Der Perlenhafen

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    Der Perlenhafen


    Östlich des Hafenviertels mit seinen verwinkelten Gässchen, den Hütten der Fischer, dem Grünen Aal, den verräucherten Tavernen und den hohen Speicherhäusern liegt der Hafen Talyras. Hier schmeckt die Luft nach Wasser und frischem Fisch, nach Tang, Algen, heißem Teer und den unergründlichen Tiefen des Ildorel. Warum die Schiffsländen Talyras einst Perlenhafen genannt wurden, hat mit Sicherheit einen Grund, doch bekannt ist er heute niemandem mehr... Perlen wurden hier jedenfalls noch nie aus dem See geholt. Vom Fischmarkt mit seinen bunten Ständen aus, führt eine breite Straße zu den Kais und Anlegestellen des großen Fischerei- und Handelshafens. Über fünfzig Piers reihen sich hier aneinander, und an ihnen drängen sich die Schiffe: zweimastige Brigantinen mit leicht erhöhtem Bug und Heck, dickbauchige Handelskoggen, große Karacken und kleinere, schnellere Karavellen, ebenso wie die mächtigen Kriegsgaleeren der Stadt. Reich verzierte Prunkbarken von Adligen schaukeln auf dem blaugrünen Wasser neben rammspornbewehrten Trieren, die Rümpfe schwarz von Teer. Der Fischereihafen liegt im Norden des gut ausgebauten und stark befestigten Hafenbeckens, an dessen Außenmauer sich der weithin sichtbare, fast dreißig Schritt hohe Leuchtturm, Madrons Wacht erhebt, der des Nachts mit seinem hellen Schein den Seefahrern den Weg weist. Hier kommen und gehen die Fischerboote in den frühen Morgenstunden, und Flößer staken über die Grünwasser zum Ildorel, um Waren aus dem Hinterland in Talyra zu verkaufen. Die Floßlände liegt direkt am ersten Pier des Fischereihafens, und die Flöße, die dort anlegen, bestehen zumeist einfach aus zusammengebundenen Fässern, die gleich an Ort und Stelle samt Inhalt an die Meistbietenden versteigert werden.


    Im Schiffshafen entladen Handelsschiffe Waren und Güter aus Brioca, Sûrmera, Blurraent, Sorbon, Vînnar, Amarvirin und Ildala, nehmen neue Ladung an Bord oder bieten Reisewilligen Überfahrten in die anderen großen Städte am Ildorel an. Auf der Kaimauer selbst hängen auf langen Gestellen die Netze der Fischer zum Trocknen und Flicken, sind die langen Schiffstaue zu ordentlichen Bündeln gestapelt, rollen Schauerleute Fässer hin und her, beladen Schiffe oder transportieren ankommende Waren in die nahegelegenen Speicher- und Lagerhäuser der talyrischen Kaufleute und Reeder. Normalerweise sind für Beladung und Löschung von Schiffen zwar die zugehörigen Schiffsmannschaften zuständig, doch in einem so großen Handelshafen wie Talyra sind fast immer Schauerleute dabei, die mit anpacken. Diese Hafenarbeiter bestehen hauptsächlich aus ehemaligen Seeleuten, und sind in der Regel Tagelöhner, die je nach Bedarf vom Hafenmeister Wielang Landunter angestellt werden, wenn Arbeit anfällt oder die Ankunft einer großen Handelsgaleere bevorsteht - allerdings findet hier auch immer wieder der ein oder andere Vagabund oder kräftige Straßenjunge Arbeit, und kann sich so ein paar Kupferlinge und ein wenig Silber verdienen, denn im Hafen wird jede zupackende Hand gebraucht und in der Regel gut bezahlt. Die festgemauerte Hafenpromenade mit ihrer wuchtigen Kaimauer ist breit und stets voller Leben - zur Stadtseite hin reiht sich hier eine winzige Weinschänke an die andere, dazwischen die hölzernen Speicherhäuser und Lagerhallen der Kaufleute, verwinkelte kleine Läden oder winzige, schmale Gassen, zur Seeseite hin gehen hier die Piers ab, die weit ins Hafenbecken hineinreichen.


    An den äußeren Kais liegt die kleine, aber gefährliche und kampfstarke Flotte der Stadt vor Anker, - sofern sie nicht auf dem See mit der Sicherung der talyrischen Gewässer betraut ist. Sie untersteht dem Nauarchen der Stadst, Lord Uliaris, der in Talyra auch Lord der Schiffe genannt wird. Die talyrische Flotte besteht aus sechs schlanken, schnellen Karavellen (Seeschwalbe, Nordstern, Sturmschwinge, Immerwacht, Schwarzwind und Einhorn), die vornehmlich dem Schutz der Bucht von Talyra, dem Aufspüren von Schmugglern in den seichten Ufergewässern des Umlandes und dem Begleitschutz der größeren Handelschiffe dienen; ferner aus vier schweren Kriegsgaleonen (Frombork, Faule Planke, Westwind, Vergeltung) und zwei mächtigen Triremen (Zorn und Schwertfisch), allesamt gut bemannt und bewaffnet. Die meiste Zeit allerdings kreuzt die Mehrzahl all dieser Schiffe - bis auf die beiden Triremen - in talyrischem Hoheitsgebiet auf dem Ildorel und begleitet Handelsschiffe mit kostbarer Fracht auf ihren Routen.


    Bekannte Handelsschiffe, die mehr oder weniger regelmäßig im Perlenhafen anzutreffen sind:


    Seehure

    recht wendige Karavelle, befährt die Route Ildala -Talyra und zurück mit Waren und Passagieren unter Kapitän Maraes, einem untersetzten Südländer mittleren Alters mit blauem Gabelbart und weißem Turban.


    Pelikan

    eine schwerfällige und langsame, dafür jedoch geräumige Handelskogge, die sicher 200 Quader Ladung in ihrem Bauch verstaufen kann unter Kapitän Seosamh Seafraid Coll, befährt die Routen Talyra-Ildala und Talyra-Vînnar


    Morgentanz

    recht große Karacke, befährt die Routen Talyra-Sorbonn und Talyra-Blurraent unter dem Kommando Idris Tallards (ein Enkel des Alten Tallard, den der greise Stadtrat gern verleugnet)


    Roter Bulle

    große Handelskogge, die unter ihrem Kapitän Heddwyn Iago kreuz und quer auf dem Ildorel unterwegs ist und jeden größeren Hafen ansteuert

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    Captain Jack Sparrow

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    NSC's des Perlenhafens:


    Die Seesoldaten:


    Lord Uliaris,
    Nauarch und Stadtrat von Talyra, Befehlshaber der Flotte und Commander aller Seesoldaten und Schiffsmanschaften der talyrischen Kriegsschiffe, und Kapitän der Zorn. Uliaris sieht aus, wie man sich den klassischen alten Seebären vorstellt: groß, breit und muskulös, graues Haar, grauer Bart, wettergegerbtes Gesicht und Hände groß wie Wagenräder. Er steht allerdings kurz davor, sich aus Altersgründen aus dem Dienst zurückzuziehen.


    Findscuap Eisenhaut

    Kapitän und Kommandant der Schwertfisch


    Vimaro von Wegesend, genannt Goldschopf

    Kapitän und Kommandant der Frombork


    Recaredo Einhand

    Kapitän und Kommandant der Faulen Planke


    Der Schwarze Berenguer

    Kapitän und Kommandant der Westwind


    Der Rote Berenguer (in keiner Weise mit seinem dunklen Namensvetter verwandt)

    Kapitän und Kommandant der Vergeltung


    Maeve Ordoño

    Kapitänin und Kommandantin der Seeschwalbe


    Gascon Blaufelch

    Kapitän und Kommandant der Nordstern


    Trotterjack

    Kapitän und Kommandant der Immerwacht


    Der Namenlose Cid

    Kapitän und Kommandant der Sturmschwinge


    Wynch Krähenauge

    Kapitän und Kommandant der Schwarzwind


    Bralyn von Lys

    Kapitänin und Kommandantin der Einhorn, genannt Kupfer-Bralyn


    Weitere Hafenpersönlichkeiten:


    Wielang Landunter

    der Hafenmeister und Rechte Hand Lord Uliaris'. Wielang ist ein stiernackiger, vierschrötiger, gerade einmal fünfeinhalb Fuß großer Mann mit tausend Sommersprossen und einem dicken Schopf sehr kurzen, kupferroten Haares, der nie mehr Worte als nötig macht und manchmal sogar mit einem mehr oder minder freundlichen "Hmp" als Antwort auf alles auskommt. Er führt die Aufsicht im Perlenhafen und sorgt dort für Ordnung. Landunter weist Schiffen Liegeplätze zu, heuert die Schauerleute an und teilt sie ein, und ist allgemein verantwortlich für die Organisation und den Hafenumschlag.


    Blendertom

    ein alter Seebär und inoffizieller Vorarbeiter der Schauerleute des Perlenhafens. Blendertom ist steinalt, von Kopf bis Fuß tätowiert, trägt sein langes, eisgraues Haar zu zwei Zöpfen geflochten und seinen Bart kurz und dicht. Seine Augen sind grün und scharf und er scheint stets über jedes Schiff, jeden Kapitän, ja selbst jeden einzelnen Seemann jeder Besatzung bis hinunter zum Schiffsjungen bestens Bescheid zu wissen. Meistens trifft man ihn im Hafen selbst oder aber im Grünen Aal an. Wo der alte Tom wohnt, weiß niemand so genau und manche munkeln, dass er insgeheim vielleicht auf der Gehaltsliste Borgils steht, so gespickt mit Informationen und Gerüchten, wie er stets ist.


    Madame Lasairiona

    die Mutter aller Dockschwalben, Betreiberin mehrerer Weinschänken und Herrin der Hafenhuren. Sie muss weit über sechzig sein, geht jedoch nach wie vor ihrer Berufung nach und liest zusätzlich aus der Hand, in ihrer Kristallkugel und auch schon mal im Teesatz. Niemand weiß, ob sie tatsächlich seherische Fähigkeiten hat oder nur eine großartige Schauspielerin ist, manche schwören auf ihre kryptischen Orakel, andere wieder fürchten sich vor ihr zu Tode oder tun ihre Prophezeiungen als Humbug ab. Madame Lasairiona, von ihren Mädchen und Vertrauten kurz Laz' genannt, ist eine füllige matronenhafte Frau, deren frühere Schönheit durchaus noch zu sehen ist, wenn das Leben sie auch hart gezeichnet hat.

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  • „It's about feeling alive in the moment…“

    – Rashad Evans


    Anfang Sturmwind 525

    zwei Abende vor dem Zusammentreffen mit Lyall auf dem Markt



    Der Hafen liegt im Zwielicht, die Wellen schlagen träge gegen die Kaimauern, das Knarren der Schiffe mischt sich mit dem fernen Rufen der Seeleute. Zwischen Lagerhäusern und Fischständen leuchten hier und da Laternen, doch der eigentliche Sog des Abends geht von den kleinen Schenken aus, die im Schatten der Masten liegen. Aus einer dringt gedämpftes Johlen, dumpf wie das Dröhnen eines weit entfernten Sturms: das verheißungsvolle Geräusch von aufeinandertreffenden Bierkrügen, gegrölten Wetten und zusammenschlagenden Fäusten.


    Aneirin schiebt die Tür auf, den Kragen seines Mantels tief ins Genick gezogen Er ist kein Stammgast im eigentlichen Sinne, doch seine Schritte finden ihn ein-, zweimal im Mond an diesem Ort wieder, wenn das Dröhnen in seinem Kopf zu laut geworden ist. Er braucht es. Alle paar Siebentage genügt, um den Druck in seiner Brust loszuwerden, die Unruhe, die ihn heimsucht, seit sein Leben in zwei Teile zerbrach – aufgestauter Frust, innere Leere, manchmal nur eine dumpfe Sehnsucht, die er selbst nicht genau benennen kann. Der Wolf in ihm schläft fast, in diesen Tagen vor Neumond, doch der Hunger nach Gewalt und nach Blut bleibt wie ein Echo, das nie ganz verklingt.


    Im Schankraum ist es warm, stickig, laut. Der Geruch von Rauch, Schweiß und Bier legt sich wie ein schweres Tuch über ihn. Stimmen erheben sich, brechen in Johlen aus, dann wieder in Lachen. Aneirin hängt seinen Mantel beiseite, nimmt am Tresen Platz, bestellt ein Bier und nimmt ohne Zögern einen tiefen Schluck. Die Wärme breitet sich in seiner Brust aus, nimmt die Schärfe, die ihn sonst so wachsam hält. Der zweite Krug geht langsamer, gerade so viel, dass seine Muskeln weicher werden, sein Blick nicht mehr jede Bewegung im Raum verfolgt. Ein leichter Nebel legt sich über ihn – und zum ersten Mal seit Tagen fühlt er sich ein wenig gelöst.


    Die Treppe in den Keller trägt ihn in eine andere Welt. Dort ist die Luft schwerer, stickig von Atem und Spannung. Männer und Frauen drängen sich dicht aneinander, Münzen wechseln schon vor Beginn die Besitzer. In der Mitte krachen zwei junge Körper aufeinander. Aneirin lehnt sich an einen hölzernen Balken, hebt den Krug an die Lippen, beobachtet schweigend.


    Der dominantere Kämpfer – breit, kräftig, mit kurzgeschorenem Haar – führt den Tanz. Seine Fäuste sind Kriegshämmer, sein Gegner taumelt. Aneirin mustert ihn genau, jede Bewegung, jedes Loch in seiner Deckung. Er trinkt den letzten Schluck, während der Mann den anderen mit einem Haken niederstreckt. Das Johlen prallt von den Wänden zurück. Aneirin spürt sein Herz etwas schneller schlagen, sein Magen zieht sich zusammen. Ja – dieser würde eine echte Herausforderung sein.


    Er drückt den Krug einem jungen Burschen in die Hand, zieht das Hemd aus, das ihm ebenfalls sofort abgenommen wird. Die Narben auf seiner Haut – der Schulter, dem Arm und dem Rippenbogen – fangen den Schein der Fackeln ein. Die meisten denken vermutlich an alte Kämpfe. Keiner ahnt, dass die tiefsten Wunden nicht von Fäusten oder Klingen stammen. Unter der Haut regt sich der Wolf, leise, fast schläfrig – doch allein das Rauschen des Blutes, die Erwartung der Menge, lassen ihn näher an die Oberfläche rücken. Das Holz unter seinen Stiefeln knarrt, das Stimmengewirr schwillt an. Aneirin rollt die Schultern, neigt den Kopf dabei jeweils zu beiden Seiten, zwingt sich, tief durchzuatmen. Nicht heute. Nicht hier.


    Der Gong erklingt, dumpf und fordernd. Sein Gegner stürmt vor. Der erste Schlag streift Aneirins Schläfe, der zweite trifft sein Gesicht. Schmerz flammt auf und für einen Augenblick ist es, als wollte etwas Dunkles in ihm aufspringen, die Kontrolle übernehmen, die Knochen zerreißen. Aneirin presst die Zähne zusammen, zwingt den Wolf zurück in den Käfig. Er schmeckt Blut. Sein Mundwinkel zuckt kurz grinsend. Das Adrenalin peitscht sein Blut.


    Aneirin lässt sich auf den Tanz ein, weicht aus, fängt leichtere Schläge ab, kontert ab und an im Versuch, die Deckung seines Gegners mit den Fäusten zu durchbrechen. Dann wechselt er den Rhythmus. Er weicht aus, ohne zurückzuschlagen, lässt den Mann laufen, bis sich eine Lücke öffnet. Sein Körper reagiert schneller als der Kopf denkt. Unter dem Hieb hindurch rammt er die Schulter in den Bauch des Gegners, treibt ihn rückwärts, spürt die Muskeln arbeiten, den Schweiß auf der Haut. Das Johlen der Menge verschwindet fast, alles reduziert sich auf Herzschlag, Blutrauschen, den dumpfen Widerhall seiner Fäuste, die in einer fließenden Bewegung nachsetzen. Der Gegner taumelt, wankt, fällt schließlich auf die Knie. Für einen Atemzug ist alles still. Dann bricht das Johlen los, tosend, wie Brandung gegen die Mauer. Münzen wechseln die Besitzer, Wetten werden eingelöst.


    Aneirin atmet schwer, das Herz hämmert, der Schweiß glänzt auf seiner Haut. Der Wolf schweigt – gesättigt, zufrieden, wenn auch nicht durch Blut. Nur durch den Kampf, den Schweiß, die Härte der Fäuste.


    Er zieht das Hemd wieder an, das Leinen klebt an seiner Haut. Eine Frau drängt sich zu ihm – dunkle Locken, wache Augen – drückt ihm ein Tuch gegen die blutende Lippe und tupft behutsam die Schwellung am Auge. Ihre Augen verweilen einen Moment zu lang, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Aneirin nickt knapp, nimmt das Tuch selbst. Er fühlt, wie ihre Nähe ihn wärmer macht, beinahe zu warm.


    Die Treppe hinauf ist der Lärm dumpfer, das Johlen bleibt zurück. Oben bestellt er ein weiteres Bier, setzt sich in eine dunklere Ecke. Der Rauch hängt in der Luft, Stimmen schwappen an ihn heran. Das Bier rinnt kühl durch seine Kehle, lindert den Geschmack nach Eisen.


    Die Frau folgt ihm, setzt sich neben ihn. Ihr Arm streift den seinen, ihre Augen fragen, ohne Worte, versprechen etwas Flüchtiges, vielleicht auch mehr. Aneirin schweigt, trinkt, hört das Meer draußen gegen die Kaimauer rauschen. In ihm ist der Wolf wieder still – und doch spürt er, wie dünn die Grenze bleibt zwischen Kontrolle und dem Drang, sich treiben zu lassen.


    Für einen Augenblick bleibt er einfach sitzen, unbewegt, zwischen der Wärme des Bieres, der Müdigkeit seiner Muskeln und den Möglichkeiten der Nacht.

  • A tavern is a place where madeness is sold by the bottle.

    ~Jonathan Swift~



    14. Erntemond 525



    Rauchblaue Augen verfolgen müßig die Finger, welche ein bauchiges Glas träge von links nach rechts drehen und den winzigen bernsteinfarbenen Tropfen Rûm Schlieren ziehend tanzen lassen. Um den Trinkenden herum – welcher gelangweilt wirkend am Tresen lehnt (da man von hieraus den Großteil des Raumes überblicken kann, nahe der Tür ist und… nun, manche Gewohnheiten sind schwer abzulegen…) und versucht den teuren Stoff seines dunkelblauen Gehrocks nicht in einer der vielen mehr oder weniger klebrigen Pfützen sowohl auf dem Boden als auch auf dem mitgenommenen Holz des Tresens zu versenken – tobt das wilde Leben. Allerdings wahren die Leute gewollt oder nicht einen Abstand zu ihm, als hielte eine nicht greifbare Barriere sie davon ab, ihm wirklich nahe zu kommen. So als würde er hier nicht hergehören und doch tut er es, wenn nicht von seinem Äußeren her, dann definitiv von seinem Inneren.


    Irgendwo im hinteren Teil des verräucherten Schankraumes quält jemand eine lauthals protestierende Drehleier unter dröhnendem Jubel der Umstehenden (Niall kennt das Musikstück und auch die Art des Liedes nicht, aber sie gefällt ihm nicht…), welche sich zur Musik bewegen und ihr mehr oder weniger rhythmisch schwankendes Gebaren wohl „Tanz“ nennen würden. Klirrendes Glas, Gelächter und Geschrei umgeben den dunkelhaarigen Mann und auch die Dirnen und Mägde sind fleißig dabei die Gäste auf andererlei Art zu beglücken. Hier und da flitzt ein kleiner Taschendieb durch die Reihen der Feiernden und schmälert den Geldbeutel und somit auch die Möglichkeit von konsumiertem Hochprozentigem.

    Seufzend dreht sich Niall zum Wirt hin und bestellt mit einem Nicken in Richtung des leeren Glases erneut wortlos Rûm. Müde schließt er kurz die Augen und würde sein Gehör ebenso gerne vor dem Tumult verschließen können. In seinem Kopf fuhrwerkt ein glühender Schürhaken, welcher seine Schläfen pochen und sein Sichtfeld unangenehm flimmern lässt. Er hat definitiv zu wenig getrunken. Oder zu viel. Wer weiß das schon, die Grenzen sind fließend in den letzten Tagen gewesen.

    Du wirst alt.

    Ruckartig öffnet er die Augen. Nein, alt sicher nicht. Aber er ist Städte nicht mehr gewohnt. Nein, keine Städte… Metropolen. Hier gibt es von allem zu viel. Mensch, Tier, Geräusche, Gerüche, Versuchungen… Hätte er eine Wahl gehabt, er wäre nicht mitgekommen. Aber hatte er jemals eine Wahl gehabt? Gereizt zieht er sich den crémefarbenen Seidenschal vom Hals, welcher bis dahin das dicke, metallene Halsband verdeckt hat. Die nach innen gerichteten Stacheln, welche im Nackenbereich am Schloss ausgespart sind, glänzen spitz im Licht der in den Wandhalterungen befindlichen Talgkerzen. Er kann nicht umhin sich in seinen Turm zurückzuwünschen. Allein im Moor, nur er und die Geräusche dieser besonderen Landschaft. In Ruhe eine rauchen, auf seinem Clàrsach spielen und die Moorfeen als Gesellschaft…

    Du wirst sentimental, alter Mann…


    Bevor ihn seine Gedanken weiter verspotten können, schnappt er sich das Glas, welches der Wirt ihm gerade schwungvoll herüberschiebt und tut einen tiefen Schluck. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass auf seine Gedanken hören nicht immer sinnvoll ist. Meistens wollen sie ihn nur in dunkle, traurige und gefährliche Ecken seines Geistes locken, doch Schnaps, Tabak und Willenskraft haben sich als hilfreiche Freunde erwiesen und ihn die Jahre über sehr zuverlässig mit Ignoranz beseelt, wenn er diese brauchte und ebenso mit blinden Flecken in seinen Erinnerungen versorgt. So auch jetzt. Er streift die Gedankenfetzen ab, wie eine Spinne ihre zu klein gewordene Hülle und beschäftigt seinen Geist mit naheliegenden Dingen, wie dem Beobachten. Denn die Taverne verlassen – auch wenn er keine Ahnung hat wo genau „hier“ ist, da er einfach die Tür der nächstbesten Taverne aufgestoßen hatte – und zurück zur Unterkunft gehen, in dem sein Herr und die …Krähe… nein. Nein DANKE!

    Lieber treibt er sich hier rum, bis der Morgen anbricht und sucht doch noch den ein oder anderen Spaß.


    Mit dem Glas in der rechten und dem Schal in der linken Hand dreht er sich mit dem Rücken zum Tresen, lehnt sich (ebenso vorsichtig wie zu Anfang) mit den Ellenbogen aufstützend gegen diesen und sieht sich im Raum um. Da er, bis auf wenige Ausnahmen einer der größten Männer im Raum ist, kann er dem Geschehen an den meisten Tischen und Menschengruppen folgen, nur weiter hinten verhüllt der Rauch von Tabak und Kerzen die Sicht.

    Unweit vor ihm bleibt sein Blick an einem Mann haften, der allein und offenbar tief in Gedanken versunken an einem kleinen Tischchen sitzt. Im nackten Schein der mittig auf der fleckigen Tischplatte stehenden Talgkerze wirkt das pockennarbige Gesicht des Mannes wie ein vergilbtes Puzzle, dem im Laufe der Zeit mehr und mehr Teile abhandengekommen sind. Kurz stutzt der Mann in seinen Grübeleien und führt die Hand zum Gesicht, um etwas aus seinem Bart zu angeln und das Fundstück dann ausgiebig zu beäugen. Zwischen Daumen und Zeigefinger zerdrückt er ein winziges Insekt, welches sich in den rötlichen Haaren seines Bartes verfangen hatte, bevor er wieder trübsinnig vor sich hin starrt.

    Angewidert blickt Niall in die gegenüberliegende Richtung und unterdrückt ein Schaudern. Solch eine Art „Spaß“, hat er nun wirklich nicht im Sinn.

    It is said there is no sin in killing a beast, only in killing a man. But where does one begin and the other end?

    ~ Wolfman (2010) ~

    4 Mal editiert, zuletzt von Niall ()

  • „There’s no peace for those who remember.“

    — Cormac McCarthy



    14. Erntemond 525


    ← Bäckerei Gerdenwald


    Der Geruch von Rauch und altem Bier hängt wie ein schwerer Mantel in der Luft. Aneirin tritt ein, die Tür fällt dumpf hinter ihm zu. Für einen Moment bleibt er stehen, die Hände in seinem Mantel vergraben, lässt die Geräusche des Raumes auf sich einwirken – das Grölen, das Klirren, das schrille Quietschen einer Drehleier, die irgendwo im hinteren Teil des Schankraums um Gnade winselt.

    Umzusehen braucht er sich nicht. Es ist ohnehin immer wieder der gleiche Anblick. Und Aneirin weiß genau, dass er nichts verpasst, wenn er nicht genauer hinschaut. Die Geräuschkulisse genügt ihm, um festzustellen: Alles zu laut. Zu nah. Und doch ist da dieses Loch in ihm, das merkwürdigerweise genau danach verlangt: Bloß nicht alleine sein, nicht heute Nacht.


    Er zieht die Schultern etwas höher, als könne er sich in sich selbst verbergen, und bahnt sich seinen Weg zum Tresen. Der Wirt nickt ihm kaum merklich zu, als Aneirin sich auf einen Hocker sinken lässt, der unter seinem Gewicht leise knarzt, und murmelt: „Etwas Starkes.“ Nur wenige Herzschläge später wird ihm wortlos ein Becher hingestellt. Gedankenschwer greift Aneirin nach dem Becher und setzt an. Der erste Schluck brennt wie Feuer. Branntwein, vermutlich – billig, scharf, ehrlich. Er fühlt, wie die Hitze in ihm aufsteigt, ohne etwas zu wärmen. Nur ein kurzes Aufglühen, das sofort wieder erlischt.


    Im Augenwinkel nimmt er eine Bewegung wahr – ein dunkles Blau, fast schon zu edel für diesen Ort. Irgendjemand neben ihm am Tresen. Aneirin sieht nicht direkt hin. Es bleibt beim flüchtigen Eindruck eines gut geschnittenen Gehrocks, eines Fremden, der fehl am Platz wirkt – und dennoch wirkt, als gehöre er genau hierher.

    Aneirin kippt den Rest hinunter, spürt den dumpfen Schlag des Alkohols gegen die innere Leere. Er stellt den Becher zurück auf das klebriges Holz. Zweimal schließen und öffnen sich seine Hände zu Fäusten. Dann hebt er den Kopf und sucht den Blick des Wirtes.


    „Ich brauche Bewegung. Ist noch Platz im Keller?“


    Der Wirt versteht sogleich, tut so, als poliere er ein Glas, während sein Blick kurz zuckt – kaum merklich, aber eindeutig. Aneirin erwiderte den Hinweis mit einem Nicken. Zwei Münzen klirren hell auf dem Holz, als er sie hinlegt. Dann steht er auf, schiebt den Hocker zurück und geht, ohne sich noch einmal umzusehen, in Richtung der hinteren Treppe. Bewegung – das und irgendetwas, das endlich den Lärm seinem Kopf übertönt.


    Der Boden unter seinen Stiefeln ist klebrig, der Geruch nach Rauch und Bier mischt sich mit dem von Ruß von Öllampen und Schweiß als er die Treppe hinab steigt. Das Brüllen der Menge schwillt an, je tiefer er kommt, bis die Musik der Schankstube oben nur noch ein fernes Dröhnen ist. Unten ist es eng, stickig. Öllampen werfen ein schwaches, flackerndes Licht. In der Mitte des Raumes befindet sich ein abgesteckter Bereich, kaum mehr als ein Kreis aus Fässern und Seilen, darin zwei Männer – einer taumelnd, der andere mit blutiger Lippe, aber klaren Augen.


    Jeder Schlag hallt dumpf in Aneirins Brust wider, und etwas in ihm reagiert. Es wird unruhig, hungrig nach Bewegung, nach dem dumpfen Trost von Kraft und Schmerz.


    Aneirin umrundet die Zuschauer, ignoriert einige flüchtige, prüfende Blicke. Er findet den Mann, den man wohl als Schirmherr dieses Abends bezeichnen würde – ein breitschultriger Typ mit wettergegerbtem Gesicht, der Wetten entgegennimmt und die Kämpfer einteilt. Aneirin bleibt kurz stehen, der Blick fest, die Stimme rau als sich die Aufmerksamkeit des Mannes auf ihn richtet:

    „Ich bin dran, wenn der da fertig ist.“ Sonst nicht seine Art, aber heute will er nicht länger warten, kann er nicht länger warten. Dieses Gefühl, dass es ihn innerlich zerreißen wird, wenn er nicht bald den Kopf abschalten und den Körper übernehmen lassen kann, ist zu stark.


    Der Mann mustert ihn zwei Herzschläge lang, erkennt ihn schließlich und ein schiefes Lächeln zuckt über sein Gesicht. „Du schon wieder? Bist dir sicher? Der letzte hat ’nen Siebentag gebraucht, bis er halbwegs auf den Beinen war.“

    Aneirin zuckt nur die Schultern. „Dann such mir diesmal einen, der stehen bleibt.“ Der andere lacht, aber nicht unfreundlich, und winkt ab. Aneirin lehnt sich an die Wand, beobachtet den Rest des Kampfes. Aus den Taschen seines Mantels zieht er eine dünne, aufgewickelte Stoffbahn, legt den Mantel ab und bindet sich den Stoff um die Hände. Das Ritual des Bandagierens hat sonst etwas Beruhigendes: Wickeln, ziehen, verknoten — Ordnung schaffen, bevor die Unordnung losbricht. Heute aber spürt er, wie sich seine Muskeln verspannen. Es ist, als sei sein Körper zu eng geworden, als wolle etwas hinaus, das kein Ventil findet.


    Der Sieger wird mit Applaus aus dem Ring begleitet, der Verlierer aus dem Kreis gezogen. Aneirin tritt vor. Die Rufe des Publikums dringen nur dumpf an seine Ohren, Stimmen rufen Wetten, Münzen klimpern, während sie durch viele Hände wandern. Sein Gegner stolpert in den Ring – groß, breitschultrig, aber mit glasigen Augen und schwerer Zunge. Der Geruch von Alkohol schlägt ihm entgegen.

    Aneirin spürt sofort die Enttäuschung. Kein Feuer, kein Widerstand. Der Mann schlägt wild, doch ungezielt. Aneirin weicht mühelos aus, blockt, setzt einen gezielten Treffer nach dem anderen. Der Kampf ist kurz. Zu kurz. Sein Gegner fällt, bleibt liegen, während das Publikum johlt.

    Für Aneirin ist es kein Sieg. Nur Leere. Er steht da, atmet nicht einmal schwer, während das Blut in seinen Schläfen rauscht – und plötzlich mischt sich ein anderes Geräusch darunter: ein Schrei. Hoch, hell, zu vertraut. Brianna. Nur ein Echo, irgendwo aus der Tiefe seines Kopfes. Er spürt, wie sich sein Nacken versteift. Der Boden unter ihm scheint kurz zu schwanken.


    Er blickt zum Schirmherrn hinüber.

    „Schick mir den Nächsten,“ sagt er, die Stimme tief und angespannt. „Und diesmal keinen, der schon halb im Fass liegt.“


    Der Mann nickt, ruft einen weiteren Kämpfer heran. Aneirin greift wahllos nach einem Becher in Reichweite. Der Schnaps brennt auf der Zunge, flackert warm durch die Adern, erreicht aber den Kern nicht. Die Unruhe bleibt, wie glühendes Eisen hinter der Brust. In seinen Ohren ertönt das Splittern von Holz – die Laute in seiner Hand, zerbrochen in unzählige Splitter. Die gelbleuchtenden Augen.


    Er reißt sich aus dem Gedanken, als der nächste Gegner vor ihm steht. Ein junger Mann, kaum zwanzig, die Hände zittrig. Aneirin merkt sofort, dass es wieder keiner ist, der ihn fordert. Trotzdem geht er in Stellung. Der erste Schlag trifft, dann der zweite – schnell, automatisch. Der Junge taumelt, und Aneirin merkt, wie der Druck in seinem Kopf wächst statt zu weichen. Jeder Treffer ruft Bilder hervor, nicht Ruhe. Papa ist da. Ich hab‘ dich gefunden.

    Er schlägt fester zu. Härter, als er müsste. Der Junge geht zu Boden, keucht, bleibt liegen. Jubel. Stimmen. Alles verschwimmt. Aneirin steht über ihm, Blut an der Faust, und spürt nichts. Keinen Sieg, keine Erleichterung. Nur das Zittern in den Fingern.


    Er hebt den Kopf, sucht erneut den Blick des Schirmherrn.


    „Noch einen,“ sagt er, leise. Die Stimme klingt fremd in seinem eigenen Ohr.

    Und niemand im Keller wagt, ihm zu widersprechen.

  • Never contend with a man who has nothing to lose.
    ~ Baltasar Gracian ~


    14. Erntemond 525


    Mit mäßigem Interesse beobachtet Niall eine Gruppe von Männern mittleren Alters, welche an einem der wandnahen Tische dem Alkohol sowie einem Würfelspiel frönen. Ihr lautstarkes Gebaren und die anfeuernden Rufe haben eine kleine Menschenmenge um den Tisch erscheinen lassen, jedoch bleiben die Zuschauer nie lange und wechseln immer wieder (wahrscheinlich ist der Wetteinsatz doch zu gering, um für Außenstehende von Belang zu sein), sodass Niall alles in allem einen guten Blick auf das Geschehen werfen kann. Zwei kleine Würfel kullern hektisch immer wieder von Spieler zu Spieler und genauso rasch leeren sich die ebenso auf der Tischplatte befindlichen Bierkrüge. Einer von den besonders lauten Männern, welcher sich wohl insgeheim schon als Sieger wähnt, ergreift einen jener Krüge und trinkt in so gierigen Zügen aus, dass sich die Flüssigkeit wie eine glänzende Viper über das Kinn schlängelt, während er bereits zu einem neuen Würfelwurf ansetzt. Viel tut sich allerdings ansonsten nicht und die sich weiter aufpeitschende Stimmung schreibt Niall eher dem konsumierten Hochprozentigem, als der tatsächlichen Spannung des Spieles an sich zu und will sein Augenmerk schon wieder auf etwas anderes richten, als plötzlich die Stimmung merklich kippt. Gespannt nimmt Niall den Rest seines Rûm in den Mund, schwenkt ihn auf der Zunge hin und her bevor er das brennende Getränk hinunterschluckt und die aufsteigenden Alkoholdämpfe aus seinen Nasenlöchern bläst. Vielleicht würde das ja doch noch amüsant werden. Aus anfeuernden Rufen werden Beleidigungen, es werden Finger anschuldigend gegen Brustkörbe gestoßen und ein Schubsen und Schieben beginnt, wie … ich es zuletzt unter Weibern gesehen habe. Meine Güte, sie zanken sich wie Waschweiber aber keiner schlägt zu. Ermüdend…

    Offenbar will niemand wirklich einen Streit vom Zaun brechen und sich am Ende auf den kalten Straßen des Perlenhafens wiederfinden, anders kann sich der hochgewachsene Mann die Szene nicht erklären.


    Dann fällt plötzlich etwas Kleines zu Boden und verschwindet freudig hüpfend unter einem weiteren Tisch. Eigentlich sollte es aufgrund des Tumultes sowie der allgemeinen Lautstärke gar nicht möglich sein, das Geräusch des fallenden Würfels gehört zu haben und doch folgen alle Gesichter ungläubig dem kleinen Gegenstand, jeder der Spieler in der Position innehaltend, die er nur einen Moment zuvor eingenommen hatte. Fast erscheint Niall die Szenerie wie ein altes Gemälde (gut, das Thema und die Farben sind mehr als beschissen und keinen zweiten Blick wert), wie die Herren da so stehen, in der Zeit eingefroren, doch der Moment dauert in Wahrheit nur ein paar wenige Herzschläge. Dann kommt ruckartig Bewegung in die Szene und nun scheint der Rauswurf für alle Beteiligten gar nicht mehr so wichtig. Den Ausschlag gibt der Ausruf eines kleinen, untersetzten Mannes mit Triefaugen, welcher unter den Tisch taucht, den Gegenstand erangelt, ihn für alle sichtbar zwischen den Fingern dreht und diesen mit den identischen Würfeln auf dem Tisch vergleicht.

    „Du hast betrogen! Du mieser Hund!“

    „Der Würfel ist gezinkt! Verdammt, gezinkt! Ich sag`s euch!“

    „Ich will mein Geld zurück, du räudiger Hurenfott!“

    „Hast gedacht, du kannst die Würfel tauschen, eh? Haste gedacht, eh?“

    „Haltet euer Maul! Nichts bekommt ihr zurück!“

    „Ich polier dir deine Fresse!“

    Endlich kommt etwas Leben nach Nialls Geschmack in die Bude und er beobachtet leicht amüsiert die übereinander fallenden Leiber, die niedersausenden Fäuste, mehr oder weniger gut platzierte Tritte sowie die aus getroffenen Mündern fliegenden rötlichen Spuckefäden. Er hätte gern noch einen Schluck Rûm genommen und geschaut wer aus dem menschlichen Knäul als Sieger hervorgeht, doch dies wird ihm nicht vergönnt. Zum einen ist sein Glas leer und zum anderen werden die Männer bereits von umstehenden Gästen getrennt und aus der Schankstube hinausbugsiert. So routiniert wie die Griffe von den Streitschlichtern an Hemdkragen und Hosenbünden der Querulanten platziert sind, gibt es für ihn keinen Zweifel, dass solche Vorkommnisse eher die Regel als die Ausnahme in diesem Etablissement darstellen. Was natürlich nicht allzu sehr verwundert.


    Der Wirt hinter ihm hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht mahnende Worte (oder Beschimpfungen) zu schreien oder sich selbst um den Tumult zu kümmern. Aber offenbar scheint der Wirt auch gerade in eine recht wortkarge Kommunikation mit einem Mann auf dem Hocker neben ihm verwickelt zu sein, wie Niall aus seinem Augenwinkel heraus zu beobachten meint. Der blonde Bursche ist in einen dunklen Mantel gehüllt und scheint noch mehr darum bemüht nicht beachtet und vor allem nicht angesprochen zu werden, als die meisten der Gäste sowieso als Absicht haben, wenn sich diese an solch einen Ort verkriechen. Hier sah man am besten nichts, wusste nichts und hörte aller Möglichkeit nach auch nirgends hin, wenn man keine Schwierigkeiten heraufbeschwören will. Doch „Schwierigkeiten“ ist quasi Nialls zweiter Vorname und so hört er natürlich umso genauer hin.

    Bewegung. Ahja. Im Keller. Normalerweise kein Ort für Bewegungen jeglicher Art, wenn man mal das Umstellen von Fässern und Kisten oder die obligatorischen Ratten ausblendet. Oder ein Ort für Dinge, die man vergessen will. Wie… Leichen. Aber Leichen bewegen sich normalerweise nicht so gern.

    Die unausgesprochene Antwort des Wirtes ist aus Nialls schrägstehender Position nicht wahrzunehmen, dafür aber umso mehr das (wenn auch ebenso subtile) Nicken seines Tresennachbarn, welcher sich daraufhin zügig erhebt und zielsicher in den düster verräucherten hinteren Teil des Schankraumes aufmacht. Mit einem raspelnden Geräusch fährt sich Niall durch den Bart am Kinn, eine Handlung, die er unbewusst bei abwägenden Gedanken vollzieht. Seine Neugier ist geweckt und irgendwie wittert er die Art „Spaß“, die er durchaus amüsant finden könnte.

    Als hätte er dies alles nicht mitbekommen, wendet er sich vom bereits entfernenden Mann ab (ohne ihn jedoch ganz aus den Augen zu lassen) und schnipst dem Wirt eine schwere Münze zu. Schnell wie ein Habicht schnappen sich die Stummelfinger des Schankmeisters die Münze noch im Flug und lassen diese in der speckigen Schürzentasche verschwinden.

    Transaktion erfolgreich.

    Langsam stößt sich Niall vom Tresen ab und trottet zu der Stelle, an dem der Blondschopf hinter einem dicken Deckentragbalken im schummrigen Halbdunkel aus seinem Blickfeld verschwunden ist. Hier stehen weniger Menschen, als noch vorne im Schankraum und die, die hier herumlungern sehen ihn unverhohlen abschätzend und feindselig an. Amüsiert zieht sich ein Mundwinkel nach oben. Hier scheint er richtig zu sein. Nur einen Moment später erblickt er einen Kellerzugang, der wie ein dunkles Rechteck in Wand und Boden gähnt. Während er mit leichten Schritten die feuchte Steintreppe herunter geht, faltet er in einer gedankenverlorenen Geste den Seidenschal ordentlich zusammen und steckt ihn in eine der Taschen seines Gehrocks. Kleine Steinchen knirschen unter Nialls kniehohen Stiefeln aus dunkelbraunem Leder, als dieser am Fuße der Treppe stehen bleibt und den Anblick auf sich wirken lässt.


    Der Keller ist niedriger als gedacht und so überfüllt, wie erwartet. Der geringe Sauerstoffgehalt lässt die Öllampen in der stickigen Enge flackern und hier und da tropft ausgeatmete und -geschwitzte Feuchtigkeit von den Deckenbalken auf den Boden sowie die Zuschauer. Niall atmet tief ein; das unverkennbar niederträchtige Aroma von Angst, Blut und Schweiß, welches für Geld und flüchtigen Ruhm vergossen wird. Diese Gerüche sind ihm so vertraut, wie die des Moores in seiner Heimat. Vielleicht sogar noch vertrauter.

    Geronnenes Blut und alter Schweiß lassen den Boden klebrig an seinen Stiefelsohlen schmatzen und nicht zum ersten Mal bedauert er seine kostspieligen Gewänder. Aber am Ende wird es das Problem der Magd seines Herren sein, etwaige Überbleibsel der heutigen Nacht zu entfernen und nicht sein eigenes und so steuert er weiter auf den wogenden Ring aus Leibern zu, welche sich um die Mitte des Raumes drängen. Das unruhige Licht der Öllampen lässt die Schatten an den Wänden tanzen, grotesk verzerrt zu einem Reigen von Teufel- und Albengestalten.

    In ihrer aller Mitte befindet sich, wie von Niall erwartet, eine kleiner Kampfring, welcher behelfsmäßig von Fässern und Seilen begrenzt wird. Der wie ein Edelmann wirkende Gast drängt sich recht unwirsch bis in die zweite Reihe vor, die Proteste seiner Nachbarn und die leichten Ellenbogenstöße ignorierend, die ihm zuteilwerden. Er kann einen überraschten Laut nicht unterdrücken, als er wieder dem Blonden gewahr wird, der sich mit einem offenbar schon leicht dem Vollrausch angenäherten Gegner duelliert. Allem Anschein nach hat der Blondschopf keine Zeit verloren und sich ohne große Umschweife in den Ring geschwungen. Er ist der Überlegene, von Anfang an, obwohl sein Gegner größer und kräftiger erscheint. Man sieht dem blonden Mann seinen Unmut, nein seinen Ärger an, dass der Kampf für ihn nicht die Befriedigung zu bringen scheint, die er sich erhofft hat. Nachdenklich mustert Niall den Mann genauer. Er sieht ordentlich aus, zu ordentlich für diese Taverne (von ihm selbst abgesehen) und kein Weib würde ihn so schnell von der Bettkante stoßen. Sein Körper ist wohl definiert und Muskeln zeichnen sich durch das dünne Hemd ab, wenn auch eher von ehrlicher Arbeit, als von Kneipenschlägereien herrührend. Warum er sich wohl das hübsche Gesicht grün und blau schlagen lassen will?

    Der dunkelhaarige Mann beobachtet das Kampfgeschehen und die Fähigkeiten des Blonden mit einigem Interesse. Als der erste Gegner zu Boden geht, verlangt der Blondschopf gleich nach dem nächsten und man kann förmlich die Enttäuschung wie schwarzen Dunst aus ihm ausströmen sehen, als ihm ein schlotternder junger Mann vorgesetzt wird, der den Anschein macht, als würde er sich am liebsten Einnässen.

    Armer Hund. Du hast zum Hörner abstoßen offenbar nicht das Bordell und seine Freuden als Geschenk bekommen.

    Mit gehetztem Blick, wie ein Getriebener, mustert der Blonde seinen unwürdigen Gegner, ein hungerndes, fast schon gieriges Flackern in den Augen. Etwas brodelt in dem Mann, mehr als das reine Vergnügen einer guten ehrlichen Prügelei. Niall runzelt die Stirn und fährt sich erneut nachdenklich durch den Bart. Fremd scheint dem Blonden dieser Sport nicht, da er sich durchaus schon die eine oder andere Finte abgeschaut und feste, präzise Schläge erlernt hat.


    Langsam zieht Niall sich zurück, verschwindet in den Schatten außerhalb des Rings und entledigt sich seines Gehrocks sowie seines Hemds und drückt sie einem aknenarbigen Halbstarken in die Hand, welcher gerade auf Zehenspitzen balancierend versucht einen guten Blick auf die Kämpfenden zu erhaschen.

    „Hier, pass darauf auf. Wenn du versuchst zu türmen oder etwas mit meinen Sachen geschieht, finde ich dich, presse deine Kraterfratze in das nächstbeste Feuer und fresse deine knusprige Haut. Verstanden?“ Vollkommen überrumpelt und eingeschüchtert nickend, ergreift der Junge mechanisch Nialls Habseligkeiten und hält diese so faltenfrei wie möglich in seinen Armen. „An dir ist ein guter Page verloren gegangen.“, sagt er zu dem verdattert dreinblickenden Jungen und klopft ihm spöttisch auf die Schulter.

    Niall hört noch das letzte knirschende Klatschen von Knöcheln, welche auf Wangenfleisch und Zähne treffen, dann ist Ruhe.

    >>„Noch einen.“<<, kann Niall den blonden Mann leise vernehmen, bevor er selbst den Ring, zum großen Erstaunen der Umgebenden, betritt. Stille umhüllt die beiden Männer plötzlich und Niall kann kurz ein irritiertes Aufflackern in den Augen des blonden Mannes erkennen. Mit rollenden Schultern, den Kopf mal nach links und rechts zur Schulter geneigt, verbeugt Niall sich schließlich wortlos vor seinem Kontrahenten, schiebt das Halsband ein letztes Mal zurecht und hebt die Fäuste. Beiläufig nimmt Niall aus den Augenwinkeln zwei wild gestikulierende Gestalten am Rande des Rings wahr, von denen am Ende eine die andere Person herrisch zurückhält. Wahrscheinlich will der Kampfrichter den ungebetenen Teilnehmer nicht gleich aus dem Ring schmeißen lassen, sondern erst abwarten. So ein Spektakel lässt sich kein guter Geschäftsmann entgehen. Dann brandet auch schon wieder Geschrei und Gejohle an Nialls Ohren, als hastig Wetten auf den ein oder anderen Kämpfer abgeschlossen werden.

    Erst scheint sein Gegner nicht zu wissen, wie er die Situation und Nialls plötzliches Auftauchen einordnen soll, doch dann hebt auch er die Fäuste, als stille Übereinkunft für die Annahme der Kampfaufforderung. Der Kampfrichter brüllt noch etwas in die Menge, doch Niall hört es nicht. Er ist fixiert auf die Augen und die Körpersprache des Gegners, der Rest ins Unwichtige verbannt. Auch sein Gegner mustert ihn, keine Angst im Blick. Nur Konzentration. Dann beginnen sie sich zu umkreisen, wie Wölfe, die noch die Vorherrschaft um einen Kadaver ausfechten müssen. Ein Wolf mit kräftigen Muskeln, ruhigen Bewegungen, kampferfahren und mit Narben übersät. Der andere Wolf nur unwesentlich kleiner, drahtiger, mit gespannten Muskeln und einer Haltung, die keinen Sekhel Boden preisgibt. Beide schätzen den anderen ab, studieren jede noch so kleine Bewegung des Gegners oder versuchen eine potentielle Lücke in der Deckung zu finden.


    Der erste Schlag kommt schnell und präzise, wie ihn Niall schon unzählige Male ausgeführt hat. Krachend findet seine Faust das Ziel im Gesicht des Gegners. Der Aufprall wirft dessen Kopf in den Nacken. Doch er fällt nicht. Stattdessen fängt er sich rasch mit einem Kopfschütteln, tänzelt vor Niall zurück und wischt sich mit dem Unterarm Blut vom Mund. Die Schultern des blonden Kontrahenten heben sich wieder, der Blick fest. Er versucht eine Finte, federt zur Seite, wirft einen schnellen Konter – ein gerader Schlag in Richtung Brust des Dunkelhaarigen, aber ohne Wirkung. Er wird von Niall abgeblockt, beinahe beiläufig.

    Dann fingiert Niall einen erneuten Schlag in das Gesicht des Blonden, taucht jedoch unter dessen Deckung hinweg und landet einen harten Treffer in seine Rippen. Die Wucht des Aufpralls zwingt den Körper des Blonden zur Seite, sodass Niall gleich mit einem Leberhaken nachsetzt. Der Klang ist tief, fleischig, der Blondschopf krümmt sich, taumelt – aber fällt nicht. Statt sich zu drehen oder Luft zu holen, presst er die Zähne zusammen und hebt die Fäuste wieder. Schwer atmend. Aber wach.


    Der Kampf geht weiter. Endet nicht so schnell, wie die zwei davor. Sie tauschen Schläge aus, hier und da auch einen Tritt. Niall kontrolliert und präzise, ein Mann, der seine Kraft zu dosieren weiß. Jeder Treffer ist eine erneute Prüfung, die Härte der Schläge wohl berechnet. Doch der andere weicht kaum zurück. Anerkennung liegt in Nialls Blick, welcher unbeirrt auf dem Blonden ruht. Durch die zwei Kämpfe davor muss sein Gegner schon an Kraft verloren haben und doch gibt er nicht klein bei. Keinen Sekhel Boden gibt er kampflos auf. Und immer der getriebene Blick, keine Bitte um Gnade, kein Aufgeben. Er kommt zurück. Immer wieder. Mal taumelnd, mal aufrecht. Und jedes Mal ist da dieser Ausdruck in seinen Augen – nicht Trotz, nicht blinde Dummheit, sondern eiserner Wille. Als würde er nicht gegen Niall kämpfen, sondern gegen sich selbst, gegen etwas, tief unter der ausdruckslosen Fassade seines Gesichts, ein seelischer Schmerz, der sich nur durch körperliche Pein erleichtern oder zeitweise betäuben lässt. Oh, wie Niall dieses Gefühl kennt…


    Abgelenkt von seinem Sinnieren, lässt Niall kurz die Deckung offen, was sein Gegner gleich nutzt, um ihm die Schulter unvermittelt in den Bauch zu rammen. Die Wucht lässt Niall rückwärts gegen einen der Tragbalken taumeln und bevor er sich versieht, kracht die Faust des Gegners diesmal in sein Gesicht, sodass die Zähne schmerzhaft aufeinanderschlagen. Der Aufprall von Nialls breitem Kreuz lässt die am Tragbalken hängende Öllampe aggressiv schwanken so, dass wilde Schatten über die Wände huschen, wie aufgescheuchte Fische in einem Teich. Der dunkelhaarige Mann reißt schützend die Fäuste und somit seine Deckung wieder hoch, schüttelt die kurze Benommenheit ab und schlägt nach dem Blonden, doch dieser ist wieder außer Reichweite getänzelt. Niall bleibt kurz an den Balken gepresst stehen, bis sich sein Atem wieder gefangen hat und spuckt sich dann prüfend in die Hand. Ein Schwall Blut ergießt sich, doch kein Stück Fleisch fällt in die geöffnete Hand. Seine Zunge scheint heil, aber seine Wange ist innen aufgerissen.

    Guter Schlag.

    Mit einem blutverschmierten wölfischen Grinsen, nickt er anerkennend seinem Gegenüber zu.

    Dann stößt sich Niall vom Balken ab und der Tanz beginnt von Neuem. Diesmal presst Niall seinen Gegner härter, treibt ihn vor sich her und kann die Energie aus seinem Kontrahenten fließen sehen, wie den Schweiß, der an ihnen mittlerweile in Bächen hinabläuft. Offenbar ist Nialls Gegner gewöhnt, dass er seine Kontrahenten Müde machen und dies am Ende als seinen Vorteil nutzen kann. Durchaus eine legitime Vorgehensweise gegen Hafenpöbel und unreife Bauernsöhne, aber nicht gegen Niall.


    Der nächste Treffer ist der Letzte. Ein rechter Haken – schnell, flach, präzise. Kein übertriebener Schwung, nur Kraft aus der Hüfte, aus Jahren der Übung. Die Faust trifft den Kiefer von Nialls Gegenüber mit einem trockenen Knacken. Der blonde Schopf ruckte zur Seite, der Körper erst noch standhaft, dann sinkt er auf ein Knie. Noch immer ist da Spannung in dessen Körper – als würde selbst das Knien gegen den Willen des Blonden verstoßen. Niall bleibt federnd stehen. Die Fäuste noch oben. Nur einen Moment lang. Dann lässt er sie sinken und wischt sich dabei ein Rinnsal Blut vom Kinn. Der kniende Mann vor ihm versucht sich aufzurichten, doch am Ende sieht er den dunkelhaarigen Mann nur an. Die Muskeln in seinen Armen zittern, ein Auge ist fast geschlossen, die Lippe aufgerissen. Und doch, er sieht Niall an – nicht weg, nicht beschämt. Der Blick klar, trotz der Schmerzen. Wach. Niall runzelt kurz die Stirn. Etwas arbeitet in ihm, während er den blonden Mann ansieht. Dieser Kampf hätte in drei Minuten vorbei sein können. Vielleicht sogar in zwei. Wille allein reicht nicht für das, was dieser Mann eingesteckt und geleistet hat. Dahinter muss einfach mehr liegen. Ein Grund. Etwas, das ihn trägt, wenn der Körper längst aufgeben will. Eine tiefe Schuld. Ein Schwur. Oder jemand, den er nicht enttäuschen darf. Auf jeden Fall etwas, dass ihn Innerlich zu zerfressen droht. Doch nun der Blick. Er hat sich gewandelt. Jetzt nicht mehr gehetzt und getrieben, gierend nach Betäubung einer für Niall nicht bekannten Qual. Er sieht zerschunden aber… friedvoll aus. Als hätte Niall ein tobendes Biest, welches in dem Blonden wütet, wieder in den Käfig zurück geprügelt. Sprichwörtlich.


    Niall kommt einen Schritt näher, beugt sich nicht, sondern lässt nur eine blutbefleckte Hand zu seinem Kontrahenten sinken. Offen, ruhig. Keine Geste des Mitleids, sondern eine stumme Anerkennung. Kein Wort kommt über Nialls Lippen. Keines ist nötig. Der Kampf ist vorbei.

    Doch was bleibt, ist Respekt. Nicht für den Sieg. Sondern für das, was es den Blondschopf gekostet hatte, nicht aufzugeben und seine Art der Erlösung zu finden. Zumindest für diesen Abend.

    It is said there is no sin in killing a beast, only in killing a man. But where does one begin and the other end?

    ~ Wolfman (2010) ~

    5 Mal editiert, zuletzt von Niall ()

  • „The real battle is always inside.“

    — Fight Club


    14. Erntemond 525


    Irritation huscht über Aneirins Züge als ein weiterer Gegner den Ring betritt. Nicht vom Schirmherrn geschickt, nicht vom Kampfrichter. Selbstbewusst und eigenmächtig. Und bereit. Aneirin ignoriert das Raunen und Gestikulieren am Rande des Rings, lässt seinen Gegner nicht aus den Augen.

    Den Mann, dessen Oberkörper ein Land aus Narben ist als trüge er jede Linie wie ein Kapitel seines Lebens. Die Haut ist gezeichnet, rau und unruhig . Dort ein schmaler silbergrauer Strich, der sich über die Brust zieht, dort ein Netz feiner aufgehellter Linien, wie Flüsse, die einmal heftig waren und nun nur noch ein ausgetrocknetes Flussbett. Zwischen der Muskulatur ragen schattig die Narben hervor – nicht mächtig im Volumen, aber deutlich in der Tiefe.

    Der Hals ist breit und fest – ein Fundament zwischen Kopf und Schultern. Und dort wölbt sich das auffällige "Schmuckstück": Ein Halsband mit nach innen gerichteten, nahezu fingerlangen Stacheln. Es liegt eng an der Haut, fast provokativ. Sicher schmerzhaft. Aneirin hat so etwas noch nie gesehen. Als hätte der Dunkelhaarige seinen Blick bemerkt, schiebt dieser das Halsband zurecht und hebt die Fäuste.


    Rasch schiebt Aneirin die Gedanken und Fragen in seinem Kopf beiseite, konzentriert sich allein auf seinen Kontrahenten. Alles um ihn herum verschwimmt zu einem fernen, dumpfen Rauschen. Nur der Mann ihm gegenüber bleibt klar – mit seinem dunklen Haar, dem kontrollierten Blick, den wölfischen Bewegungen. Ein Gegner, der keine Gnade braucht und keine zeigt.

    Aneirin hebt die Fäuste, spürt, wie seine Hände zittern. Nicht vor Angst, sondern vor freudiger Erwartung. Etwas in ihm giert danach, sich zu entladen. Nicht nur die Muskeln. Der Wolf unter seiner Haut drängt, will sich endlich wieder fühlen dürfen. Wut, Schmerz, Blut – alles, was hilft, den Nebel in seinem Kopf zu vertreiben.


    Als der erste Schlag trifft, spürt Aneirin kaum den Schmerz. Kopfschüttelnd fängt er sich, schmeckt das Metall in seinem Mund. In einer beiläufigen Bewegung wischt er sich das Blut fort. Kurz zuckt der Mundwinkel. Es war erst ein Schlag. Blitzschnell und gezielt. Ein Schlag, der Aneirin ahnen lässt, wozu sein Gegner noch fähig ist.

    Sein Gegner ist schnell. Verpasst ihm einen Schlag nach dem anderen. Er kontert, weicht aus, stürmt wieder vor. Seine Rippen brennen, seine Lunge pfeift. Und doch ist es fast eine Erlösung. Endlich jemand, der standhält. Endlich jemand, den er schlagen darf, ohne dass gleich etwas in ihm zerbricht. Vor seinen Augen wird der Ring wird zu jener Nacht, in der Brianna geschrien hat. In der er zu schwach war, sie zu retten.

    Der andere Mann bewegt sich mit tödlicher Ruhe, aber Aneirin sieht etwas anderes in ihm – das Aufblitzen von Zähnen, das Funkeln von gelben Augen. Damals hat es ihn von den Füßen gerissen, im wahrsten Sinne des Wortes. Schnell, viel zu schnell. Er hat nur noch zusehen können, wie die Pranke Brianna den tödlichen Schlag versetzte.

    Die Faust seines Gegners trifft Aneirin mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Er taumelt, stolpert zurück, schmeckt erneut Blut. Sein Körper will fallen, aber er zwingt ihn zum Stehen. Sein Herz hämmert wie wild. Dieses Mal nicht. Dieses Mal wird er nicht fallen.


    Plötzlich erkennt Aneirin eine Öffnung in der Deckung seines Gegners. Schneller als der Kopf denken kann, stößt er sich mit den Füßen ab und rammt ihm seine Schulter in den Bauch. Ohne Zögern setzt seine Faust nach, als dieser taumelt, und kracht in die grässliche Fratze des Monsters.

    Schnell tänzelt er wieder außer Reichweite, lässt seinen Gegner weiterhin nicht aus den Augen. Sein Herz will vor Aufregung durch seine Brust brechen. In seinen Ohren rauscht das Blut. Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem triumphierenden Lächeln, als der Andere Blut spuckt. Vielleicht soll er sie tatsächlich bekommen. Die Chance, seinen kleinen Sonnenschein zu retten. Und wenn er das Monster nur hinhält, bis Arúen und Tiuri bei ihm sind. Er muss nur durchhalten.


    Doch die Pranken seines Gegenübers sind wieder schnell bei ihm, lassen ihm keine Möglichkeit mehr, seine Deckung zu verlassen. Unerbittlich treibt es ihn in die Enge. Aneirin spürt, wie ihn die Kraft verlässt. Fast schon verzweifelt versuchen sich seine Beine gegen das Unausweichliche zu wehren. Nur noch etwas durchhalten. Nur noch ein wenig.

    Der letzte Schlag trifft ihn unerwartet. Und obwohl er alle verbliebene Kraft aufwendet, um es zu verhindern, geben seine Beine nach, lassen ihn widerwillig auf die Knie sinken. Sein Atem geht schwer, seine Schläfen pochen. Die Muskeln sind zum Schmerzen gespannt bei dem Versuch sich zu erheben. Es eicht aber gerade einmal dazu, ein Bein aufzustellen. Aneirin stützt sich mit dem Unterarm auf das Knie und schließt die Augen. Eine zarte, vertraute Stimme hallt in seinem Geist wider. Ich… hab dich lieb… Papa… Dumpfes Rauschen brandet wie stürmische Wellen gegen seinen Geist. Dann Stille.


    Ein Ruck durchfährt Körper und Geist, als es ihn schlagartig ins Hier und Jetzt zurückwirft. Die verkrampften Muskeln beginnen zu zittern, ergeben sich allmählich der Erschöpfung. Aneirin blinzelt. Das Pochen in seinem Ohr lässt langsam nach, lässt nun wieder die Rufe und das Jubeln der Umstehenden durch. Mit tiefen Atemzügen versucht er sein rasendes Herz zu beruhigen.


    Er hebt er den Kopf und sucht den Blick seines Kontrahenten. Von Ermüdung keine Spur… Als hätten sie lediglich eine kurze Rangelei hinter sich. Was es wohl braucht, um diesen dort wirklich herauszufordern? Und obwohl Aneirin ganz offensichtlich nie eine Chance gehabt hat, diesen Kampf zu gewinnen, fühlt er sich erleichtert, spürt er wie Ruhe einkehrt.

    Die Hand des Fremden reißt ihn aus seinen Gedanken. Aneirin starrt sie einen Herzschlang lang an. Er spürt das erschöpfte Zittern seiner Finger. Diese Hand ist so viel mehr als ein Hilfsangebot und Aneirin weiß dies wirklich zu schätzen. Er atmet einmal tief durch und ergreift sie ohne weiteres Zögern. Die Muskeln brennen, als er seine verbliebene Kraft aufwendet, um sich hochzustemmen.

    Der Griff des anderen Mannes ist fest, aber nicht feindlich. Aneirin steht wieder, schwankt leicht, Blut rinnt ihm aus der Nase, tropft auf den Boden. Er wischt sich über Mund und Nase. Der Verband um seine Hände ist inzwischen rot durchtränkt. Und in der Stille, die zwischen zwei Atemzügen entsteht, spürt er, dass dieser Fremde ihn gerade vor sich selbst gerettet hat.


    Ein kaum merkliches, dankbares Nicken, mehr bringt Aneirin nicht hervor, als wären Worte zu viel. Der andere erwidert das Nicken und Aneirin ist sich sicher, dass dieser auch keine Worte erwartet. Er bleibt noch einen Herzschlag stehen und mustert ihn. Ein huschender Blick zur Treppe, das Kinn kaum merklich angehoben – kein Befehl, kein Bitten, nur ein stilles Angebot unter Männern, die einander Blut und Respekt zugleich abgerungen haben.

    Als Aneirin sich abwendet, zieht der Schmerz mit jedem Schritt höher die Wirbelsäule hinauf. Er hat das Gefühl die Füße kaum vom Boden heben zu können. Hinter ihm ruft der Schirmherr etwas. Worte, die er zunächst kaum versteht. Als Aneirin innehält, hört er es doch: dass der Kampf „nicht genehmigt“ gewesen sei, dass die Einnahmen bereits verrechnet wären. Er dreht den Kopf leicht, aber nicht ganz.

    „Behalt’s“, sagt er nur, kaum mehr als ein Rest Atem, und geht weiter. Er hat nicht des Geldes wegen gekämpft. Das tat er nie. Ein Jüngling reicht ihm seinen Mantel, den er sich schwerfällig über die Schulter wirft.


    Die Treppe hinauf kostet ihn mehr Kraft, als er zugeben möchte. Er tastet sich an der Wand entlang, das linke Auge halb geschlossen. Die stickige Luft des Kellers weicht oben dem Geruch von Bier und billigem Rauch. Dafür ist sie deutlich kühler. Mit einem erschöpften Seufzer lässt er sich auf einen Stuhl in einer ruhigen Ecke fallen, legt sich den Mantel über die Oberschenkel und stützt die Ellbogen auf den runden Holztisch.

    „Etwas Starkes“, sagt er zur Schankmaid, ohne aufzusehen als er ihren fragenden Blick auf sich ruhen spürt und fügt hinzu, als sie gerade auf dem Absatz kehrt machen will: „Zwei.“

    Als sie mit zwei kleinen Bechern und einem feuchten Tuch zurückkehrt, drückt er ihr sogleich die entsprechenden Münzen in die Hand.

    Der erste Schluck brennt, kratzt die Kehle hinunter und nimmt den Blutgeschmack nicht fort, aber dämpft ihn wenigstens. Ein zweiter folgt. Der Raum verschwimmt ein wenig, Stimmen werden zu einem einzigen dumpfen Summen. Den kühlen Becher in seiner Hand drückt er sich mit einem leisen Seufzen gegen das zuschwellende Auge. Mit der anderen wischt er sich mit dem Tuch das Blut aus dem Gesicht.


    Eine Bewegung neben ihm. Holz knarzt, als jemand sich auf einen der anderen Stühle setzt. Aneirin braucht nicht hinzusehen. Mit einer müden Bewegung schiebt er den zweiten Schnapsbecher zu dem Dunkelhaarigen und prostet ihm zu, ehe er seinen eigenen leert.

    Aneirin atmet hörbar aus.

    „Ihr seid geübt im Zuschlagen“, sagt er schließlich, hebt den Blick und mustert die rauchblauen Augen seines Gegenübers.

    „Hab ich überhaupt den Hauch einer Chance gehabt?“, fügt er mit einem schiefen Lächeln hinzu, obwohl er die Antwort ohnehin zu kennen glaubt.

  • And in the end. It`s you against you. Fighting for yourself.

    ~ AnjaliChaturvedi ~



    14. Erntemond 525


    „Gib mir das. Nein… nicht das! Zum Dunklen… Her damit!“ Unwirsch zieht Niall den aknenarbigen Jungen zu sich heran, der den Kampf über Nialls Oberbekleidung erstaunlich säuberlich und faltenfrei in den Armen gehalten hat und sich nun eingeschüchtert versucht Nialls Griff zu entziehen. Ob es die barschen Worte, das energische auf ihn Zuschreiten des dunkelhaarigen Kämpfers, das an Niall klebende Blut oder die Vorstellung der beiden Kämpfenden im Ring war... oder alles zusammen… es ist dem schwarzhaarigen Mann absolut gleichgültig. Weit kommt der Junge mit seinem zittrigen Zurückweichen sowieso nicht, da er nach einer Hand voll Schritten mit der Wand im Rücken alsbald manövrierunfähig ist und Niall ansieht, wie ein dem Tod geweihtes Kaninchen vor den geifernden Fängen eines Wolfs.

    „Wenn ich dir einen Rat geben kann, Junge…“, sagt Niall in die schreckgeweiteten Augen des Halbstarken hinein, während er sich die blutbefleckten Hände an dessen Kragen und Schultern abwischt, „gehe nicht an solch einen Ort, wenn du kein Blut sehen kannst. Wenn aus dir etwas werden soll, meide solche Orte generell.“ So gut es geht versucht Niall das bereits in kleinen, bröseligen Bahnen trocknende Blut auf seiner Haut loszuwerden. Seine Hände sehen aus wie Landkarten, auf denen das Blut die Flüsse und Deltas der bereits kartographierten Wasserströme darstellt. Auch das in seinem Bart zu koagulieren beginnende Blut streift er gebückt in den Mantelschößen seines Gegenübers ab, so gut es ihm im zappelnden Schein der Öllampen gelingen mag. Nicht, dass er sich für das Blut schämen würde. Im Gegenteil. Aber es würde… nun… nicht zu seinem eleganten Kleidungsstil passen.


    „Hier. Gern geschehen. Jetzt kannst du damit prahlen in eine Schlägerei verwickelt gewesen zu sein, ohne einen Kratzer davon getragen zu haben. Alles Blut deines Gegners. Bravo!“ Zynisch lächelnd blickt er auf die mittlerweile in krampfhaft zurückgehaltenen Tränen schwimmend Augen hinunter und greift erst jetzt nach seinem Hemd und Gehrock. Während er sich ankleidet, mustert er stumm den Jungen. Den Seidenschal belässt er jedoch zusammengefaltet in der Jackentasche. „Meine Güte, dein Adamsapfel hüpft hoch und runter, wie ein Tschakma im Käfig… Nochmal, das hier ist nichts für dich, Jungchen. Komm in zwei… drei Jahren wieder und lerne deine Angst zu kontrollieren. Dann kannst du dir immer noch die Zähne ausschlagen lassen oder dabei zusehen. Denn so… bist du nur Futter für die Wölfe im Ring.“ Das freudlose Grinsen, welches sich breit und sardonisch im Gesicht des schwarzhaarigen Mannes ausbreitet, lässt den Jungen mit einem trockenen Knacken schlucken. Dann wendet sich Niall dem Treppenaufgang zu, dabei seinen Gehrock elegant zurecht zupfend, den Jungen nun vollkommen ignorierend.


    „Mein Herr! Sire! Ich meine… M’Lord? Wollt ihr nicht… ich meine… nächstes Mal..?!“, erklingt es hinter ihm, doch er dreht sich nicht um. Es ist die Stimme des Schirmherren, welche er wiedererkennt. Niall scheint völlig darin versunken seine Ärmel zu richten, sowie das schwere Halsband in eine angenehmere Position zu bringen, während er weiter die Distanz zum Treppenaufgang verringert. Er kann die hastigen Schritte des Mannes hinter sich näher kommen hören und spürt förmlich die ausgestrahlte Anspannung und den Ärger, weil Niall ihn offenbar ignoriert. Gerade als der Schirmherr erneut etwas sagen will, erstickt Niall den Redefluss bereits im Keim. „Gebt euch keine Mühe. Ich weiß, warum ihr mir folgt. Ich lehne ab. Noch einen Kampf wird es nicht geben.“ Abrupt bleibt Niall stehen, dreht sich mit wehendem Gehrock auf der Stelle und fixiert den kräftigen, aber sehr viel kleineren Mann aus graublauen Augen. „Auf mich wird nicht gewettet. Zumindest nicht solch mageren Wetten, wie eure Klientel es gerade so aufbringen kann. Zudem… ihr seid ein Betrüger. Denn ihr nehmt mit warmer Hand flugs Wetten an, die ihr dann nicht auszahlt. Oh ja, mein Herr. Auf mich wurde gewettet und ich habe nicht verloren. Allerdings habe ich ziemlich gute Ohren und klar vernommen, was ihr meinem Kontrahenten zugeflüstert habt.“ Die ruhig aber mit drohendem Unterton gesprochenen Worte von Niall, lassen den Kopf des Schirmherren eine immer dunkelrotere Farbe annehmen, doch er schweigt. Offenbar hat Niall eine wunde Stelle getroffen. Schämen wird sich sein Gegenüber nicht, aber solch offene Worte scheint er ebenso nicht gewöhnt. Aus den Augenwinkeln kann Niall bullige Schemen erkennen, die sich um sie herum materialisieren und postieren. Offenbar die Handlanger des Schirmherren. „Selbst Abschaum wie ihr solltet bei Wetten zumindest etwas Ehrgefühl aufbringen. Wettschulden sind schließlich Ehrenschulden, eh? Also gehört das hier… mir!“ Mit einem Ruck reißt Niall eine der vielen Geldkatzen vom Gürtel des Mannes ab und wiegt es höhnisch in der Hand. „Na, da kommt ihr aber gut davon. Das ist sicher weniger, als mein eigentlicher Gewinn. Aber weil ich einen guten Tag habe, will ich mal nicht so sein.“ Mit einer letzten spöttischen Verbeugung wendet sich Niall schließlich ab, nicht ohne die Schergen des Herren des Kampfringes nochmals abschätzig zu mustern, während er spielerisch den prallen Lederbeutel in die Luft wirft und mit einem leisen Klimpern auffängt. Hinter ihm vernimmt er ein leises Fluchen, doch niemand folgt ihm nach. Wahrscheinlich hat der Schirmherr seine Schläger zurückgepfiffen. Offenbar ist Niall den Aufwand nicht wert… oder der Schirmherr hat Bedenken vor Repressalien, wenn er einen solchen „Edelmann“ angreifen lässt… oder seine Ehre hat sich doch noch irgendwo gemeldet.


    Diesmal folgen ihm keine feindseligen Blicke die Treppe hinauf, sondern werden eher abgewendet oder zu Boden gerichtet. In Niall steigt ein gar glückseliges Gefühl auf. Er liebt es, wenn er Angst erwecken und einschüchternd wirken, gar die Furcht ihm Gegenüber riechen kann. Er könnte sich darin jeden Tag suhlen, wie ein Schwein im Morast. Und so überbrückt er die letzten Stufen der Treppe fröhlich pfeifend in einem Satz und sieht sich dann im Schankraum um. Leise kann man es hier weiterhin nicht nennen (und auch die Musik ist nicht besser geworden), doch die Atmosphäre hat sich schlagartig gewandelt; ist von angriffslustig und bedrückend in heiter umgeschwungen. Als wäre man sprichwörtlich durch einen unsichtbaren Vorhang getreten. Nicht Nialls Fall, aber im Moment genießt er es die Enge des Kellerraumes los geworden zu sein, um seine mit Blut und Adrenalin vollgepumpten und reaktionsbereiten Muskeln etwas zu strecken und in jenem wohligen Gefühl zu schwelgen, den nur ein Kampf einem geben kann. Seine Wange pocht, die Fingerknöchel brennen, dort wo die Haut durch den Kontakt mit seinem Kontrahenten aufgeschürft worden ist und die Sehnen in seinem Nacken spannen… Aaaaahhh… Gibt es etwas Besseres? Nun… wobei… weiche Schenkel und eine nasse… Uh, später vielleicht!


    Beschwingten Schrittes nähert er sich dem Tisch, an dem er seinen blonden Gegner ein paar Herzschläge zuvor ausgemacht hat und lässt sich beinahe lautlos grazil auf dem Stuhl nieder. Er sieht den Mann nicht direkt an, sondern taxiert eher die Mitte des Schankraumes mit dem runden Tisch zu seiner Linken, auf dem er lässig seinen Ellenbogen platziert, einen weiteren Stuhl (ohne Rücksicht vor Verlusten oder die umstehenden Gäste zu beachten) vor sich hin kickt und die Füße genüsslich auf diesem ablegt. Aus den Augenwinkeln nimmt er durchaus den zerschundenen Zustand des Blonden wahr, welcher sich gerade mit einem Tuch über das anschwellende Gesicht wischt und ihm ein randvolles Schnapsglas herüberschiebt. Doch Nialls Gewissen meldet sich nicht (falls es dieses überhaupt gibt…). Er hat dem Mann ordentlich eingeschenkt, doch nur insoweit, dass keine Zähne fliegen würden oder langfristige Wunden zurückbleiben werden (gut, über das Veilchen lässt sich streiten. Da ist es doch mit Niall etwas durchgegangen. Aber es hat solchen Spaß gemacht!). Mehr konnte und wollte er nicht für den Mann tun. Diese Geste ist in Nialls Augen viel wert, wurde ihm dies selbst in all den vielen Zwölfmonden nie zuteil. Wie die Narben auf seinem Körper als stumme Mahnmale bezeugen können.

    Gnade. Für mich gab und gibt es sie nicht…, denk er finster, doch das Lächeln in seinem Gesicht straft die düsteren Gedanken lügen, während er seinem spendablen Gönner ebenfalls zuprostet.

    Die Worte seines Gegenübers lassen kurz das süffisante Grinsen noch breiter werden, während er den Blick des Blonden kurz erwidert, sich dann aber abwendet und den Blick ziellos durch den Schankraum schweifen lässt. Gedankenverloren spielt seine Zunge mit den Hautfetzen der aufgerissenen Schleimhaus seiner Wange, bevor er in einem Zug das Gläschen leert und das Brennen des wunden Fleisches klaglos erträgt.


    Es vergeht einige Zeit bis Niall antwortet, beide alleinig umgeben von der Geräuschkulisse des illustren Treibens um sie herum. Als Niall zu seinem Tischnachbarn blickt, fixiert dieser ihn noch immer, das blutbefleckte Tuch in einer kräftigen Hand knetend. „Ihr habt es nicht wegen dem Sieg gemacht und ich habe um keinen Sieg gekämpft. Daher ist eine Antwort auf die Frage belanglos.“, sagt Niall ernst und das Grinsen schwindet allmählich, wie Nebel in der aufkommenden Morgensonne. Beide kennen die Antwort im Inneren jedoch genau und keiner stellt diese wirklich in Frage. Ganz andere Fragen beschäftigen Niall gerade, aber stellen wird er sie nicht.

    „Hier, nehmt eine davon.“, wechselt Niall kurz angebunden das Thema und befördert eine zerbeulte Schnupftabakdose aus den Tiefen seines Gehrockes zu Tage, aus dem er zwei kleine Kügelchen zückt, die im schummrigen Licht verdächtig wie die Hinterlassenschaften eines Hasen aussehen.

    „Nehmt jetzt eine. Schmeckt, als hätte euch ein Goblin mit Verdauungsproblemen in den Mund geschissen, aber wird die Schmerzen zuverlässig lindern. Mein eigenes Rezept.“, verkündet er neckisch zwinkernd und wedelt kurz mit der hohlen Hand, in der die Kügelchen umherrollen, in Richtung seines Tischnachbarn, da dieser keinerlei Anstalten macht, die ominösen grasartigen Presslinge entgegen zu nehmen.

    „Schaut nicht so argwöhnisch. Umbringen wird es euch nicht, sonst würde ich hier nicht sitzen. Sie können euch… ein paar Halluzinationen bescheren, das gebe ich zu. Aber mehr auch nicht. Die Zweite nehmt ihr, wenn die Wirkung der Ersten nachlässt. Ihr müsst natürlich nicht, aber… im Ring habt ihr genug gelitten. Kein Grund es auch außerhalb zu tun. Genug des Heldenspielens. Ah und übrigens… “ Mit der noch freien Hand angelt Niall nach der Geldkatze und wirft diese mit einer geschickten Bewegung aus dem Handgelenk so, dass diese klimpernd direkt auf dem Tisch unter der Nase seines Gegenübers landet. „Der Schirmherr sendet seine Entschuldigung. Er hat sich wohl bei den Wetteinnahmen verrechnet. Er wollte… nun doch nicht alles behalten. Nehmt euren Anteil. Ich brauche es nicht. Aber ich würde euch raten bei den Fischhändlern etwas Eis zu erstehen… für das Auge.“ Das zurückgekehrte wölfische Grinsen sowie das kampflustige Funkeln in Nialls Augen strafen den freudigen Ton des Satzes Lügen. Im Beutelchen ist wahrlich mehr Geld vorhanden, als für etwas Eis auf dem Fischmarkt nötig ist und dem kurzen Aufblitzen in den Augen seines Gegenübers nach zu urteilen, hat dieser den Umstand ebenso schnell erfasst.

    „Da wir jetzt schon in solch einer netten Runde sitzen… ihr wart nicht zum ersten Mal hier und ich denke, ihr werdet auch nicht zum letzten Mal hier verkehren. Oh schaut mich nicht so an! Ich habe euch nicht tagelang beobachtet, aber ihr kämpft nicht schlecht und sehr entschlossen, also scheint es, dass ihr euch einige Tricks über die Zeit abgeschaut habt. Eure Gegner hatten keine Chance, allerdings saht ihr bei euren Triumphen ihnen gegenüber… gelinde gesagt... enttäuscht aus. Und, vergebt mir die Bemerkung, euer Äußeres wirkt nicht, als würdet ihr mit Kneipenschlägereien euren Unterhalt verdingen. Eure Haut ist auch nicht wettergegerbt genug, als dass ich euch für einen Seemann halten würde. Ich weiß nicht, was ihr sucht, aber gesteht mir die Freiheit anzumerken, dass ihr es hier nicht finden werdet und… beim Dunklen, nehmt endlich die Pillen entgegen!“

    It is said there is no sin in killing a beast, only in killing a man. But where does one begin and the other end?

    ~ Wolfman (2010) ~

    2 Mal editiert, zuletzt von Niall ()

  • „The worst storms are inside us.“

    — The Witcher (Buchreihe, Andrzej Sapkowski)



    14. Erntemond 525


    Aneirin starrt auf die beiden dunklen Kügelchen, als wären es Artefakte aus einer anderen Welt. Einen weiteren Herzschlag wägt er ab, ob er es riskieren soll, den Worten des Fremden zu vertrauen. Doch dann nimmt er sie entgegen, nimmt eine zwischen Daumen und Zeigefinger. Ein heiseres, trockenes Lachen entrinnt seiner Kehle.

    „Sie riechen genauso schlimm, wie sie aussehen.“

    Resigniert atmet er aus, ehe er sie sich in den Mund steckt. Die Pille schmeckt tatsächlich so, wie der Dunkelhaarige es beschrieben hat – nur schlimmer. Ein scharfes Stechen fährt ihm bis in die Nasenwurzel. Er verzieht das Gesicht, presst die Lippen aufeinander, damit das Zeug nicht wieder herauskommt. Seine Augen tränen kurz, dann schnaubt er, halb genervt, halb beeindruckt.

    „Bei allen Göttern… Ihr seid ein Sadist.“

    Zum ersten Mal seit Stunden zuckt sein Mundwinkel zu etwas, das einem echten Grinsen ähnelt. Rasch bedeutet er der Schankmaid mit einem Wink, dass er dringend flüssigen Nachschub braucht.


    Er greift nach der Geldkatze, um den Beutel zu sich herüberzuziehen, der schwerer als erwartet ist. Aneirin glaubt zu ahnen, was es zwischen den Zeilen mit dem Erwerb dessen auf sich hat. Mit den Fingern nestelt er an dem Band, zieht es vorsichtig auseinander.

    „Das…“ Er kippt ihn nicht aus, mustert nur des Dunkelhaarigen Gesicht, das Grinsen, das Funkeln darin. „…wäre nicht nötig gewesen.“

    Er entnimmt eine Münze und steckt sie dem Schankmädchen zu, das ihnen in diesem Augenblick zwei Humpen serviert.

    „Aber wenn der Schirmherr meint, sich entschuldigen zu müssen, soll er es tun. Ich bin nicht derjenige, der deswegen schlecht schlafen wird.“

    Ein kurzer Blick, halb amüsiert, halb misstrauisch. „Und bevor Ihr fragt – nein, ich gebe es nicht zurück. Aber gebraucht hätte ich es auch nicht.“

    Bedächtig lässt er die zweite Kugel in die Geldkatze fallen, ehe er den Beutel zuzieht und an seinen Gürtel bindet. Anschließend greift er nach dem Krug, prostet seinem Gegenüber zu und nimmt einen großen Schluck. Der Alkohol brennt. Anders als die Pille. Und als würde er etwas lösen. Nicht die Schmerzen – die werden morgen noch sein. Aber vielleicht diesen Knoten tief in seiner Brust.


    Als Aneirin den Dunkelhaarigen genauer betrachtet, fällt ihm die Wildheit in dessen Zügen auf: die kantigen Wangenknochen, der kräftige Kiefer, der selbst im Halblicht wirkt, als wäre er aus etwas Härterem gehauen, der entschlossene Mund, umrahmt von einem dunklen Bart. Und dann diese Augen — rauchblau, ruhelos, wachsam. Im flackernden Schein des Lichts scheint sie ein gelblicher Schimmer zu durchziehen, als gehörten sie eher einem Tier als einem Menschen.

    Doch etwas anderes fängt seine Aufmerksamkeit noch stärker ein. Der Andere sitzt da, scheinbar entspannt, die Füße auf dem Stuhl abgelegt, die Hände locker. Aber unter dieser Lässigkeit liegt eine Körperspannung, die so gar nicht hierher passt. Die Art, wie er das Gewicht verlagert, wie jeder Muskel bereit scheint, in einem Atemzug zu reagieren — es hat nichts von einem Kneipenschläger an sich. Eher etwas… lautloses. Kontrolliertes. Die Bewegungen sind zu leise, zu geschmeidig, fast wie die eines Raubtiers, das nie ganz zur Ruhe kommt.

    Für einen Herzschlag regt sich tief unter Aneirins Rippen dieses flüchtige Ziehen — ein instinktives Aufhorchen, das keinen Namen hat. Ein Echo, ein Erkennen ohne Worte, als stünde ihm jemand gegenüber, der zu viel versteht. Viel mehr, als ein Fremder verstehen sollte.

    Doch bevor der Gedanke Form annimmt, bricht die Müdigkeit darüber zusammen wie eine Decke aus nassem Stoff. Zu viel Schmerz, zu viel Erschöpfung an diesem Abend. Und ganz sicher tut die bittere Pille allmählich ihr Übriges dazu.


    Aneirin fährt sich erschöpft über die Stirn. Mit jedem Atemzug verliert er ein Stück mehr von seiner Fähigkeit, den Raum aufmerksam zu halten; die Geräusche werden dumpfer, die Bewegungen unschärfer. Sein Instinkt sagt ihm, dass dies das wohl das Dümmste ist, was ihm in dieser Spelunke passieren könnte. So fremd der Mann ihm auch ist — und so unbeteiligt er wirken mag — irgendetwas in Aneirin ist sicher, dass dieser nicht tatenlos zusähe, wenn jemand ihn hinterrücks abstechen wollte. Eine Gewissheit ohne Grund, ohne Logik. Nur ein Gefühl. Tief und still.


    „Ihr habt recht. Ich bin nicht zum ersten Mal hier…“, setzt Aneirin an. „Und für den Sieg war ich tatsächlich auch nicht dort unten. Auch nicht wegen des Geldes…“ Der Daumen seiner Rechten fährt langsam den kühlen Krug auf und ab, während die anderen Finger den Humpen weiterhin umschlossen halten.

    „Ich bin kein Kämpfer, aber…“ Aneirins Blick verliert für einen Moment den Fokus, gleitet an Niall vorbei und irgendwohin in die Dunkelheit hinter ihm, als würde er in einem anderen Raum stehen, in einer anderen Zeit.

    Die letzten Zwölfmonde, die er erinnert, tragen mehr Gewicht, als er in Worte fassen könnte. Vor seinem inneren Auge tauchen Bruchstücke jener Tage auf, die ihn stumm geprägt haben: das Haus, in dem er mit Freunden lebte, der verdrängte Schreck darüber, dass jemand in ihren Schutz eingedrungen war, während er nichts tun konnte; die Jagd durch das Unterholz, als Wilderer die Frau einfingen, die er liebte und er viel zu spät erkannte, wie verletzlich selbst Mutige sein können.

    Er erinnert sich daran, wie der Elb, mit dem er damals wohnte, ihm wortlos einen Stab in die Hand drückte und ihn lehrte, sich wenigstens so viel zur Wehr zu setzen, dass er nicht erneut tatenlos zusehen musste.

    Und darüber liegt, wie ein bleierner Schatten, jene Nacht, in der Brianna starb — der verzweifelte Kampf gegen die Werwölfin, der letzte, kleine Atemzug in seinen Armen. Die Erkenntnis, dass er nichts hatte tun können — und der bittere Schwur, nie wieder so hilflos zu sein.

    Seitdem sucht er den immer wieder den Kampf, die Herausforderung, nicht aus Eitelkeit, nicht aus Blutlust, sondern weil Stillstand gefährlicher ist als jeder Schlag. Weil Bewegung das Einzige ist, was ihn davor bewahrt, wieder in dieser Nacht gefangen zu sein.

    Er blinzelt, kehrt zurück, als wären diese Erinnerungen nur Schatten, die kurz an ihm vorübergezogen sind. Ein kurzes Aufatmen, dann setzt er fort: „Es ist wohl in meinem eigenen Interesse, nicht vollkommen wehrlos dazustehen.“


    Mit einem leichten, vielleicht etwas stolzen Grinsen lehnt er sich zurück.

    „Eigentlich bin ich Bäcker. Früher einmal Barde. Eine Zeit lang auch beides. Ein backender Barde oder singender Bäcker, sucht’s euch aus…“, meint er und kichert leise, mehr über sich selbst als über das schlechte Wortspiel.

    Schlagartig werden seine Züge wieder erst.

    „Den Barden gibt’s nicht mehr…“

    Er starrt eine Weile auf das Holz der Tischplatte vor sich, und erst als der Moment fast zu lang ist, kommt die Stimme zurück.

    „Der ist gestorben. Heute vor sieben Jahren. Zusammen mit meiner Tochter. Sie war gerade einmal vier Jahre alt…“

    Papaaa-! Unzählige winzige Holzsplitter stieben vor seinem inneren Auge auseinander, quälend langsam, so greifbar nah. Und dort inmitten der Dunkelheit das unheimliche Glühen gelber Augen. Das Aufblitzen tödlicher Fangzähne.

    „Sie wurde getötet.“

    Seine Finger krallen sich kurz in das feuchte Tuch, das auf dem Tisch liegt. Sein Blick wird glasig, ohne dass die Tränen kommen. Aneirin hebt den Blick und sieht sein Gegenüber an.

    „Von einem Werwolf.“

    Es liegt etwas in seinem Blick, das schwer zu fassen ist — eine Mischung aus alter Wut, die längst stumpf geworden ist, tiefer Trauer und der Erschöpfung eines Mannes, der seit sieben Jahren zu schwer trägt.


    Ein leises, raues Ausatmen, halb Müdigkeit, halb ein Versuch, den Stich in der Brust zu glätten. Seine rechte Hand wandert beinahe von selbst zu seiner linken Schulter, findet den alten Biss unter dem Stoff.

    „Ich konnte sie nicht beschützen. Im Gegenteil, sie hat mich beschützt und dafür mit ihrem Leben bezahlt. Ich konnte nichts weiter tun als ihren sterbenden Körper zu halten und ihre letzten Atemzüge zu begleiten. Ich habe überlebt, ja. Aber… Manchmal… fühlt es sich an, als wäre das der Fehler gewesen.“

    Er stützt die Unterarme auf die Tischplatte, senkt den Blick und beugt sich leicht vor, als würde allein das Erinnern Kraft kosten, die sein Körper eigentlich nicht mehr hat.

    „Manchmal höre ich sie noch,“ sagt er leise. „Ihr Lachen. Oder… ihren letzten Schrei. Wenn das passiert, brauche ich etwas, das lauter ist als meine Gedanken. Laufen. Schlagen. Irgendetwas, das mich aus diesem Nebel zieht.“

    Aneirin hebt den Kopf und sucht den Blick aus rauchblauen Augen.

    „Heute wart Ihr das.“

    Ein Lächeln. Ehrlich. Dankbar.


    Aneirin lässt seine Schultern sacht gegen die Stuhllehne sinken, als fiele nun erst die Anspannung aus seinen Knochen. Für einen Augenblick sagt er nichts, nur sein Blick wandert – langsam, prüfend. Er bleibt an dem Halsband hängen.

    Die Stacheln fangen das flackernde Licht ein, werfen kurze Schatten über das Schlüsselbein des Dunkelhaarigen, bewegen sich kaum merklich mit jedem Atemzug.

    Es wirkt… seltsam. Seltsam fehl am Platz. Wie etwas, das gleichzeitig Schutz und Strafe ist.

    Aneirin blinzelt, neigt leicht den Kopf, und als er wieder spricht, klingt seine Stimme leiser – nicht neugierig im üblichen Sinn, sondern wie jemand, der Muster erkennt, ohne sie benennen zu wollen.

    „Dieses… Halsband.“

    Er sucht kurz nach Worten.

    „Es ist kein Schmuck, oder?“

    Keine Anschuldigung. Keine Furcht. Nur eine ruhige Feststellung, sanft wie das Nachglühen eines Gedankens. Er senkt den Blick auf seinen Krug, fährt gedankenverloren mit dem Daumen über den Rand.

    „Es sieht aus… als hätte es einen Zweck.“

    Dann atmet er langsam durch, und ein müdes, kaum sichtbares Lächeln zieht an einem Mundwinkel.

    „Aber verzeiht. Es geht mich nichts an.“

  • How many graves will I need, to bury everything that died inside of me?
    ~Naya Akins~



    14. Erntemond 525


    „Aber, aber… ein Sadist?“, lacht Niall seinem Gegenüber entgegen und deutet eine ironische Verbeugung an (soweit ihm das im Sitzen möglich ist). „Mein Herr, wir kennen uns erst seit ein paar Stunden und schon schmeichelt ihr mir. Wo soll das nur hinführen?“
    Vorgeblich amüsiert erwidert er das kurze Zuprosten des Blonden und führt den überschäumenden Bierkrug an die trockenen Lippen, während er seinen Blick am Krug vorbei scheinbar ziellos durch den Raum schweifen und sich dem äußeren Anschein nach entspannter in den Stuhl sinken lässt. Beide schweigen eine Zeit lang und sein Gegenüber bleibt ihm vorerst eine Antwort schuldig. Nur die Geräusche der Schankstube dringen unnachgiebig auf sie beide ein, machen von der Lautstärke und Wortanzahl mehr als doppelt wett, was beide schweigend der Kakophonie vorenthalten.

    Obwohl Niall bei seiner Ankunft in der Schenke angenommen hat, dass der Abend recht uninteressant und ereignislos enden würde (nur er und seine vermaledeiten Gedanken, die ihn in letzter Zeit unnachgiebig und gnadenlos quälen), hatte sich die Situation unerwarteterweise doch zu seinem Vergnügen gewandelt. Er schließt kurz die Augen, spürt den dumpfen Schmerz, welcher in seinem Körper wühlt (und die Kopfschmerzen interessanterweise im allgemein wunden Zustand seines Körpers hat untergehen lassen), die steifen Muskeln, einen leicht lose geschlagenen Zahn… aber auch die Euphorie, die in seinem Inneren nachhallt und sich schon auf den nächsten Kampf freut, während sein Körper bereits beginnt die Wunden zu heilen.

    Der Dunkelhaarige kann spüren, wie die volle Aufmerksamkeit des anderen auf ihm weilt und als er den Blick seines ehemaligen Kontrahenten erwidert, blickt er direkt in dessen grüne Augen, die so gar nicht nach Kampf und Herausforderung schreien, sondern ruhig, fokussiert aber auch melancholisch dreinblicken, wie stille Seen in einem lichten Laubwald, auf deren ungestörter Oberfläche sich durch das Blattwerk zerstreute Sonnenflecken spiegeln. Auch die kleinen Fältchen um seine Augen herum sprechen eher die Sprache eines frohen Gemütes, doch die leichte V-förmige Falte zwischen seinen Brauen zeugt von erlebten Sorgen, die innerlich wohl größer sein mögen, als es nach außen den Anschein hat.


    Nach und nach scheint der Blonde jedoch den Fokus zu verlieren, streicht sich in einer müden Bewegung über die Stirn und ein leicht entrückt, nach innen gekehrter Ausdruck erscheint auf dessen Gesicht, während er den Blickkontakt mit Niall abbricht und zu sprechen beginnt. Durch den Schleier der Vergangenheit glasig blickende Augen, scheinen erneut Stationen im Leben des blonden Mannes zu erblicken. Mehrfaches Zucken der Kiefermuskeln im Gesicht seines Gesprächspartners deuten an, dass es wohl keine angenehmen Erinnerungen sind. Niall schweigt, stellt den mittlerweile leeren Krug auf dem Tisch ab und schaut erneut vor sich in die Mitte der Schankstube, während er den kurzen Ausführungen des Mannes lauscht und dessen Redseligkeit – seiner Meinung nach – durchaus einen nicht ganz unerheblichen Anfang in der Einnahme einer der Pillen genommen hat.

    Kurz kann sich Niall ein Grinsen nicht verkneifen. Solch einen Seiteneffekt hat er bei sich noch nie beobachtet, jedoch wäre es vermessen zu behaupten er kenne jede Nebenwirkung seiner Medizin. Schließlich ist der blonde Herr ihm gegenüber der erste, der diese Kostbarkeit von ihm erhalten hat.
    Damit sein Gegenüber das Grinsen nicht falsch versteht und es zufällig genau im passenden Moment kommt, als dieser einen Witz macht, fügt Niall an: „Nicht vollkommen wehrlos dazustehen? Eigentlich Bäcker, dann Barde und am Ende beides gleichzeitig? Wart ihr in beidem so beschissen? Haben euch erzürnte Frauen die harten Brötchen vom Vortag an den Kopf geworfen oder bei eurem schiefen Gesang den Nachttopf über euch ausgeleert? Wollt ihr euch davor nun tatkräftig schützen lernen?“

    Doch der Seitenhieb geht ins Leere, verfehlt eine Reaktion zu provozieren. Denn das, was der Blonde sagt, fegt auch das letzte Fünkchen des schadenfreudigen Grinsens aus dem bärtigen Gesicht. Er hört zu und nickt an den richtigen Stellen, so wie man es tut, wenn jemand von einem Unglück erzählt, das einen selbst nicht betrifft.
    Eine Tochter also.
    Tot.
    Tragisch, ohne Frage.
    Doch das beschäftigt den Dunkelhaarigen im Innersten nicht wirklich. Niall ist der Bezug zu Kindern völlig fremd und von keinerlei intrinsischem Interesse seinerseits begleitet. Er hat Kinder, oh ja. Manche adlig, viele nicht. Mindestens sieben von denen er Kenntnis hat und weiß der Dunkle wie viele, von denen er keine Ahnung hat. Und das kann für ihn gerne so bleiben. Es sind unerfreuliche Nebenerzeugnisse mehr oder weniger interessanter und lohnender fleischlicher Vergnüglichkeiten, die ihm auf Rohas weitem Rund über den Weg gelaufen sind. Was kümmern Ihn die Blagen? Hätten deren verfluchte Mütter besser aufgepasst, so würden keine kleinen Niall`s ein verdammungswürdiges Dasein als Bastarde fristen, im Schatten großer Fürstenhäuser oder Bordelle, nur geeint durch einen desinteressierten, kalten Mann, der zufällig ihr ungewollter Vater ist. Auch kann er nicht nachvollziehen, wie der blonde Mann seiner vierjährigen Tochter nachtrauert. In den sieben Jahren hätte er schon genug Kinder zeugen können, um den Verlust eines Kindes auszugleichen. An freiwilligen Damen, die nur zur gerne Sprösslinge aus sich herauspressen würden kann es, aus Nialls Sicht, dem ihm gegenübersitzenden Herren nicht mangeln.


    Auch wenn man es bei den Gedanken nicht vermuten mag, sind Liebe und tiefe Zuneigung Niall einst nicht fremd gewesen. Auch er hatte in sehr jungen Jahren geliebt (zumindest würde er das Gefühl heute am ehesten als Liebe beschreiben, wenn er müsste. Und seine ihn innerlich immer öfter verspottenden Gedanken ebenfalls); dies tiefe Zuneigung empfunden.
    Doch man hatte ihm schon früh gezeigt, dass Liebe ein Charakterfehler war. Ein Fehler, den er nicht begehen durfte, der in seinem Handeln nicht geduldet wurde… eine Schwäche, die ihn auf seinem Weg, der ihm vorgegeben wurde, nur ein Hindernis war.

    Jedes Mal, wenn er etwas zu lieben begann, wurde es ausgemerzt. Gründlich. Man hatte dabei sehr konsequent gearbeitet. Irgendwann hatte er aufgehört, Liebe und tiefe Nähe zu empfinden. Nicht von einen auf den anderen Tag, sondern über viele qualvolle, tränenreiche und seelenmarternde Zwölfmonde hinweg. So hatte er aufgehört Tieferes für Humanoide zu empfinden, das Gefühl mit vielen weiteren tief begraben, sein Herz verhärtet und es zu dem eisigen Bollwerk gemacht, dass es heute ist. Er hatte langfristig qualvoll lernen müssen, Menschen wie Umstände zu behandeln: vorhanden oder nicht vorhanden, nützlich oder irrelevant. Dort wo er sein… Werk… verrichtete ist kein Platz für Gefühle, Mitleid oder empathisches Nachgrübeln. Es zählte nur der Gewinn, der Sieg… Überleben. Das herunterschlucken von Furcht und Schmerz.

    Und so kann Niall zwar den dumpfen innerlichen Wiederhall eines lange zurück liegenden Verlustes nachvollziehen; von etwas, das man vorher besessen hat und einem nun verlustig geworden ist. Viel mehr aber auch nicht.


    Daher kann der Blonde auch keine Gefühlsregung in den Augen erkennen, als er flüchtig den Blick mit Niall kreuzt. Was er aber darin sehen könnte, ist ein erregt interessiertes Aufflammen, als er das Wort Werwolf nennt.

    Stumm folgen Nialls Augen der Hand seines Gegenübers, bis diese auf der linken Schulter zu ruhen kommt. Eine stille Vorahnung macht sich im Dunkelhaarigen breit, doch beide begeben sich mit dem Aussprechen des Namens der Bestie auf gefährliches Terrain. Wenn der Mann nur wüsste, wer oder was ihm gerade gegenübersitzt.

    Niall kann sich vorstellen, dass sein Gegenüber einen tiefen Hass auf Werwölfe haben muss, wer könnte es ihm nach solch einer Tat verübeln? Er würde sich nicht wundern, wenn es mit der vertraut wirkenden Zweisamkeit im Nu vorbei wäre und ihm der Blonde versucht an die Gurgel zu gehen und dabei den ganzen Schankraum gegen Niall wiegelt.

    Doch Niall wäre nicht der Mann, der er ist, wenn er nicht auch darauf brennen würde herauszufinden, was genau passieren täte, wenn er den Hass des anderen auf sich zieht. Es würde sicher… amüsant werden. Und doch passt etwas für Niall nicht ganz ins Bild. Etwas, auf das er noch nicht den Finger legen kann.


    Sein Trinkkumpan ist ehrlich in seinen Worten und der Dankbarkeit in seinem Blick, sodass es nun doch an Niall, ist dem Blick des Mannes kurz auszuweichen, der sich gerade lächelnd bei ihm bedankt. Stattdessen bricht er den Blickkontakt ab, nimmt mit einer schwungvollen Bewegung die Beine vom Stuhl und dreht sich so zum Tisch um, dass er dem Blonden nun wieder frontal gegenübersitzt. „Euer Verlust… tut mir leid. Ihr habt mein tiefes Mitgefühl. Seht es mir nach, dass mir die Gefühle eines Vaters fremd sind. Jeglicher Vergleich, mit von mir erlebten Situationen und eurem Schmerz, wären anmaßend.“, sagt der Dunkelhaarige leise und versucht damit die Leere in seinem Blick abzumildern. In Gefühlsdingen ist Niall vielleicht nicht gut, aber in umgarnenden Worten umso besser.

    Liebe und ubiquitäres Mitgefühl mögen im fremd sein, das zunehmende Gefühl der Rast- und Ruhelosigkeit sowie das Niederdrücken von aufkeimenden Gedanken jedoch nicht, daher sind ihm die nächsten Worte tatsächlich recht ernst: „Ich kenne diesen… Nebel, wie ihr ihn beschreibt. Er sickert in einen hinein, vergiftet euch langsam und stetig die Gedanken und macht einen tollwütig rasend, wie ein eingesperrtes Tier in einem viel zu kleinen Käfig. Es ist mir eine Ehre, dass ich euch heute davon… erlösen konnte. Doch passt auf, dass euch dieser Zustand nicht vereinnahmt. Ich bin immer noch der Meinung, dass ihr hier fehl am Platz seid. Aber manchmal holt einen eine harte Faust im Gesicht schneller in die Wirklichkeit zurück, als alles andere. Da stimme ich euch zu.“

    Diesmal ist es an Niall dem Blonden ein schmallippiges Lächeln zu schenken, das jedoch nicht lange anhält, während er diesen eindringlich beim erwähnen des Wortes „Tier“ beobachtet und ihn dies gedanklich zum nächsten Ausspruch bewegt: „Ihr erwähntet einen Werwolf als Angreifer. Seid ihr wirklich sicher, ich meine… hier? In diesem zivilisierten Teil von Roha?“

    Wie um seiner Worte Lügen zu strafen fliegt in genau diesem Moment zischend ein Bierkrug über ihre Köpfe hinweg und zerschellt in einem gelblich weißen Schaumregen an der gegenüberliegenden Wand. Als beide in die Richtung blicken aus der das Geschoss angeflogen kam, können sie nur noch eine balgende Masse Mensch auf dem Boden erblicken, die langsam unter einen der Tische rollt, schrill angeschrien vom Schankwirt welcher mit einem langstieligen Besen versucht die Leiber auseinander zu flechten.

    „Nun, mehr oder weniger… zivilisiert.“, ergänzt Niall und fokussiert erneut sein Gegenüber.

    „Wie dem auch sei: Wie konntet ihr den Angriff überleben? Habt ihr wirklich gesehen, dass es ein Werwolf war und… mit Verlaub… wie habt ihr überlebt? Wurdet ihr nicht verletzt? Eigentlich lassen die Bestien nichts übrig, wenn sie ein Opfer gefunden haben.“

    Niall hofft, dass seine Neugier klingt, wie die eines interessierten aber ungläubigen Zuhörers und nicht, wie die eines Wissenden, der versucht herauszufinden, wie viel der andere bereits an eben jenem Wissen erworben hat. Da ist es wieder, diese sonderbare Kribbeln, ein Gedanke, der sich in seinem Hinterkopf zu manifestieren beginnt aber noch nicht ausgesprochen werden kann. Allein die Vorstellung, dass der Bäcker solch einen Angriff ohne Verletzung… Nein, oder…? Vollkommen ausgeschlossen ist es nicht, aber Niall kann sich auch noch nicht dazu durchringen die Geschichte zu glauben. Der Blonde hat sich an die Schulter gefasst… sollte dies bedeuten, dass… Oder hatte doch seine Zauberei als Barde ihn schadlos gerettet?

    Nun, Niall würde es versuchen herausfinden. Auch wenn er sich dabei möglicherweise etwas weiter aus dem Fenster lehnen muss, als eigentlich gewollt.


    Als wären Nialls Worte im Strudel der aufgekeimten Erinnerungen seines Gesprächspartners untergegangen, antwortet ihm dieser nicht sofort, lenkt das Thema stattdessen auf Nialls Halsband, welches metallisch silbern die tanzenden Lichtkegel der Öllampen über ihnen einfängt, als wolle es selbst Aufmerksamkeit.

    Ein Hauch Ungeduld furcht Nialls Stirn, doch seine Stimme ist freundlich gelassen, fast beiläufig als er schließlich sagt: „Ach nun, dieses alte Stück…“

    Er zuckt mit den Schultern, als spräche er über ein unpraktisches Kleidungsstück.

    „Recht auffällig nicht wahr? Sagen wir… es dient der Abschreckung zukünftiger Kontrahenten. Es hält andere davon ab, auf dumme Ideen zu kommen.“

    Ein kurzer Moment des Zögerns, dann ergänzt er trocken: „Und mich übrigens auch. Oder… sollte man es daher eher als eine Art… Keuschheitsgürtel bezeichnen? Damit ich den Pfad der Tugend nicht verlassen kann...“ Bei den letzten Worten erscheint das wölfisch verschlagene Grinsen wieder auf Nialls Zügen, als er seine Hand über den Tisch in Richtung seines Gegenübers ausstreckt.

    „Da wir nun schon so nett plaudern und Trinkkumpanen sind, ist es an der Zeit mich vorzustellen, denke ich. Mein Name ist Niall. Niall… der Wolf. Und die nächste Runde geht auf mich.“

    It is said there is no sin in killing a beast, only in killing a man. But where does one begin and the other end?

    ~ Wolfman (2010) ~

    3 Mal editiert, zuletzt von Niall ()

  • “Despite knowing the journey and where it leads, I embrace it.”

    – Arrival (Film, 2016)



    14. Erntemond 525


    „Aneirin“, erwidert der Bäcker und ergreift die ausgestreckte Hand. Der Griff ist fest gemeint, doch seine Finger brauchen einen Moment länger, um die Kraft wirklich aufzubringen. Seine Muskeln reagieren einen Herzschlag zögerlicher als er es gewohnt ist. Er spürt eine matte Wärme, die durch seine Glieder zieht und hält den Druck dennoch konzentriert, als wolle er sich selbst beweisen, dass er noch weiß, was er tut. Kurz überkommt ihn der Gedanke, ob es tatsächlich so klug gewesen ist, Nialls Pille ohne Hinterfragen herunterzuschlucken. Aber ändern kann er es jetzt ohnehin nicht mehr.


    Vielleicht hält er die Hand seines Gegenübers dadurch einen Atemzug zu lange. Vielleicht liegt es auch an dessen Worten, die in seinen Gedanken nachhallen.

    Nialls Worte haben etwas in ihm getroffen, das Aneirin nicht benennen kann. Nicht, weil sie besonders klug oder tröstlich wären, sondern weil sie zu genau sitzen. Tollwütig rasend, wie ein eingesperrtes Tier – Niall kennt den Nebel ebenfalls, der Gedanken vergiftet, diesen Druck unter der Haut verursacht. Dass jemand anderes das ohne Zögern ausspricht, weckt in Aneirin das Gefühl, vertrauen zu wollen. Für einen Moment fühlt es sich an, als müsste er nichts erklären. Als wäre da jemand, der den Nebel nicht nur gesehen, sondern selbst darin gestanden hat. Er fühlt sich gesehen. Und für einen Herzschlag ist das genug.

    Aneirin löst den Händedruck schließlich, zieht die Hand langsam zurück, als müsse er sich bewusst von diesem Moment lösen. Ein leises Ausatmen, dann ein schmales, müdes Lächeln.


    „Der Wolf…, murmelt Aneirin mehr zu sich selbst. Er hebt den Blick, mustert das wölfisch verschlagene Grinsen, die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der Niall den Raum einnimmt, ohne ihn an sich zu reißen. Etwas an ihm wirkt vertraut auf eine Weise, die Aneirin nicht greifen kann – nicht angenehm, nicht beruhigend, sondern seltsam stimmig.

    „Der Name passt.“ Zu gut sogar. Nicht wie ein Beiname, den man sich selbst gibt, um bei anderen Eindruck zu schinden. Eher wie etwas, das sich von außen festgesetzt hat, weil andere es nicht ignorieren konnten. Weil Niall etwas tut – oder ist –, das diesen Namen unausweichlich gemacht hat.

    Die Art wiederum, wie Niall über das Halsband gesprochen hat, so beiläufig, fast spöttisch, bewirkt in Aneirin, dass er ihm seine erste Erklärung nicht abkaufen mag. Gleichzeitig regt sich durch diese Worte etwas anderes. Ein dumpfes Warnsignal tief in Aneirins Brust, das ihm zuflüstert, dass Vertrauen hier keine gute Idee ist.

    Doch da war auch dieser kurze Moment gewesen, dieses kaum merkliche Zögern, bevor Niall hinzugefügt hatte: Und mich übrigens auch. Das wiederum klang aufrichtig, ungewollt ehrlich.

    Aneirin fällt auf, dass Niall seine Worte mit derselben Kontrolle wählt wie seine Bewegungen – ruhig, präzise, ohne sie unnötig zu schmücken. Sein Blick gleitet einen Moment über den Mantel aus feinem Stoff, über die Art, wie er ihn trägt, und der Gedanke drängt sich auf, dass Niall eher aus besseren Kreisen stammt, als dieser Ort vermuten lässt. Es ist keine Erkenntnis, die etwas ändert. Nur eine, die sich einordnet.


    Einige weitere Augenblicke vergehen, in denen Aneirin nicht antwortet und Nialls Nachfrage den Werwolf-Angriff betreffend noch etwas länger stehen lässt. Stattdessen lässt er den Blick noch einmal durch den Schankraum wandern. Der Tumult von eben ist inzwischen etwas abgeebbt: Der Wirt hat zwei der Streithähne am Kragen gepackt und voneinander weggezerrt, fluchend, mit hochrotem Kopf. Einer liegt noch immer reglos am Boden, ein anderer kniet daneben, hält sich stöhnend den Bauch, während jemand ihm einen Becher Wasser hinhält. Scherben knirschen unter Stiefeln, gelblicher Schaum zieht klebrige Spuren über die Dielen.

    Nichts Ungewöhnliches. Nichts, was Aneirin tatsächlich schreckt. Es gab Zeiten, da hätte er sich womöglich eingemischt und sei es nur, um sicherzustellen, dass niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist. Inzwischen jedoch hat er gelernt, dass ihn nicht alles angehen sollte. So hält er sich raus, beobachtet lediglich. Er lässt den Blick einen Herzschlag länger auf dem Bewusstlosen ruhen, als wolle er sich vergewissern, dass dieser atmet. Tut er. Das ist gut.

    Die Konturen des Raumes wirken plötzlich weicher, als hätte jemand die Welt einen Hauch unscharf gestellt. Dann ist da etwas am Rand seines Sichtfeldes. Klein. Still. Fehl am Platz.

    Brianna.

    Der Gedanke kommt schneller als jede Reaktion. Kein Schreck, kein Zusammenzucken — nur dieses trockene, müde Erkennen. Du auch noch, denkt er und ein kaum merkliches Ziehen huscht durch seine Brust. Du solltest längst schlafen. Für einen Herzschlag verändert sich etwas in Aneirins Gesicht. Die harte Gleichgültigkeit, die eben noch darin lag, weicht – als hätte jemand die Spannung aus seinen Zügen genommen. Seine Schultern sinken unmerklich, der Blick wird weich, beinahe fern.

    Er blinzelt. Sie ist fort.

    Natürlich… Die Pille, der Alkohol, der ganze Abend. Und Aneirin stellt sich nicht die Frage, ob sie wirklich da gewesen ist. Er weiß, dass sein Kopf gerade Dinge zusammensetzt, die so nicht hier sind. Der weiche Ausdruck auf seinen Zügen ist wieder verschwunden, als wäre er nie da gewesen.


    Aneirin versucht seine Gedanken zu ordnen. Nialls Fragen wühlen etwas in ihm auf. Nicht, weil er sie nicht verstanden hätte, sondern weil in der Weise wie Niall die Fragen gestellt hat, etwas mitschwingt, das Aneirin nicht gewohnt ist: Zweifel. Nicht bösartig, nicht spöttisch – aber Zweifel an seiner Aussage. Er atmet einmal langsam durch. Erst dann wendet er sich wieder Niall zu.


    „Natürlich wurde ich verletzt“, sagt er ruhig. Zu ruhig vielleicht. „Schwer genug, dass ich es nicht vergesse.“ Ein kaum merkliches Zucken liegt in seinem Kiefer, als er fortfährt. Über die Art der Verletzungen schweigt er bewusst.

    „Und ja. Ich bin mir sicher, was sie war.“ Jetzt klingt seine Stimme fester, fast beleidigt, als hätte Niall ihm nahegelegt, er könne sich in etwas so Grundlegendem täuschen.

    „Eine Werwölfin.“

    Vor seinem inneren Auge flackern sie auf – diese Augen. Dieses Gelb. Wahnsinnig, gierig, leer von allem Menschlichen. Er wird sie nie vergessen können, selbst wenn er es wollte. Unwillkürlich pressen seine Kiefer aufeinander, so fest, dass es fast schmerzt. So sehr er sich über all die Jahre bemüht hat, ihr nicht zu zürnen – es sogar zwangsläufig lernen musste, um vor Anukis‘ Angesicht zu bestehen –, den aufsteigenden Zorn, der ihn beim Anblick dieser Augen noch immer erfasst, kann er nicht vollends unterdrücken.

    Dabei weiß er inzwischen besser. Aneirin weiß, dass es kein sauberes Trennen gibt zwischen dem Menschen und dem Monster, das in ihm schlummert. Dass beides ineinandergreift, unauflöslich miteinander verwoben ist, so wie es auch bei ihm selbst der Fall ist. Es hat eine lange Weile und viele Gespräche gebraucht, um dies zu begreifen. Und der Gedanke, man würde ihn selbst auf diesen einen, dunklen Teil in ihm reduzieren, lässt etwas in ihm zusammenzucken.

    Und doch… Der Zorn bleibt. Nicht auf die Frau, nicht mehr. Nicht auf das, was sie einst gewesen ist. Sondern auf den Teil in ihr, der die Kontrolle verlor, der sich von Schmerz und Wahnsinn hat treiben lassen, bis kein Halt mehr blieb. Auf das Monster, das sie nicht zügeln konnte – oder nicht mehr wollte –, als ihre Trauer sie überrollte, als Aneirin ihr Brianna entriss.

    Dass sie selbst ein Kind verloren hatte, dass ihr eigener Schmerz sie zerrissen hatte, macht die Tat begreiflicher, aber nicht verzeihlicher. Aneirin weiß, dass dieser Gedanke ungerecht ist. Aber er weiß auch, dass er ihn trotzdem fühlt.


    Aneirin merkt erst im nächsten Augenblick, dass nicht nur seine Kiefer angespannt sind, sondern dass er auch die Schultern unwillkürlich gestrafft hat. Er ist es nicht gewohnt ist, sich in dieser Sache rechtfertigen zu müssen. Normalerweise stellt niemand solche Fragen. Entweder, weil er ohnehin über Briannas Tod und die Umstände schweigt – oder weil jene, die seine Geschichte kennen, die Wahrheit bereits kennen. Weil sie dabei waren oder weil sie sie aus dem Mund derer gehört haben, die dabei waren.

    Ein leiser Anflug von Irritation mischt sich unter Aneirins Gedanken. Warum habe ich es überhaupt erwähnt? Und doch ist da wieder dieses seltsame Gefühl von Vertrautheit, von Verstanden werden. Als er den Blick hebt und für einen flüchtigen Augenblick Nialls Augen trifft, kann Aneirin darin keine offene Regung erkennen. Kein Entsetzen, keine Skepsis, kein Mitleid. Wenn überhaupt, dann nur ein kurzes, kaum greifbares Aufflammen von etwas, das tatsächlich echtes Interesse sein mag. So versucht Aneirin dessen Fragen nicht persönlich zu nehmen und atmet einmal tief durch.


    „Ich habe überlebt, weil ich nicht allein war“, fährt er schließlich fort, nüchterner jetzt. „Ich hatte Glück. Mehr, als mir lieb ist.“ Er senkt kurz den Blick, sammelt die Worte.

    „Ich hatte Gefährten dabei. Sire Tiuri Blutaxt, ein kampferfahrender Loaritter der Steinfaust. Er hat die Bestie bekämpft und ihr den Todesstoß versetzt.“ Ein Atemzug.

    „Und Lady Arúen Liasiranis, Hohepriesterin der Anukis.“ Seine Stimme wird leiser. Nicht brüchig – nur gedämpfter. „Sie hat getan, was sie konnte. Mehr, als irgendjemand hätte verlangen dürfen.“ Ein kurzes Kopfschütteln. Er steht so tief in Arúens Schuld, dass ein Dutzend Leben nicht ausreichen würden, diese zu begleichen. „Aber selbst sie konnte meiner Tochter nicht mehr helfen.“


    Er hebt den Blick wieder zu Niall. Kein Trotz darin. Keine Bitte um Verständnis. Nur diese nüchterne Ehrlichkeit eines Mannes, der gelernt hat, die Dinge beim Namen zu nennen, weil alles andere nicht zu ertragen wäre.

    „Also ja“, schließt er ruhig. „Ich hatte Glück.“


    Aneirin lässt die Worte einen Moment zwischen ihnen stehen. Ich hatte Glück. Glück…


    Er nimmt einen langsamen Schluck aus dem Krug, mehr um sich Zeit zu geben als aus Durst. Aneirin merkt erst jetzt, wie schwer ihm der Krug in der Hand liegt. Oder vielleicht ist es nicht der Krug, sondern alles andere. Er stellt ihn langsamer ab, als nötig wäre, lehnt sich einen Moment zurück und lässt das Gewicht in seine Schultern sinken, als hätte er etwas losgelassen, das er zu lange festgehalten hat.

    Ein Teil von ihm ist sich durchaus bewusst, dass er mit diesem Gespräch weiter gegangen ist als gewöhnlich. Dass er Dinge ausgesprochen hat, die sonst unausgesprochen bleiben. Es überrascht ihn weniger, als es sollte.


    Er hebt den Blick zu Niall, mustert ihn, als sei er sich selbst nicht ganz sicher, was er dort sucht. Dann sagt er leise, müde, aber ohne Ausweichen:

    „Mehr… ist es im Grunde nicht.“

    Die Worte klingen nicht abschließend. Nicht wie ein Rückzug. Eher wie das ruhige Setzen einer Grenze. Sein Blick hält stand, ruhig und wach, aber irgendwo darin liegt ein Zaudern. Nicht vor der Wahrheit selbst, die ein weiterer Schritt wohl unabdinglich ans Licht bringen würde –, sondern vor dem, was folgen würde, wenn sie erst ausgesprochen wäre.

  • You don’t know what’s going to happen. That’s not luck. That’s fate.
    ~ No Country for Old Men (Spielfilm, 2007) ~



    14. Erntemond 525



    Mit einer leichten Neigung des Kopfes sowie einem amüsiert nach oben kräuselndem Mundwinkel quittiert der Dunkelhaarige die Zustimmung seines Gegenübers, dass sein Beiname passend gewählt ist. Er kann spüren, dass der Bäcker unterschwellig versucht aus seinem Namen, dem Halsband sowie aus Nialls ganzer Erscheinung Schlüsse zu ziehen, doch auch wie er daran scheitert.

    Vorerst.

    Mit einer fast kindlich anmutenden Freude beobachtet Niall, wie der Fokus in den grünen Augen zu flackern beginnt und schließlich erlischt, wie eine Kerzenflamme, die ein plötzlicher Luftzug erwischt hat. Aneirins Blick fällt abrupt von Niall ab, scheint sich schwankend neue Fixpunkte im Raum suchen zu müssen. Erst ist es die sich langsam auflösende Meute der Raufbolde, an dem die glasig wirkenden Augen einen kurzen Moment hängen bleiben, doch es vergehen nur ein paar Herzschläge bevor sie auch von dort gelöst werden und die Wanderung von Neuem beginnen. Doch weit kommt der Blick erneut nicht, fängt sich an einem Punkt im Raum, der leicht schräg hinter dem blonden Mann liegt und anscheinend die noch verbliebene Aufmerksamkeit völlig vereinnahmt.

    Für ein paar Minuten scheint sein Gegenüber ganz woanders zu sein, als hätte sich vor ihm etwas geöffnet, das außerhalb des gemeinsamen Raumes liegt. Der Blick enthält eine Tiefe, eine Mischung aus Erkennen und Verlust, als würde dort etwas gesehen werden, das sich weder erklären noch teilen lässt.

    Rauchblaue Augen folgen der Richtung dieses Blicks, suchen nach einem Anhaltspunkt, nach einem Zeichen, was die Aufmerksamkeit des Anderen so gefangen halten kann, doch da ist nichts als vertraute Umgebung. Trinkende Männer, vorbeieilende Mägde, schwankende spinnwebenverhangene Kronleuchter, Wandpaneele aus Holz und über allem der neblige Dunst aus Tabak, Ruß und Kochdünsten, welche alle gefangen in ein und derselben Luft sind, die schon durch hunderte Lungen ein- sowie ausgeatmet wurde.


    Als der Blick des anderen schließlich zurückkehrt, wirkt Aneirin verändert, als trägt er etwas mit sich, das unsichtbar bleibt, aber dennoch Gewicht hat. Was genau der blonde Bäcker gesehen hat, bleibt dem dunkelhaarigen Mann verschlossen, doch allzu amüsant scheint es für sein Gegenüber nicht gewesen zu sein. Alsbald jedoch zügelt Niall seine belustigt wirkende Miene und setzt einen neutralen Gesichtsausdruck auf, wie eine Maske zur Tarnung der eigentlichen Gedanken. Er tut dies so geschickt und schnell, wie ein Schauspieler, der jenen Akt und die zugehörige Mimik schon unzählige Male geübt und vorgetragen hat. Und mit eben jener getarnten Gelassenheit beginnt er den Worten von Aneirin zu lauschen.

    Die Redseligkeit – sowie das unfreiwillige Abdriften in andere Sphären, die Nialls Meinung nach der Erschöpfung, dem flüssigen Konsumgut der letzten Stunden sowie auch einem nicht zu vernachlässigenden Teil den kleinen Pillen zu verdanken ist – offenbart dem Drachenländer einiges an Informationen über das wo, wer und wie, doch er merkt ebenso, dass sein Gegenüber weiterhin nicht die ganze Geschichte preisgibt und sich regelrecht bemühen muss, tiefgreifendere Aussagen krampfhaft zu unterdrücken.

    Aneirin macht oft Pausen, wohl um seine Gedanken zu sortieren oder möglicherweise auch vorrangig, um sich selbst am Weitersprechen zu hindern; wie aus einer Übersprungshandlung heraus, lieber den Krug zum Mund zu führen, als diesen weitere Geheimnisse oder Erinnerungen verbalisieren zu lassen, die lieber unausgesprochen bleiben sollen. Doch Schlüsselelemente gibt er durchaus bekannt: Eine Werwölfin. Und eine Hohepriesterin des Anukis! Weil man diese auch im Reiseetui mit sich führt, wie Toilettenutensilien oder Schnupftabak. Warum war die Priesterin UND ein Ritter vor Ort? Kann man hier so leicht von Werwölfen angegriffen werden und muss daher solche Vorkehrungen treffen? Das bezweifelt Niall doch stark. Nicht einmal im freien Herzogtum Hochwald mussten solche Vorbereitungen getroffen werden, obwohl dort tatsächlich recht viel Werwolfaktivität zu verzeichnen ist. Oder kamen diese besagten Gestalten später hinzu und Aneirin hatte sie herbeigeholt, während seine Tochter von einem Werwolf… Entschuldigung… einer WerwölfIN zerfleischt wurde? Absolut unglaubwürdig. Also ist da doch noch mehr, so wie ich es mir dachte. Verletzt wurdest du also auch. Hört, hört! Vielleicht sogar… gebissen?

    Sei`s drum.

    Niall wird es schon vermögen herausfinden, er muss nur noch überlegen wie. Dafür braucht er Zeit.

    Warum genau er sein Gegenüber zwingen will die Fakten auf den Tisch zu legen, kann er selbst nicht sagen und so weit denkt der Dunkelhaarige in diesem Moment auch nicht. Es ist ein neues Spiel, dass er im Begriff ist zu gewinnen, dessen Spielregeln er jedoch noch festlegen muss. Natürlich würden sie am Ende nach seinen Regeln spielen.


    Je mehr sein Gegenüber bei der Rekapitulation der Schrecknisse der Vergangenheit in sich zusammensinkt, desto aufrechter sitzt Niall und sein Grinsen erscheint wieder, ebenso wie eine doch recht übertrieben wirkende gute Laune. Letztere muss er allerdings nur halb spielen. Es wird bestimmt ein Spaß werden. Ach, was dieser Abend doch für ihn bereithielt! Wenn er an die vermaledeiten Götter glauben würde, so täte er aus lauter Glückseligkeit sicher auf dem Heimweg noch an einen der diversen Tempel pinkeln. Doch vielleicht ist Aneirin ja gläubig. Ein Versuch ist es wert.

    „Aber, aber… Herr Aneirin! Mehr soll es nicht sein als Glück? Mehr nicht? Ich bitte euch! Die Götter waren im wahrsten Sinne des Wortes an dem Tag mit euch! Eine Hohepriesterin und ein Ritter!“ Theatralisch lehnt sich Niall vor und klopft Aneirin in einer unbedarft freundschaftlichen Geste fest auf die Schulter, auf der gerade noch die Hand des Blonden zu liegen kam.

    „Der Verlust eurer Tochter ist sehr tragisch, das ist unbestreitbar. Aber Ihr lebt! Ihr habt ein zweites Leben geschenkt bekommen. Ihr solltet es als Geschenk wahrnehmen!“

    Was Niall mit dem zweiten Leben sowie dem Geschenk genau meint, bleibt weiter unerwähnt, jedoch fokussiert er die Intonation seiner Sätze genau auf diese Worte und verleiht ihnen damit mehr Ausdruck und Bedeutung. Der Drachenländer lässt sein Gegenüber bei den Worten keine Sekunde aus den Augen.

    „Das muss doch gefeiert werden! Ich bin sicher in den sieben Jahren hat keiner auf euer Wohl getrunken und euer Weiterleben geehrt! Aber heute ist der Tag! Wartet hier.“ Beschwingt steht er in einer fließenden Bewegung auf, sodass sich die Schöße seines Mantels kurz um ihn bauschen, bevor er sich auf in Richtung der Theke macht. Der Wirt hat sich mittlerweile auch wieder hinter dem Ausschank aus Holz eingefunden, scheint jedoch noch vertieft in ein Gespräch mit einem Gast. Das soll Niall in diesem Moment nur Recht sein. Nun ist er es, der seinen prüfenden Blick über die Einrichtung sowie die Anwesenden um ihn herum schweifen lässt, während in seinem Kopf ein perfider Plan heranreift.

    Kurz sieht er sich zu seinem Tischnachbarn um, welcher noch immer recht verdutzt dasitzt und Niall nicht aus den Augen lässt, bevor der Drachenländer mit einem großen Schritt einer mit leeren Bierhumpen beladenen Schankmagd den Weg versperrt, um diese in ein Gespräch zu verwickeln. Von Aneirins Position aus kann man nur Nialls breites Kreuz erkennen und vielleicht noch ein schüchternes Kichern hören, wenn man sich sehr anstrengen würde etwas vernehmen zu wollen. Es vergeht einige Zeit, bis sich Niall und die (mittlerweile hochrote) Magd wieder trennen und dann nochmals etwas mehr Zeit, bevor der hochgewachsene Mann mit zwei kleinen Gefäßen voll Rûm an den Tisch zurückkehrt. Eines der Gefäße mit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit schiebt Niall sogleich zu Aneirin herüber und lächelt sein unschuldigstes Lächeln, dass ihm möglich ist.

    „Nun schaut nicht so drein. Ich weiß, es ist schwierig zu verkraften, aber… ihr seid noch hier und müsst für eure Tochter das Leben nun doppelt leben. Eine schwere Aufgabe, fürwahr. Aber sie hätte sicher nicht gewollt, dass ihr Vater in solch einem Loch hockt und sich gegen Geld die Zähne herausschlagen lässt.“ Niall versucht anschießend sein Gegenüber in einem Redeschwall über viel zu früh gegangenes Leben, den Blick nach Vorn und Hoffnung, selbst in den dunkelsten Stunden, einzulullen, nippt hin und wieder am Rûm, während er zeitgleich darum bemüht ist ohne größere Blessuren den erworbenen Transaktionsgegenstand der Magd im Schutz der Manteltasche in seine Hand zu bugsieren.


    „Jaja, so kann das Leben spielen.“, schließt er seinen Monolog ab, stürzt den kleinen Rest Rûm seine Kehle herunter und sieht Aneirin dann durchdringend und fest an. So, als würde er den Blick des Blonden auf sich fixieren und festhalten wollen. Und genau dies steht auch in seinem Sinn, als er den versteckten Gegenstand schlussendlich um seine Finger gewickelt und so positioniert hat, dass dessen wichtigster Teil schmerzhaft günstig… oder sollte man eher sagen ungünstig? … in seiner Handfläche zu liegen kommt.

    „Ich möchte mich auch bei euch bedanken. Für eure Offenheit und den kleinen Tanz im Keller.“ Kurz blitzt das kampflustige Funkeln in seine Augen auf, doch wird schnell ersetzt von einem amüsierten Schalk, als sich Niall erhebt und auf Aneirin herabblickt. „Lasst mich euch gratulieren, zu der zweiten Chance, die ihr bekommen habt. Auch wenn der Preis hoch gewesen ist. Auf euch, Aneirin!“ Mit an Ehrfurcht grenzender Gestik streckt Niall seine Hand zu Aneirn aus, hält diese jedoch in einem leicht schrägen Winkel, um das in der Handfläche verborgenen Objekt zu verdecken und jegliches verräterisch silberne Aufblitzen zu unterdrücken.

    Der kurze Moment, in dem der blonde Bäcker ihn misstrauisch beäugt genügt, um die Nerven in Nialls Hand vor Schmerz langsam taub werden zu lassen. Beim Arsch des Dunklen, jetzt ergreif endlich meine Hand!, schießt es dem Drachenländer grimmig durch den Kopf, verzweifelnd darum bemüht das Lächeln nicht in eine schmerzverzerrte Fratze entgleisen zu lassen. Die Minuten dehnen sich für ihn ins Unendliche und gerade, als Niall schon nicht mehr damit rechnet, dass sein Plan funktionieren würde, hebt auch Aneirin den Arm, um schlussendlich seine Hand in Nialls Richtung auszustrecken. Doch so lange wartet der Drachenländer nicht. Mit dem Reflex einer Viper ergreift er die Hand des Blonden, drückt mit einem schraubstockartigem Griff zu und presst so die kleine, aber dicke Silbermünze fest in ihrer beider Fleisch. Niall kommt es vor, als könnte er ein Zischen hören, als sich der ehemalige Talisman der Magd in die Haut seiner Handfläche frisst.


    Nun muss er sein bühnenreifes Lächeln nicht mehr aufrechterhalten und es verkommt zu einem dämonisch verzerrten Blecken der Zähne. Dies ist Nialls Spiel, präzise und grausam in seiner Einfachheit. Silber lässt keine Neutralität zu, kein Verstecken hinter Kontrolle oder Stolz. Er wird gewinnen und die Wahrheit freilegen. Davon ist er überzeugt. Und das einzige, was er zu verlieren hat ist die Preisgabe seiner eigenen zweiten Natur und eine für ein paar siebentage schmerzende Handfläche.

    It is said there is no sin in killing a beast, only in killing a man. But where does one begin and the other end?

    ~ Wolfman (2010) ~

    4 Mal editiert, zuletzt von Niall ()

  • “It hurts to be trusted and not believed.”

    Graham Greene



    14. Erntemond 525


    Die Alarmglocken in Aneirin schrillen, gleich nachdem Niall seinen Monolog begonnen hat. Er muss sich zusammenreißen, nicht unwillkürlich zurückzuweichen, als dessen Hand ihm scheinbar freundschaftlich auf die Schulter fällt. Die Worte verfehlen ihre Wirkung nicht – im Gegenteil. Aneirin hört genau hin, nimmt jede Betonung wahr, jedes überdeutlich gesetzte Gewicht. Und genau das macht ihn wachsam.

    Sein Blick ruht aufmerksam auf Niall, während in ihm die Frage wächst, wohin dieses ganze Schauspiel führen soll. Denn so fühlt es sich an: wie ein Stück auf einer Bühne, bei dem der Darsteller sich zu sehr bemüht, nicht erkennen zu lassen, dass er gerade eine Rolle spielt – und dabei doch genau das tut. Vielleicht ist es Niall aber auch schlicht egal, ob man sein Spiel durchschaut. Vielleicht gehört es sogar dazu. Als Ablenkung. Als Irritation. Oder aus einem Grund, den nur die Götter kennen.

    Umso aufmerksamer verfolgt Aneirin jede Bewegung, als Niall ohne weitere Erklärung aufsteht und ihm bedeutet, zu warten. Etwas in ihm spannt sich an als der Dunkelhaarige mit einem großen Schritt einer der Schankmaiden den Weg versperrt. Ein Gedanke kommt Aneirin schneller, als ihm lieb ist: Hoffentlich macht er jetzt keinen Ärger.

    Innerlich flucht er leise über sich selbst. Darüber, dass er sich hat gehen lassen. Dass er viel zu schnell bereit gewesen ist, diesem Mann zu vertrauen, nur weil er die richtigen Worte gefunden hatte. Er hat sich tragen lassen von diesem Gefühl, verstanden zu werden. Was auch immer Niall vorhat – Aneirin weiß, dass er in einer körperlichen Auseinandersetzung den Kürzeren ziehen würde. Selbst dann, wenn sein Körper nicht müde und angeschlagen wäre. Und dieser Gedanke ist bitterer als jeder Schlag, den er an diesem Abend eingesteckt hat. Und es schärft seine Wachsamkeit nur noch mehr.


    Als sich Niall schließlich von der Schankmaid abwendet, folgt Aneirins Blick der jungen Frau noch einen Moment länger. Prüfend, beinahe unwillkürlich. Er will sich vergewissern, dass Niall ihr nichts getan oder gesagt hat, was sie hätte verletzen können. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Ihr Kopf ist hochrot, ihr Lächeln verlegen, vielleicht sogar ein wenig geschmeichelt — aber nichts an ihr wirkt verstört oder unangenehm berührt.

    Die Beobachtung überrascht Aneirin, auch wenn er sich nichts davon anmerken lässt. Stattdessen richtet sich seine Aufmerksamkeit wieder auf Niall, als dieser mit zwei kleinen Gefäßen an den Tisch zurückkehrt, sich setzt und ihm eines der Pinnchen mit einem so übertrieben unschuldigen Lächeln zuschiebt, dass Aneirin nicht anders kann, als ihn skeptisch anzustarren.

    Er solle nicht so dreinschauen, meint Niall und setzt seinen Redeschwall fort. Aneirin hört die Worte, doch sie erreichen ihn nicht mehr wirklich. Zu sehr ist er damit beschäftigt, sich zu fragen, was Niall mit diesem ganzen Theater bezweckt. Die Gläschen hätte er nicht selbst holen müssen. Es wäre nicht nötig gewesen.

    Sein Blick streift nur flüchtig die bernsteinfarbene Flüssigkeit. Er rührt sie nicht an. Innerlich hat Aneirin längst beschlossen, dass es für diesen Abend genug Alkohol gewesen ist. Sein Instinkt sagt ihm, dass er nun wachsamer sein sollte. Und so widerwillig er diesen Gedanken auch zulässt, alles in ihm richtet sich inzwischen darauf ein, dass der Dolch, den er bislang nur von außen erwartet hat, vielleicht doch von Niall selbst kommen könnte.

    Einer Bestätigung gleich blitzt es kampflustig in Nialls Augen auf, nur um im nächsten Augenblick hinter amüsiertem Schalk zu verschwinden. Dann erhebt er sich. Aneirin merkt sofort, wie sein Körper reagiert: Wie sich etwas in ihm anspannt, wie seine Füße unwillkürlich festen Halt auf den Dielen suchen, bereit, sich aufzurichten, auszuweichen, notfalls zu kämpfen.

    Er wolle ihm gratulieren, meint Niall, während er ihm erneut die Hand entgegenstreckt. Aneirin starrt sie mehrere Herzschläge lang an, ohne sich zu rühren. In dieser kurzen Stille liegt alles — Misstrauen, Abwägen, die nüchterne Erkenntnis, dass sich hier gerade etwas entscheidet.

    Dann erhebt er sich ebenfalls. Langsam. Wachsam. Aber mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel daran lässt, dass er diesen Moment nicht aus Schwäche hinnimmt.


    Plötzlich geht alles sehr schnell. Kaum, dass Aneirin seinen Arm hebt, schnellt Nialls Hand hervor und schließt sich um seine. Fest und unerbittlich, wie eine Schlange, die sich um ihr Opfer legt und nicht mehr loslässt. Obwohl Aneirin mit etwas gerechnet hat, ist er für einen einzelnen Herzschlag überrascht. Nicht vom Griff selbst, vielmehr von der Entschlossenheit dahinter.

    Er hebt den Blick. Und da bemerkt er, dass Niall die Maske hat fallen gelassen. Das selbstgeschriebene Theaterstück hat seinen Höhepunkt erreicht und Niall betrachtet ihn nun offen, beinahe triumphierend, als wolle er jede Regung in Aneirins Gesicht lesen.

    Zunächst spürt Aneirin nichts. Doch dann, als reagiere sein Körper etwas verzögert, breitet sich Hitze in seiner Hand aus, brennt sich etwas in seine Haut. Seine Augen senken sich zu ihren ineinander verschränkten Händen. Für einen Herzschlag blinzelt er irritiert, der Blick huscht fragend zu Niall, versucht zu begreifen, was gerade geschieht. Aneirin zieht die Luft langsam zwischen den Zähnen ein, als sich der Schmerz in seine Handfläche frisst. Das Gesicht spannt sich, die Kiefer pressen aufeinander. Schmerz zeichnet sich offen in seinen Zügen ab – nicht laut, nicht dramatisch, aber unverkennbar. Als er den Blick wieder hebt, liegt darin etwas Ungläubiges, ein stummes ‚Was tust du da?‘, das keine Worte braucht. Aneirin zwingt sich, die Hand nicht reflexartig zurückzuziehen. Der Gedanke, es überhaupt zu versuchen, erscheint ihm einen Herzschlag lang absurd — Niall würde ihn nicht loslassen. Stattdessen verstärkt er den Griff unwillkürlich — mehr ein Reflex als eine Entscheidung.


    Aneirin könnte später nicht sagen, wie viel Zeit vergeht, während ihre Hände ineinander gefangen bleiben – ob es nur Atemzüge sind oder etwas, das sich länger anfühlt, als es sein dürfte. Der Schmerz ist da, ständig, brennend, ein dumpfer Druck, der mit jedem Herzschlag tiefer in seine Handfläche pocht und seine Züge unwillkürlich anspannt. Sein Atem geht flacher, ein kaum hörbares Zischen entweicht zwischen seinen Zähnen, als würde er den Schmerz so bändigen wollen.

    Als sich ihre Hände lösen, ist nicht zu sagen, wer es zuerst tut. Etwas fällt zu Boden. Ein helles, fast unschuldiges Geräusch erklingt als es die Dielen berührt, viel zu leise für das, was es ausgelöst hat. Aneirin sieht hinab. Eine silberne Münze, durch ein Loch in der Mitte an ein feines Lederband geknüpft. Dann besieht er sich seine eigene Hand. Die Haut in der Mitte ist gerötet, wund, glänzend vor Hitze, als hätte man ihm ein glühendes Eisen hineingedrückt. Nein, kein Eisen – Silber. Der Schmerz pulsiert hartnäckig, fordernd, zieht bis in den Unterarm und lässt seine Finger einen Moment lang steif werden.


    Ohne weiter darüber nachzudenken, greift er rasch mit seiner Linken nach Nialls Handgelenk, bevor dieser es ihm vollständig entziehen kann. Nicht aggressiv, lediglich kurz prüfend. Seine Miene ist angespannt, der Blick scharf, als müsse er sich vergewissern, dass er sich nicht täuscht. Es braucht nur einen Herzschlag, um zu sehen, was er sehen muss: dieselbe Brandspur in der fremden Handfläche.

    Er hebt den Blick. In seinen Augen liegt für einen flüchtigen Moment etwas Ungefiltertes – Überraschung, schmerzhaftes Begreifen. So ist das also… Jetzt versteht Aneirin, warum ihm dieser Mann so vertraut vorgekommen war. Warum die Worte saßen. Warum der Nebel kein Fremdwort war.

    Einen Augenblick lang bewegen sie sich beide nicht. Aneirin hält Nialls Blick, spürt das Nachbrennen in seiner Hand, das Pochen unter der Haut, das ihn zwingt, den Kiefer fest zusammenzupressen. In diesem kurzen Innehalten liegt mehr als bloß Erkenntnis. Eine Gewissheit, die zwischen ihnen steht. Etwas, das nicht mehr zurückgenommen werden kann. Ein unausgesprochenes: Jetzt weißt du es.


    Aneirin senkt den Blick. Nicht aus Scheu, sondern weil er ihn einen Moment lang nicht auf Niall halten will. Er beugt sich langsam nach unten, um die Münze vom Boden aufzuheben, als gäbe ihm diese einfache, greifbare Handlung etwas, woran er sich festhalten kann. Die Finger seiner unverletzten Hand schließen sich um das lederne Band. Als er sich aufrichtet, bleibt sein Blick nicht bei Niall. Stattdessen gleitet er suchend durch den Schankraum, bis er jene Schankmaid findet, der sein Gegenüber den Talisman abgeschwatzt haben muss.

    Langsam nimmt Aneirin Abstand zu dem Dunkelhaarigen, bahnt sich seinen Weg quer durch den Raum und bleibt vor der jungen Frau stehen. Er legt ihr das Band behutsam in die Hand. „Ich glaube, das gehört Euch“, sagt er ruhig. „Ihr solltet so etwas Kostbares nicht fortgeben. Nicht für ein paar schöne Worte, die vermutlich nicht einmal ernst gemeint waren.“ Da ist kein Vorwurf in seiner Stimme, eher ein leiser, ernst gemeinter Rat.


    Als die Schankmaid sich unsicher lächelnd von ihm abwendet, bleibt Aneirin noch mit dem Rücken zu Niall stehen. Er braucht einen Augenblick, um sich zu sammeln. Er hebt die verletzte Rechte in seine linke Hand — und dieses Mal entweicht ihm ein scharfes, ungehaltenes Zischen, halb Schmerzlaut, halb unterdrücktes Knurren. Seine Schultern spannen sich, der Kiefer fährt hart zusammen, als müsse er verhindern, dass ihm etwas Unbedachtes über die Lippen kommt. Für einen kurzen Moment ist sein Gesicht sichtbar verzerrt, nicht nur vom Brennen, sondern von Ärger.

    Vorsichtig fährt sein Daumen um die wunde Stelle in der Handfläche, tastend, prüfend — als wolle er sich vergewissern, dass das hier tatsächlich passiert ist. Das Brennen flammt auf, zieht erneut bissig den Arm hinauf. Aneirin stößt hörbar die Luft aus, ein hartes Ausatmen durch die Nase. Er schließt die Augen kurz. Nicht, um dem Schmerz zu entkommen, sondern um ihn niederzuringen und die Kontrolle zurückzuerobern. Als er sie wieder öffnet, bewegt er die Finger. Zögernd. Einer nach dem anderen. Sie gehorchen ihm noch – den Göttern sei Dank.

    Elender Hund… schießt es ihm durch den Kopf. Ärger flackert auf, heiß und kurz. Nicht, weil es weh tut, sondern weil Niall aus Vertrauen ein Spiel gemacht hat. Die bittere Erkenntnis, dass er jemandem mehr Raum gegeben hat, als dieser verdient hat, trifft Aneirin hart. Er war weiter gegangen, als ihm lieb ist, hatte sich einem Fremden geöffnet… Und das hier ist es, was dieser verdammte Mistkerl daraus macht.


    Aneirin wendet sich um und kehrt zum Tisch zurück. In ihm arbeitet noch der Ärger, wie ein Grollen unter der Haut, das nach mehr verlangt als nach Worten. Er zwingt ihn nieder, Schritt für Schritt. Einen Herzschlag lang mustert er Niall. In seinem Blick liegt etwas Ungeschütztes. Nicht die Wut selbst, sondern das, was darunter freigelegt wurde: Eine Enttäuschung, die er nicht schnell genug verbergen kann. Dann setzt er sich, atmet einmal tief durch, sammelt sich und richtet die Schultern. Erst danach hebt er den Blick.

    „Ihr hättet fragen können“, meint er schließlich. Seine Stimme bleibt ruhig, auch wenn es ihm schwerfällt, ihr die Kränkung nicht anhören zu lassen. Seine Augen haben etwas an Wärme verloren. „Ich hätte es Euch vermutlich gesagt. Ich habe Euch nichts vorgespielt.“ Ein kurzer Atemzug, der verrät, dass es ihn Mühe kostet, so sachlich zu bleiben. „Aber Ihr wolltet Gewissheit. Auf Eure eigene Art.“

  • Walls have ears.

    Doors have eyes.

    Trees have voices.

    Beasts tell lies.

    Beware the rain.

    Beware the snow.

    Beware the man

    You think you know.

    ~ Songs of Sapphique ~



    14. Erntemond 525



    Irgendwie entspricht Aneirins Reaktion dem, was Niall erwartet hat und gleichzeitig auf ernüchternde, beinahe beleidigende Weise auch wieder nicht. Er hatte den Ausgang einkalkuliert. Selbstverständlich. Die Unumgänglichkeit dessen, was er getan hatte, war Teil des Spiels gewesen, Teil der wohlbedachten Provokation.
    Der Blonde reagiert verhaltener, als Niall es ertragen kann. Wo ist das Aufspringen, das unbeherrschte Auffahren, der wütende Ausbruch? Wo sind die Vorwürfe, die geballte Faust, die sich ihm wutentbrannt entgegenstreckt, als würde Aneirin instinktiv begreifen, dass Gewalt hier die einzig angemessene Antwort ist? Niall hatte mit genau dem gerechnet. Ja, mehr noch: Er hatte darauf gehofft. Darauf, dass sein Gegenüber sich von der Kette reißt, dass er zurückschlägt, schreit, ihn beschimpft, ihn sogar angreifen könnte. Doch nichts dergleichen geschieht.
    Aneirin bleibt sitzen. Er erträgt den Schmerz. Er weicht nicht aus, schlägt nicht zu, erhebt nicht einmal die Stimme. Allein das leise Zischen, entspringt seiner Kehle. Und gerade diese stoische Beherrschung ist es, die er Niall wie Salz in eine offene Wunde reibt. Anstelle von brennendem Zorn aus grünen Augen begegnet ihm nur eine tiefe, stille Enttäuschung. Schwerer zu ertragen als jede Beleidigung. Wie der Blick eines Hundes, den man erst mit Fleisch und sanften Worten angelockt hat, um ihm dann ohne Vorwarnung einen kräftigen Tritt zu verpassen.


    Für einen flüchtigen Moment kann Niall sich an der unverhohlenen Überraschung und dem Schmerz seines Gegenübers laben. Doch selbst dieses kleine Triumphgefühl verglüht zu schnell, um auch nur den Hauch innerer Befriedigung zu hinterlassen. Es bleibt schal zurück, unvollständig. Aneirin verweigert ihm die Eskalation – und damit den Höhepunkt seines Spiels.

    Bereuen tut Niall seine Tat dennoch nicht. Keinesfalls. Immerhin hat sie genau das zutage gefördert, was er unter all der Mühe und der aufrechterhaltenen Scharade bezweckt hatte: Aneirin als Seinesgleichen zu entlarven.

    Jeder gereizte Nerv in seiner Hand, jede Woche der schmerzhaften Genesung ist ihm diesen Beweis wert gewesen. Und doch… die Art, wie der Bäcker darauf reagiert, hätte für Niall ruhig amüsanter ausfallen können. Angemessener. Oder auch einfach explosiver. Schließlich hatte der Dunkelhaarige sich solche Mühe gegeben, die Maske zu tragen, das Schauspiel zu perfektionieren – da hätte sein Tischnachbar wenigstens das erdachte Skript respektieren können.

    Unmut breitet sich in Niall aus, begleitet von einer spitzen Verärgerung darüber, dass der Bäcker seinem sorgfältig konstruierten Spiel so unverschämt zuwidergehandelt hat. Die eben noch höhnisch angehobenen Mundwinkel sinken mürrisch und abweisend herab, während er ohne Gegenwehr zulässt, dass Aneirin seine Hand packt und die ebenso lädierte Handfläche betrachtet.


    Als sich ihre Blicke treffen scheint nur leere in Nialls Augen zu liegen, denn die Erkenntnis, die so schmerzhaft freigelegt wurde, bedarf keiner Worte mehr. Sie erkennen sich. Unmissverständlich.

    Der Beweis für ihre bis dahin verborgene Gemeinsamkeit hat sich sprichwörtlich in ihre Haut gegraben. Das wölfische Biest in Niall registriert die nun offenbarte Anwesenheit seines Artgenossen und hätte sich Zugern mit diesem in einem neuen Wettkampf gemessen. Lange ist es her, seit er einen Kampf Werwolf gegen Werwolf ausgefochten hatte und meist endeten diese Duelle mit dem Tod des jeweils anderen (oder ihr Ausgang stand von Vornherein fest, wenn beide Kämpfer zu kostbar waren, um sie zu opfern). Doch der Drachenländer ringt die aufwallenden Instinkte mit jahrzehntelanger Übung unerbittlich nieder.

    Nicht hier.

    Nicht jetzt.

    Mit einem verdrießlichen Seufzer richtet er seinen Gehrock, streicht eine imaginäre Falte glatt, als müsse er zumindest äußerlich Ordnung wahren, bevor er sich verstimmt auf den Stuhl zurückfallen lässt. Abschätzig verfolgt er, wie Aneirin sich unter dem Tisch vorbeugt und die kleine silberne Münze mit beinahe schon übertriebener Sorgfalt hervorangelt.

    Nun, zumindest muss ich nicht in die räudig klebrige Unterwelt unter dem Tisch tauchen und das verdammte Ding auflesen.

    Sein Blick gleicht dem einer Katze, welche, der Maus langsam überdrüssig, noch entscheiden muss, ob er mit dieser weiterspielen oder ihr endlich den Gnadenbiss verpassen soll. Niall seufzt erneut; ein Laut, der ebenso gut als Knurren hätte durchgehen können.

    Welch eine Enttäuschung. Er hat wirklich gehofft in dem jungen Mann stecke mehr Feuer und Wut, aufgestauter Hass, der sich unweigerlich gegen ihn entladen würde, sobald das Geheimnis enthüllt und das zweite Ich ans Licht gezerrt worden war. Ein Ausbruch. Ein Moment des Kontrollverlusts. Irgendetwas. Doch offenbar hat sein voriger Gegner diese Emotionen schon im Keller aufgebraucht. Alles was Niall stattdessen erhält, sind stumme Vorwürfe. Und dieser Blick – ein Blick von beinahe bodenloser Verletztheit, den Niall beim besten Willen nicht einzuordnen vermag. Er ist kein Ausdruck von Angst. Auch keiner von Hass. Und gerade das macht ihn so unerquicklich. Definitiv nicht das Ergebnis, welches der Dunkelhaarige hatte erzielen wollen. Und doch… bei aller Enttäuschung muss er dem Bäcker eines zugutehalten: Aneirin hat nicht versucht, sich dem Griff zu entziehen. Kein Zucken oder instinktiver Rückzug. Im Gegenteil. Er hatte noch fester zugegriffen, hatte standgehalten, obwohl der Schmerz ihm unübersehbar ins Gesicht geschrieben stand. Die verkrampften Züge, das angespannte Kinn, die unterdrückte Reaktion… all das entgeht Niall nicht.

    Für einen flüchtigen Augenblick erwägt er, dem Blonden unter dem Tisch unvermittelt ins Gesicht zu treten. Nur ein schneller, brutaler Impuls, um doch noch eine aufbrausende Regung aus seinem Gegenüber herauszupressen. Doch ebenso rasch verwirft er den Gedanken.

    Es wäre unehrenhaft. Und ganz gewiss nicht sein Stil. Eine plumpe Kneipenschlägerei kann er überall haben – auch hier, auch jetzt, ließe sie sich mühelos provozieren. Doch das wäre nicht dasselbe. Er hatte sehen wollen, was in Aneirin steckt, wer noch in ihm wohnt und wie gut er sich bei all der pulsierenden Macht des Werwolfs unter Kontrolle hat. Ein Spiel mit dem Feuer, ein Spiel unter Gleichen. Doch der Blonde hatte ihn um diese reizvolle Erfahrung betrogen.


    Gerade als Aneirins blonder Schopf wieder unter der Tischkante hervorlugt, setzt Niall an, ihn zur Rede zu stellen. Doch soweit kommt es nicht. Der Bäcker beachtet den Drachenländer nicht weiter, richtet sich auf und lenkt seine Schritte weiter in den Schankraum hinein und mustert diesen flüchtig, als suche er etwas. Oder jemanden.

    Du wirst doch nicht… ?, schießt es Niall durch den Kopf. Kaum hat sich der Gedanke geformt, bestätigt er sich auch schon und der Dunkelhaarige flucht verhalten.

    Verdammter Bastard.

    Da gibt dieser Hund doch tatsächlich sein Pfand der Frau zurück, welches er unter schmeichelnden Worten dieser gerade erst abgerungen hat. Das hinter dem Pfand verborgende Versprechen löst sich ebenso augenblicklich hin Luft auf. Somit wird Niall es später nicht einlösen können.

    Na herzlichen Dank. Hätte ich dir vorhin doch bloß ins Gesicht getreten.

    Erbost stiert er auf den breiten Rücken des Bäckers und seine Oberlippe hebt sich kurz über die oberen Schneidezähne, wie zu einem tonlosen Knurren, bevor er abrupt seine Augen von dem Mann wegreißt und auf seine lädierte Handfläche starrt. Der Schmerz ist stechend und scharf, frisst sich bis in seine Schulter hinauf.

    An einem Abend hat der blonde Talyrer es tatsächlich fertig gebracht Niall zwei Mal zu betrügen.

    Ein Mal um den Kampf.

    Nun um die Frau.

    Die einzige Genugtuung, die ihm bleib ist, dass dem Blonden die Hand nun genauso lange plagen würde, wie den Drachenländer.


    Als Aneirin zum Tisch zurückkehrt, hört Niall dessen Schritte lange, bevor er aufblickt. Ein paar Herzschläge vergehen. Dann noch ein paar mehr, bis der Bäcker sich setzt und Niall aufblickt. Es erscheint dem Drachenländer wie Hohn, eine ernüchterte Enttäuschung in den grünen Augen zu lesen und er kann nicht anders als kurz zynisch und kopfschüttelnd leise aufzulachen.

    Bevor er Aneirin antwortet, greift er zu dessen Tischseite hinüber, schnappt sich den Rûm und leert das kleine Behältnis in einem Zug.

    „Ihr hättet es mir gesagt… vermutlich…“ Ein schiefes Lächeln zuckt um seine Mundwinkel. „Vermutlich, eher nicht. Daher… ja, habe ich es auf meine eigene Art herausgefunden.“

    Geringschätzig mustert er Aneirin. Der Abend ist zu weit fortgeschritten, um noch einen adäquaten Ersatz für das verlorene Vergnügen zu finden, bevor er in die Unterkunft seines Herren zurückkehren muss. Zwei seiner Amüsements sind nun unwiederbringlich flöten gegangen und der Grund dafür sitzt ihm gegenüber.

    Doch der Talyrer hatte ihm auch einen guten Kampf geliefert, was Niall durchaus zu schätzen weiß. Er war nicht zurückgewichen oder hatte den Wettkampf vorzeitig unterbrochen, sondern ertragen und war dabei ein durchaus würdiger Gegner gewesen. Das muss er ihm wirklich lassen.


    Eigentlich müsste er wütend sein. Doch was in ihm zurückbleibt, ist eher eine seltsame, dumpfe Kränkung und eine müde Belustigung darüber, wie unerquicklich der Abend sich entwickelt hat. Zynische Missbilligung steht in den graublauen Augen geschrieben, doch sein Tonfall ist neutral, wenn nicht sogar eine Spur heiter als er sagt: „Sehr nur was ihr angerichtet habt… Jetzt sitzen wir hier und sind erzürnt über den jeweils anderen. Wie erbaulich…“ Erst senkt er den Blick zurück in das leere Glas, als könnte Niall darin etwa finden, was ihm abhandengekommen ist, bevor er an Anerin vorbei auf einen undefinierbaren Punkt vor sich starrt.

    „Ah, und vergesst es das schlechte Gewissen auf mich abzuwälzen. Schließlich habt ihr mich um die Wahrheit im ersten Anlauf betrogen und ebenso dreist um meine Bettgenossin...“ Ein kurzes, humorloses Schnauben folgt.

    „Ich hätte fragen können? Dass ich nicht lache. Ihr hättet es auch gleich frei sagen können! Ich für meinen Teil, war ehrlich mit euch.“ Er lehnt sich zurück. „Aber sei`s drum. Ich vergebe euch.“ Ein schiefes, amüsiertes Funkeln stiehlt sich in seine Augen, als er seinen Tischnachbarn erneut fixiert. „Weil ich nun einmal ein ausgesprochen guter Mensch bin.“

    Für einen Moment danach sagt Niall nichts und Stille senkt sich über sie. Er lässt die Stille stehen, prüft sie, wie man prüft, ob ein Tier flieht oder standhält. Aneirin sitzt ihm gegenüber, verletzt, enttäuscht – und dennoch hier.

    Interessant.

    Der erste Zorn ist längst verraucht und je länger er den Blonden betrachtet, desto weniger passt dessen Verhalten zu dem Bild, das er sich bereits von ihm gemacht hatte. Aneirin hätte gehen sollen. Mit erhobenem Kinn, mit stiller Würde oder offenem Groll. Er hätte Distanz schaffen müssen. Stattdessen ist er zurückgekommen. Hat sich erneut zu ihm gesetzt. In die Gefahrenzone und den Blick nicht gesenkt. Das allein macht ihn erneut… bemerkenswert.

    „Ihr habt mir den Kampf verweigert. Und mir zugleich den Abend ruiniert.“, sagt Niall schließlich, ruhig, fast beiläufig, als spräche er über eine Nebensächlichkeit. Ein schiefes, müdes Lächeln legt sich auf seine Lippen. „Das Pfand eingeschlossen.“

    Er neigt den Kopf minimal, mustert Aneirin unverhohlen, abschätzend, wie ein Raubtier, das sich nicht mehr fragt, ob es angreift, sondern warum es das noch nicht getan hatte. „Ihr hättet gehen können. Und dennoch seid ihr zurück an diesen Tisch gekommen...“ Die graublauen Augen verengen sich einen Hauch. Kein Zorn mehr darin. Nur wache Aufmerksamkeit.


    Er lehnt sich zurück, die gesunde Hand locker auf der Tischkante, die Verletzte unbewegt. Ein kurzer Moment vergeht, in dem er den Bäcker nicht aus den Augen lässt. Er versucht abzuschätzen, was in dem Kopf unter dem blonden Haarschopf vorgehen mag. Warum hat er Nialls Nähe erneut gesucht? Der Drachenländer ist sich sicher, dass diesen Weg die wenigsten gewählt hätten. Wenn es überhaupt einer getan hätte. Er beobachtet den Mann ein paar Herzschläge lang. Wie Aneirin da sitzt. Zu aufrecht für jemanden, der gehen wollte. Zu ruhig für jemanden, der noch voller Zorn ist. Der Blick des Blonden gleitet nicht ab, sucht keinen Fluchtweg, doch er ist auch nicht herausfordernd. Es ist die Haltung eines Wesens, das verletzt wurde – und dennoch geblieben ist. Nicht aus Schwäche. Sondern aus einem Impuls heraus, den Niall noch nicht ganz benennen kann.

    Ein schwaches Zucken bewegt kurz seine Mundwinkel. Kein Lächeln, sondern nur die stumme Anerkennung einer unerwarteten Wendung.

    „Also sprecht… was erwartet ihr jetzt von mir?“

    It is said there is no sin in killing a beast, only in killing a man. But where does one begin and the other end?

    ~ Wolfman (2010) ~

    3 Mal editiert, zuletzt von Niall ()

  • „Trust is a dangerous thing. It makes you vulnerable.“
    — aus Westworld



    14. Erntemond 525


    Als Niall auflacht, dieses kurze, zynische Schnauben, spürt Aneirin, wie sich etwas in ihm zusammenzieht. Er sagt nichts, als sein Gegenüber nach dem Rum greift, beobachtet nur, wie der andere das Glas leert – hastig, achtlos. Ein Teil von ihm registriert den Akt fast beiläufig, ein anderer fragt sich, warum es ihm etwas ausmacht. Vielleicht, weil es das letzte bisschen Leichtigkeit zwischen ihnen nimmt.

    >>Ihr hättet es mir gesagt… vermutlich…<< Aneirin hört die Worte, aber er hört vor allem den Ton darunter. Dieses halbe Lächeln, das mehr Urteil als Humor ist. Und mit einem Mal weiß er: Niall glaubt ihm nicht. Oder schlimmer – er glaubt, ihn durchschaut zu haben. Ein dumpfer Stich fährt ihm durch die Brust. Nicht aus verletztem Stolz. Sondern aus der bitteren Erkenntnis, dass Offenheit für manche Menschen nur eine weitere Schwäche ist, die man ausloten kann.

    Als Niall ihn mustert, spürt Aneirin das Gewicht dieses Blicks. Nicht feindselig – aber kühl, abwägend. Wie man etwas betrachtet, das seinen Zweck erfüllt hat. Und während Niall spricht, begreift Aneirin langsam, was ihn eigentlich so enttäuscht hat: Nicht die Münze. Nicht der Schmerz. Sondern, dass Niall ausgerechnet dort geprüft hat, wo er selbst am verletzlichsten war. Dass er aus einem Moment von Nähe in dieser Verletzlichkeit ein Kräftemessen gemacht hat.


    Als der Dunkelhaarige spricht, nimmt Aneirin jedes Wort auf. Der Schmerz der Münze hat die dumpfe Müdigkeit, die ihn zuvor noch benommen gehalten hatte, größtenteils von ihm abgeschüttelt. Jetzt ist er wacher, nimmt jedes Wort aufmerksamer wahr, als er es noch vor wenigen Augenblicken gekonnt hätte. Nicht nur den Inhalt – auch den Ton. Die Schärfe in Nialls Stimme lässt nach, schwankt zwischen Spott und etwas, das beinahe wie Müdigkeit klingt.

    >>Sehr nur, was ihr angerichtet habt…<<

    Aneirin verzieht keine Miene. Doch etwas trifft ihn innerlich. Nicht der Satz selbst – sondern, weil er erkennt, wie Niall sich dahinter verschanzt. Wie leicht es ihm fällt, die Situation in Ironie zu kleiden, sie kleinzureden, sich selbst über die Dinge zu stellen, statt sie wirklich anzusehen. Und Aneirin glaubt zu verstehen: Das ist kein Humor. Das ist Abwehr.

    Als Niall den Blick senkt, als suche er im leeren Glas nach etwas, das dort nicht mehr ist, spürt Aneirin für einen flüchtigen Moment so etwas wie Mitgefühl. Nicht viel. Aber genug, um zu begreifen, dass auch dieser Mann wohl etwas verloren hat – oder zumindest glaubt, es verloren zu haben.

    >>Ah, und vergesst es das schlechte Gewissen auf mich abzuwälzen. Schließlich habt ihr mich um die Wahrheit im ersten Anlauf betrogen und ebenso dreist um meine Bettgenossin...<<

    Aneirin merkt, wie sich seine Schultern aus einer Art bitterer Resignation etwas verspannen. Niall wirft hier etwas in einen Topf, das für ihn nie dasselbe Gewicht hatte. Wahrheit. Vertrauen. Besitz. Für den Dunkelhaarigen scheint das alles austauschbar zu sein.


    Aneirins Blick bleibt fast unwillkürlich an dem Halsband hängen. An den nach innen gerichteten Stacheln, die im schummrigen Licht matt aufblitzen, so unauffällig wie bedrohlich. An der Art, wie sie sich gegen Nialls Kehle schmiegen. Ein altes Stück, hatte Niall es genannt, als spräche er über ein Kleidungsstück. Eine Abschreckung. Ein Scherz vielleicht. Oder eben auch nicht. Es wirkt nicht wie Schmuck. Nicht wie eine Eigenart. Sondern wie etwas, das einen Zweck erfüllt.

    >Es hält andere davon ab, auf dumme Ideen zu kommen. Und mich übrigens auch.< Der Satz hallt hartnäckig in Aneirin nach. Wenn Niall sich wirklich wandeln würde, so wie er selbst es kann – dann wäre dieses Ding kein Scherz. Kein selbstironischer Kommentar. Dann wäre es ein Risiko. Vielleicht sogar ein Todesurteil, sollte jemand anderes darüber entscheiden, wann es geschlossen oder gelöst wird. Der Gedanke daran lässt etwas Unbehagliches in ihm aufsteigen.

    Aneirin fragt sich, ob Niall sich diese Grenze selbst gesetzt hat. Oder ob sie ihm auferlegt wurde. Er selbst hat gelernt, sich zu beherrschen — aber aus eigener Entscheidung. Er behält die Kontrolle – aus Schuldgefühl, aus Angst vor dem, was er anrichten könnte. Doch immer mit der Gewissheit, dass die Wahl letztlich bei ihm liegt. Bei Niall ist er sich dessen nicht mehr sicher. Der Gedanke gefällt ihm nicht. Und noch weniger gefällt ihm, wie sehr er ihn beschäftigt.


    Als das Wort „vergebe“ fällt, hebt Aneirin kaum merklich den Blick. Da ist er wieder, dieser Tonfall. Dieses Spiel mit Überlegenheit, das sich als Großzügigkeit tarnt. Ein Teil von ihm will fast auflachen. Nicht aus Belustigung, sondern weil es so offenkundig ist. Du vergibst mir nichts, denkt er. Du tust nur so, als hättest allein du das Recht zu entscheiden, was falsch war.

    Die Stille danach ist schwerer als jedes Wort. Aneirin hält sie aus, ohne sich zu rühren. Er senkt den Blick nicht, sucht keinen Ausweg. Und als Niall ihn mustert, dieses lauernde, prüfende Ansehen, fühlt Aneirin es deutlich: Das hier ist kein Spiel mehr. Das ist ein Abtasten. Abschätzen. Ein Versuch zu begreifen, warum er noch da ist.

    >>Ihr hättet gehen können. Und dennoch seid ihr zurück an diesen Tisch gekommen…<<

    Ja, hätte er. Er weiß es selbst. Er weiß auch, dass er sich normalerweise längst erhoben hätte. Mit einem knappen Nicken, einem sauberen Abgang. Einen Herzschlag lang wollte er genau dies tun. Aber irgendetwas hatte ihn gehalten. Da ist dieses verdammte Gefühl, dass das alles mehr war als ein Spiel. Dass Niall ihn nicht nur geprüft hat, sondern womöglich selbst etwas sucht – auch wenn er es hinter Spott und Schärfe verbirgt.

    Als Niall ihn nun mustert wie ein Raubtier, spürt Aneirin keinen Impuls zur Flucht. Sein Blick ist ruhig, aber nicht mehr unberührt. In seinen Augen liegt keine Wut, keine offene Anklage – eher ein ruhiges Abwägen. In ihm klingt die Frage, ob es sich wirklich lohnt, noch einen Schritt weiterzugehen. Er atmet einmal tief ein, als würde er sich innerlich sammeln. Dann lehnt er sich minimal zurück, nicht abwehrend, eher so, als gäbe er dem Moment Raum.


    Was ich erwarte? Aneirin atmet langsam aus, der Blick noch immer fest auf Niall gerichtet. Er erwartet nichts Großes. Er erwartet keine Entschuldigung. Nicht einmal Verständnis. Was er sucht, ist schlichter. Eine Antwort auf diese eine, unbequeme Frage, die sich in ihm festgesetzt hat: Meinte er es ernst?

    „Ihr habt von einem Geschenk gesprochen. Von einem zweiten Leben. Einer zweiten Chance…“ Seine Stimme wird leiser, aber nicht unsicher. „Für mich war es bisher nichts davon. Es war Verlust. Schuld. Etwas, das man erträgt – nicht etwas, das man feiert.“

    Aneirin lässt einen Moment verstreichen, als würde er abwägen, wie viel Wahrheit er sich noch leisten kann. Ein Teil von ihm weiß, dass genau hier der Punkt liegt, an dem man schweigt – oder ehrlich wird. Und er weiß, dass Schweigen in dieser Situation nur wieder ein Ausweichen wäre. Also hebt er den Blick wieder. Offen, unverstellt, als hätte er eine Entscheidung getroffen.

    „Ihr seid der Zweite, dem ich begegne, der das mit mir teilt“, sagt er schließlich. „Wenn man die Frau nicht mitzählt, die mich gebissen hat.“ Für einen Herzschlag wirkt sein Blick abwesend. „Der Erste war ein Templer aus Verd. Ich blieb nach dem Ritual eine Zeit lang bei ihm. Er hat mir gezeigt, wie ich die Kontrolle behalte. Wie ich mit dem leben kann, was ich geworden bin.“

    Ein Zögern. Kaum mehr als ein Hauch. „Er hatte gehofft, dass ich es akzeptiere.“ Das Wort schmeckt ihm nicht. „Aber das konnte ich nie wirklich. Also habe ich gelernt, es… zu tolerieren.“ Ein Schatten huscht über sein Gesicht. „Die meisten wissen nicht, was ich bin. Weder Familie noch Freunde. Und die, die es wissen… mussten es wissen.“ Sein Blick hebt sich wieder, vorsichtig und wachsam, aber nicht vorwurfsvoll.

    „Ich spreche sonst nicht darüber“, fügt er hinzu. „Über das, was ich bin. Über das, was geschehen ist.“ Ein flüchtiges Kopfschütteln. „Aber in diesem einen Moment vorhin… habe ich nicht darüber nachgedacht.“ Ein tiefer Atemzug. „Denn für einen Moment habt Ihr mir das Gefühl gegeben, verstanden zu werden, ohne dass ich mich erklären muss. Und das hat gereicht, um mir glauben zu machen, ich könnte Euch vertrauen.“

    Sein Blick fällt auf die eigene Hand. Er sieht die Rötung, spürt das Nachbrennen, das Ziehen im Arm. Langsam bewegt er die Finger, erneut prüfend, als müsste er sich vergewissern, dass sie immer noch gehorchen. Er schnaubt leise. Nicht spöttisch – eher über sich selbst. Er sollte wütend auf sein Gegenüber sein, ist es aber nicht. Jedenfalls nicht deswegen.


    „Wenn Ihr also fragt, was ich von Euch erwarte…“ Für einen flüchtigen Moment wird Aneirin bewusst, was er hier tut. Dass er sich erneut weiter öffnet, als klug wäre. Dass er Niall damit etwas in die Hand gibt, das leicht gegen ihn verwendet werden könnte. Vielleicht würde er keine ehrliche Antwort bekommen. Vielleicht würde Niall ausweichen, spotten, das Gesagte zerreden – oder es gegen ihn wenden, so wie zuvor. Und vielleicht, denkt Aneirin ruhig, wäre das der Punkt, an dem er aufstehen und gehen müsste.

    Er hebt den Blick wieder, ruhig, offen, ohne Herausforderung. „Dann nur eine ehrliche Antwort: Ob Ihr das wirklich so meintet. Denn wenn Ihr wirklich glaubt, dass es ein Geschenk ist… Eine Chance…“ Seine Stimme bleibt ruhig, doch in seinen Augen liegt etwas Fragendes, beinahe Hoffendes. „… dann wüsste ich gern, wie man lernt, so etwas zu glauben.“

  • „Who talks of cadeaux?“ said he gruffly. „Did you expect a present, Miss Eyre? Are you fond of presents?“ and he searched my face with eyes that I saw were dark, irate, and piercing.

    „I hardly know, sir; I have little exprience of them: they are generally thought pleasant things.“

    „Generally thought? But what do you think?“

    „I should be obliged to take time, sir, before I could give you an answer worthy of your acceptance: a present has many faces to it, has it not? And one should consider all, before pronouncing an opinion as to its nature.“


    ~ Emily Brontë - Jane Eyre ~




    14. Erntemond 525


    Durch die offene Art zu Antworten sowie die ruhig ausgesprochene Frage, hat Aneirin etwas ausgelöst, das Niall so nicht hat kommen sehen. Diese wenigen Worte, trotz Gefasstheit und in Gleichmut ausgesprochen, tragen so viel Gewicht in sich, dass der Drachenländer nicht weiß, wo er anfangen soll. Oder wie.

    Sie drücken förmlich auf ihn nieder, pressen unerwartet erneut die Müdigkeit und Erschöpfung in ihn hinein, welche ihn schon zu Anfang begleitet hatte, aber durch den Kampf mit dem blonden Kontrahenten und die (zumindest bis eben kurzweilige und amüsante) Unterhaltung gewichen waren.

    Kühl mustert er Aneirin, doch sein Blick kann nicht verbergen, dass es in ihm arbeitet. Die graublauen Augen des Dunkelhaarigen wandern suchend über das Gesicht des Blonden, nehmen jede Regung, jedes winzige Muskelzucken wahr. Er versucht etwas zu finden, von dem er sicher ist, dass er es zu Gesicht bekommen wird, wenn er nur lange genug sucht.

    Doch alles was Niall in der Mimik lesen kann und gespiegelt bekommt, ist tiefste Ehrlichkeit: in der getätigten Aussage als auch im Verhalten des Bäckers. Es scheint keine kalkulierte Fangfrage, kein Zynismus oder unterschwellige Herausforderung darin zu liegen. Kein tumber Versuch, ihn aus der Reserve zu locken oder eine Antwort zu erschmeicheln, die nur dazu dient, diese wieder zum eigenen Vorteil zu nutzen. Das irritiert Niall mehr, als er sich im Innersten eingestehen mag.

    Ehrlichkeit in dieser Form, um ihrer Selbst Willen, kommt selten vor. Die Momente der blanken Ehrlichkeit ihm Gegenüber kann er an einer Hand abzählen.

    Ehrlichkeit aus purer Naivität kennt er. Menschen, die zu dumm sind, um zu begreifen, wann sie besser schweigen sollten.

    Gespielte Ehrlichkeit als Druckmittel oder Vorleistung ist ihm ebenfalls geläufig – Händler, Höflinge, Adlige, die glauben, ein bisschen Offenheit würde ihnen später einen Gefallen einbringen.

    Sein Blick bleibt einen Moment länger auf Aneirin liegen, als es für einen Fremden üblich wäre. Dann wandert er langsam weiter, löst sich von ihm und gleitet durch den Raum. Nie bleibt sein Augenmerk länger als ein paar Herzschläge haften. Mal an einem Zinnkrug, an dessen spiegelnder Oberfläche ein einsamer Schaumtropfen langsam herunterrinnt, an der züngelnden bläulich gelben Flamme einer Talgkerze auf dem Nebentisch, der schwingenden und schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogenen Spitzenbordüre an einer Schürze der vorbeieilenden Mägde… doch genauso wenig, wie sein Blick ein Ziel fassen kann, können es seine Gedanken.


    Vertrauen, Ehrlichkeit, Rat... wann hatte man dies das letzte Mal von ihm eingefordert? Hatte man jemals nach seiner Meinung gefragt... seiner ehrlichen Meinung? Oder ihm tatsächliches tiefes Vertrauen entgegengebracht, wie dieser, ihm eigentlich völlig fremde, Mann es gerade tut?
    Mit einer fahrigen Handbewegung streicht sich Niall durch die Haare, reibt sich die pochenden Schläfen und lässt seinen unruhigen Blick schlussendlich erneut auf dem Bäcker ruhen. Der graublaue, abschätzende Blick streift wiederholt über die Gesichtszüge des Blonden, jedes Blinzeln wird registriert und jede noch so kleine Regung der waldgrünen Augen.

    Ist dieser Mann vor ihm einfach nicht welterfahren genug, nicht genug herumgekommen oder einfach nur zu naiv, Niall solch eine offene Haltung entgegen zu bringen? Oder kommt er einfach aus zu gutem Hause und hat kaum schlechte Erfahrungen gemacht, die seine zugewandte, fast schon herzlich gute Art wirsch in ihre Schranken hatte zurückweisen lassen können?

    Aber so plump, einfältig und bodenlos naiv wirkt sein Gegenüber ganz und gar nicht. Soll es wirklich Menschen geben, die Fremden gegenüber so eine Verbundenheit spüren, dass sie sich diesen offenherzig und gutmütig anvertrauen?

    Nicht jeder ist so ein kaltherziger Mistkerl, wie du., antwortet eine Stimme in ihm abfällig auf seine nur in seinem Inneren erdachte Frage. Niall stößt ein kurzes, raues Lachen aus, so unerwartet, dass der blonde Mann ihn einen Herzschlag lang irritiert ansieht, bevor der Drachenländer sich selbst im Geiste melancholisch antwortet: Auch ich war nicht immer so...

    Die letzten Gedankenfetzen mit einem leichten Kopfschütteln vertreibend, seufzt Niall kurz auf, beugt sich über den Tisch, um seine Ellenbogen auf diesem zu platzieren und den Kopf auf den geballten Fäusten abzustützen.

    Erneut spricht er sein Gegenüber noch nicht gleich an und die Stille zwischen den beiden dehnt sich in eine fast schon unhöfliche Länge, die Niall bewusst noch etwas länger stehen lässt, bevor der Drachenländer doch noch mit langsam ausgesprochenen Worten antwortet.


    „Ich meine rechtmäßig sagen zu können, dass ich noch nie einen Mann wie euch zu Gesicht bekommen habe, Aneirin.“ Ganz kann er den leicht ungläubigen Unterton in seinen Worten nicht verbergen. Ungläubig deshalb, da er wirklich noch nie einem solchen Menschen begegnet ist und auch darüber, dass sein (wenn auch etwas krudes und selbstgefälliges) Ehrgefühl sich erneut regt. Er will diesem Mann ehrlich antworten, ebenso ehrlich wie er ihn von seinem inneren Leiden noch eine Stunde zuvor im Kampf hatte befreien wollen.

    Was kostet ihn schon etwas Ehrlichkeit einem Mann gegenüber, den er wahrscheinlich nie wieder sehen würde?

    Und so unähnlich sind sie sich in diesem einen Moment nicht. Eine frühere Version von Niall kann die Hoffnung seines Gegenübers verstehen jemanden gefunden zu haben, der die Art des eigenen Daseins besser verstehen kann, wie jeder andere. Der sich Rat erhofft von jemandem, der sein Schicksal, die Qualen, Ängste und verdrängten Hoffnungen teilte. Jemand, der Antworten geben kann, wo man selbst nur Fragen findet. Und muss man nicht freigiebig, ja fast schutzlos in die vertrauensvolle Hoffnung investieren, dass das angesprochene Gegenüber, welches bereits mit der Situation vertraut ist, ebenso offen Gedanken, Emotionen und auch Furcht vor der für einen selbst neuen Situation teilt, um so mehr über das eigene Selbst und das fremde Wesen darin zu erfahren?


    Rasch schließt Niall die Augen. Nicht nur, um die zynischen Gedanken niederzuringen, die sich über sein plötzlich poetisches Sinnieren lustig machen, sondern auch, um die Erinnerung zu verdrängen, wie sehr er selbst einst nach genau solchen Antworten gesucht hatte. Wie sehr er gehofft hatte, es gäbe einen anderen Weg.

    Als er die Augen wieder öffnet, bleibt sein Blick auf den vorsichtig gefalteten Händen des Bäckers liegen und suchen nicht dessen waldgrüne Erwiderung.

    „Ja, ich habe es so gemeint, wie ich es sagte. Auch wenn etwas ausgeschmückter und zuvor eher vage. Was ihr bekommen habt, ist ein Geschenk. Doch wie es Geschenken nun mal so zu eigen ist, bekommt man nicht immer das, was man sich wünscht. Und manchmal wird man auch beschenkt, ohne je darum gebeten zu haben.“ Annähernd lautlos seufzt der Drachenländer.

    „Mit manchen Geschenken muss man erst umgehen lernen… manchmal dauert dies Jahre… aber eines ist allen Geschenken zu eigen: Entweder man behält sie oder man wird sie auf die eine oder andere Weise los. Und ihr, mein Freund, habt bereits die Entscheidung getroffen, es zu behalten. Auch wenn ihr es vielleicht selbst nicht wahrhaben wollt. Hättet ihr sonst das Ritual durchführen lassen? Ihr hättet es wegwerfen können… euch wegwerfen können. Aber ihr habt es nicht getan.“ Vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit spiegelt sich blanke Ehrlichkeit in Nialls nebelgrauem Blick, als dieser zu seinem ehemaligen Kontrahenten aufsieht und dessen umfassende Aufmerksamkeit sucht. Für einen Moment liegt etwas Dunkles in seinem Blick… etwas, das verrät, dass dieser letzte Gedanke für ihn kein theoretischer ist.

    „Glauben, mein Freund, ist etwas für Priester und Tempelnovizen. Glauben entspringt der Ahnungslosigkeit, dem Unwissen. Das was uns befallen hat,“ Er tippt sich leicht gegen die Brust, „… das ist real. Greifbar. Unausweichlich. Nennt es Chance, wenn euch Geschenk nicht gefällt. Ihr habt diese Chance bereits zum Teil ergriffen und es liegt nun an euch, was ihr daraus macht.“

    Ein leiser, fast bitterer Unterton schleicht sich in seine Worte. „Der Wolf ist nun ein Teil von euch. Ob ihr ihn leugnet oder nicht. Und ich kann euch nur raten: Stoßt ihn nicht von euch. Versucht nicht, ihn zu unterdrücken.“ Das flackernde Licht der Öllampe über ihnen lässt Nialls Augen wie harte Diamanten aufblitzen. „Er wird sich nicht unterdrücken lassen. Das habe ich gelernt.“ Erneut schleicht sich ein Moment der Stille zwischen sie, die Niall dazu nutzt sich bequemer hinzusetzen und gegen die Stuhllehne sinken zu lassen. „Der Wolf macht euch nicht besser oder schlechter als den Mann, der ihr wart. Er verstärkt nur, was bereits in euch liegt. Ihr wollt niemanden verletzen? Dann lernt, ihn zu kontrollieren. Lernt euch selbst zu kontrollieren. Nicht aus Angst… sondern aus neuem Verständnis. Für euch selbst. Furcht vor Neuem erwächst aus Unwissen. Und Wissen, das Kennenlernen der anderen Seite, ist das Einzige was euch davor bewahren kann, euch selbst zu verlieren.“

    Er neigt den Kopf leicht, was jedoch mit einem blitzartigen Kopfschmerz belohnt wird, welcher ihn kurz die Augen zusammenkneifen lässt.

    Beim Dunklen, dieses Gespräch gestaltet sich kräftezehrender als der Kampf es zuvor war.

    It is said there is no sin in killing a beast, only in killing a man. But where does one begin and the other end?

    ~ Wolfman (2010) ~

    2 Mal editiert, zuletzt von Niall ()

  • „You cannot change what you are. Only what you do.“

    The Witcher



    14. Erntemond 525


    Eine ganze Weile wartet Aneirin zunächst vergeblich auf eine Antwort. Irgendwo hinter ihm klirrt Glas auf Holz, Stimmen schwellen an und verebben wieder im dumpfen Gemurmel des Schankraums. Es ist nicht so, dass Niall nicht reagiert. Im Gegenteil. Aneirin sieht ihm an, wie es in ihm arbeitet. Nialls Blick wandert unstet, besieht sich alles Mögliche, Aneirin ausgeschlossen, aber nie lange genug, um wirklich etwas davon wahrzunehmen. Sein Gegenüber fährt sich durch die Haare, reibt sich die Schläfen und es fehlt eigentlich nur noch ein tiefes Seufzen, um das Bild zu vervollständigen. Es wirkt, als würde Niall ebenfalls etwas abwägen, bevor er antwortet. Vielleicht fällt ihm eine tatsächlich ehrliche Antwort schwerer als Aneirin dachte. Nicht, weil Niall keine Antwort hätte, sondern weil er sich wie Aneirin zuvor fragt, ob es klug wäre, einem Fremden gegenüber ehrlich zu sein. Aneirin hat das Gefühl, dass Niall sich mit Ehrlichkeit deutlich schwerer tut als er selbst.

    Dann sieht Niall ihn wieder an. Unwillkürlich fragt Aneirin sich bei diesem abschätzenden Blick aus den graublauen Augen, was ein Mensch erlebt und ertragen haben muss, dass ihm Ehrlichkeit so fremd ist.

    Plötzlich lacht Niall, kurz und rau, aber so unerwartet, dass Aneirin irritiert blinzelt. Das Fünkchen Unsicherheit, dass Nialls Lachen in ihm auslöst, versucht er schnell beiseitezuschieben, während er sich kurz mit dem Handrücken über das schmerzende Auge streicht. Aneirin war bisher recht davon überzeugt, eine gute Menschenkenntnis zu besitzen. Doch dieser Mann vor ihm erscheint ihm wie ein höchst kompliziertes Rätsel. Und dennoch ist da weiterhin dieses zarte Bauchgefühl, das ihm einreden will, dass hinter dieser Fassade, die Niall sich aufgebaut hat und stur aufrechterhält, jemand steckt, der Aneirins Vertrauensvorschuss verdient.

    Schließlich stützt Niall seinen Kopf auf seine Fäuste, beinahe ergeben, als hätte er eine Entscheidung getroffen, mit der er selbst nicht ganz zufrieden ist oder von der er sich selbst noch nicht ganz überzeugt hat. >>Ich meine rechtmäßig sagen zu können, dass ich noch nie einen Mann wie euch zu Gesicht bekommen habe, Aneirin.<< Erneut blinzelt Aneirin überrascht und ist sich nicht sicher, ob das als Kompliment gemeint ist oder eher eine Feststellung, die er noch nicht recht einordnen kann. Für einen Moment neigt er leicht den Kopf, als würde er die Worte prüfen, bevor er darauf reagiert. Doch noch bevor er etwas sagen kann, schließt Niall bereits die Augen, und es scheint Aneirin fast, als wäre allein diese Aussage schon mehr gewesen, als der andere preisgeben wollte.

    So sieht Niall ihn nicht an, als er die Augen wieder öffnet und schließlich zu einer Antwort auf seine Frage ansetzt. Im Kern meine er seine Aussage so, erwidert Niall. Aneirin hält den Blick aus seinen grünen Augen auf sein Gegenüber gerichtet. Er hört ihm zu als er bei dem Sinnbild eines Geschenks bleibt, das man entweder annehmen oder ablehnen kann. Aneirin glaubt seinem Blick anzusehen, dass Niall tatsächlich ehrlich meint, was er sagt. Es überrascht ihn weniger als es vielleicht sollte. Aber er spürt eine gewisse Erleichterung.

    >>Mit manchen Geschenken muss man erst umgehen lernen… manchmal dauert dies Jahre… aber eines ist allen Geschenken zu eigen: Entweder man behält sie oder man wird sie auf die eine oder andere Weise los. Und ihr, mein Freund, habt bereits die Entscheidung getroffen, es zu behalten. Auch wenn ihr es vielleicht selbst nicht wahrhaben wollt. Hättet ihr sonst das Ritual durchführen lassen? Ihr hättet es wegwerfen können… euch wegwerfen können. Aber ihr habt es nicht getan.<<

    Aneirin senkt den Blick auf seine eigenen Hände. Nein. Das stimmt so nicht. Diese Entscheidung hat er nie selbst getroffen. Aneirin erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. Wie er Arúen gegenüber saß, aufgewühlt und trotzig, weil er nicht akzeptieren wollte, dass es keine andere Lösung für den Biss in seiner Schulter geben sollte.

    Der Geruch von Bier und warmem Holz liegt schwer in der Luft, irgendwo lacht jemand zu laut — und wirkt plötzlich unendlich weit entfernt. Aneirin erinnert sich an Arúens schonungslose Worte, auch wenn sie sanft und voller Mitgefühl waren: >>Es gibt keine andere Lösung, Aneirin. Ich verstehe Dich und wenn ich einen anderen Weg wüsste, irgendeinen, ich würde ihn mit Dir gehen. Aber es gibt keinen. Und gerade weil ich nicht will, dass Du zu einem Monster wirst, musst Du Dich diesem Ritual stellen… und es bestehen. Dass Du es verweigerst, steht nicht zur Debatte. Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie Du Deine Seele an den Fluch verlierst und unweigerlich zum Môrgrinan, zum Monster wirst… Eher töte ich Dich eigenhändig.<<

    Nein. Aneirin hat sich nicht entschieden, dieses Geschenk zu behalten. Arúen hatte für ihn entschieden, während er nicht akzeptieren konnte oder wollte, dass es nur diese zwei Möglichkeiten gab. Sie hat ihm die Wahl gar nicht erst gelassen. Sie hätte nicht zugelassen, dass er, wie Niall es nennt, sich hätte wegwerfen können. Außerdem… Was für eine Wahl soll das auch sein, wenn die einzige Alternative der Tod ist? Das ist keine Wahl. Das ist Überleben.

    Sein Kiefer spannt sich für einen Moment, kaum sichtbar. Für einen Herzschlag schließt er die Augen, während er langsam ausatmet. Im Nachhinein ist Aneirin Arúen dankbar dafür, dass sie für ihn das Überleben wählte. Er widerspricht Niall fürs Erste nicht. Aber der Gedanke lässt ihn nicht los.


    Als Niall weiterspricht, hebt Aneirin den Blick wieder. >>Glauben, mein Freund, ist etwas für Priester und Tempelnovizen. Glauben entspringt der Ahnungslosigkeit, dem Unwissen. Das, was uns befallen hat, das ist real. Greifbar. Unausweichlich. Nennt es Chance, wenn euch Geschenk nicht gefällt. Ihr habt diese Chance bereits zum Teil ergriffen und es liegt nun an euch, was ihr daraus macht.<<

    Er hört zu, ohne die Augen von Niall abzuwenden. Glauben… Für einen Moment bleibt der Gedanke an ihm hängen, ungewohnt schwer.

    Das Stimmengewirr um sie herum rauscht an ihm vorbei, ohne dass er ein Wort davon wirklich wahrnimmt. Er hatte nach genau so etwas gesucht. Nach einer Möglichkeit, es anders zu sehen. Einen anderen Blick darauf zu finden, der es… erträglicher macht. Doch je länger er darüber nachdenkt, desto hohler klingt es.

    Sein Daumen streicht unbewusst über die empfindliche Stelle in seiner Handfläche. Ein Geschenk. Eine Chance. Letztlich bleibt der Inhalt derselbe, egal wie er es nennt. Er würde nur einen anderen Namen für etwas suchen, das sich dadurch nicht verändert. Aber vielleicht… liegt genau darin das Problem. Dass er die ganze Zeit versucht hat, etwas zu verändern, das sich nicht verändern lässt. Vielleicht geht es gar nicht darum, daran zu glauben, dass ein anderer Name es besser macht. Aneirins Blick senkt sich kurz, nicht um auszuweichen, sondern weil sich der Gedanke erst setzen muss.

    >> Der Wolf ist nun ein Teil von euch. Ob ihr ihn leugnet oder nicht. Und ich kann euch nur raten: Stoßt ihn nicht von euch. Versucht nicht, ihn zu unterdrücken. Er wird sich nicht unterdrücken lassen. Das habe ich gelernt.<<

    Für einen Moment spannt sich etwas in Aneirin an — nicht aus Trotz, sondern aus Wiedererkennen. Ist es nicht genau das, was er die ganze Zeit versucht hat? Dieses Drängen, die Unruhe unter der Haut… Er hat es immer zurückgestoßen. Er hat jede Verwandlung als etwas behandelt, das es zu überstehen gilt, nicht als etwas, dem man begegnet. Er hat sie so lange wie möglich hinausgezögert, selbst in den Vollmondnächten. Sein Atem stockt kaum merklich, bevor er ihn wieder kontrolliert fließen lässt. Aber es hat nichts verändert. Der Wolf ist geblieben. Mehr noch… er ist stärker geworden.

    Ein Stuhl scharrt über den Boden, jemand flucht leise — Aneirin nimmt es kaum bewusst wahr. Nialls Worte legen sich darüber, ohne sich aufzudrängen. Sie treffen auf etwas, das Aneirin längst kennt. Und für einen Moment wird Aneirin mit einer Klarheit bewusst, die er bisher vermieden hat: Vielleicht liegt das Problem nicht darin, dass es da ist. Sondern darin, wie er die ganze Zeit versucht hat, damit umzugehen. Es geht nicht darum, es anders zu sehen oder zu benennen. Sondern darum, aufzuhören, die Augen vor dem zu verschließen, was es tatsächlich ist: ein Teil von ihm… Der Gedanke fühlt sich fremd an. Und gleichzeitig… unangenehm schlüssig.

    Das Erkennen zieht durch seinen Blick wie ein flüchtiger Lichtschein – nicht stark genug, um Gewissheit zu geben, aber genug, um das Dunkel für einen Moment zu durchbrechen. Als der Schimmer in seinen Augen verblasst, ist sein Blick wieder ruhiger. Nicht gelöst, aber gefasster.

    >>Der Wolf macht euch nicht besser oder schlechter als den Mann, der ihr wart. Er verstärkt nur, was bereits in euch liegt. Ihr wollt niemanden verletzen? Dann lernt, ihn zu kontrollieren. Lernt euch selbst zu kontrollieren. Nicht aus Angst… sondern aus neuem Verständnis. Für euch selbst. Furcht vor Neuem erwächst aus Unwissen. Und Wissen, das Kennenlernen der anderen Seite, ist das Einzige was euch davor bewahren kann, euch selbst zu verlieren.<<

    Nialls Worte bleiben hängen. Nicht laut, aber hartnäckig. Aneirin lebt nun schon sieben Jahre mit dem Wolf. Sieben Jahre, in denen er niemanden verletzt hat, in denen er sich im Griff behalten hat. Wenn es je etwas an ihm verändert hätte… dann hätte er es doch längst bemerken müssen. Es stimmt, der Wolf macht ihn nicht besser oder schlechter.

    Aneirins Blick senkt sich einen Moment. Es gab Zeiten, in denen er sich selbst kaum wiedererkannt hat. Aber nicht wegen des Wolfs. Sondern wegen allem, was danach kam. Ein Schatten huscht durch seinen Ausdruck, so flüchtig, dass er ihn sofort wieder zurückdrängt. Und doch… ist da dieses Drängen unter der Haut, das sich nicht mehr nur an die Vollmondnächte bindet. Aneirin spürt es inzwischen auch dann, wenn es eigentlich keinen ersichtlichen Grund gibt. Und zum ersten Mal lässt sich ein Gedanke nicht ganz beiseiteschieben: Dass es vielleicht nicht mehr ausreicht, es einfach nur zurückzuhalten. Dass seine Kontrolle nicht so unerschütterlich ist, wie er bisher geglaubt hat, wenn er seinen Weg weiter geht. Seine Finger zucken leicht, als würde er etwas zurückhalten, das sich nicht mehr ganz ruhig halten lässt.


    Aneirin richtet sich ein wenig auf, unbewusst, als würde er Abstand zu dem Gedanken suchen. Sein Blick hebt sich wieder, langsamer diesmal, erst nachdem sich der Gedanke gesetzt hat. Und bleibt schließlich an Nialls Kehle hängen. An den nach innen gerichteten Spitzen des Halsbandes, die im flackernden Licht matt aufblitzen. Nialls Worte klingen in ihm nach: nicht unterdrücken, Kontrolle, Verständnis. Und doch trägt Niall so etwas. Etwas, das überhaupt nicht nach Vertrauen aussieht. Für einen Moment sagt Aneirin nichts. Nicht, weil ihm die Worte fehlen — sondern weil er sie abwägt.

    Eine Schankmaid tritt an den Tisch, ein flüchtiges Lächeln auf den Lippen, das mehr Gewohnheit als echtes Interesse ist. „Noch etwas?“ fragt sie, den Blick zwischen ihnen wechselnd, als spüre sie die Spannung, ohne sie einordnen zu können. Aneirin hebt kurz den Kopf und schüttelt ihn schließlich leicht. „Nein, danke.“ Sie nickt, nimmt beiläufig einen leeren Krug von einem der Nachbartische und verschwindet wieder im Stimmengewirr des Schankraums, das sich sofort wieder über den Moment legt. Aneirin atmet leise aus.

    Dann hebt er den Blick ganz. „Ihr sagt, man soll ihn nicht zurückstoßen… ihn kennenlernen.“ Seine Stimme ist ruhig, nachdenklich, ohne Schärfe. „Und doch… haltet Ihr Euch selbst so in Schach.“ Sein Blick bleibt offen, suchend, nicht vorwurfsvoll – streift dabei unwillkürlich noch einmal die Spitzen an Nialls Kehle. „Ist das Euer Weg… ihn zu kontrollieren?“

  • How many decades of war has he faced? How many friends has he said goodbye to that I've never known, that he's never mentioned? [...] We all had something once. We're each robbed and broken in our own way.

    ~ Morning Star - Pierce Brown ~




    14. Erntemond 525


    Ruckartig löst Niall seinen Blick, der eben noch auf den schwingenden Hüften der sich entfernenden Magd gehangen hat, lässt langsam auch die Hand sinken, welche sich angeschickt hatte, eine seiner pulsierend schmerzenden Schläfen zu massieren und richtet seine Aufmerksamkeit vollends auf das Gegenüber. Er erwidert den gesuchten Augenkontakt abwägend und prüfend, aber nicht grundsätzlich abweisend. Sein Blick bleibt auf Aneirin gerichtet, doch seine Gedanken scheinen für einen Moment ganz woanders zu sein. Nicht verloren, niemals verloren. Niall ist zu lange damit beschäftigt gewesen, Gefahren zu erkennen, um sich diese Schwäche leisten zu können.Sein graublauer Blick, kühl wie aus eisigen Gletschermassen geschlagen, trifft auf den smaragdgrünen des Blonden. Für Niall haben die Augen des Mannes die Farbe von frischem Moos nach einem Frühlingsschauer, lebendig und mit Sprenkeln in verschiedenen Grüntönen, welche im flackernden Licht der Öllampen zu tanzen scheinen. Hinter diesem vermeintlich offenen und ruhigen Aussehen meint der Drachenländer aber auch das Tier erspähen zu können, das hinter dem moosbedeckten Grün des Seelenwaldes umherschleicht. Einige Zeit vergeht, in der die Männer einander nur wortlos mustern, als wären sie für einen Augenblick in der Kakophonie des Schankraumes verloren gegangen. Das Schieben von Stühlen. Das Klappern von Geschirr. Stimmen, die sich überlagern und wieder verlieren. Ein Mann am Nebentisch lacht so laut, dass einige Köpfe sich kurz drehen, bevor jeder wieder zu seinen eigenen Angelegenheiten zurückkehrt. Niemand hier kümmert sich wirklich darum, was zwei Männer an einem Tisch zu besprechen haben, auch wenn diese ein recht ungleiches Paar abgeben. Schließlich verlässt ein leises Ausatmen Nialls Nase, beinahe ein ungläubiges Schnauben. Nicht grundsätzlich spöttisch, sondern eher erfüllt von der Erkenntnis eines Mannes, welcher feststellen muss, dass sein Gegenüber tatsächlich mehr beobachtet, als ihm offen gesagt lieb ist.Aneirin hat eine unangenehme Angewohnheit.

    Er hört zu.

    Nicht nur den Worten allein, sondern auch dem, was zwischen ihnen liegt. Ein amüsiertes schiefes Lächeln erscheint auf Nialls Gesichtszügen und er bricht den Blickkontakt kurz ab, um dem Weg seiner Hand zu folgen, welche beinahe zärtlich zwei Finger auf das schwere Metall an seinem Hals legt, um dort an den nach innen gerichteten Stacheln entlang zu gleiten. Die Berührung ist keineswegs vorsichtig, sondern erinnernd: der Kontaktversuch von jemandem, der einen alten Gegenstand berührt, dessen Gewicht er längst kennt.Das dicke Metallhalsband fängt erneut das Licht der Öllampen ein. Die silbernen Flächen blitzen zwischen den Schatten auf, die nach innen gerichteten Spitzen liegen dicht an seiner Haut. Ein Stück geschmiedetes Metall, das bei jedem anderen Mann vermutlich zuerst als Fremdkörper wahrgenommen werden würde. Bei Niall wirkt es wie ein Teil von ihm. „Ihr habt ein Talent dafür, Fragen zu stellen, auf die man lieber keine Antwort geben möchte.“ Seine graublauen Augen heben sich wieder zu Aneirin und erneut liegt stille Anerkennung auf den oberflächlich amüsiert dreinblickenden Zügen des Dunkelhaarigen. Der blonde Bäcker hatte tatsächlich den Widerspruch entdeckt, den Nialls Worte und seine Erscheinung wohl darstellen mögen. „Interessant, nicht wahr? Ich erzähle euch, ihr sollt den Wolf nicht einsperren. Ihr sollt lernen, mit ihm zu leben. Ihn verstehen. Und dann sitzt ihr hier und seht dieses Ding an meiner Kehle. Ein sehr überzeugendes Argument gegen meine eigene Aussage.“ Ein Aufblitzen von Nialls weißen Zähnen im Halbdunkel des Schankraumes unterstreicht, wie durchaus Erhebend er den gegenwärtigen Moment empfindet, jedoch hält dieser Zustand nicht sehr lange an. „Nein. Es ist nicht mein Weg, den Wolf zu kontrollieren. Beim Dunklen…. ganz gewiss nicht.“ Er lässt die Hand wieder auf den Tisch sinken, so wie sich mit der anderen unter verschränkten Fingern vereinigt. „Auch wenn ich unter Umständen nicht so wirken mag, aber ich habe mich durchaus ganz gut im Griff, wie ich meine. Das Stück hier… nun… es ist im Groben so, wie ich vorhin sagte. Es dient als eine Art Abschreckung oder auch der erste physische Hinweis an Kontrahenten, was sie erwarten könnte und in den Kreisen, in denen ich verkehre, ist so etwas durchaus von Vorteil. Es unterstreicht das, was in mir gesehen werden soll. Eine… Bestie, die nur schwer im Zaum gehalten werden kann. Wenn man jemanden in die Arena schickt ist jede zusätzliche Grausamkeit durchaus gut fürs Geschäft. Fast schon theatralisch, nicht wahr? Und… nun… es erstickt auch oft genug belanglose Konversationen mit äußerst langweiligen Adligen bereits im Keim.“ Ein Zwinkern unterstreicht den leichten Zynismus in seinen Worten, doch das schmallippige Lächeln erreicht kaum die Augen. Dann entsteht erneut eine kurze Pause, in der Niall abwägt wie er die nächsten Sätze verpacken soll und wie viel Wahrheit hier angebracht ist. Aneirin ist für Niall eine interessante und doch schwer zu verstehende Gestalt. So viel Ehrlichkeit und offene Worte, Verständnis und eine Verletzlichkeit, die jedoch keinesfalls schwach wirkt. Niall wählt seine nächsten Sätze weiterhin mit Bedacht, obwohl ihn immer mehr das Gefühl beschleicht, dass dieser Mann vor ihm zumindest keine unmittelbaren schlechten Absichten hegt. Der Drachenländer ist sich nicht mal sicher, ob der Bäcker überhaupt nur einen bösartigen Gedanken formen kann. Es scheint Niall eher, als würde der Mann mit sich härter ins Gericht gehen, als er es mit anderen, Außenstehenden oder Freunden, jemals könnte. So entscheidet der Dunkelhaarige, dass er ihm so viel Offenheit zugstehen möchte, wie es ihm gerade so möglich ist.„Trotz allem… Am Ende habt ihr den Kern getroffen. Es dient der Kontrolle. Sagen wir… jemand anderes hat den Schlüssel zu diesem… Keuschheitsgürtel hier. Und es ist definitiv kein hübsches Mädchen!“ Die Worte sollen amüsiert klingen, beiläufig und beinahe nichtssagend fröhlich, doch in ihnen schwingt ein kaum zu verbergender Unterton mit, denn innerlich kann er nicht umhin zu denken: An der Kette, wie ein Hund. Ein gefährlicher Hund an einer seeehr langen Kette, aber nichtsdestotrotz gebunden. „Wie ihr seht, werter Herr… ihr habt noch über beides die Kontrolle. Über euch selbst und den Wolf. Auch wenn der Weg zum Wolf keine bewusste Entscheidung war, so ist die Kontrolle über diesen eine solche, die ihr innerlich bereits getroffen habt, wie ich bescheiden meine?“

    It is said there is no sin in killing a beast, only in killing a man. But where does one begin and the other end?

    ~ Wolfman (2010) ~

    5 Mal editiert, zuletzt von Niall ()

  • „Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“
    — Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter, 12. August 1904



    14. Erntemond 525


    Aneirins Blick folgt Nialls Fingern, die über das schwere Metall gleiten. Sein Gegenüber berührt es nicht wie etwas, das ihn stört oder das er bei jeder Bewegung aufs Neue verflucht. Auch scheint in der Geste kein Wunsch zu liegen, es von sich zu lösen. Vielmehr wirkt sie so selbstverständlich, beinahe vertraut, als gehörte das Halsband längst ebenso zu ihm wie die Narben auf seiner Haut oder die dunklen Strähnen, die ihm in die Stirn fallen

    Aneirin empfindet den Anblick als eigenartig. Befremdlich sogar. Die nach innen gerichteten Spitzen liegen dicht genug an Nialls Kehle, dass allein ihr Anblick ein unangenehmes Ziehen unter seiner eigenen Haut hervorruft. Aneirin versteht es nicht. Und doch passt es auf eine schwer erklärbare Weise zu dem Mann vor ihm.

    Als Niall den Blick wieder hebt, hält Aneirin ihm stand, auch wenn er für einen Moment nicht recht weiß, was ihm darin begegnet. Das schiefe Lächeln, das kurze Aufblitzen der Zähne, der beinahe beiläufige Ton tragen erneut jene Spur von Amüsement, hinter der Niall offenbar alles verbirgt, was zu nah an ihn heranreicht. Aneirin hat es bereits zuvor bemerkt: den Spott, wenn eine Antwort zu ehrlich werden könnte, den Zynismus, der einem Gedanken die Schwere nehmen soll, bevor jemand anderes sie bemerkt.

    Und doch liegt diesmal noch etwas anderes in den graublauen Augen. Keine offene Wärme oder Zustimmung. Eher ein Hauch von Anerkennung, flüchtig und schwer zu greifen. Aneirin ist sich nicht sicher, ob er diesen Blick richtig deutet. Vielleicht amüsiert Niall sich lediglich darüber, dass ausgerechnet ein Bäcker in einem schmutzigen Schankraum beginnt, an den Widersprüchen seiner Erscheinung zu rühren.

    Doch erstaunlicherweise hat Aneirin nicht mehr das Gefühl, von Niall geprüft zu werden. Für einen kurzen Augenblick scheint es beinahe, als würde der andere Mann ihn ebenfalls ernst nehmen.

    Aneirins Brauen heben sich kaum merklich, als Niall das Halsband so entschieden von der Kontrolle des Wolfes trennt. Damit hat er nicht gerechnet. Die Art wie die nach innen gerichteten Spitzen dicht um Nialls Kehle liegen, hatte so offensichtlich nach Zwang und Beherrschung ausgesehen, dass Aneirin keine eine andere Erklärung dafür gesucht hatte. Doch je länger Niall spricht, desto weniger klingt seine Behauptung nach bloßer Prahlerei.

    Aneirin mustert ihn schweigend, während ringsum das Klappern von Geschirr, der Ruf einer Magd und das träge Stimmengewirr des Schankraumes an ihrem Tisch vorüberziehen. Der Mann vor ihm wirkt nicht wie jemand, der sich selbst überschätzt, zumindest nicht in dieser Hinsicht. In seinen Worten liegt keine Unsicherheit, kein hastiges Bedürfnis, Aneirin oder vielleicht auch sich selbst davon zu überzeugen, dass er den Wolf beherrscht. In seiner Stimme und seinen Worten liegt eine nüchterne Gewissheit und zu Aneirins eigener Überraschung glaubt er ihm.

    Niall braucht das Halsband nicht, um den Wolf im Zaum zu halten. Er trägt es, damit andere glauben, dass er es braucht. Dieser Gedanke lässt Aneirins Blick erneut zu dem Metall wandern. Eine Bestie, die nur schwer im Zaum gehalten werden kann. Die Worte berühren etwas in ihm, das sich augenblicklich dagegen sträubt. Niall beschreibt damit genau das Bild, vor dem Aneirin sich seit sieben Jahren fürchtet. Das Tier, das hinter menschlichen Augen lauert. Die Gefahr, die nur mühsam unter einer vertrauten Gestalt verborgen bleibt. Eine Kreatur, bei der jeder vernünftige Mensch Abstand hält, sobald er erkennt, was sie ist.

    Doch Niall scheint zu wollen, dass man es in ihm sieht. Mehr noch: Es wird genutzt. Zur Schau gestellt. In eine Arena geschickt und mit jeder Narbe zu dem Stück Metall noch bedrohlicher gemacht, weil Grausamkeit offenbar ebenso gut verkauft werden kann wie Brot, Wein oder ein warmes Bett.

    Mit einem Mal wird Aneirin beinahe schmerzhaft bewusst, wie verschieden ihre Leben sind. Er selbst hat alles darangesetzt, den Wolf unsichtbar zu machen. Er verbirgt ihn hinter verschlossenen Türen, in sorgfältig gewählten Erklärungen und unter einer Menschlichkeit, die er umso entschlossener nach außen trägt, je deutlicher er das Tier in seinem Inneren spürt. Er hält seine Stimme ruhig, wenn seine Sinne sich schärfen, und sein Lächeln freundlich, wenn etwas unter seiner Haut zu nahe an die Oberfläche drängt. Niemand soll ihn ansehen und zuerst den Wolf erkennen.

    Bei Niall scheint es beinahe umgekehrt. Sein Wolf wird nicht verborgen. Er wird angekündigt. Das Halsband trägt nach außen, was Aneirin mit aller Kraft im Inneren hält. Für einen Augenblick fragt er sich, wie es sein muss, auf diese Weise zu leben – ohne Heimlichkeit, aber deshalb nicht notwendigerweise frei. Denn so selbstverständlich Niall über die Wirkung des Halsbandes und die Geschäfte der Arena spricht, bleibt für Aneirin unklar, wie viel von diesem Bild tatsächlich Nialls eigene Entscheidung ist.

    Vielleicht hat er gewählt, als Bestie gesehen zu werden. Vielleicht hat er auch nur gelernt, eine Rolle so überzeugend zu tragen, dass niemand mehr danach fragt, wer sie ihm gegeben hat. Das Zwinkern und der leichte Zynismus nehmen den Worten scheinbar ihre Schwere, doch auch diesmal erreicht das Lächeln Nialls Augen nicht ganz.

    Aneirin bemerkt es. Und langsam beginnt er sich zu fragen, ob Niall nicht noch sehr viel mehr hinter seinem Spott verbirgt. Die kurze Stille, die folgt, fühlt sich anders an als die Pausen zuvor. Niall scheint seine nächsten Worte abzuwägen, und Aneirin lässt ihm die Zeit dazu. Er drängt nicht, stellt keine weitere Frage, obwohl sich längst mehrere in ihm auftun. Sein Blick bleibt ruhig auf dem anderen Mann liegen, aufmerksam, aber nicht fordernd.


    Vielleicht ist es gerade diese Zurückhaltung, die Niall schließlich dazu bewegt, noch ein wenig mehr von der Wahrheit preiszugeben.

    >>Am Ende habt Ihr den Kern getroffen.<<

    Für einen kurzen Augenblick empfindet Aneirin beinahe so etwas wie Genugtuung. Nicht aus Stolz darüber, den Widerspruch erkannt zu haben, sondern weil Niall ihn nicht länger mit einem Scherz beiseiteschiebt. Weil er zugibt, dass hinter dem schweren Metall mehr als bloße Abschreckung liegt. Doch die Genugtuung vergeht, kaum dass sie sich regt.

    >>Jemand anderes hat den Schlüssel.<<

    Die Worte sind leicht dahingesagt, umgeben von einem Scherz, dessen Spitze Aneirin durchaus versteht. Doch hinter den Worten bleibt etwas, das sich nicht fortlächeln lässt. Aneirins Blick folgt unwillkürlich den nach innen gerichteten Stacheln, die im Licht der Öllampen aufblitzen. Nun erscheint ihm das Halsband nicht mehr wie ein selbstverständlicher Teil von Niall. Es ist das sichtbare Zeichen einer Grenze, über die ein anderer bestimmt. Eine Fessel.

    Aneirin hebt den Blick wieder zu Niall, doch er weiß nicht, was er in dessen Gesicht zu finden hofft. Widerstand vielleicht. Oder Bitterkeit. Einen Hinweis darauf, dass dieser Mann das Metall nur deshalb so selbstverständlich trägt, weil ihm keine andere Wahl geblieben ist.

    Aber Niall gibt ihm nicht etwas so Einfaches. Aneirin kann nicht erkennen, wie viel von diesem Leben Niall selbst gewählt hat. Vielleicht hat er sich bewusst dafür entschieden, in einer Arena als Bestie verkauft zu werden. Vielleicht hat er die Bedingungen angenommen, weil sie ihm Vorteile bringen. Vielleicht hat er sich nur so lange mit ihnen arrangiert, bis niemand mehr unterscheiden konnte, wo Zustimmung endet und Gewöhnung beginnt. Vielleicht nicht einmal Niall selbst.

    Der Gedanke fühlt sich jedoch anmaßend an und Aneirin verfolgt ihn fürs Erste nicht weiter. Er kennt diesen Mann kaum. Er kennt nicht die Hände, die den Schlüssel halten. Nicht die Gründe, aus denen Niall das Halsband trägt. Nicht die Länge der Kette, die damit verbunden sein mag, auch wenn sie unsichtbar bleibt.

    Doch eines begreift Aneirin nun mit bedrückender Klarheit: Niall ist nicht frei. Jedenfalls nicht vollständig. Er hat den Wolf angenommen und trägt ihn offen nach außen, doch über etwas so Einfaches wie das Metall an seiner eigenen Kehle entscheidet offenbar ein anderer. Aneirin dagegen verbirgt den Wolf, verleugnet ihn und fürchtet ihn. Dennoch besitzt er wenigstens den Schlüssel zu seinen eigenen Türen. Vielleicht ist Niall ihm in einer Hinsicht voraus und in einer anderen gebundener, als Aneirin es je gewesen ist.


    Der Gedanke bleibt in ihm zurück, schwer und ungelöst. Einen Moment lang erwägt er, danach zu fragen, doch Nialls letzte Worte ziehen seine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung.

    >>Ihr habt noch über beides die Kontrolle. Über euch selbst und den Wolf.<<

    Aneirins Blick sinkt auf seine Hände. Kontrolle. Das Wort klingt zunächst vernünftig. Beruhigend beinahe. Es bezeichnet etwas, das er seit sieben Jahren zu besitzen glaubt, weil er niemanden verletzt hat, weil er jede Vollmondnacht überstanden und den Wolf immer wieder hinter Mauern, Türen und seinem eigenen Willen gehalten hat. Doch je länger er darüber nachdenkt, desto unsicherer wird er. Hat er den Wolf tatsächlich kontrolliert? Oder hat er ihn nur niedergedrückt, sobald er sich regte?

    Aneirin antwortet Niall nicht sofort. Stattdessen lauscht er in sich hinein. Es ist ein vorsichtiges Tasten, als lege er im Dunkeln die Hand an eine Tür, die er seit Jahren verschlossen hält, und warte darauf, ob von der anderen Seite etwas gegen das Holz stößt. Er hat zuvor nie bewusst nach dem Wolf gesucht. Er hat gelernt, seine Nähe zu erkennen, wenn sie sich nicht mehr verleugnen lässt: in den Nächten, in denen der Vollmond seine Knochen auseinanderzieht, in dem fiebrigen Drängen unter seiner Haut, in den Augenblicken, in denen seine Sinne sich schärfen und die Welt plötzlich zu laut, zu nah und zu voll von Gerüchen wird. Er kennt die Zeichen seines Erwachens ebenso gut wie er als Bäcker die Hitze seines Ofens kennt, noch bevor er die Hand an die Klappe legt.

    Doch stets hat er auf dieselbe Weise darauf reagiert: Er hat ihn zurückgedrängt. Aneirin hat jede Regung erstickt, kaum dass er sie bemerkte und den Wolf tiefer in sich hineingezwungen, als könnte er ihn irgendwann an einen Ort verbannen, von dem er nicht mehr zurückfindet.

    Doch dieses Mal tut Aneirin nichts dergleichen. Sein Atem verlangsamt sich, während das Stimmengewirr um ihn herum allmählich an Bedeutung verliert. Es verstummt nicht, doch es zieht sich zurück, wird zu einem fernen Rauschen, hinter dem er den eigenen Herzschlag wahrnimmt, das Gewicht seiner Arme auf dem Tisch, die Berührung seiner Finger, die sich um den leeren Krug vor ihm schließen.

    Für einen Moment geschieht nichts. Ein Becher wird irgendwo abgestellt. Holz trifft dumpf auf Holz. Eine Frauenstimme lacht am anderen Ende des Raumes, hell und kurz, während hinter Aneirin ein Stuhl über die Dielen scharrt.

    Dann schlägt sein Herz. Nicht schneller. Ein einziges Mal nur, doch so heftig, dass Aneirin das Gefühl hat, etwas in seiner Brust habe sich mit einem Ruck aufgerichtet und von innen gegen seine Rippen gestoßen. Seine Finger verhärten sich augenblicklich und pressen sich gegen den kühlen Ton des Kruges.

    Der nächste Atemzug bleibt ihm in der Kehle stecken, bevor er ihn zu hastig einsaugt. Wärme steigt unter seinem Brustbein empor, breitet sich wie ein plötzlich entfachtes Feuer durch seinen Oberkörper aus und kriecht bis in seinen Nacken. Gleichzeitig beginnt das Blut so laut in seinen Ohren zu rauschen, dass Aneirin für einen flüchtigen Augenblick glaubt, Niall müsse es hören können.

    Doch die übrigen Geräusche verschwinden nicht unter diesem Rauschen. Sie treten daraus hervor. Eines nach dem anderen. Der Schankraum, eben noch ein einziges fernes Murmeln, zerfällt in zahllose scharf voneinander getrennte Einzelheiten. Aneirin hört das feuchte Schmatzen, mit dem ein Mann am Nachbartisch von seinem Eintopf isst. Das leise Knacken einer Diele unter dem Gewicht einer vorübergehenden Magd. Das Schaben eines Fingernagels über gebrannten Ton. Das unregelmäßige Atmen eines Betrunkenen hinter ihm. Selbst das Flattern der nächsten Öllampe dringt an sein Ohr, ein winziges, hungriges Züngeln, das er unter gewöhnlichen Umständen niemals wahrgenommen hätte.

    Auch die Gerüche verändern sich. Bier und Bratenfett, Rauch, nasse Wolle und altes Leder. Der säuerliche Schweiß der Menschen, die sich in dem warmen Raum drängen. Blut, kaum mehr als ein Hauch, vermutlich aus einer aufgesprungenen Fingerkuppe. Fleisch aus der Küche, dunkel gebraten und schwer gewürzt.

    Und inmitten all dessen liegt etwas, das sich deutlich von den übrigen Gerüchen abhebt. Der matte Geruch von Metall, Blut, Schweiß und Kampf. Aneirins Aufmerksamkeit richtet sich unwillkürlich darauf: Niall. Er sieht ihn an – und spürt dabei noch etwas anderes: Etwas Dunkles und Wildes, das er nicht benennen kann, aber auf eine Weise erkennt, die nichts mit Wissen und nichts mit Erinnerung zu tun hat.

    Für einen flüchtigen Moment nimmt er Niall nicht nur als den Mann wahr, der ihm gegenübersitzt. Da ist etwas Vertrautes an ihm. Nicht Freund. Nicht Feind. Nicht Beute. Für kaum mehr als einen Herzschlag scheint sich ein warmer, bernsteinfarbener Schimmer über das Grün in Aneirins Augen zu legen. Er ist so flüchtig, dass er ebenso gut ein unsteter Reflex der Öllampen sein könnte.

    Meinesgleichen.

    Der Gedanke trifft Aneirin so unmittelbar, dass er nicht sagen kann, ob er selbst ihn geformt hat. Sein Magen zieht sich zusammen, sein Atem stockt, und etwas Kaltes schiebt sich unter der Hitze in seiner Brust empor.

    Im selben Augenblick flackert das Bild vor seinen Augen. Für die Dauer eines Herzschlags scheint Nialls menschliche Gestalt zu verrutschen, als würde ein plötzlicher Lichtschein etwas sichtbar machen, das sonst im Schatten verborgen liegt: tiefer liegende Augen, ein zu langer Kiefer, Zähne, die nicht in einen menschlichen Mund gehören, dunkles Fell zwischen den silbernen Spitzen des Halsbandes.

    Aneirin weiß nicht, ob die Pillen ihm erneut einen grausamen Streich spielen oder ob für diesen einen Herzschlag tatsächlich etwas durch Nialls menschliche Gestalt hindurchschimmert, das gewöhnlich verborgen bleibt.

    Dann ist das Bild fort. Niall sitzt unverändert vor ihm. Doch die Anspannung weicht nicht. Aneirins Schultern verhärten sich, seine Hände pressen sich fester um den Krug. Noch ehe er den Gedanken weiterverfolgen kann, greift er tief in seinem Inneren hastig nach der vertrauten Tür, bereit, sie zuzuschlagen und den Riegel vorzuschieben.

    Der Wolf regt sich gegen den Druck. Nicht mit jener blinden Gewalt, die Aneirin aus den Vollmondnächten kennt. Er wirft sich nicht gegen die Grenzen, die Aneirin ihm setzt, und versucht nicht, seinen Körper an sich zu reißen. Es ist kaum mehr als ein Widerstand, ein erneuter Pulsschlag tief unter seinem Brustbein, dort, wo kein zweites Herz liegen kann. Doch es genügt.

    Aneirins Atem wird flach. Seine Finger schmerzen von dem Druck, mit dem er sie zusammenpresst. Seine Augen huschen für einen Wimpernschlag zur Eingangstür. Am Rand seines Bewusstseins beginnt er bereits, die Entfernung zur Tür abzuschätzen, die Größe der Fenster, sollte er die Tür nicht rechtzeitig erreichen.


    Da kehren Nialls Worte zurück, so klar, als spräche er sie noch einmal über den Tisch hinweg: >Stoßt ihn nicht von Euch.<

    Aneirins vertrauter Widerstand gerät ins Stocken. Nialls Warnung steht gegen alles, was er in den vergangenen sieben Jahren getan hat.

    >Versucht nicht, ihn zu unterdrücken. Er wird sich nicht unterdrücken lassen.<

    Und dann jener Satz, der Aneirin nun beinahe schwerer trifft als alles andere: >Das habe ich gelernt.<

    Niall hat nicht behauptet, die Wahrheit über den Wolf zu kennen, weil er klüger ist als Aneirin. Er hat nicht gesprochen wie ein Priester, der eine Lehre verkündet, oder wie jemand, der eine bequeme Antwort für das Leid eines anderen bereithält. Er hat es gelernt. Vermutlich nicht ohne einen Preis.

    Der Druck, mit dem Aneirin den Wolf zurückzwingt, lässt nicht nach. Aber er verstärkt sich auch nicht weiter. Aneirin hält inne. Nur einen Herzschlag lang. Er kann die Tür nicht weiter öffnen. Nicht hier, inmitten all dieser Menschen. Vielleicht könnte er es nirgendwo. Noch nicht. Doch für diesen einen Augenblick lehnt er sich innerlich nur gegen das Holz, ohne es zuzuschlagen. Und wartet.

    Die Wärme bleibt unter seiner Haut. Das Blut rauscht weiterhin in seinen Ohren. Doch der Wolf stößt nicht vor. Er reißt nicht an Aneirins Körper. Er verlangt nicht nach Fleisch oder Gewalt, drängt nicht danach, die Kontrolle zu übernehmen. Er ist einfach da. Die Erkenntnis ist so fremd, dass Aneirin sie kaum festhalten kann.

    Vielleicht liegt es an Nialls Nähe. Vielleicht daran, dass der Wolf in seinem Inneren den anderen erkennt. Vielleicht ist dieser Augenblick gefährlicher, als Aneirin sich eingestehen will, und nur seine Hoffnung macht etwas Harmloses daraus. Doch für diesen einen Atemzug fühlt es sich nicht an, als stünde Aneirin einer Bestie gegenüber. Es fühlt sich an, als lausche etwas zurück. Seine Angst verschwindet nicht. Aber sie verliert für einen flüchtigen Moment ihre Gewissheit.

    Dann ist es Aneirin, der den Kontakt beendet. Er zieht sich zurück, behutsamer als sonst, aber dennoch entschieden. Die innere Tür schließt sich wieder, ohne dass er sie mit aller Kraft zuschlägt. Die Wärme sinkt tiefer. Das fremde Pochen unter seinem Brustbein verblasst, und die wache Gegenwart zieht sich allmählich dorthin zurück, wo Aneirin sie nicht mehr unmittelbar erreichen kann.

    Seine Sinne stumpfen ab, einer nach dem anderen. Das Schaben eines Löffels. Das Atmen hinter ihm.

    Das Flackern der Lampe. Alles verliert seine scharfen Ränder und schlägt im nächsten Augenblick über ihm zusammen wie eine Welle. Gelächter vermischt sich mit klirrendem Geschirr, dem Rufen einer Magd und dem dumpfen Poltern eines Kruges, der viel zu hart auf einen Tisch gesetzt wird. Der Geruch von Bier, Rauch, Schweiß und Essen liegt wieder schwer und ungeordnet in der Luft, eine warme, stickige Masse, die Aneirin plötzlich beinahe den Atem nimmt.

    Er blinzelt und atmet tief durch die Nase ein. Seine Finger lösen sich nur langsam vom Krug. Rötliche Abdrücke zeichnen sich auf seinen Fingerkuppen ab, die sich gegen den kühlen Ton gepresst haben. Einen Moment lang betrachtet er seine Hände, als müsse er sich vergewissern, dass sie noch immer ihm gehören.

    Sein Herz schlägt noch etwas zu schnell, doch er sitzt weiterhin auf seinem Stuhl. Seine Hände sind menschlich. Seine Zähne liegen unverändert hinter geschlossenen Lippen. Sein Blick zieht flüchtig durch den Schrankraum. Niemand schreit. Niemand flieht. Ringsum kümmert sich noch immer niemand darum, was an ihrem Tisch geschehen ist. Nichts ist passiert. Und doch stimmt das nicht ganz.


    Aneirins Blick wandert zurück zu dem Krug vor ihm, und für einen kurzen Moment bedauert er die Leere darin. Er hebt ihn an das verletzte Auge und drückt ihn vorsichtig gegen die pochende Haut. Doch die erhoffte Kühle bleibt aus. Der Krug ist längst von seinen Händen erwärmt, nachdem er ihn die ganze Zeit über festgehalten hat. Ein kaum hörbares Seufzen verlässt seine Lippen, ehe er ihn wieder auf den Tisch stellt und den Blick zu Niall hebt.

    Sein Gegenüber hatte ihn nicht aufgefordert, etwas zu beweisen. Er hatte ihm keine Sicherheit versprochen und ihm auch nicht versichert, dass nichts geschehen könne. Doch Aneirin hatte ihm für den Augenblick genug vertraut, um seine Worte nicht nur anzuhören, sondern sie ernst zu nehmen. Das Ergebnis sitzt noch immer wie ein zweiter Herzschlag tief in seiner Brust.

    Er öffnet den Mund, doch zunächst kommt kein Laut. Aneirin räuspert sich leise, mehr um seine Stimme wiederzufinden als wegen der Trockenheit in seiner Kehle, und fährt mit dem Daumen über die Abdrücke auf seinen Fingerkuppen.

    „Ich weiß nicht, ob das Kontrolle ist“, sagt er schließlich. Seine Stimme klingt ruhiger, als er sich fühlt. Nur eine leichte Rauheit verrät, dass etwas geschehen ist, das sich nicht vollständig verbergen lässt. Sein Blick sinkt noch einmal kurz zu dem Halsband und kehrt dann zu Niall zurück. „Vielleicht habe ich ihn bisher einfach nur zum Schweigen gebracht.“

    Die Worte verlassen ihn beinahe widerwillig. Nicht, weil er sie für falsch hält, sondern weil sie zu wahr sein könnten. Weil ihre Wahrheit bedeuten würde, dass sieben Jahre der vermeintlichen Beherrschung vielleicht nichts weiter waren als sieben Jahre, in denen Aneirin sich geweigert hat zuzuhören.


    Er atmet langsam aus. „Ihr sagt, Ihr habt Euch selbst und den Wolf unter Kontrolle.“ Ein kaum merkliches Zögern liegt in Aneirins Stimme. „Aber den Schlüssel zu diesem Halsband trägt jemand anderes.“

    Es klingt nicht wie ein Vorwurf. Auch nicht wie Mitleid. Aneirin spricht die Worte lediglich aus, als lege er etwas zwischen ihnen auf den Tisch, das Niall zuvor selbst sichtbar gemacht hat.

    Aneirin weiß, dass es wieder eine jener unbequemen Fragen ist, von denen Niall gesagt hat, dass man sie lieber nicht beantwortet. Vielleicht sollte er sie deshalb unausgesprochen lassen. Doch der Widerspruch lässt sich nicht mehr übersehen, nun, da Niall ihn selbst benannt hat. Aneirin weiß nicht, ob das Halsband der Preis für den Wolf ist oder nur das sichtbare Zeichen einer Unfreiheit, die schon vorher bestanden hat.

    „War das Eure Entscheidung?“

    Er rechnet beinahe damit, dass Niall lacht. Dass das schiefe Lächeln zurückkehrt und er die Frage mit einem Scherz beiseiteschiebt oder ihr gerade weit genug ausweicht, um nichts preisgeben zu müssen. Aneirin setzt deshalb nicht sofort nach. Er lässt ihm den Raum, es dabei zu belassen.

    Erst nach einem Moment fügt er leiser hinzu: „Oder ist es etwas, mit dem Ihr gelernt habt zu leben?“

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