Emmets Haus

  • Emmets Haus:


    Am westlichen Rand der Gärten des Mogbarviertels erhebt sich ein Haus, welches man so vielleicht weit draußen auf dem Land, idealerweise am Ufer eines schilfbestandenen großen Sees, nicht aber inmitten einer brodelnden Stadt, wie Talyra erwarten würde. Aus Natur- und Bruchstein erbaut und außen wie innen mit weißem Kalk verputzt, sowie mit einem dicken Reetdach gedeckt, erweckt das zweigeschossige Haus mit seinen ausnahmslos runden Fenstern einen beinahe vollkommen idyllischen Eindruck, aus dem tagein, tagaus fröhliches Lachen von Kindern, wie Alten schalt und nicht selten finden sich zwei verliebte Bewohner des Hauses etwa bei der Regentonne in trauter Eintracht. Nur beinahe vollkommen idyllisch, ist das Haus vor allem Anderen deshalb, weil schräg, dem abstehenden Daumen einer flach auf ebenem Untergrund liegenden Hand vergleichbar, ein neuerer Anbau aus dem älteren Gebäudeteil heraus ragt Ein Anbau, dessen schindelgedecktes Dach den speziellen Anforderungen an diesen Gebäudeteil zwar vollkommen zugute kommt, den Gesamteindruck aber ein wenig… nun ja, schmälert. Der Erbauer dieses Teils des Hauses nämlich ist der alte Mogbar Jarl Emmet, seines Zeichens Apotheker. Tatsächlich sind fast alle Mitglieder dieses Hauses dem Heilerberuf in der einen oder anderen Art zugetan. Jarls Frau Arja etwa, ist eine hochangesehene Hebamme und von ihren vielen Kinder sind nicht wenige bei ihren Eltern in die Ausbildung gegangen, oder haben bereits ausgelernt und eigene Wege gar beschritten. So etwa Lira Emmet, die älteste Tochter Jarls und Arjas, die unter den Mogbar dieser Stadt als herausragende Naturheilerin gilt und die Herrschaft über den, dem Haus zugehörigen, Garten mit all den darin befindlichen Arzeneymittelpflanzen ausübt, oder auch Ogen Emmet, der als Drittgeborener auf einem guten Weg ist, sich als Geistheiler über die Grenzen der Familie hinaus einen Namen zu machen. Doch Jarl ist seines Zeichens nun einmal ein Apotheker und ein guter wohl. Doch auch dem fähigsten Heilkundigen mag sein Laboratorium einmal um die Ohren fliegen und auch die nachsichtigste aller Mütter, Hebamme ihres Zeichens, und liebevollste aller Ehefrauen Rohas, könnte dann schon einmal fordern, dass in einem Haus voller Kinder und Alter auch… die wirklich gefährlichen Sachen eher nichts doch verloren haben!


    Also, um wieder auf diesen winzig kleinen Kratzer am ansonsten so vollkommen wohl gewesen währenden Idyll zurückzukommen, entstand darum schließlich »der Anbau«!


    Der Anbau:


    Während nun also im allgemein zugänglichen Teil des Hauses stets das Leben tobt, herrscht im Anbau, in dessen Erdgeschoss die Apothekenräume, in dessen Keller das Laboratorium und in dessen Obergeschoss das Arzeneymittellager der Emmets sich findet, des Tags meist geschäftige Ruhe (wenn nicht doch mal eines oder mehrere der Kinder sich hereinzuschleichen vermögen) und des Nacht aber beinahe schon vollkommene Stille. Selbst die anderen, verborgen in diesem Hause lebenden, Fírbergan finden wenig Gefallen an diesem eher funktionalen, explosions- wie brandsicher errichtetem Gebäudeteil, sodass sich von diesen niemand daran störte, als der damals noch in der Ausbildung sich befindende Erle dort niederließ und für die kleinen Leute das wurde, was die Emmets für die Mogbargemeinde und die anderen Großen waren: Die erste Anlaufstelle bei allen größeren oder kleineren Wehwehchen. Dass Erle ab dessen, die meiste Zeit zurückgezogen auf dem Dachboden über dem Arzeneymittellager lebte, wohl tauschte was er brauchte, aber ansonsten eher für sich blieb – es mochte die anderen Fírbergan erstaunen, ja verwundern gar. Doch insgeheim waren sie es ganz froh so, hatte er doch nie den Hauch derer abgelegt, die im nahen Sitechtempell lebten, einen Hauch den selbst die dortigen Fírbergan nicht verbergen konnten und Erle… Nun ja – Erle: Auf eine nicht wirklich bedrohliche, wohl aber bisweilen beunruhigende Art und Weise, schien er wie ein von Sarurnir Berührter – wenngleich ihm wohlgesonnenere Stimmen eher eine Nähe zu Sheilair, dem Träumer doch beschieden. Fest stand auf jeden Fall, dass er… seltsam war und dass man ihn darum besser in Frieden ließ, wenn man denn nichts von ihm wollte und ihn aber aufsuchte, wenn es angeraten denn war. Schließlich hielt er es, also Erle jetzt, genauso doch mit den Anderen auch. So war der Anbau, soweit es die Fírbergan betraf, sein Reich drum, wie es Jarls Refugium etwa war, wenn man die Langbeine denn dazu befragt hätte.

    Kindness is like snow. It beautifies everything it covers.” (Kahlil Gibran)

    4 Mal editiert, zuletzt von Erle ()

  • Erle rennt, wie noch nie zuvor in seinem Leben, als er einen Schrei von voraus hört! „Ducken!“ Erle wirft sich aus vollem Laufe mit einem kühnen Sprung zu Boden, rollt nach rechts ab, springt wieder auf und hetzt weiter. Das Fauchen der Luft an seinem linken Ohr kündet von der krallenbewehrten Pranke, die keine Handbreit über seinen Kopf hinweg rauscht und – sollte er das hier denn überleben – er wird Stein und Bein schwören, dass die rasiermesserscharfen Krallen Funken dabei schlugen, als sie genau dort über den Boden fuhren, wo er ohne die Warnung in letzter Sekunde jetzt wohl gestanden hätte! Soris sei dank, hatte er den Faden noch nicht wieder eingeholt, mit dem er vorhin die Arzeneymittelreste vorsichtig vom Labortisch des Langbeins Jarl herabgelassen hatte, die seinen Vorrat für die nächsten Wochen auffrischen würden. In großem Bogen hetzt er, das rachsüchtige Katzenviech direkt in seinem Nacken, auf den Faden zu. Ihr Götter, macht, dass der Glaskolben nicht zu voll ist, oder ich bin des Todes! Ein weiterer Spurt, der Griff um den, ihm als Seil gedient habenden Bindfaden, das Fauchen Tigers in seinem Rücken, dann zieht ihm der Schwung auch schon den Boden unter seinen Beinen fort. Lasst den Kolben leicht genug sein, Ihr Götter, lasst... Der Schwung zieh ihn zur Seite und um das Tischbein herum. Einem gewaltigen Schatten gleich jagt Tiger links an ihm vorbei – ohne einen seinen Schwung umlenkenden Halt durch ein Seil – der geraden Richtung seiner Flugbahn folgen müssend. Dann der Ruck, als der Faden sich um das Tischbein zu wickeln beginnt, darauf das plötzliche Absacken, welches seinen Steiß eine schmerzliche Begegnung mit einer der Bodenfliesen machen lässt. Das Nachgeben des Seiles kann nur eines heißen und Triumph breitet sich in ihm aus. „Liiiiinks!“ Deins oder meins, verdammt noch mal! Doch es bleibt keine Zeit, groß nachzufragen. Piff ist eher simpel gestrickt, also wohl sein Links. Auf die Füße also und, noch aus der Hocke heraus mit aller ihm verbliebenen Kraft nach rechts gehechtet! Das Klirren des mindestens dreimal größeren Glaskolbens verrät, das es heute noch nicht an ihm ist, Kyron seine Bezahlung für die Überfahrt zu überreichen.


    Dafür Piff, schulde ich dir was! „Nicht schon wieder, du Bastard, dafür töte ich dich!“ der wütende Schrei des sich halb herumgeworfenen habenden Tigers, mischt sich unter das Klirren des Kolbens. „Renn!“ Diesen Ruf Piffs indes hätte es nicht gebraucht. Den Faden nicht loslassend, stürmt Erle dem Rufer entgegen, geblendet ob des in alle Richtungen spritzenden Alkohols aus dem Kolben. Das Einzig gute an letztgenanntem Unglück: Tiger scheint es offensichtlich nicht viel anders zu ergehen. Denn warum sonst sollte er, dem Gehörten nach in vollem Lauf gegen den Arbeitsschemel Jarls springen, diesen polternd umzuwerfen? „Ich töte dich, ich mach dich alle! Ich zerreiß dich in Fetzen und piss auf deine Überreste, du Bastard!“ Ja, Tiger war schon immer von der eher primitiven Sorte und außerdem: War das nicht eh von Anfang an sein Plan gewesen? „Hierher, schneller – laaaauuuuuuuf!“ Doch wie sollte er noch schneller laufen, die Lungen leergepumpt, die Augen wie vor Feuer brennend und der Geist von den Dämpfen um ihn her zusätzlich mit jedem Atemzug mehr und mehr vernebelt. „Iiiiiiau verdammt! Au, au, ahhhhhhhhhh!“ Der Aufschrei Tigers, der dem, dem Gejaule vorangegangen seiendem leisen Knirschen nach zu urteilen, eine der versprengten Glasscherben mit einer seiner Pfoten getroffen zu haben schien, befeuert letzte Reserven, von denen Erle nicht geglaubt hätte, sie noch zu haben. „Spriiiiing!“ Erle wirft sich direkt auf die Quelle des Rufes zu, prallt gegen einen weichen felligen Leib, dann ein Ruck an seiner linken Hand! Verdammt, das Seil! Erle öffnet die zur Faust geschlossene Linke, doch nicht rechtzeitig genug, eine blutig rote Strieme in der Handfläche zu verhindern, als Tiger, das andere Ende des Fadens mit einer Kralle erwischt habend, ruckartig daran zerrt. Piff zieht ihn weiter ins Dunkel, ehe Augenblicke später die Pranke Tigers – zu weit hinter ihnen – durch die Luft und auf den Boden hernieder fährt, unwillig zu akzeptieren, das er verloren hatte – schon wieder! Erle stößt die kleine Rötelmaus grob von sich, streift den Rucksack von seinem Rücken und tastet, noch immer blind, nach der Feldflasche an deren Seite, sich den kompletten Inhalt ins Gesicht und über die weit geöffneten Augen zu schütten und mit einem wohligen Seufzen zu Boden und in die weiche Umarmung einer Ohnmacht zu gleiten.


    „Wirklich Tiger, schon wieder?“ Ich dachte, das letzten Mal draußen im Regen hätte dir gereicht?“ „Das war ich nicht, ehrlich! Das war dieser kleine Happen, der sich einfach nicht von mir fressen lassen will! Ihr habt mich doch nur angeschafft, damit ich euch von dieser vermaledeiten Plage befreie, also!“ „Nun hör auf zu fauchen du dummes Katzenviech! Du weißt genau, dass du im Anbau – und ganz besonders im Labor nichts verloren hast. Also“, das Knirschen eines Fensters überlagert das Gekreische Tigers, von wegen „Das war ich nicht, das war ich nicht! Das war der Happen, das war der Happen!“ „wer nicht hören will…“ Dafür töte ich dich, Happen, hast du gehört? Ich töte di- ah Wasser, ich hasse Wasser! Wieso immer, wenn es regnet! Ich bring dich um, Happen, ich mach dich alle, ich mach dich kalt und…“ Der Rest der Tiraden, die Erle wieder zurück in die Wachheit begleiten, erstirbt, als sich das Fenster im Stockwerk über ihnen mit einem Rums schließt und nurmehr das Trommeln des Regens an die Fenster leise bis zu Erle und Piff herunter dringt. „Was ein Glück, Tiger, das die Langbeine dich nicht verstehen können, meinst du nicht auch?“ Ein belustigtes Schnauben lässt Erle erkennen, das er nicht alleine ist. Vorsichtig öffnet er die Augen und erhebt sich aus dem Nest aus alten Mullbindenresten, in welches Piff ihn offensichtlich während seiner Ohnmacht gezerrt hatte. Noch immer umfängt ihn eine Wolke aus Alkoholdämpfen – die ihn, neben seiner Verausgabung, wohl kurzzeitig hatten wegtreten lassen. „Dafür schulde ich dir was, Piff – wirklich!“ „Iwo! Hast mir das Leben gerettet, als ich keine Luft mehr kriegte. Sind quitt!“ Erle kann kaum aufrecht stehen, so benebelt fühlt er sich noch. „Kein Käse?“ fragt er und sieht, auch wenn seine Augen noch immer wie Feuer brennen, Piffs Augen sich weiten. „Käse? Guter Käse? Alt und stinkend?“ „Käse ist das Mindeste!“ murmelt Erle, als er sich torkelnd zum Mäuseloch in der Wand zum Labor bewegt. „Aber jetzt muss ich erstma’ heim, mein Rausch ausschlafn. Macht echt mehr Spaß, wenn man’s trinkt, statts einzuatmn.“ „Aber nicht vergessen, hm? Alten Käse, hm?“ Erle winkt verstehend und macht sich dann wieder auf den Weg, die Treppe rauf.


    Verdammt, warummussichauchdirektuntermdachwohn?Wird nochn verdam- oh…! Mucksmäuschenstill verharrt er, als der alte Apotheker, auf das räudige Katzenviech fluchend, mit Feger und Kehrblech bewehrt, die Überreste des Glaskolbens, wie dessen Inhalt zu beseitigen, die Treppe zum Labor hinunter steigt. Dann, die letzten Stufen hochgesprungen, den Packen mit der Medizin aus der Ecke des Verkaufsraums wieder aufgeklaubt, wo er ihn vor Schreck hatte fallen lassen, als er Tigers Eindringen das erste Mal bemerkt hatte und weiter bis zum Dachboden über dem Lager der Apotheke. Wirklich, ichsollteinserdgeschosszielen, äh – ziehen. Dieser Aufstieg ist ja die reinste Höhl- äh neh, Hölle! Die Mauer zum obersten Fenstersims der Stirnseite des Anbaus noch hoch, eigentlich ein Selbstgänger, braucht heute indes zwei Anläufe. „Na klasse, jetzt also auch noch blaue Flecken zum morgigen Kater!“ „Soll ich dich vielleicht erlösen, Kleiner?“, shuht es spöttisch aus dem Dunkel direkt unter dem Dachfirst zu ihm herab. „Ein Bissen und aus ist’s mit dir und du wirst auch fast nichts spüren, versprochen!“ „Shuhu dich selber, Ora!“ Erle blickt nicht einmal zu der Eule auf, wissend, das sie – anders als der verfluchte im Regen draußen heulende Kater – keinen Streit mit ihm hat und die Fírbergan gemeinhin in Ruhe auch lässt, bringen die doch weit mehr Ärger mit sich, als Fleisch in die Suppe, wie seine Ma’ stets zu sagen pflegt. Also anders – weiser, als der nimmersatte dumme Hauskater, der das nun, ein weiteres Mal, auf die harte Tour wohl zu lernen hat. Durch das Astloch in sein geheimes Sanktuarium unter dem Festerbrett kletternd und das Loch mit dem daraus heraus gesägten Aststück wieder verschließend, schafft es Erle gerade noch sich zu entkleiden, ehe er in das gemachte Bett fällt und die Decke sich über den Kopf zieht, um beinahe augenblicklich in einen unruhigen Schlummer voller Träume von ihn jagenden Katzen zu fallen, ehe Sheilair endlich ein Einsehen mit ihm hat und Erle zu Beginn der Stunde der Gefangenen in einen tiefen, ruhigen, und damit auch erholsamen Schlummer doch noch fallen lässt.

    Kindness is like snow. It beautifies everything it covers.” (Kahlil Gibran)

    26 Mal editiert, zuletzt von Erle ()

  • „Wir müssen das einfach! Wir…“ Nein, nein und nein! Erinnerst du dich nicht, wie er beim letzten Mal ausges…“ „Aber… Be’Dunja ge… mmer schlechter! Wenn wir nicht… dann… sie…“ „Ja und wenn er plötzlich umfällt und… ihm endgültig zu viel… wen… du dann…“ Leise und kaum vernehmlich dringen die Satzfragmente der zwei, offenbar nahe des oberen Einstiegslochs streitenden Fírbergan, bis zu Erles Schlafplatz hinunter, der sich in einem ersten Impuls sein Kissen über den Kopf ziehen will um dann aber doch nur leise in dieses hinein zu seufzen und sich in der Dunkelheit flink zu waschen und anzukleiden, derweil die beiden Streithähne auf der Fensterbank über ihm weiter miteinander zanken. Seit Stunden schon schlaflos in den Federn liegend, kann er schließlich auch genauso gut einfach aufstehen. Fjorrill und Bersa, wenn er die Stimmen richtig erkannt hat, sind schließlich sicher nicht vollkommen grundlos in seinen Teil des Hauses gekommen und da die Atemnot Be’Dunjas auch nach der eigentlichen Erkrankungsphase geblieben war… ‘Kommt sofort zu mir, wenn es ihr schlechter geht’, hatte er bei seinem letzten Krankenbesuch verlangt, wissend, das Esra Gal die alte Heilerin ihr Bestes geben würde und man ihn nur rufen würde, wenn einzig ein Aniran noch etwas retten konnte – oder ihr das Sterben wenigstens doch etwas leichter machen mochte. Aus den Satzfragmenten schließt Erle schnell, dass es wohl nun an dem Einen oder dem Anderen wohl ist. Den Gürtel festziehend, wie den Rucksack von dort aufklaubend, wo er ihn in der vergangene Nacht hatte fallen lassen, klettert Erle müde die Strickleiter nach oben und schiebt die – ebenfalls als Astloch getarnte Deckenluke auf. „Und ICH sage di-, DA, DA SIEHST DU WAS DU – oh, entschuldige Erle – was du angerichtet hast, Bersa!“ Ob der erhobenen Stimme und seines formidablen Katers, dank der gestrigen Benebelung durch den umgeworfenen Glaskolben, hatte Erle nicht anders gekonnt, als sich mit schmerzverzerrter Mine die Ohren zuzuhalten. „Im Haus oder draußen?“, fragt er so leise, das die beiden Streitenden ihn gerade noch vernehmen können. „Dunja, ihr geht’s wieder schlechter. Aber das kann war-“ Erle macht eine wegwerfende Geste und ignoriert die weiteren Worte Fjorills, der es offensichtlich nur gut mit dem Aniran meint, dessen Augen von der Berührung mit dem Alkohol gestern noch dermaßen rot, geschwollen und empfindlich aussehen, als pfiffe Erle selbst schon auf dem letzten Loch. „Lass uns gehen.“ Bersa, nicht minder erschrocken auf Erles Erscheinen reagierend, denn Fjorill, gibt sich indes gefasster, als ihr Bruder, der – wie sie – wie eine Miniaturversion der in diesem Haushalt lebenden Mogbar ausschaut. Erle wissend, das man nicht nach ihm geschickt hätte, wenn es nicht ernst wäre, vergeudet keine weitere Zeit, ignoriert die Ratte mit dem Sattel, die man offenkundig für ihn mitgebracht hatte und springt so behende vom Mauervorsprung zu Mauervorsprung, bis zum Boden hinab, dass wohl selbst ein altersgrauer Buketin anerkennend darob sein Haupt schief gelegt hätte. „Ich reite keine gebrochenen Seelen, das wisst ihr genau – nicht für ungut, Wiskers!“ kommt er dem Einwand der Zwillinge zuvor. Ja, von Zeit zu Zeit sieht man auch ihn auf einem Tier reiten, doch sind dies immer frei lebende Geschöpfe, die ihn aus Gefälligkeit, Eigeninteresse oder aber auch einer alten Schuld wegen auf ihren Rücken tragen. Jene Geschöpfe, die die anderen Fírbergan zu Reittieren sich gemacht und – wie auch immer sie es selbst nennen mochten – auf die eine oder andere Weise dabei gebrochen hatten… Erle begegnet ihnen mit dem gleichen Respekt wie allen anderen auch, steigt aber nie auf deren Rücken, wenn er nicht der festen Überzeugung ist, dass sie selbst es so wollen und Wiskers hatte diesen Eindruck offenbar nicht in ihm geweckt. Schnell holen die Anderen, Wiskers sattellos neben ihnen her trabend, Erle ein, noch ehe er den kleinen Mauerspalt direkt neben die Treppe erreicht hat. Erle ist deutlich langsamer als die Anderen, obgleich er merklich Tempo zu machen versucht, während es durch die Zwischenböden unter der Decke, über altersdunkle Balken und an einer Stelle gar über eine Brücke aus Spinnenfäden geht. Das einer der Fírbergan es tatsächlich geschafft hat, eine große Radnetzspinne… aber er darf sich jetzt nicht ablenken lassen!


    Die verlockenden Düfte aus der Mogbar-Küche unter Ihnen schließlich verraten, das sie beinahe am Ziel sind. Denn die Fírbergan-Behausung direkt unter dem Dach, sowie im Mauergefüge mittig über dem Kamin der unter ihnen befindlichen Langbein-Küche , ist ein stets warmer und zugleich doch auch luftiger und ausgesprochen anheimelnd eingerichteter Ort in den, früher oder später, alle schwerkranken oder alten Fírbergan dieses Hauses einkehren, wenn sie das Nahen Kyroms in ihren Knochen spüren. Die alte Heilerin, Esra Gal zuckt, wie auch die Zwillinge vor ihr, ob des beängstigenden Bildes zurück, welches Erle in seiner momentanen Verfasstheit abgibt, fängt sich dann aber rasch wieder. „Es geht zu Ende fürchte ich!“ Also keine letzte Rettungsaktion. Erles Mimik ist unbewegt, als er auf das bläulich verfärbte Gesicht der Sterbenden hernieder schaut. Er hat zu viele Tode in den letzten Monden erlebt, hier noch erwartbar emotional zu reagieren. Die angehörigen der alten Frau, ihre vielen Söhne, Töchter Enkel- und Urenkelkinder betrachten ihn hoffnungsvoll und die Sterbende indes voller Sorgen. Die junge Mika trägt gar, die Augen voller Tränen stolz die gestern geborene Ururenkelin Be’Dunjas an ihrer Brust. „Be’Dunja“ schluchzt sie, „Darf ich dir meine Tochter vorstellen Eba’Dunja haben wir sie – nach dir – benannt! Die Augen der Alten klären sich als Erle neben ihr niederkniet und ein leises Gebet an Anira und Nurm richtet, die Kraft ersterer in den Leib der Alten dabei leitend, dass ihr der letzte Gang nicht allzu schwer fallen möge. Und tatsächlich kehrt eine letzte Frische in ihre Züge zurück und vertreibt den zuvor darüber gelegen habenden dunklen Schatten. Danke! lächeln ihr Augen stumm an Erle gewandt, indes so tränenlos wie auch er! Sie wissen beide das dies nur das »wie« ihres Sterbens beeinflusst, nicht aber das »wann«. Und wo Erle schlicht unfähig ist, sich von der Trauer der anderen mittragen zu lassen, hat die alte Be’Dunja einfach schon all ihre Tränen vergossen und außerdem auch ein solch stolzes Alter inzwischen doch erreicht, da viele Kyroms Kommen nicht länger fürchten, sondern in freudiger Erwartung vielmehr sind, selbst nun endlich vor Sithech auch zu treten und – so die Zwölf es denn erlauben – all jene wiedertreffen zu dürfen, die vor ihnen schon die purpurnen Flüsse überquert hatten. „Es – freut mich – dich noch kennen-… lernen zu dürfen, kleine Eba’Dunja! Mö-… möge das Licht Shenrahs immer – über dir – leuch…“ Be’Dunjas Augen fallen schließlich zu und ein plötzliches tiefes Luftholen aus aberdutzenden Kehlen erschallt, während, von vielfachem Schluchzen begleitet, neue Tränen fließen. „Sie schläft nur.“ erklärt da die ruhige Stimme Erles und ein erleichtertes Seufzen weht darauf durch den Raum. „Aber ihr habt mich keinen Augenblick zu früh gerufen.“ Sonst hätte sie vermutlich nicht einmal mehr diese Worte noch von sich geben können. Erst drei Stunden später, in denen die alte Be’Dunja viel und tief, aber ruhig, schläft und sich in den ihr verbleibenden wachen Momenten von allen Angehörigen und Freunden noch zu verabschieden vermag, schließt sie schließlich endgültig ihre Augen. Das hoffentlich letzte – indirekte – Opfer der Roten Seuche, welches sie zu geschwächt zum Weiterleben zurückgelassen hatte. Als die Verwandten sich schließlich weinend in die Arme fallen und auch den Aniran in diesen Trost spendenden Reigen einzubeziehen versuchen, schlägt der indes regelrecht harsch die ihm in Trauer, wie Dankbarkeit entgegengestreckten Arme beiseite. „Er hat viel gegeben, beinahe zu viel. Er braucht Ruhe – jetzt!“, mischt sich da die gestrenge Stimme der, ihn die vergangenen Stunden mit kräftigenden Tees mitversorgt habende Esra Gal ein, ehe die Verstörung der Hinterbliebenen, ob seines Verhaltens, noch in echten Ärger umschlägt und tatsächlich umweht ihn dann ein vielfaches „Ja natürlich, ruh' dich aus, wir können dir auch noch später in Ruhe dafür danken, dass, dass du…“ Erle hört nicht weiter hin und stützt sich vielmehr dankbar auf die Schultern der alten Heilerin.


    „Jungelchen“, tadelt indes auch diese ihn leise, während sie ihn über einen Dachbalken in die – zumindest in Fírbergan Maßstäben gerechnet – große Halle über der Mogbarspeisekammer führt. „An deinem Umgang mit Angehörigen musst du wirklich noch arbeiten.“ Auch ihre Augen funkeln zornig, ob seines harschen Verhaltens, denn auch sie hatte ihm danken wollen, dass er ihrer alten Freundin aus Kindheitstagen, das Sterben so leicht gemacht hatte. Doch kennt sie seine diesbezügliche Schwäche bereits zu gut – das Leid derer um ihn herum scheint ihn niemals auch nur im Mindesten zu berühren, obgleich er zugleich doch alles gibt, dieses zu lindern. Und zum Anderen ist die alte Esra selbst zu sehr Heilerin, einem Patienten anders als mit professioneller Gelassenheit zu begegnen und ein Patient ist er nun, das wissen sie beide. „Wenn du so weitermachst, erlischt der Funke noch in dir, Junge! Hat man dir im Faêyris-Tempel denn gar nichts beigebracht, du Hohlkopf?“ schimpft sie mit ihm und hatte ihn doch zuvor nicht aufgehalten. Freundinnen seit Kindheitstagen. Erle ist, als wenn sie diesen seinen Gedanken ihm von der Stirn abliest, denn augenblicklich senkt sie die Augen, setzt ihn an den der Größe der Halle angemessenen, sprich 5*5 Sekhel großen offenen Kamin. Sein „Ich kann auch genauso gut zuhau-“ wischt sie mit einem unwirschen „Sprich keinen Unsinn!“ beiseite und Erle schweigt daraufhin tatsächlich, wissend das er in der Tat fast zu viel gegeben hatte, sich – insbesondere anbetrachts der vergangenen Jahre im Schatten der Roten Seuche, die ihn über lange Wegstrecken den Sterbenden näher gebracht hatte, als den Lebenden– in unverantwortlicher Weise verausgabt hatte. „Du musst wirklich lernen deine Kräfte einzuschätzen und…“ Hier schießen der alten Esra dann doch wieder die Tränen in die Augen und einen Moment lang fürchtet Erle, das nun auch sie ihm weinend um die Schultern zu fallen beabsichtigt. Doch mit einem Ruck wendet sich die Alte ab und dem Kamin wieder zu, wo sie ihm einen Becher heiße Milch mit Honig und eine Reihe von Kräutern zur Stärkung bereitet, diese beim Hinzufügen laut benennend, dass er – wenn auch noch grün hinter den Ohren – als Kollege ihr fallweise widersprechen kann, doch als sie sich schließlich umdreht ihm den Becher in die Hand zu drücken, findet sie ihn im weichen Ledersofa zusammengesunken schlummernd vor. „Und ich hab mich schon gewundert, warum du mir bei meinem Rezept nicht dazwischen faselst.“ Dankbar drückt sie dem ja nun Wehrlosen einen fetten Kuss auf die Stirn „Mögen Sheilair und Anira schützen über deinen Schlaf wachen und Larnis dir deine Güte entlohnen. Nun, alleine mit dem Schlafendem, dem sie eine wärmende Decke von über dem Kaminsims überwirft, lässt auch sie ihren Tränen schließlich unbekümmert ihren Lauf. „Be’Dunja, warum lässt du mich allein? Wer bleibt denn von uns Alten noch, nun da auch du von mir gerissen wurdest?!“ Dass später in der Nacht, die Angehörigen der Verstorbenen feiern ein gleichermaßen von Traurigkeit wie aber auch freudigen Erinnerungen erfülltes Totenfest, nur durch einen, in den ersten Stunden eisern von der alten Heilerin verteidigten, Paravent vom Kamin nebst Erle getrennt, dieser erwacht und die auf einer Faltpritsche neben ihm schlafenden Esra erblickt, schmunzelnd seinerseits eine der Decken vom Kaminsims greift, sie ihr überzuwerfen, dabei die auf dem Kaminsims stehende, noch immer warme Milch entdeckt, die dicke Hautschicht darauf mit dem Finger wieder einrührt und den Becher langsam austrinkt, Esra bekommt es in ihrem gleichfalls der Erschöpfung geschuldeten Schlaf nicht mit und als sie endlich erwacht liegt Erle wider, tief schlummernd, in einem ihm seine Kräfte, so die Götter gnädig sind, zurückgeben mögenden erneuten Schlummer. Und doch müssen noch drei weitere geschlagene Tage ins Land ziehen, in denen Erle nicht mehr zu heben erlaubt ist, als eine Tasse mit weiteren ihn stärken sollenden Getränken und Mahlzeiten, er nicht weiter gehen darf als zwischen seiner Liegestatt am Kamin im großen Saal, dem Zuber in der daneben gelegenen Waschkammer oder dem Abort direkt gegenüber, ehe die alte Esra – noch immer höchst widerstrebend – ihn schließlich doch noch gehen lässt. Am vierten Tag also erst ist die alte Esra Gal gewillt ihn wieder in seinen Teil des Hauses zu entlassen, jedoch erst nachdem er – gezwungenermaßen – die unzähligen zwischenzeitlichen Dankesbekundungen all der Hinterbliebenen der nun toten Be’Dunja hat über sich ergehen lassen müssen – zähneknirschend aber tapfer dabei lächelnd, wie er es in unzähligen Stunden vor einem Spiegel bereits, für genau solche Ereignisse, oft geprobt hatte.

    Kindness is like snow. It beautifies everything it covers.” (Kahlil Gibran)

    13 Mal editiert, zuletzt von Erle ()

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registrieren Sie sich kostenlos und nehmen Sie an unserer Community teil!