Der Sithechhain

    • Offizieller Beitrag

    Im Süden der Stadt, zwischen dem Mogbarviertel im Westen, dem Handwerkerviertel im Norden, dem Fliegengrund im Westen und der südlichen Stadtmauer liegen die Begräbnisstätten Talyras, der Sithechhain.

    Hier befinden sich inmitten eines weitläufigen Parks aus Nurmweiden, hoch aufragenden Eiben und dunklen Zypressen, die Begräbnisstätten Talyras. Das ausgedehnte Gelände ist bedeckt von kurzem, weichem Silbergras und die alten Bäume spenden tröstliche Schatten. Zwischen ihren mächtigen Wurzeln liegen einfache Gräber und uralte Grüfte aus Marmor und Granit, manche klein und unscheinbar, andere groß wie Schreine, verziert mit wundervollen Fresken und Ornamenten.


    Viele sind leer und alt, überwuchert von Moosen und Flechten, ihre Inschriften verwaschen und unleserlich geworden - andere noch immer von den ansässigen Familien in Gebrauch. Totenlichter brennen in durchbrochenen Bronzelaternen und werfen ihren matten Schein über Steinfiguren - über marmorne Seharim, die ihre Flügel über Grabplatten und Wege breiten, über Heilige vergangener Jahrhunderte, aber auch über Drachen, Phönixe, Einhörner und Harpyien, die so manches uralte Grab schmücken, von Efeu überrankt und von zartem Graumoos bedeckt.


    Auf und um viele Gräber wachsen Môrninaes in dichten Kissen, kleine Blumen mit zarten, silbergrünen Blättern. Nur auf Gräbern gedeihen diese 'Totenblumen', wie das gemeine Volk sie nennt, die im Sommer in allen Nuancen von zartem Purpur bis zu tiefem Violett blühen und süßen, betörend starken Duft verströmen. Aber auch Kletterrosen und goldweiße Waldreben ranken sich um die Sockel der Statuen und Grabsäulen, erobern sich leere Sarkophage und das Mauerwerk so manchen Mausoleums.


    Der Sithechhain ist ein Ort der Trauer, aber auch ein Platz der Ruhe und Besinnung, wo die Stadt mit ihrem lauten, geschäftigen Treiben, den vielen Gassen und Menschen mit einem Mal tausendschrittweit fort erscheint. Der "Knochenacker" wird der Sithechhain im talyrischen Volksmund auch genannt, obwohl die Schönheit und tiefe Stille dieses heiligen Ortes den groben Namen Lügen straft. Der Narrenkönig, der kleine Petyr und Karmesin, ehemalige Blaumäntel und drei von Olyvars Sieben, liegen hier ebenso begraben wie Yohn Humperknie, der lange Jahre Wirt des Grünen Aals im Hafenviertel war, oder Orga von Roßstein, eine einstige Gönnerin der Stadt.


    Berühmte Persönlichkeiten, die auf dem Sithechhain ihre letzte Ruhestätte fanden, sind der laignische Barde Séam Muirghesáin, dessen Grab so manchen Sommer als Pilgerstätte angesehen werden kann, so zahlreich wie es von fahrenden Sängern besucht wird, Abaelard und Éloisa, ein tragisches Liebespaar oder Argon der Eroberer, ein eher unrühmlicher imperialer Statthalter. Im Herzen des Sithechhains, am Ende einer langen Pappelallee, erheben sich die mattschwarzen Mauern des Sithechtempels.

    Me? I'm dishonest, and a dishonest man you can always trust to be dishonest. Honestly. It's the honest ones you want to watch out for, because you can never predict when they're going to do something incredibly... stupid.
    Captain Jack Sparrow

  • ← Auf der Ringstraße und entlang der Stadtmauern



    Im Blätterfall 521



    Tatsächlich endet Aneirins Heimreise noch vor Einbruch der Nacht. Allmählich zieht sich ein erstes zartes Rosa durch die dünnen Schleierwolken. Zuhause… Trotz aller Geschehnisse fühlt es sich tatsächlich wie eine Heimkehr an. Aneirin war bis zu diesen Zeitpunkt nicht bewusst gewesen, wie sehr diese Stadt zu seinem Zuhause geworden ist.


    Auf seinem Weg durch die Straßen Talyras sieht er sich nicht bewusst um. Noch hat er nicht das Bedürfnis nach Vertrautem wie Unbekanntem Ausschau zu halten. Zuerst wird er sein Versprechen einlösen. Alles andere kann warten, wie es dies schon seit drei Zwölfmonden tut. Seine Schritte führen ihn auf schnellstem Wege zum Sithechhain. Und mit jedem Schritt, den er sich dem Knochenacker nähert, nimmt die Nervosität stetig zu und kribbelt in jeder Faser seines Körpers.


    Er ist sich sicher, dass sie sich gut um die Ruhestätte seiner Tochter gekümmert haben. Er bat Arúen und Rialinn sowie Lyall und Eolora ausdrücklich und zweifellos werden auch andere nach ihr gesehen haben, daran glaubt er ganz fest. Doch… wer weiß schon, was die letzten Zwölfmonde ihnen allen bereitet haben. Ob nicht eigene Sorgen in den Vordergrund rückten. Könnte er es auch nur einem von ihnen übel nehmen, wenn dadurch vielleicht Briannas kleines Grab in Vergessenheit geraten war? Schließlich kann man seine eigenen Besuche am Grab seiner Tochter noch an einer Hand abzählen, ganz abgesehen davon, dass er sie drei Jahre lang allein gelassen hat. Ob sie es ihm übel nimmt?


    „Ich bin da, mein Schatz. Papa ist da. Ich habe dich gefunden. Ich bin da.“


    Wie ein stilles Willkommen klingt das Rauschen in den blaugrünen Blättern der Nurmweide, die sich nur wenige Handbreit über seinem Haupte zur Melodie des Windes wiegen. Eine beruhigende Melodie, die auch Aneirin nun in seinem tiefsten Inneren langsam versöhnlich werden lässt. Behutsam lässt er seinen großen, schwer wirkenden Rucksack neben sich sinken und seinen Blick über das kleine Grab wandern. Jeder noch so kleine Funke Sorge war unbegründet. Man hat sie nicht vergessen. Das Grab ist liebevoll gepflegt. Ein Bund frischer Blumen, sicher noch keine drei Tage alt, leuchtet in einer feinen Vase zwischen den zarten, weißen Blüten des Zauberschnees und rosafarbener Besenheide. Brianna wäre sicher ganz entzückt… Mein Sonnenschein, mein Herz…


    Eine ganze Weile steht er da, äußerlich scheinbar ruhig und beherrscht. Wäre da nicht die sich Immer wieder schließende und öffnende Faust seiner linken Hand. Er ringt mit den aufkommenden Erinnerungen, will sie eigentlich nicht zu lassen. Er hat sie oft genug durchlebt und wollte sie nun endlich hinter sich lassen. Und doch merkt er, dass er nicht anders kann. Vielleicht muss es sein, vielleicht noch einmal, hier, genau hier. Dieses eine Mal noch und dann soll es gut sein. Nur noch dieses eine Mal.


    „Brianna, lauf weiter! Lauf und versteck dich!“


    Still, der Gesang des Abschieds

    Leise, die Tränen der Nacht *


    „Brianna! NEIN! Briannaaaa!“


    Kalt ist der Wind, die Trauer beginnt

    Der Winter erwacht *


    „Hilf ihr, Arúen, Du musst ihr helfen."


    Schweige nun, banges Sehnen

    Schweige und klag nicht dein Leid *


    „Nein! Arúen, hilf ihr! Rette sie, verdammt noch mal! RETTE SIE! ARÚEN!“


    Trauer vergeht, vom Winde verweht

    Erinnerung bleibt *


    Eine Berührung zart wie ein Windhauch streift seine zur Faust geballte Hand und lässt ihn augenblicklich an seine Seite blicken. Briannas strahlend grüne Augen sehen ihn liebevoll an und wie er ihr Lächeln erblickt wird ihm ganz warm ums Herz. Aneirins Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern als er von ihr wissen will: „Bist du mir bös‘?“ Briannas goldenes Haar wiegt sich sanft, als sie den Kopf schüttelt. Erleichtert schließt Aneirin für einen Atemzug die Augen, um den Tränenschleier zu vertreiben. Als er sie wieder öffnet, ist sie bereits wieder fort. Doch überraschender Weise spürt Aneirin keine Enttäuschung. Sie ist da und für immer bei ihm. Er fühlt es genau.


    Einige Herzschläge lang starrt er noch dorthin, wo seine Tochter eben noch gestanden hat, ehe er den Blick hinauf in die blaugrüne Krone der Nurmweide hebt und sich mit einem sanften Lächeln auf den Lippen vom Tanz der schmalen Blätter in ihren Bann ziehen lässt.


    Wir seh'n uns wieder, gewiss irgendwann

    In meinen Träumen sind wir zusamm'

    Und eines Tages folge ich dir

    Wir seh'n uns wieder, weit weg von hier *




    * aus dem Song: „Oonagh - Wir seh’n uns wieder“

  • Als sie auf dem Sithechacker ankommen und aus dem Gewirr zurück in die Gefilde Rohas treten, ist es schon später Nachmittag und das Tageslicht schwindet bereits merklich. Nur auf wenigen der Gräber flackern Totenlichter, angezündet von trauernden Verwandten oder Bekannten. Ganz anders sieht dies in jenem Teil des Sithechackers aus, in dem in den vergangenen Zwölfmonden die Asche all jener in Sammelgräbern beigesetzt worden war, die die Rote Seuche gefordert hatte und die entweder keine Angehörigen oder nicht genügend Mittel besessen hatten, um in einer eigenen Grabstätte ihre letzte Ruhe zu finden. Auf diesem Gräberfeld flackern unstete Flammen um die Dochte vieler Totenlichter. Zu vieler.


    Vor einem dieser Sammelgräber stehen auch Tuloan und Ileanna. Ihre Eltern waren nicht aus Talyra gewesen. Sie waren silberelbische Händler, die erst kurz vor dem Ausbruch der Seuche nach Talyra gekommen waren um sich hier niederzulassen. Das wenige, dass sie gehabt hatten, hatte gerade gereicht um die ersten Monde der stadtweiten Quarantäne und des unterbundenen Handels zu überbrücken, um für Mietzins und Essen aufzukommen. Und dann hatte das Schicksal zugeschlagen und beide Eltern waren erkrankt. Erst nur leicht, wie die meisten Elben, es war kaum mehr als ein fiebriger Schnupfen gewesen. Doch nach einer kurzen Erholung, als sie schon dachten es sei überstanden, kam es zurück und diesmal so schnell und so schwer, dass die Heiler und Anirani ihnen nicht mehr hatten helfen können. Die beiden Kinder hatte man unter Quarantäne gestellt, aus Sorge, sie könnten sich bei ihren Eltern angesteckt haben. Doch den Göttern sei Dank, war das nicht geschehen. Die Anirani konnten bei ihnen nicht die geringsten Anzeichen für eine Erkrankung feststellen.


    Das war in den ersten Wintertagen des Jahres 519 gewesen. Ygerne Silberlied, die Hohepriesterin des Sithech hatte sie in jenen Tagen gebeten, sich der beiden verwaisten Kinder anzunehmen. Als Arúen die zwei zum ersten Mal gesehen hat, war das genau hier gewesen. Und genau wie heute hatten die zwei an der Grabstelle gekniet und sich schweigend aneinander festgehalten. Die Trauer, die von den beiden ausgeht nicht mehr ganz so scharf und beißend wie damals, aber sie ist noch immer da.


    Arúen und Rialinn haben sich etwas abseits auf eine Bank unter einer Nurmweide zurückgezogen und lassen den Geschwistern alle Zeit, die sie wollen. Ganz so wie jedes Mal, wenn sie hierher kommen. Anfangs ist das fast täglich gewesen, und ist in den Zeiten der Seuche nur möglich gewesen, weil Arúen die Kinder mit sich durch das Gewirr genommen hat. Doch in dem Maße, wie sie sich auf Vinyamar in ihrer neuen Familie eingelebt haben, ist das zurückgegangen. Im Moment sind zweimal in jedem Siebentag hier.


    Und da bietet es sich an, an den Tagen da sie ohnehin hier sind auch gleich das Grab von Brianna zu besuchen und sich darum zu kümmern. Vor der Seuche haben sich viele Freunde darum gekümmert, doch für viele Monde ist es für die meisten schlicht nicht möglich gewesen, einmal quer durch Talyra zu laufen. Also haben Arúen und Rialinn das die meiste Zeit übernommen.


    Nachdem Tuloan und Ileanna mit ihrer kleinen Andacht fertig sind und ihren Eltern alles erzählt haben, was sich so in ihrem Leben abspielt, kommen sie zu den beiden Elbinnen an der Nurmweide. "Gehen wir jetzt noch zu dem Grab von dem kleinen Mädchen? Zu Brianna? Lea und ich haben noch ein neues Totenlicht für sie mitgebracht." "Ein neues Totenlicht? Das ist gut! Ich habe vergessen eins mitzunehmen." "Dauert das lange, Eama? Ich bin müde und mir ist kalt." "Nein, min Lora, das dauert nicht lange. Wir schauen nach, ob da Verblühtes ist, das wir wegmachen müssen und zünden euer Totenlicht für Brianna an. Und dann gehen wir nachhause. Cassandra hat das Abendessen bestimmt schon fast fertig wenn wir kommen."


    Mit dem müden Kind auf dem Arm macht Arúen sich mit den beiden anderen auf den Weg über den Sithechacker hinüber zum Familiengrab der Gylstens, in dem auch Brianna ihre letzte Ruhe gefunden hat. Als sie näher kommen, können sie sehen, dass dort jemand steht. Ein Mann, den Kopf ein wenig in den Nacken gelegt und den Weiden zugewandt. Sie Statur kommt der Shida'ya irgendwie vertraut vor, aber er steht mit dem Rücken zu ihnen und sie kann sein Gesicht nicht sehen. Tuloan hat den Mann auch bemerkt. "Ama? Da steht wer fremdes bei Brianna."

    "Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety."

    "Diejenigen, die ihre grundlegende Freiheit aufgeben würden, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erkaufen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit."

    (Benjamin Franklin.

    Pennsylvania Assembly: Reply to the Governor, Printed in Votes and Proceedings of the House of Representatives, 1755-1756 (Philadelphia, 1756), pp. 19-21. [November 11, 1755] )

  • Als die Melodie zwischen den Zweigen der Nurmweide verklingt, öffnet Aneirin die Augen und lässt den Blick wieder hinunter zu Briannas Grab gleiten. Er fühlt Erleichterung und sich auch auf eine Weise gestärkt, die ihn fast schon ein wenig überrascht. Er ist nicht sicher, was er erwartet hat zu fühlen bei dem Anblick ihrer Ruhestätte, aber er ist sich sicher, dass es nicht dies gewesen wäre. Aneirin atmet tief durch. Diese erste Station seiner Rückkehr hat ihn zuversichtlich werden lassen. Was ihn wohl erwartet, wenn er erst einmal wieder zurück in der Bäckerei ist? Ob es seinem ehemaligen Lehrling gut geht? Inzwischen müsste er unter Meister Brachingers wachsamen Augen längst die Meisterprüfung abgelegt haben. Aber wer weiß denn dieser Tage schon, was möglich ist und was nicht…


    In Gedanken greift er nach seinem Rucksack und schultert diesen. Am kommenden Tag würde er gewiss wiederkommen, das ist er Brianna nicht nur schuldig, es ist ihm auch ein Bedürfnis. Außerdem könnte er gleich das ausgebrannte Totenlicht in der Grablaterne ersetzen, bemerkt er noch. Aneirin lächelt und wendet sich ab. Zuerst aber wird er sich bei Arúen melden, sie sollte schließlich als Erste erfahren, dass-


    „Aneirin!“


    Einen Herzschlag lang erstarrt der blonde Mann überrascht, ehe er in einem weiteren seinen Rucksack wieder sinken lässt, um im nächsten einen schwarzhaarigen Wirbelwind freudig in seinen Armen zu halten. Ganz fest drückt er das Elbenmädchen für einen Moment an sich, ehe er sie von sich fortschiebt, sanft bei den Händen nimmt und sie von oben bis unten mustert. Nein, kein Mädchen mehr, vielmehr eine junge Frau. Bei dem Blick in ihre waldgrünen Augen lächelt er sanft. „Rialinn, was bist du groß geworden.“ Erneut zieht er sie an sich, drückt sie noch einmal, während seine Augen über ihre Schulter zu Arúen wandern und ihren Blick suchen.


    Als er Rialinn fast schon widerwillig aus seiner Umarmung entlässt, um Arúen entgegen zu gehen, setzt die Hohepriesterin ein kleines, ebenfalls schwarzhaariges Elbenmädchen von ihrem ab, das sich allerdings sogleich wieder an ihren Mantel klammert als wolle es sich darin verstecken. Auch der Junge an ihrer Seite bleibt zurückhaltend, vielleicht schutzsuchend etwas hinter der Elbin.


    Vor Arúen bleibt Aneirin stehen und sieht sie wenige Herzschläge lang einfach nur freudig an. Er hat ihr so vieles zu verdanken, er bräuchte viele, sehr viele weitere Leben, um sich für all das zu revanchieren, das sie für ihn auf sich genommen hat und das sie für ihn getan hat. Worte können all die Dankbarkeit, die er empfindet, gar nicht ausdrücken. Schließlich macht er einen Schritt und nimmt sie in den Arm. „Den Göttern sei Dank, ihr seid wohlauf“, flüstert er, drückt sie noch ein wenig inniger und hofft, dass sie spüren kann, wie viel es ihm bedeutet, sie und ihre Tochter gesund zu wissen.


    Mit einem breiten Lächeln entlässt er Arúen aus seinen Armen, hält noch einen Atemzug lang ihren Blick, ehe er seinen zu den beiden ihm fremden Kindern an ihrer Seite wandern lässt. Bedächtig geht er in der Hocke, um etwa auf Augenhöhe mit dem kleinen Mädchen zu sein, das sich daraufhin noch etwas fester an Arúen presst, wie ein verängstigtes Kind an seine Mutter. „Grüße, ihr zwei“, spricht er sanft und blickt dabei auch zu dem Jungen hinüber. „Euch kenne ich noch nicht. Ich bin Aneirin“, stellt er sich vor und legt dabei die Hand auf Höhe des Herzens an seine Brust.

  • Es ist kein Fremder, der dort am Grab steht. Doch es ist Rialinn, die ihn als erste erkennt – und sofort losläuft um ihn zu begrüßen. "Aneirin!" Es ist tatsächlich der junge Bäckermeister. Seine Kleidung ist eher geeignet für eine längere Reise als für das Stadtleben, aber das ist ja auch kaum anders zu erwarten. Als sie mit den beiden Kindern näher kommt und Rialinn nicht mehr wie eine Klette an dem jungen Mann klebt, kann sie unter einem grauen Reisemantel mit Kapuze Hosen und Stiefel aus braunem Leder erkennen. Dazu eine olivgrüne Wolltunika über einem gebleichten, leinenen Untergewand, die von einem breiten, braunen Gürtel gehalten wird.


    Kurz vor Aneirin bleibt sie stehen, stellt Ileanna auf den Boden und mustert aufmerksam das Gesicht des Freundes. Es ist verändert und das liegt nicht nur an dem ungewohnten Bart. Es sind vor allem seine Augen, die ihr nun entgegen sehen und das Lächeln seines Gesichtes widerspiegeln. Die feinen Lachfältchen um die Augen sind noch immer dort. Aber der Schalk, der früher so typisch für ihn gewesen ist, der fehlt in seinem Blick. Doch dafür ist die dumpfe Verzweiflung aus seinem Blick gewichen, die ihn vor drei Zwölfmonden noch gefangen gehalten hat und dafür dankt Arúen den Göttern ebenso stumm wie erleichtert.


    Ileanna ist der ihr fremde Mann offenbar nicht ganz geheuer, sie drängt sich eng an die Elbin. Und Tuloan ist wie stets der Beschützer der kleinen Schwester. Auch wenn er selber in der sicheren Nähe Arúens bleibt, so steht er doch dicht hinter seiner Schwester und hat seine Hände auf deren Schultern gelegt als Aneirin näher kommt und Arúen erst nur schweigend ansieht, ehe er sie dann umarmt. Eine Umarmung, die die Elbin umgehend erwidert. >Den Göttern sei Dank, ihr seid wohlauf.< "Und Du auch… Götter, Du hast so lange nichts mehr von Dir hören lassen… Wir haben schon das Schlimmste befürchtet." Das Lächeln, das ihre Worte begleitet, nimmt den Worten jeden Hauch eines Vorwurfs.


    Als nächstes wendet Aneirin seine Aufmerksamkeit nun den beiden Kindern neben Arúen zu, denen man nur zu gut ansehen kann, dass sie noch nicht so recht wissen, was sie von dem fremden aber wohl doch nicht so fremden Mann halten sollen. Doch seine ruhige Stimme und die Art wie er nicht aus sie herunter schaut, sondern in die Hocke geht um auf Augenhöhe zu sein, scheint ihnen zumindest die erste Angst zu nehmen. >Grüße, ihr zwei. Euch kenne ich noch nicht. Ich bin Aneirin.< "Khel Anar, ich bin Tuloan und das ist meine Schwester Ileanna." Der Junge erwidert die Geste mit der Hand über dem Herzen, sieht dann aber fragend zu Arúen, als wäre er unsicher ob er noch mehr sagen soll oder muss. "Meine Kinder", ergänzt sie also an seiner Statt mit einem Lächeln. Dass die beiden zu alt sind um ihre leiblichen Kinder zu sein, ist für Aneirin, der bis vor drei Jahreskreisen in Talyra gelebt hat so offensichtlich, dass sie dazu kein Wort verliert. Und genau genommen verwendet sie auch nicht wirklich einen Gedanken darauf, denn wie die meisten Elben macht sie keinen Unterschied zwischen leiblichen und angenommenen Kindern.


    "Îhio sa'cur… " Ileanna reibt sich dauernd die immer kleiner werdenden Augen und streckt ihr schließlich die Arme entgegen. "Eama, Tur." Ein Wunsch, dem Arúen umgehend entspricht und sie wieder hochnimmt. "Oh ja, das sehe ich. Na dann komm mal her, meine Kleine."


    --------


    Khel Anar = Guten Abend

    Îhio sa'cur = Ich bin müde

    Tur = Arm

    "Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety."

    "Diejenigen, die ihre grundlegende Freiheit aufgeben würden, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erkaufen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit."

    (Benjamin Franklin.

    Pennsylvania Assembly: Reply to the Governor, Printed in Votes and Proceedings of the House of Representatives, 1755-1756 (Philadelphia, 1756), pp. 19-21. [November 11, 1755] )

    Einmal editiert, zuletzt von Arwen ()

  • Seine Augen folgen Tuloans Blick hoch zu Arúen. Die kurze Überraschung auf Aneirins Gesicht als die Shida‘ya hinzufügt, dass die beiden Kinder die ihren seien, kann er vor ihr sicher nicht verbergen. Der allerdings folgt sogleich ein verstehendes Neigen des Kopfes und ein willkommendes Lächeln als er die beiden Geschwister wieder ansieht.

    „Schön, euch kennenzulernen, Ileanna, Tuloan“, nickt er den beiden zu und erhebt sich wieder, legt den Arm um Rialinn, die ihn immer noch freudig anfunkelt, und drückt sie etwas an sich. „Entschuldige, ich wollte euch nicht in Ungewissheit lassen, schon gar nicht in Sorge, aber…“, beginnt er an Arúen gewandt, als er ein leises >Îhio sa'cur…< vernimmt.

    Aneirin muss kein Shidar sprechen, um zu verstehen. Denn als Arúen das kleine Mädchen wieder auf den Arm hebt ist mehr als ersichtlich, dass Ileanna todmüde ist. Verständnisvoll lächelt Aneirin und entlässt Rialinn aus seinem Arm. Sie wiederum blickt ihn an und erklärt mit einem Fingerzeig auf ihre Schwester: „Ileanna und Tuloan haben ein neues Totenlicht für Brianna mitgebracht.“
    Überrascht und gerührt sieht Aneirin von Schwester zu Bruder und nimmt dankbar das Licht von Rialinn entgegen, das diese dem müden Kind abgenommen hat. Dass die beiden so fürsorglich sind, obwohl sie Brianna nie kennengelernt haben, rührt ihn sehr. „Ich danke euch von Herzen“, dabei sieht er auch Arúen an, „danke, dass ihr für Brianna da seid“.

    Da wendet er sich an Tuloan: „Darf ich es anzünden?“ Der Junge wirkt kurz überrascht ob der Frage, nickt dann aber, woraufhin sich Aneirin wieder Briannas Grab zuwendet, um das Licht zu entzünden und gegen das abgebrannte in der Grablaterne zu tauschen.

    „Sieh nur, Sonnenschein, deine Freunde haben dir ein neues Licht gebracht.“ Noch einmal lässt Aneirin den Blick über Briannas Ruhestätte wandern, ehe er sich erhebt und wieder an Arúen und die Kinder herantritt. Er hat so viele Fragen, würde gerne wissen, was in den letzten drei Jahren hier in Talyra und mit seinen Freunden geschehen ist, wie es Arúen und ihrer Familie ergangen ist. Aber er sieht auch ein, dass dies hier und jetzt weder der richtige Ort noch die richtige Zeit ist, sich darüber auszutauschen.


    „Wenn es deine Zeit zulässt, würde ich gerne in den nächsten Tagen bei dir vorbeischauen. Ich richte mich da aber ganz nach dir“, versichert er, denn er will sich trotz aller Fragen nicht aufdrängen. „Ich sollte wohl erst einmal nach der Bäckerei sehen. Falk ist hoffentlich gut zurechtgekommen“, lächelt Aneirin zunächst zuversichtlich. Dann aber stutzt er und ein wenig verunsichert sieht er Arúen an. „Es gibt sie doch noch?“

  • "Ja, es gibt Deine Bäckerei noch", beruhigt Arúen den jungen Bäckermeister mit einem Lächeln, während sie das müde Elbenkind auf ihrem Arm sacht wiegt. "Anfangs war die Innung nicht allzu begeistert, dass ein Geselle alleine eine Bäckerei führt, aber mittlerweile hat Falk sich den verdienten Respekt erarbeitet. Meister Brachinger und ich haben für sie gebürgt und Falk hat sich sehr gut geschlagen. Er hätte sogar schon sein Meisterstück liefern können, aber er weigert sich hartnäckig. Das würde er nicht tun, ehe Du wieder zurück bist. Stell Dich darauf ein, dass auch Eolora und er sehr froh sein werden, dass Du zurück bist."


    Rialinn unterbricht ihre Mutter. "Es tut mir Leid, ich würde gerne noch länger bleiben, aber ich muss los, Mama, sonst bin ich nicht rechtzeitig zur Abendandacht zurück im Tempel." Die junge Frau drückt kurz ihre kleine Schwester und Mutter in einer geneinsamen Umarmung und nickt ihrem Bruder zu. Dann wendet sie sich auch noch an Aneirin. "Ich bin so froh, dass Du heil wieder hier bist. Es gab in letzter Zeit viel zu wenig gute Neuigkeiten." Sie winkt allen noch einmal kurz und macht sich dann auf den Weg zurück zum Tempelviertel im Norden der Stadt.


    "Du weißt, dass ich immer Zeit für Dich habe, Aneirin. Du kannst uns jederzeit besuchen, im Tempel oder auf Vinyamar, ganz wie Du magst. Ich bin vormittags immer bis zur Mittagsmahlzeit im Tempel, manchmal auch länger. Aber spätestens zum Abendessen bin ich eigentlich so gut wie immer zurück auf Vinyamar. Wenn Du magst, komm zu uns zum Essen und wir können hinterher in Ruhe am Kamin sitzen und uns unterhalten."

    "Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety."

    "Diejenigen, die ihre grundlegende Freiheit aufgeben würden, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erkaufen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit."

    (Benjamin Franklin.

    Pennsylvania Assembly: Reply to the Governor, Printed in Votes and Proceedings of the House of Representatives, 1755-1756 (Philadelphia, 1756), pp. 19-21. [November 11, 1755] )

  • Aneirin ist sichtlich erleichtert zu hören, dass es Falk und auch Eolora gut geht und die Bäckerei nach wie vor existiert. Bis eben hatte er eigentlich auch nicht daran gezweifelt, doch es sind nun einmal unberechenbare Jahre gewesen. „Dieser verdammte Sturkopf von einem Lehrling“, muss Aneirin schmunzeln. Und Rialinn hat Recht. Es gab tatsächlich zu wenig gute Neuigkeiten. „Mach’s gut, Rialinn.“ Einen Augenblick sieht er der jungen Elbin noch nach, aber als Arúen fortsetzt, gilt seine Aufmerksamkeit wieder ihr.


    >Wenn Du magst, komm zu uns zum Essen und wir können hinterher in Ruhe am Kamin sitzen und uns unterhalten.< Aneirin nickt lächelnd. „Das werde ich, vielen Dank. Wenn ich es schaffe, komme ich gerne gleich morgen Abend.“ Nicht, dass er etwas vor hätte. Doch wer weiß schon, was der heutige Abend sowie der morgige Tag für ihn bereithält. Er greift seinen Rucksack und schultert ihn. Mit einem Blick auf die geschlossenen Augen der kleinen Ileanna lächelt er mitfühlend. „Ich begleite euch noch gerne heim, wenn ihr möchtet.“

  • "Du kannst uns natürlich gerne begleiten. Allerdings werden wir das Gewirr nehmen. In Anbetracht der späten Stunde und meiner kleinen Schlafmaus hier, möchte ich auf dem schnellsten Weg nachhause. Und ich vermute, dass Cassandra schon ungeduldig mit dem Essen wartet." Schon bei ihrem Angebot, sie durch das Gewirr zu begleiten, kann sie spüren und Aneirin ansehen, dass ihm der Gedanke an das Gewirr offenbar nicht wirklich behagt. Und so neigt sie nur verstehenden den Kopf. "Komm einfach vorbei, wenn es bei Dir passt. Wir freuen uns jederzeit über Deinen Besuch. Und ich könnte mir vorstellen, dass Du in nächster Zeit das eine oder andere um die Ohren haben wirst."


    Und so kommt es, dass sie sich noch im Sithechhain voneinander verabschieden. Eine Weile schaut Arúen dem jungen Mann noch hinterher, als der sich mit dem geschulterten Rucksack auf den Weg quer durch die Weltenstadt zu seinem Haus und der Bäckerei macht. Dann spricht sie leise die Worte, mit denen sie die ihr anvertraute Magie formt. Sacht umhüllt schimmernder Nebel sie, als sich das Portal wie eine überdimensionale Blüte raschelnd vor ihnen öffnet. An diesem Tag ist der Weg durch das Gewirr der wilden Herrin wie stets eine Ansammlung aller Grüntöne, die die Götter je ersonnen haben und auch die Wildheit der Großen Jägerin ist unterschwellig zu spüren, aber ansonsten ist es ein sanfter Pfad, wie ein Wildwechsel im sanften Licht der Inarsonne. Und er führt sie zwischen zwei Herzschlägen in die Halle Vinyamars, kaum dass sich der Zugang hinter ihnen geschlossen hat.

    "Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety."

    "Diejenigen, die ihre grundlegende Freiheit aufgeben würden, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erkaufen, verdienen weder Freiheit noch Sicherheit."

    (Benjamin Franklin.

    Pennsylvania Assembly: Reply to the Governor, Printed in Votes and Proceedings of the House of Representatives, 1755-1756 (Philadelphia, 1756), pp. 19-21. [November 11, 1755] )

  • “Ever has it been that love knows not its own depth until the hour of separation.”

    — Khalil Gibran



    Mitte Taumond 526


    ← Die Straßen der Stadt


    Der Weg zum Sithechhain führt sie durch schmale Gassen, vorbei an eng stehenden Häusern, deren Fensterläden trotz des grauen Tages geöffnet sind, als wollten die Menschen Licht und Alltag mit Gewalt festhalten, obwohl der Himmel schwer über der Stadt hängt und selbst der Wind gedämpft wirkt, als würde er Rücksicht auf die Stille nehmen, die an diesem Ort bereits auf sie wartet.

    Der Mann geht einige Schritte vor Kaya her, schweigsam und mit gesenktem Blick, und obwohl er den Weg offensichtlich kennt, wirkt jede seiner Bewegungen, als müsse er sich bewusst dazu zwingen, weiterzugehen. Seine Schultern sind angespannt, seine Hände ruhen zu lange reglos an seinen Seiten, und mehr als einmal scheint es, als wolle er etwas sagen, nur um den Gedanken im nächsten Moment wieder hinunterzuschlucken. Kaya lässt ihm diese Stille. Sie drängt nicht. Sie stellt keine Fragen, die den Schmerz nur lauter machen würden.

    Als sie schließlich das Friedhofstor erreichen, bleibt der Mann kurz davor stehen und legt die Hand an das kalte Eisen, beinahe zögerlich, als müsse er sich vergewissern, dass der Ort dahinter tatsächlich existiert und nicht bloß ein weiterer schlechter Traum ist, aus dem er irgendwann erwachen könnte. Erst dann öffnet er das Tor und tritt wortlos zur Seite, damit Kaya zuerst eintreten kann.

    Der Boden unter ihren Schritten ist weich vom Tau, das Gras dunkel und noch feucht vom Morgen und zwischen den schlichten Grabsteinen liegt jene eigentümliche Ruhe, die nur Orte kennen, an denen Trauer alt geworden ist. Kein wirklicher Frieden — eher eine Stille, die gelernt hat, neben Verlust zu existieren.

    „Hier“, sagt der Mann schließlich leise. Das Grab liegt etwas abseits der anderen, noch frisch genug, dass die Erde dunkler wirkt als die umliegende, locker aufgeworfen und noch nicht ganz vom Wind geglättet. Einige einfache Blumen liegen darauf, bereits leicht verwelkt, als hätte niemand die Kraft gefunden, sie zu ersetzen.

    Kaya tritt näher, bleibt einen kurzen Augenblick stehen und betrachtet das Grab schweigend, bevor sie sich ohne Zögern in die feuchte Erde kniet und die Hand auf den Grabhügel legt. Kälte. Nicht die gewöhnliche Kälte von Erde oder Stein, sondern etwas Tieferes, schwer Greifbares, das unter ihrer Haut entlanggleitet wie ein leiser Nachhall.

    Sie schließt für einen Moment die Augen. Da ist kein Zerren. Keine Bosheit. Kein Widerstand. Aber auch keine wirkliche Ruhe. Etwas ist noch hier. Nicht stark genug, um sichtbar zu sein. Noch nicht. Doch deutlich genug, dass Kaya den Nachklang spürt wie das letzte Zittern einer Saite, nachdem der Ton längst verklungen sein sollte.

    „Vor drei Nächten“, murmelt sie leise, mehr zu sich selbst als zu dem Mann hinter ihr. Er nickt langsam. „Ja.“ Kaya richtet sich wieder auf und zieht ein kleines Leinensäckchen aus ihrer Tasche. Als sie es öffnet, rieselt feines Salz zwischen ihren Fingern hervor, vermischt mit gemahlenem Eisenkraut und dunkleren Kräutern, deren Geruch schärfer ist als gewöhnliche Pflanzen. Ruhig und ohne Hast beginnt sie, einen schmalen Kreis um das Grab zu ziehen, präzise in jeder Bewegung, als würde ihre Hand einer Ordnung folgen, die längst älter ist als sie selbst. Der Mann beobachtet sie schweigend. Seine Unruhe liegt offen zwischen ihnen, nicht laut, aber deutlich spürbar, wie eine Saite, die zu fest gespannt wurde.

    „Bleibt sie hier?“ fragt er schließlich. Kaya antwortet nicht sofort. Sie beendet den Kreis sorgfältig, streicht die letzten Körner zwischen Daumen und Finger ab und richtet sich erst dann langsam wieder auf. „Nicht“, sagt sie ruhig, während ihr Blick kurz über den Grabhügel wandert, „wenn wir es richtig tun.“ Mehr braucht es nicht. Der Mann nickt langsam, als hätte er keine größere Hoffnung erwartet als genau diese wenigen Worte. Kaya betrachtet den Kreis noch einen Augenblick prüfend, bevor sie den Blick hebt und ihn ansieht.

    „Geht zurück zu Eurer Frau“, sagt sie ruhig. „Bleibt bei ihr. Ich bleibe hier.“ Er zögert sichtbar. Sein Blick wandert über das Grab, den Kreis aus Salz und Kräutern und schließlich zurück zu Kaya, als suche er nach einem Zeichen von Unsicherheit, doch dort ist nichts außer Ruhe.

    „Und… wenn sie kommt?“ Kaya hält seinem Blick stand. „Dann bin ich hier.“ Die Antwort ist schlicht, beinahe leise, und doch liegt darin etwas Endgültiges, das jede weitere Frage überflüssig macht.

    Der Mann atmet tief durch, nickt knapp und wendet sich schließlich ab. Seine Schritte entfernen sich langsam zwischen den Grabreihen, bis nur noch das leise Rascheln des feuchten Grases bleibt und die Stille des Friedhofs sich wieder vollständig um Kaya schließen kann.

    Erst jetzt, als sie wirklich allein ist, setzt sie sich in den weichen Boden vor dem Grab, zieht das Stoffband aus ihrer Tasche und legt es vorsichtig in den Kreis, genau an jene Stelle, an der die Linien sich für sie am ruhigsten anfühlen. Dann legt sie die Hände locker auf die Knie und wartet. Die Stille legt sich langsam um sie, dicht und schwer wie Nebel. Und mit ihr… kommen die Gedanken.


    Es wäre leicht, einfach still zu sein und nur zu warten, den Blick auf das frische Grab gerichtet, bis die Nacht sich weit genug verdichtet hat, damit das, was noch an diesen Ort gebunden ist, sich endlich zeigt. Doch manche Gedanken lassen sich nicht so einfach fortschieben, besonders nicht an einem Ort wie diesem, zwischen frischer Erde, verwelkten Blumen und der leisen Ahnung von etwas, das den Weg noch nicht gefunden hat. Ein Gebliebener. Eine Mutter.

    Kaya senkt den Blick auf das Stoffband im Gras, betrachtet die ausgefransten Fasern, über die ihre Finger beinahe gedankenverloren streichen, ohne sie wirklich zu berühren, als könnte selbst in diesem kleinen Stück Stoff noch etwas von der Frau zurückgeblieben sein, die es einst getragen hat.

    Und beinahe unmerklich schiebt sich ein anderer Gedanke dazwischen. Ist meine Mutter… irgendwo? Die Frage kommt leise, vorsichtig, fast zögernd, als würde selbst ihr eigener Geist nicht entscheiden können, ob dieser Gedanke ausgesprochen werden darf oder besser dort bleiben sollte, wo er all die Jahre gelegen hat.

    Kaya erinnert sich nicht wirklich an das Gesicht ihrer Mutter. Nicht vollständig. Die Zeit hat die Konturen längst weich werden lassen, hat Einzelheiten verschluckt und nur Fragmente zurückgelassen — Wärme auf ihrer Haut, das leise Timbre einer Stimme, Bewegung im Schnee, helles Lachen zwischen weißen Landschaften und dunklem Fell. Und Blut. Vor allem Blut.

    Der Moment, in dem alles still wurde, hat sich tiefer in ihr festgesetzt als alles, was davor kam. Der Dämon hatte ihre Mutter getötet. Zumindest ist das die Wahrheit, wie Kaya sie seit Jahren kennt. Doch während sie dort am Grab sitzt und die feuchte Erde betrachtet, fragt sie sich unwillkürlich, ob ein gewaltsamer Tod allein tatsächlich genügt, um eine Seele an die Welt zu binden, oder ob es etwas anderes ist, das einen Geist zurückhält — etwas Stärkeres als Schmerz, stärker vielleicht sogar als der Tod selbst.


    „Geister bleiben aus Gründen“, hatte Yara einmal zu ihr gesagt, irgendwann während einer kalten Nacht am Feuer, als der Wind draußen um das Lager strich und Kaya noch jung genug gewesen war, um auf jede ihrer Worte zu vertrauen, ohne sie zu hinterfragen. „Weil etwas sie ruft. Oder weil sie selbst etwas nicht loslassen können.“ Kaya hebt langsam den Blick und lässt ihn über die Reihen der Gräber wandern, über verwitterte Steine, eingesunkene Erde und Namen, die irgendwann niemand mehr laut aussprechen wird.

    Was hält eine Mutter? Die Antwort kommt beinahe sofort. Ein Kind. Der Gedanke ist so schlicht, so selbstverständlich, dass er sie für einen Moment härter trifft als erwartet. Vielleicht ist es am Ende nie die Art des Todes, die einen Geist bindet, sondern das, was zurückbleibt — etwas Unvollendetes, etwas Geliebtes, etwas, das stärker ist als der Wunsch zu gehen. Ihr Atem geht ruhig und gleichmäßig, während die Stille des Friedhofs sich dichter um sie legt.

    Und dann denkt sie an Yara. Nicht plötzlich, nicht wie ein Schock, sondern langsam, wie etwas, das ohnehin immer irgendwo unter der Oberfläche liegt und nur auf einen stillen Moment wartet, um wieder aufzutauchen. Yara’San. Sechs Jahre lang war sie ihre Lehrerin gewesen, ihre Führerin, manchmal streng, manchmal unerträglich schweigsam, aber immer da — ein fester Boden unter Kayas Schritten in einer Zeit, in der sie sonst nichts gehabt hatte außer Schnee, Wölfe und Angst. Ihre Mutter…

    Und dann war sie fort gewesen. „Nur für eine Weile“, hatte Yara gesagt. Kaya erinnert sich noch genau daran, wie selbstverständlich diese Worte geklungen hatten, als gäbe es keinen Grund, daran zu zweifeln. Doch aus Wochen waren Monate geworden. Aus Monaten Jahre. Zehn Jahre ohne Nachricht. Zehn Jahre ohne Spur. Ein kaum spürbares Ziehen geht durch ihre Brust, leise genug, dass es fast übersehen werden könnte, und doch sitzt es tief genug, dass Kaya längst aufgehört hat, so zu tun, als wäre es nicht da.

    Lebt sie noch? Die Frage bleibt nicht lange offen. Kaya schließt die Augen kurz und schiebt den Gedanken beiseite, nicht grob, nicht wütend — eher mit der ruhigen Entschlossenheit von jemandem, der weiß, dass manche Überzeugungen nicht auf Wissen beruhen müssen, um trotzdem notwendig zu sein. „Sie lebt“, murmelt sie leise in die Stille hinein. „Ich hätte es gespürt.“ Es ist kein echtes Wissen. Kein Beweis. Und doch reicht es. Kaya hält sich daran fest wie an einem schmalen Licht, das weit entfernt zwischen Nebel und Dunkelheit brennt — klein, vielleicht unsicher, aber noch immer vorhanden.


    Und unwillkürlich denkt Kaya danach an einen anderen Ort. Nicht an Schnee und Feuerstellen unter freiem Himmel, sondern an hohe Räume aus hellem Holz, an das gedämpfte Rauschen des Windes über dem Anwesen Taresnar und an die eigentümliche Ruhe, die stets darüber gelegen hatte, selbst in jenen Jahren, in denen Kaya selbst kaum Ruhe in sich getragen hatte.

    Shalhor. Allein der Gedanke an ihn wirkt anders als der an Yara — weniger schmerzhaft, weniger offen, dafür schwerer zu greifen. Yara hatte sie auf Pfade geführt. Shalhor dagegen hatte ihr beigebracht, wie man bleibt. Lesen, Schreiben, Zahlen, Regeln. Dinge, die Kaya damals oft für unnötig gehalten hatte und gegen die sie sich oft mit einer Hartnäckigkeit gewehrt hatte, die sie selbst heute manchmal beinahe belustigt. Sie erinnert sich an lange Abende über Büchern, an scharf ausgesprochene Ermahnungen, an Diskussionen über Benehmen, Kleidung oder die Art, wie man mit Gästen sprach, und daran, wie oft sie ihn absichtlich gereizt hatte, nur um zu sehen, ob seine endlose Gelassenheit irgendwann doch brechen würde.

    Manchmal hatte sie Erfolg gehabt. Ein kaum sichtbarer Hauch eines Lächelns streift ihre Lippen und vergeht beinahe sofort wieder. Sie war schwierig gewesen, wild, verschlossen. Und voller Wut auf Dinge, die sie selbst nicht verstand. Und trotzdem hatte Shalhor ihr nie das Gefühl gegeben, ungewollt zu sein. Er hatte ihr ein Zuhause gegeben, obwohl er ihr nichts schuldete. Hatte ihr Raum gelassen, selbst dann noch, als sie alt genug geworden war, um sich gegen beinahe alles zu stellen, was er ihr beibringen wollte. Vielleicht war genau das der Grund gewesen, warum sie ihn liebgewonnen hatte, auch wenn sie es damals kaum laut ausgesprochen hatte.

    Kaya senkt den Blick leicht. Sie fragt sich flüchtig, was er heute wohl sagen würde, wenn er sie jetzt sehen könnte — allein zwischen Gräbern, mit Salz an den Fingern und den Geistern der Toten näher als den meisten Lebenden. Wahrscheinlich irgendetwas Ruhiges. Etwas Kluges. Etwas, das gleichzeitig wie Kritik und Fürsorge klingen würde. Der Gedanke fühlt sich seltsam warm an.


    Dann hebt sie den Blick wieder. Die Wärme vergeht nicht ganz, zieht sich aber leise zurück, als die Stille des Friedhofs erneut schwerer wird. Und genau in diesem Moment verändert sich die Luft. Der Wind legt sich beinahe vollständig, das Gras bewegt sich kaum noch, und selbst die Luft wirkt schwerer als zuvor, dichter, als würde sich etwas Unsichtbares langsam zwischen die Gräber schieben.

    Kaya merkt die Veränderung sofort. Nicht mit den Augen. Nicht mit den Ohren. Sondern auf jene Weise, auf die man die Nähe eines Gewitters spürt, lange bevor der erste Donner zu hören ist. Die Luft verändert sich. Und mit einem Mal weiß Kaya, dass sie nicht länger allein ist. Langsam hebt sie den Kopf. Der Wind scheint für einen Moment den Atem anzuhalten.

    Langsam richtet Kaya sich ein wenig auf. Ihre Aufmerksamkeit schärft sich augenblicklich, ruhig und instinktiv zugleich, wie bei einem Wolf, der mitten im Schneefall innehält, weil sich etwas Unsichtbares zwischen den Bäumen bewegt hat.

    Das Stoffband im Kreis bleibt reglos im feuchten Gras liegen, und doch spürt Kaya deutlich, wie sich etwas um sie herum verdichtet. Nicht bedrohlich. Nicht gewaltsam. Eher wie eine Erinnerung, die zu lange an einem Ort verweilt hat und nun beginnt, Gestalt anzunehmen. Dann sieht sie es.

    Zuerst ist es kaum mehr als ein blasser Schimmer zwischen den Grabreihen, ein fahler Schleier, der sich nur minimal vom Nebel und dem grauen Licht des Abends unterscheidet. Doch langsam beginnt sich daraus eine Form zu lösen, undeutlich zunächst, fließend und instabil wie Atem auf kaltem Glas, bis die Konturen einer Frau sichtbar werden — schmal, leicht nach vorne gebeugt, als würde selbst das bloße Dasein in dieser Welt Kraft kosten.

    Die Erscheinung bleibt am Rand des Salzkreises stehen. Nicht aus Angst. Eher aus Unsicherheit. Es wirkt beinahe, als müsse der Geist erst begreifen, dass dieser Kreis nicht geschaffen wurde, um ihn fernzuhalten, sondern um ihm einen Ort zu geben, an dem er bleiben darf, ohne sich weiter zu verlieren. Der Wind streicht durch die Gestalt hindurch und lässt sie flackern wie Licht in dünnem Wasser. Dann hebt sich langsam ihr Kopf.

    „…Sí…le…?“

    Die Stimme ist kaum mehr als ein Hauch, brüchig und fern, als müsste selbst dieses eine Wort erst den langen Weg zwischen Tod und Erinnerung zurücklegen. Kaya bleibt vollkommen ruhig sitzen. Es liegt weder Furcht noch Härte in ihrem Blick, nur jene stille Aufmerksamkeit, mit der sie Dingen begegnet, die weder ganz lebendig noch wirklich fort sind.

    „Síle ist gegangen“, sagt sie schließlich ruhig. „Ihr Körper liegt hier. Und dein Weg führt weiter.“ Die Gestalt bewegt sich leicht, langsam und schwerfällig, als würde jede Bewegung durch tiefes Wasser erfolgen. Für einen kurzen Augenblick flackert etwas in ihrem Gesicht auf — Hoffnung vielleicht, oder die Erinnerung daran, was Hoffnung einmal gewesen ist.

    „…mein Kind…“ Die Worte zerbrechen beinahe noch während sie gesprochen werden. „Wo ist… mein Kind?“ Kaya antwortet nicht sofort. Sie beobachtet den Geist genau, achtet auf jede Veränderung in der flimmernden Gestalt, auf jedes Zittern in der Stimme, sucht nach Gier, nach Wut oder jener verzweifelten Besessenheit, die manche Gebliebene mit der Zeit verschlingt. Doch da ist nichts davon. Nur Sehnsucht. Tiefe, rohe Sehnsucht.

    „Dein Kind lebt“, sagt Kaya schließlich leise. „Es liegt in sicheren Armen. Es braucht keine Angst mehr zu haben.“ Der Geist krümmt langsam die Hände. Es ist eine kleine Bewegung, kaum sichtbar, und doch erkennt Kaya sie sofort — die Bewegung einer Mutter, die etwas halten möchte, das längst außer Reichweite geraten ist. „Ich… will sie halten.“ Der Satz klingt brüchig und schwach, aber darin liegt nichts Forderndes. Keine Dunkelheit. Keine Gefahr. Nur Schmerz.

    Der Wind fährt leise über den Sithechhain und streicht durch den Kreis aus Salz und Kräutern, während Kaya das Zittern der Erscheinung beinahe körperlich spüren kann. Die Sehnsucht des Geistes hängt schwer in der Luft, so deutlich, dass sie für einen Moment selbst etwas in Kayas Brust berührt — etwas Altes, das nach Schnee, Verlust und einer Stimme klingt, die sie kaum noch erinnern kann.

    Und trotzdem bleibt ihre eigene Stimme ruhig und klar. „Das können wir tun“, sagt sie leise. „Aber nicht hier.“ Langsam hebt die Gestalt den Blick. Dort, wo Augen sein sollten, liegt nur fahles Licht, und dennoch wirkt der Ausdruck darin beinahe flehend. Kaya erhebt sich langsam aus dem feuchten Gras, ohne hastige Bewegungen, ohne den Geist aus den Augen zu lassen.

    „Komm“, sagt sie ruhig. „Ich führe dich.“ Für einen Augenblick geschieht nichts. Dann zieht sich der Nebel um die Erscheinung enger zusammen, als würde etwas Halt suchen, und schließlich setzt der Geist sich in Bewegung — zögernd zuerst, tastend, beinahe unsicher darüber, ob er diesem Ruf wirklich folgen darf. Der Kreis aus Salz und Kräutern hält ihn nicht zurück. Für einen flüchtigen Moment scheint das feine Weiß der Linie sogar aufzubrechen wie Wasser unter einem Schritt, bevor es sich hinter der Erscheinung wieder schließt.

    Kaya hebt das Stoffband aus dem Gras auf und wendet sich langsam vom Grab ab. Der Geist folgt ihr. Lautlos. Verloren. Und doch nicht länger allein.


    → Die Straßen der Stadt

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