freundschaftliche Begrüßung austauschen, schwelgt Lyall in purer Glückseligkeit. Sie freut sich so sehr, dass er der Einladung gefolgt ist und nun wirklich hier vor ihnen steht. Aber am allermeisten freut sie sich, dass von ihm wieder diese fröhliche Leichtigkeit ausgeht, die sie so sehr an ihm schätzt und die ihn so unverkennbar ausmacht. Sie hofft inständig, dass der Abend für ihn eine Möglichkeit ist, wieder gesellig zu sein ohne ihn anzustrengen oder zu überfordern. Er soll hier seine Sorgen vergessen können und nach der Feier vielleicht auch eine Geborgenheit und Ruhe finden, die für seinen Geist heilsam sein kann.
Wahrscheinlich wird sie bald ein Krampf in den Gesichtsmuskeln bekommen, aber die kann nicht anders als überglücklich zu lächeln, bevor sie in einer einladenden Geste in Richtung Kaminzimmer deutet. „Meine Herren, bitte. Lasst uns das Fest beginnen“.