Das Anwesen de Winter

  • Das Anwesen de Winter


    Im Seeviertel, ganz in der Nähe von Vinyamar, liegt das alte Anwesen der de Winters. Einst eines der prächtigsten Häuser der Stadt, nagt nun der Zahn der Zeit an den Gebäuden. Und dennoch spürt man noch den Zauber, der von all dem ausgeht. Eine zierliche Freitreppe führt zur Tür des Haupthauses, in die ein filigran anmutendes Muster geschnitzt ist. Der aufmerksame Betrachter wird im Zentrum der beiden Flügeln die Nachbildung eines Steines erkennen. Auch sonst ist das Mauerwerk mit zarten Verzierungen übersät, so leicht, als wären sie von Feenhand angebracht worden. An der Rückseite befindet sich ein Erker, von dessen Fenster man einen wunderschönen Ausblick auf den Ildorel hat. Betritt man das Haus nun durch besagte Tür, gelangt man in eine wunderschöne Halle, die sich in der Höhe bis unter das Dach erstreckt. In der Mitte der rückwärtigen Wand befindet sich ein Kamin, links und rechts davon führen zwei Treppen auf die Galerie beziehungsweise den ersten Stock.


    Wendet man sich nun im Erdgeschoss nach links, gelangt man in den Küchentrakt: Vorgelagert befindet sich der Speisesaal, dessen Herzstück ein schwerer Tisch darstellt, um den herum zwölf Stühle angeordnet sind. An den Längsseiten befinden sich zum Teil zierliche Anrichten, sofern die großen Fenster Platz dafür lassen. Diesen Raum betritt man durch einen bogenförmigen Durchgang, der den Blick auf die Eingangshalle freigibt. Dem genau gegenüber befindet sich eine Tür, die zu den Wirtschaftsräumen führt. Hier befinden sich Küche, Speisekammer und der Abgang zum Weinkeller, sowie eine weitere Tür, die in einen kleinen Hof führt, der die Stallungen mit den angrenzenden Schlacht- und Räucherkammern vom Hauptgebäude trennt. Besagte Küche wird von einem mächtigen Ofen beherrscht, der in den Zeiten, als das Anwesen noch bewohnt war, so gut wie nie ausging. Selbst in den Nachtstunden glomm eine schwache Glut darin und an manch kaltem Winterabend fanden halb erfrorene Reisende Zuflucht davor. Gastfreundschaft war immer groß geschrieben worden und eben diesen einladenden Eindruck vermittelt das Haus noch immer, obwohl es verlassen ist, ganz so als wäre der Geist der ehemaligen Bewohner noch immer präsent. Direkt an die Küche grenzt die Speisekammer, in deren Boden sich die Luke zum Weinkeller befindet. Dieser Raum hat drei Türen: Eine zur Küche, eine zum Gang der zum Speisesaal führt und eine eben in den Hof.


    Die gesamte rechte Seite des Erdgeschosses wird von einem einzigen Raum eingenommen: dem Salon. Obwohl hauptsächlich für offizielle Anlässe genutzt, strahlte auch er immer eine Gemütlichkeit aus, die ihresgleichen sucht. Hell und freundlich eingerichtet, mit großen weichen Stühlen vor dem Kamin, der sich an der hintersten Wand befindet. An den Wänden befinden sich in diesem Bereich des Salons Regale, die bis unter die Decke reichen und einst voll waren mit Büchern. Heute sind diese Schätze im Haus der Bücher. Nach dem Tod der Lady hatte Tallard veranlasst, dass sie dorthin gebracht wurden. Zum Schein aus dem edlen Motiv, all das der Stadt zu bewahren und vor Räubern zu schützen, doch hinter vorgehaltener Hand wurde getuschelt, es sei alles Rache an der Familie de Winter, Rache für Lestats Verhältnis mit seiner Frau. Der vordere Teil des Raumes wirkt beinahe leer, sind doch nur hüfthohe Anrichten und einige Stühle entlang der Wände verteilt, doch bei so manchem rauschenden Fest hat er als Tanzfläche gedient. Nun überzieht eine feine Staubschicht Boden und Möbel und auch hat sich ein feiner grauer Film über die großen Fensterscheiben gelegt.


    Steigt man nun eine der beiden Treppen empor, gelangt man auf die Galerie, die beide verbindet und sowohl link wie auch rechts in Gänge mündet: Der linke Teil ist der Gästeflügel. Vier einladende Räume boten Freunden und Verwandten beschauliche Unterkunft für die Nacht. Großzügig angelegt, gehen in allen der Schlafbereich fließend in einen kleinen Wohnbereich über, verbunden durch bogenförmige Durchgänge, gleich dem, der die Halle mit dem Speisesaal verbindet. Die Fenster geben den Blick zum Teil auf den Garten, zum Teil auf den Strand frei und wenn man sich etwas aus dem Fenster lehnt, kann man den Blick auf den Ildorel genießen. Wirklich überwältigend ist der Blick auf dem See jedoch von den Fenstern des Erkers aus, der sich im rechten Trakt, direkt im Schlafzimmer, befindet. Durch die Fenster fällt des Morgens das Licht der aufgehenden Sonne und kitzelt den Bewohner sanft wach, denn genau gegenüber des Erkers steht das Himmelbett mit den hauchzarten, weißen Vorhängen. Vor dem Bett liegt ein weiches Fell, ursprünglich weiß, doch nun ergraut vom Staub. Des Weiteren befindet sich eine Kommode im Raum, mit einem runden Spiegel und einem Stuhl davor. Ein bogenförmiger Durchgang führt in den Wohnbereich, der mit den gleichen gemütlichen Sesseln ausgestattet ist, wie der untere Salon. Auch befindet sich hier ein Kamin, kleiner zwar als jene des Erdgeschosses, jedoch nicht minder heimelige Wärme verströmend. Auch befindet sich im Schlafzimmer eine zweite Tür, die zum Ankleidezimmer führt.


    Tritt man auf den Gang des Traktes, wird man noch dreier Türen gewahr: Zwei führen in die Zimmer, welche ein einst von Lestat und Forral, den Söhnen des Hauses, bewohnt wurde. Die dritte führt in eine klein, jedoch nicht minder ansprechende Kammer: Erins Reich. Die Amme der beiden Jungen hatte solange die Familie im Besitz des Hauses war hier oben gelebt, ja sie hatte regelrecht zur Familie gehört. Schlussendlich führt noch eine Luke auf den Dachboden, der voll ist mit allerlei Dingen, die sich über die Jahrzehnte angesammelt hatten. Zum Teil sind die Gegenstände fein säuberlich mit Laken verhüllt, anderes liegt in Truhen, auf denen sich eine Staubschicht gebildet hat, wie auch auf dem Fußboden. Unterbrochen wird diese nur von den Spuren der Mäuse, die hier mitunter munter umherhuschen.


    Neben dem Wirtschaftstrakt befindet sich ein kleiner Hof, auf dessen anderer Seite sich die Stallungen und daran angrenzend die Räucherkammer befindet, ebenso wie das Gesindehaus, ein kleines, einfaches aber ordentliches Haus. Umgeben werden die Gebäude von einem einst prachtvollen Garten. Zwei Dinge springen dem Betrachter sofort ins Auge: Zum einen die mächtige Eiche, die neben der Freitreppe wie ein Wächter des Herrenhauses wirkt und ihre Äste schützend über die Bewohner zu breiten scheint. Auch wenn das alles nun unbewohnt ist, der Baum trotzt der Zeit. Das andere sind die Rosenstöcke: Einst liebevoll gehegt und gestutzt, haben sie sich nun wild ausgebreitet und im Sommer füllen sie alles mit ihrem Duft. Obwohl nun verwildert, bestechen sie durch atemberaubende Schönheit. Begrenzt wird all das von einem Zaum, in dessen Mitte sich ein schmiede eisernes Tor befindet. Dahinter führt ein breiter Weg aus weißem Kies zum Haupthaus. Zum einen mündet dieser dann in den Hof, zum anderen wird er schmäler, führt um das Haus herum und mündet in einen schmalen Weg, der zum Strand hinabführt und sich im Sand des Ufers verliert.


    Hier, am Rand der Böschung steht, gut verborgen von einer Hecke, ein weißer Pavillon. Könnte er reden, wieviel hätte er zu erzählen, von heimlichen Treffen, verbotenen und geheimen Liebesschwüren und vor allem von jenem Drama, dass sich hier vor nun gut 21 Sommern ereignet hat: Jenes Drama, das das vorläufige Ende der Familie de Winter eingeleitet hatte.

  • Jul 521


    Der Tag macht der Nacht Platz und die beiden Monde Rohas sind wohl bereits über Talyra aufgegangen, auch wenn sie im Augenblick nicht zu sehen sind denn leise fallen dicke Schneeflocken auf die Stadt und hüllen sie in ein weißes Mäntelchen. Es scheint fast so, als wollten die Götter die in den letzten Monden so Gebeutelte und Gequälte in eine Decke hüllen, um ihr die Zeit zu geben, zur Ruhe zu kommen und sich zu erholen. Ist dem wirklich so, ist es der Stadt am Ufer des Ildoriel gegeben, ihre Wunden zu versorgen und wieder zu Kräften zu kommen, ihr und ihren Bewohnern?


    In ihrem Anwesen im Seeviertel steht Aurian am Fenster in dem kleinen Erker ihres Schlafgemachs und blickt auf den dunklen See hinaus. Nicht, dass es viel zu sehen gäbe und selbst wenn es so wäre, die Magierin würde es wohl kaum wahrnehmen. Zu sehr ist die Halbelbe in Gedanken versunken. Es ist einige Siebentage her, dass die letzten Botenkinder der Steinfaust das Anwesen verlassen haben, mehr oder weniger wieder genesen. Und nicht alle hatten es geschafft. Mit Grauen denkt sie an jene zurück, die in ihren Armen gestorben sind. In Summe fünfundzwanzig von ihnen haben sie und ihre beiden Mägde Lyall und Avila in der Zeit der Seuche im Anwesen aufgenommen und gepflegt, als es in der Steinfaust einfach zu viele Kranke wurden, um alle entsprechend versorgen zu können. Drei Mägde waren mitgekommen, hatten sich im Gesindehaus einquartiert und sie unterstützt. Apfelgribs, als Irrlicht immun gegen den Roten Tod, war in den Nächten von Schlafsaal zu Schlafsaal geflattert, um den kleinen Patienten Ängste zu nehmen, Hoffnung zu schenken und vielleicht ein kleines Lächeln auf das eine oder andere Gesichtchen zu zaubern. Denn zu Lachen hatte keiner wirklich viel gehabt in den vergangenen Monden. Aurian selbst war zwischen ihren Diensten bei der Wache und ihren Schützlingen im Anwesen hin und her geeilt, oft an der Grenze der eigenen Kräfte. Und doch, die Tränen der Verzweiflung und der Hilflosigkeit hatte sie sich meist nur gestattet in ihren Räumen zu vergießen, ungesehen von allen anderen.


    Ihre Räume … auch die wurden zum Krankenlager. Nicht für sie, den Göttern sei Dank blieb sie von der Krankheit verschont aber Varin, ihr Hauptmann bei den Wächtern und obendrein bester und besonderer Freund, wurde schwer krank.


    Aurian zieht das graue Dreieckstuch, das sie sich um die Schultern gelegt hat, enger. Trotz der munter im Kamin prasselnden Flammen ist ihr mit einem Mal kalt, eine Kälte, die nicht von einem zu kühlen Raum herrührt, sondern die aus einem selbst, aus dem Inneren kommt. Nur zu gut erinnert sich die Magierin an jenen Tag, als Varin eigentlich nur drei weitere Kinder aus der Steinfaust zu ihr bringen wollte. Schon am ersten Blick war ihr klar gewesen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Entsetzlich blass, kalter Schweiß auf der Stirn, seltsam glänzende Augen. Doch er hatte abgewunken, es sei alles in Ordnung. Und dann war er im Gang vor den Zimmern im ersten Stock umgekippt wie ein gefällter Baum. Gemeinsam mit Lyall hatte sie es irgendwie geschafft, ihn in ihr Schlafzimmer und in ihr Bett zu bugsieren, wo er dann für viele Siebentage geblieben war. Sitech hatte schon seine eisigen Finger nach ihm ausgestreckt, es sich aber dann doch nach einer gefühlten Ewigkeit anders überlegt. Aurian hatte Varin gepflegt und ihr eigenes Nachtlager auf den Diwan im Arbeitszimmer nebenan verlegt. Und doch in den schlimmsten Nächten hatte sie auf dem Fell vor dem Kamin am Boden geschlafen, aus Angst, nicht zu merken, wenn es ihrem Freund schlechter ginge. In seinem Fieberwahn sah er das nicht so, wollte ihr helfen, er sei gesund und kräftig, hatte Varin ihr ein ums andere Mal erklärt. Und im nächsten Moment nicht gewusst wo er war, wer sie war und sich die Seele aus dem Leib gehustet. Der Weg zurück war lang gewesen und Varin war einer der Letzten gewesen, der in die Steinfaust zurück gekehrt war.


    Nun war es still geworden im Anwesen, bis auf die eigentlichen Bewohner waren alle anderen wieder fort. Und obgleich sie es mehr oder weniger unbeschadet überstanden hatten, hatten die letzten Monde ihre Spuren hinterlassen, so wie in der gesamten Stadt. Mit einem Seufzen wendet Aurian sich von ihrem Fenster ab. Sie sollte sich eigentlich um die Verwaltungsaufgaben des Anwesens kümmern doch die Halbelbe kann sich nicht dazu durchringen. Sie weiß auch so, dass es nicht gut um die Finanzen bestellt ist. Einige ihrer verpachteten Flächen stehen nun ohne Pächter da, Einnahmen, auf die sie angewiesen war. Ihr Sold reicht gerade mal so, das Anwesen in den Grundzügen zu erhalten. Der Rote Tod hat Talyra vielleicht verlassen, doch seine Spuren werden sie alle noch lange verfolgen und beschäftigen.


    Aurian löscht die Kerzen und schlüpft aus ihren Kleidern. Morgen früh ist sie zum Wachdienst am Verder Tor eingeteilt, sodass sie es sich nicht erlauben kann, so lange im Bett zu bleiben wie es ihr gefällt. Kurz zögert sie, dann kriecht sie zwischen die Laken und fällt in einen tiefen Schlaf.

  • Es gibt keinen Schmerz, dessen Grenzen sich nicht weiten lassen.

    Gabriel Burns – Folge 33 „Schmerz“




    Jul 521 - später Abend



    Schmale Bänder aus Dampf winden sich träge aufwärts in Richtung Zimmerdecke, wie eine fragile Prozession winzigster Wassermoleküle, die sich scheinbar zum Rhythmus einer unhörbaren Melodie tanzend empor erheben. Dennoch werden sie dieses gemeinsame Ziel nie als Verbund erreichen.

    Sei es die Störung durch Lyalls ruhigen, stetigen Atem, der den Zusammenhalt der gläsern durchscheinenden Partikel schreckhaft auseinanderreißen lässt oder ihre ganz eigene Entscheidung auf der Hälfte ihres Weges nun noch lieber mit einsamen Luftmolekülen eine Partnerschaft einzugehen, die Luft kurz weiter mit Feuchtigkeit zu schwängern, um sich dann erneut als winzige Wassertropfen auf den glatten, kühlen Oberflächen von Töpfen und Pfannen niederzuschlagen… schlussendlich werden die geisterhaft wabernden Gebilde zerstört und die Bänder zerfasern zu flüchtigem Nichts.

    Der Ursprung dieses Phänomens ist ein großer wassergefüllter Zuber, dessen heißer Inhalt in der feuchtwarmen Umgebung nur langsam abzukühlen beginnt. Unter der Oberfläche des milchig weißen Wassers schwimmen Wäschestücke, wie Bettlaken oder Kopfkissen und harren geduldig ihrer Reinigung. Eines der Laken hat es zumindest schon auf den Rand des Zubers sowie halb auf ein hölzernes Brett geschafft, um dort eigentlich von der Wargin mit einem Stück Seife und dem Wäschebleuel ordentlich bearbeitet zu werden. Allerdings liegt es dort schon - noch gänzlich unbehelligt von Seife und Schlagholz- seit geraumer Zeit, trocknet hier und da schon wieder leicht ein und wirkt dabei, wie die nachlässig abgestreifte Haut einer riesigen Schlange.


    Auf einem niedrigen dreibeinigen Schemel sitzend, den Oberkörper leicht vornübergebeugt und mit auf dem Rand des hölzernen Zubers ruhenden Armen, ist Lyall in der einlullenden Wärme der Küche eingenickt. Ihr Atem ist regelmäßig und leise, verrät damit etwas über die innere Ruhe, die sie gerade in ihren Träumen auskosten kann und ein angedeutetes Lächeln lässt auf einen schönen Moment hindeuten, den sie erneut durchleben darf. Tatsächlich träumt ihr Geist von glücklicheren Tagen, welche zwar zeitlich gesehen zum Teil nicht in allzu ferner Vergangenheit liegen, emotional gesehen dafür umso mehr; in unzusammenhängender Reihenfolge spult ihr Innerstes Bilder ab… ihr erstes , scheues Aufeinandertreffen mit ihrem wunderbaren Shida‘ya Cinaéd auf dem Blumenball, Aneirins und ihr Ausflug zum Perlenhafen, die wilde Hatz mit Kaney und Ragna durch das flirrende Schattenspiel des Larisgrüns, leuchtende Kaninchen zu Flötentönen tanzend, Avilas lachendes Gesicht abgewandt von der gleißenden Sommersonne, umspielt von den üppig blühenden Rosen des de Winter`schen Gartens, das Gesicht ihres Geliebten, umrahmt vom satten graugrün der Weide am Ufer des Ildorel… so als ob ihre Seele sich selbst daran erinnern muss, dass auch schöne Dinge auf Rohas weitem Rund warten, als ausschließlich Krankheit, Verzweiflung und Tod. Doch je mehr sie in den Schlaf übergleitet, sich ihre Muskeln weiter entspannen, desto lockerer wird wiederum ihr Griff um das Seifenstück. Allmählich gleitet es fort, sich aus der Umklammerung der Finger schleichend, hinab zur Wasseroberfläche strebend. Zwischen den Fingerspitzen verweilt es kurz, als wäre es unschlüssig, ob es den Sprung in das Wasser wagen soll, doch ein bald darauffolgendes platschendes „Blubb“ zeigt an, dass das Stück gepresste Sauberkeit die Wasseroberfläche durchbrochen hat. Die Ohren der Wargin zucken, als sie das Geräusch vernehmen und dieser lapidare Sinnesreiz unterbindet abrupt Lyalls weitere Reise in das Reich der Träume.


    Obgleich das Kaminfeuer die Küche mit einem blassen sanftgoldenen Schein überzieht, blinzelt die schwarzhaarige Frau mehrmals und ihre Augen müssen sich kurz an den schummrigen Schein gewöhnen. Einen Moment ist die Drachenländerin irritiert, als die mit fabelhaft unnatürlich grell gemalten Traumbilder in ihrem Kopf gegen die spröde Gegenwart des Hier und Jetzt kämpfen, jedes der Beiden nach der Vorherrschaft über ihr Bewusstsein strebend, doch schlussendlich siegt die glanzlose Gegenwart und lässt die freudigen Erinnerungen, wie durch auffrischende Winde fortgescheuchte Wolkenfetzen, unsanft zerreißen. Ein paar Herzschläge lang muss sich erst orientieren, doch schnell dämmert ihr, wo sie sich befindet und welcher Tätigkeit sie nachzugehen vorhatte. Ernüchtert und mit traurig herabhängenden Ohren seufzt Lyall tief, reibt sich mit einem Handrücken über die mit unschön dunklen Ringen verhangenen Augen. Ungelenk angelt sie im weißlich trüben Wasser des Bottichs nach dem aus ihren Händen entfleuchten Seifenstück und beginnt erneut mechanisch den vor ihr auskühlenden Leinenstoff zu bearbeiten, in den die kränkelnden Essenzen der vielen Kinder sprichwörtlich eingesickert sind.

    Wie ein unsichtbares Miasma, hatte sich die Krankheit an die Bevölkerung herangeschlichen, war still und unberechenbar durch die Stadt gekrochen, hatte vor nichts und niemandem Halt gemacht. Manche Völker waren gegen diese Krankheit immun, wie man nach einiger Zeit feststellte, doch auch die von der Roten Seuche verschonten Individuen litten und darbten, da auch sie die Drangsal und das Sterben von Freunden, Verwandten und Familienmitgliedern hilflos miterleben mussten. Anfangs war man zuversichtlich und voller Hoffnung gewesen, dass das Unheil schnell überwunden werden würde, war man doch schon mit so vielem in der Vergangenheit fertig geworden und vor allem, da die Anirani und sogar ein medizinisches Gebräu die Krankheit heilen konnten. Doch schließlich waren in immer kürzeren Abständen zunehmend mehr Personen erkrankt, als dass die Anirani mit ihrer Heilkunst hinterher kamen oder das Heilmittel für alle Notleidenden verfügbar gemacht werden konnte. Die Rote Seuche biss sich heimtückisch fest und schien gar nicht so schnell wieder das Weite suchen zu wollen, wie vormals erhofft. Wie eine ausgehungerte Zecke saugte sie die Stadt förmlich leer, sodass diese schlussendlich bar jeder Hoffnung und Zuversicht war. Hier und da entlud sich aufgestauter Unmut über die zu Beginn der Notlage vom Stadtrat getroffenen Vorsichtsmaßnahmen, wie das Tragen eines Tuchs über Mund und Nase, das Meiden von übermäßigen Kontakten oder auch das Verbot von öffentlichen Veranstaltungen und, damit einhergehend, auch das Schließen der Gasthäuser. Beispielsweise kochten die Gemüter eines Tages über und alles endete in einem Aufstand der Händler, da der Marktplatz zu großen Teilen geräumt und jegliche Stände, welche keine Güter des täglichen Gebrauchs anboten, ersatzlos verboten wurden. Doch der Großteil der Bevölkerung ging - wenn überhaupt - mit gesenkten Köpfen und tuchverhangenen Gesichtern durch die Gassen, vorrangig damit beschäftigt Abstand zu halten und sich selbst vor den üblen Winden zu schützen.


    Die mit winzigen Schaumbläschen überzogene Seife zur Seite legend und den Wäschebleuel kräftig einsetzend fällt ihr auf, dass es sich tatsächlich um Aurians Bettwäsche handelt, welche sie gerade in den Händen hält. Der säuberlich gestickte Buchstabe „A“ lässt daran keinen Zweifel. Infolgedessen taucht Varins Gesicht vor ihrem inneren Auge auf, kränkelnd und grau, dem Tode näher als dem Leben. Denn er ist es gewesen und keines der Kinder, dessen um Genesung kämpfender Leib von Aurian und ihr selbst mit vereinten Kräften in die Schlafstatt ihrer Freundin bugsiert worden war. Viele bange Siebentage hatte er dort verbracht, stets sorgenvoll überwacht von der Halbelbe, die ihn nur selten aus ihren grünen Augen ließ. Noch nie hatte Lyall den kräftigen Mann so zerbrechlich und schwach erlebt, ihre Freundin schon lange nicht mehr so verzweifelt. Ja, eine verzweifelte, tränenreiche und unsagbar zäh dahinkriechende Zeit war es die letzten Zwölfmonde durchaus gewesen, auch wenn diese Worte die vorherrschende emotionale Resignation und Erschöpfung nicht annähernd beschreiben können. Nur sehr langsam hatte sich der Zustand des blonden Mannes gebessert und er hatte letzten Endes ausgezehrt und matt, aber lebendig das Anwesen wieder verlassen können. Vielen der Kinder war dies nicht vergönnt gewesen und sie hatten ihre letzten Stunden im Anwesen verbracht, stetig umsorgt von allen dort verfügbaren Kräften, doch vergebens. Ihre kleinen von Hustenkrämpfen geschüttelten und vom Fieber erschöpften Körper hatten den Kampf gegen die Rote Seuche verloren, taten ihren letzten röchelnden Atemzug in den zitternden Armen einer der auf dem Anwesen Wacht haltenden Frauen.

    Lyall hatte die entsetzliche Erfahrung machen müssen wie es ist, ein sterbendes Kind in den Armen zu halten, Wellen der absoluten Hilflosigkeit gepaart mit Wut und Verzweiflung über sich hinwegwaschen zu lassen, bar jeder Hoffnung auf Errettung. Nun hat sie einen Einblick bekommen, was Aneirin mit Brianna damals hatte durchmachen müssen.

    Nicht, dass sie so vermessen wäre zu glauben, sie wisse nun, wie sich ein Elternteil fühlt, der sein eigen Fleisch und Blut sterben sieht. Aber der ungewollt gewonnene Eindruck genügt ihr, dass ein Teil ihrer Seele für immer tiefe Wunden tragen wird und jedes Mal ein kleiner Teil ihrer selbst dabei gestorben war.


    Kurz blinzelt die Wargin die erneut aufwallenden Tränen hinfort, fokussiert ihren Blick ein paar Herzschläge lang zwanghaft auf die grellorangenen Flammenzungen des Herdfeuers, welche geisterhaft verzerrte Schattenspiele über den Innenraum der Küche tanzen lassen, bevor sie sich wieder der Wäsche zuwendet. Mit rotgeäderten verquollenen Augen waren sie alle ihrer Arbeit nachgegangen, bis jede verfügbare Träne vergossen worden und die absurde Situation eingetreten war, dass sie alle - trotz tiefer Traurig- und Mutlosigkeit - nicht mehr weinen konnten. Weiterhin hatten sie nach außen hin versucht Zuversicht auszustrahlen, was ihnen wohl nur kläglich gelungen war. Aber konnte es ihnen jemand verübeln?

    Auch die Beziehung der Wargin zu ihrem Elben litt sehr, denn kaum hatten sie den freudigen Entschluss gefasst ihrer beider Leben zusammen auf Glyn-y-Defaid in trauter Zweisamkeit zu gestalten, hatte dieser Zukunft das plötzliche und in den Auswirkungen so heftige Auftreten der Seuche ein vorerst jähes Ende beschert. Die Habseligkeiten der Drachenländerin hatten damals allesamt auf einen Handkarren gepasst und waren auch schon sicher auf dem Schafhof angelangt. Doch bevor sie sich richtig einleben und die Anwesenheit ihres Geliebten nun tagtäglich genießen konnte, musste sie ihre Liebe und den Hof schon wieder überstürzt verlassen, um ihrer Freundin und den Kindern in Not zu Hilfe zu eilen. Dass sie nun erneut so lange getrennt von Cinaéd auskommen musste und ihm wiederum in seinem Heim keine Hilfe sein konnte, macht ihr schwer zu schaffen, auch wenn sie um die Notwendigkeit ihres persönlichen (in Anbetracht der vielen zu Beklagenden durchaus als relativ gering einzuschätzenden) Opfers Bescheid wusste. Doch ihr Herz beschwerte diese Last zusätzlich, ließ die Tage lang und die Nächte noch länger werden und der Umstand, dass sie Cin fast nur dann sah, wenn Sithech eines der kleinen Geschöpfe zu sich geholt hatte, machte alles schier unaushaltbar. Tiefe Sorgenfalten haben sich in das sonst so ebenmäßige Gesicht des Elben eingegraben, im roten Feuer seiner Haare blitzen mehr Silberfäden auf, als noch vor der dramatischen Seuche und sein Lachen ist nur noch eine von Lyalls schönen Erinnerungen.

    Ihr Griff um den Wäschebleuel wird fester und ihre Kiefermuskeln spannen sich an, als sie krampfhaft darum bemüht ist die Fassung zu wahren. Ihn so zu sehen riss ihr jedes Mal aufs Neue das Herz aus dem Leib, doch mehr füreinander tun als sich gegenseitig erschöpft und elend in die Arme zu fallen, mit dieser Geste beim Gegenüber zugleich Halt suchend und Trost spendend, hatten sie nicht zu vollbringen vermocht. Viel sprachen sie nicht, sondern konzentrierten sich auf die Gesellschaft des geliebten Wesens, welche endlich wieder in unmittelbarer Nähe warm und voller Leben zu spüren war. Und sollten sie doch leise Worte wechseln, so war die rote Seuche unvermeidlich auch in ihre Gespräche gesickert. Man erkundigte sich mit pochendem Herzen um das Wohlbefinden des Partners als auch der Freunde und Bekannten, inständig auf gute Nachrichten hoffend. Von Glück können beide sagen, dass weder die Bewohner von Glyn-y-defaid, noch des Anwesens Schaden erlitten haben und sie mit dem blanken Schrecken davongekommen sind. Die Drachenländerin betet jeden anbrechenden Tag zur großen Mutter, dass sie diesen unbeschadet übersteht und dankt gleichzeitig dafür, dass sie die vorherigen ohne Erkrankung überstanden hat. Dass sie eine Immunität, wie die Elben besitzt, kann Lyall sich nicht vorstellen. Aber offenbar sind die am Anwesen getroffenen, als auch ihre persönlichen Schutzmaßnahmen, bis zu diesem Zeitpunkt ausreichend gewesen, um nicht der Seuche anheim zu fallen. Und wohlmöglich wird die Wargin dies auch nicht mehr, da seit Blätterfall keine neuen Ansteckungen mehr zu verzeichnen waren und sich der schraubstockartige Griff um die Stadt tatsächlich langsam zu lösen beginnt. Damit begannen jedoch auch unweigerlich die langen Aufräumarbeiten der mehr oder minder provisorischen Krankenlager, bei denen Avila und sie noch Unterstützung durch die Mägde erfahren hatten, doch auch diese haben das de Winter`sche Anwesen bereits verlassen und es sind nur noch Kleinigkeiten zurückgeblieben, wie eben das Wäschewaschen sowie das Auskochen der Laken. Doch sobald die letzten Arbeiten verrichtet worden sind, wird die Wargin wieder zu ihrem Elben eilen, so schnell ihre vier Pfoten sie zu tragen vermögen. Bitterlich gelitten haben sie, dass weiß ein jeder der Beiden, auch wenn sie sich bei jedem Treffen Mut und Standhaftigkeit zugesprochen hatten, zeigte sich in ihren Blicken und Gesten eine tiefschürfende Verlustangst, die sich mit keinem körperlichen Schmerz vergleichen lässt.


    Ihre Freundinnen im Gegenzug verlassen zu müssen ist die Kehrseite der Medaille. Avila hat den Haushalt weiterhin gekonnt im Griff und die meisten schweren Arbeiten, bei denen Lyalls Arbeitskraft nötig gewesen waren, sind schon verrichtet, sodass die Wargin zumindest dahingehend keine Gewissensbisse haben muss. Schließlich wird sie immer herbeieilen, wenn ihre Freundinnen Hilfe brauchen, keine Frage. Der Abschied von Apfelgribs bereitet ihr da schon mehr Sorgen; das zarte Wesen hatte sehr unter ihrem ersten Fortgang gelitten.

    Das Wäscheholz seufzend zur Seite legend und den nassen Stoff mit beiden Händen greifend, taucht sie ein Stück des Lakens erneut unter, dort, wo sich ein kleiner Fleck hartnäckig im Gewebe festkrallt. Obwohl ihre Hände bereits müde und aufgequollen sind rubbelt sie eisern, bis der dunkle Umriss langsam heller zu werden scheint. Ja, müde ist sie bis in die Knochen, wie alle hier. Sie möchte neben Cin ins Bett fallen und für die nächsten Siebentage nicht wieder hervorkommen. Auch Aurian und Avila werden die nächsten Wochen sicherlich für Selbstfürsorge aufwenden müssen; beide gehen zwar tapfer ihrem Tagwerk nach, doch die Erschöpfung steckt auch ihnen in den Gliedern und wie sehr sehnen sich alle nach einer durchgeschlafenen Nacht ohne Unterbrechung durch das leise Wimmern eines kranken Kindes, dem röchelnden Husten derer, nach denen Sithech unnachgiebig griff oder einfach einen Schlaf ohne nervenaufreibende Alpträume… Bald wird sie mir ihrer Wäsche fertig werden, in ihre Kammer gehen und hoffentlich in einen tiefen, traumlosen Schlaf fallen. Einfach nur ein paar ruhige Nächte, Ealara. Für uns alle. Bitte erweise uns diese einfache Gnade…, sinniert sie, nicht ahnend, dass ein paar Stockwerke über ihr auch ihre Freundin eigenen Sorgen nachhängt, bevor auch diese ihr trügerisches Heil im Schlaf sucht.

    'Er, excuse me,' said the man as Nanny Ogg turned away, 'but what is that on your shoulders?'
    '
    It's. . . a fur collar,' said Nanny.
    'Excuse me, but I just saw it flick it's tail.'
    'Yes. I happen to believe in beauty without cruelty.'

    Terry Pratchett

    3 Mal editiert, zuletzt von Lyall ()

  • Klappernd schlagen Erles Zähne aufeinander, derweil die Kälte ihm mit jedem Atemzug tiefer in die Knochen fährt. „Verdammt, verdammt, verdammt!“ Er könnte sich sonst wohin treten, für seine vermaledeite Dummheit! Nur würde ihm das auch nicht weiterhelfen. Ist es das also? In einem verlassenen Mäuseloch erfroren, weil ich nicht auf die Warnungen hören wollte, zeitig zurückzukehren? Tot, weil ich unbedingt den Auftritt dieser Langbeinsängerin zu Ende hören musste? Zornig tritt Erle gegen das gefrorene Erdreich. Wie hatte es nur soweit kommen können? Nun, das war schnell erzählt: Ecco, ein Fírbergan, so altersgrau, dass manche mutmaßten, er könne der älteste noch lebende Vertreter seiner Art sein, hatte sich einen Husten zugezogen, gerade als alle dachte, es wäre vorüber und der Rote Tod zurückgedrängt. Also hatte man nach dem besten Fírberganheiler der Stadt geschickt und, als der nicht verfügbar gewesen war, hatte halt mit dem vorlieb genommen, was grad verfügbar war – Erle! Es war tatsächlich eines der wenigen Male gewesen, das Erle ein gebrochenes gezähmtes Reittier, eine Taube, bestiegen hatte, so schnell wie möglich zu seinem Patienten ins Seeviertel zu gelangen und tatsächlich konnte Erle schon nach einer kurzen Untersuchung Entwarnung geben. Der rote Tod war es nicht, sondern nur eine Verkühlung, die in solch fortgeschrittenem Alter aber auch schnell hätte zum Tode führen können. Wäre Erle dann sofort wieder aufgebrochen, er würde jetzt schon wieder daheim die Füße sich an einem gemütlichen Feuer wärmen, statt sie hier, schon gefühllos in seinen ledernen Stiefel steckend, auf den eisigen Boden zu stampfen, das Unausweichliche so doch nur hinauszuzögern. Aber da war diese Feier der Langbeine, denen die Villa gehörte, in der Ecco es sich mit seinen Kindern und Kindeskindern gut gehen ließ. Clair hieß die Hochelbin die zu Harfenmusik und Flötenspiel so herzerweichend im Raum unter ihnen gesungen hatte, das man dafür hätte sterben mögen, ihr weiter noch zuzuhören. …was ich ja nun wohl auch werde!, grollt Erle still vor sich hin…


    Die anderen Fírbergan hatten ihn erst gedrängt aufzubrechen, bevor es dunkelte und dann, zuletzt ihn gedrängt zu bleiben. Doch mit einem halben Dutzend anderer weinselig schnarchender Fírbergan in einer Kammer zu schlafen? „Nein!“ hatte er die Bitten Eccos selbst zuletzt gar ausgeschlagen, „Etwas frische Nachtluft ist genau das, was ich brauche!“ Die Warnungen vor den aggressiven Nachtvögeln hatte er leichtfertig abgetan und dabei an die satte Eule Ora im Dachstuhl über seiner Schlafstatt gedacht. Oh, welch einem Irrtum er damit doch erlegen war. Ora war satt von den Mäusen, die in den nahen Mogbargärten einen wohl gedeckten Tisch vorgefunden hatten und einige der Fírberganjäger hegten die Mausbestände beinahe so, wie die Langbeine ihr Rot- und Schwarzwild. Ora war also stets satt und zufrieden gewesen und hatte sich mit den Fírbergan darum leicht arrangiert, wohingegen hier, so nahe des Idorel die Ratten, vom Hafen kommend, den Roten Tod auch unter die Nagerpopulation der Stadt getragen hatten. Die Vierbeiner waren allgemein etwas resilienter der Seuche gegenüber gewesen, als die sprechenden Völker, dafür aber auch weit weniger medizinisch bewandert und so, unbemerkt von den Langbeinen, hatte auch unter diesen der Rote Tod reiche Beute gehalten, was wiederum die Eulen in diesem Teil der Stadt nahe an den Hungertod gebracht hatte. „Mit denen kannst du nicht Reden, Erle! Hör auf uns und bleib hier – bitte!“ Erle hatte nur gelacht und sich auf den Weg gemacht. Auf eine der Kutschen, der sich gleichfalls aufgemacht habenden Festgäste der Feierlichkeit aufgesprungen seiend, hatte Erle es sich nahe der hinteren Radachse gemütlich gemacht. Weinselig, hatten doch auch die Fírbergan ein Fest gefeiert, ob der frohen Nachricht, das Ecco doch noch nicht von ihnen gehen musste, summte Erle die Melodie von Claires letzten Stück, dem Vargsången, leise vor sich hin – „Wild heult der Wolf des Nachts im Wald, er heult vor Hunger und Klagen…“, als – WUSCH! – ein Schemen, wie aus dem Nirgendwo auftauchend, vor ihm Gestalt annahm und, wäre der Wagen nicht just in dem Moment über ein Schlagloch gefahren, das Erle ruppig zur Seite schnellte, die nadelscharfen vier Klauen hätten ihn wohl dort an Ort und Stelle aufgespießt! So aber hatte Erle den Stoß der Kutsche zum Überleben genutzt, und aber beim Versuch in das sichere Innere des Wagens zu gelangen – sollten die Langbeine ihn ruhig sehen – den Halt unglücklicherweise verloren.


    Wären die Straßen nicht tief verschneit gewesen, er hätte sich vermutlich sonst was bei dem Sturz gebrochen, so aber war er haken schlagend vor dem immer wieder aus der Dunkelheit herabstürzenden Schatten geflohen, direkt auf das nächste, ihm Schutz verheißende Haus zu, doch es war vergebens gewesen. Er hätte es niemals geschafft, hatte nur noch mit Müh und Not in einem Loch inmitten eines verwildert Gartens Zuflucht gefunden. „Schuhuh, Schuhuh!“ Erle hört den nagenden Hunger in jedem Ruf der Eule und begriff erst da, zu spät, dass das hier nicht die fette gutmütige Ora aus seinem Dachstuhl über Emmets Laboratorium war. „Verdammt, verdammt, verdammt!“ brüllt Erle. „Shuhuh – Shuhuh!“ antwortet es von einem nahen Baum: Hunger – Hunger! Erneut blickt Erle sich um, ohne hier drunten indes irgend etwas Neues zu sehen. Der steif gefrorene Mäusekadaver zeigt alle Anzeichen des Roten Todes, weswegen Erle sich diesem, wie dessen letzter Lagerstadt auch nicht weiter nähert. Zweimal hatte er einen Vorstoß in Richtung des Hauses gewagt und beide Male nur mit Mühe und Not wieder in das Mäuseloch zurück hechten können. „Schuhuh – Schuhuh!“ Wieder stampft Erle mit den Beinen auf, als ein Krampf mit einem Mal seinen linken Fuß erfasst, ihn zu Boden wirft, wo er nichts anderes tun kann, als die Zähne schmerzgepeinigt zusammenzupressen, bis der Krampf endlich vorüber ist. Schlechte Blutversorgung, mehr Nüsse und allgemein eine gesünder Ernährung! ein sardonisches Grinsen verzieht seine Züge. Erstklassig analysiert, aber… hilft mir jetzt das hier irgend weiter? Je tiefer ihm die Kälte in die Knochen fährt, desto heftiger werden diese Krämpfe voraussichtlich werde. …bis mir so warm wird, das ich meine Sachen abzulegen beginne und das Delier von mir Besitz ergreift!. Entweder würde er sich dann zu der toten Maus legen, bis er so steif gefroren wäre wie diese, oder aber nackt hinaus spazieren und mit etwas Glück die ihn aufspießenden Klauen der über ihm noch immer lauernden Eule nicht einmal mehr kommen sehen.


    „Nein, verdammt, nicht so!“ – „Schuhuh, Schuhuh!“ Erle nimmt seinen Rucksack ab, den er nicht zurückzulassen gewagt hatte, hätte das doch auch keinen Unterschied gemacht. Einer Eule läuft niemand davon; nicht in der Nacht, nicht in ihm unbekanntem Terrain! Die Stoffmaske ist schnell über Mund und Nase gezogen und die Unterarme mit etwas Alkohol aus einem Glaskolben benetzt! Die Verdunstungskälte spürt Erle nicht, sondern vielmehr einen angenehm warmen Schauer. Ein Teil seines Bewusstseins beginnt abzudriften, derweil der andere das herannahende Delier professionell analysiert, die ihm verbleibende Zeit abschätzt und ihn zwingt, sich dem Lager der toten Maus zu nähern. Trockenes Gras liegt unter dem Mäusekadaver und einige fetthaltige Samen liegen in einer vom Eingang nicht einsehbar gewesen seienden Ecke der Höhle. Rasch ist der Kadaver mit den Stiefeln beiseite gerollt und die Phiole mit dem Alkohol über dem Graslager entleert. Rasch schieben die schon tauben Füße in den sie schützenden Stiefel das Gras durcheinander, rollen die Nüsse dazu, bis die Luft alkoholschwanger und Heu und Nüsse allüberall mit der reinigenden Flüssigkeit benetzt sind. Die Hände, kaum mehr zum Greifen fähig, schlingen sich um eine aus der Decke hinab reichende verdorrte Wurzel, zerren verzweifelt daran. Sie mit dem Heu und den Samen zusammen zum Entzünden eines Feuers zu verwenden, war eigentlich der Plan gewesen. Das die halbe Höhle dabei über ihm zusammenstürzt und dabei den Mäusekadaver unter sich begräbt ist eher ein willkommener Nebeneffekt nur. Ebenso wie der warme „…nein – der kalte Luftzug!“, verbessert der noch immer analytische Teil seines Verstandes. „Warm ist Illusion, ist Delier, ist Tod!“ Aber der Luftzug ist da. „Also doch nicht ersticken!“Ein Haufen der alkoholgetränkten Gräser und Samen wandert vor die nach oben führende Öffnung der Höhle.


    Beinahe zwei Minuten vergehen, ehe die gefühllosen Finger Erles, mit Feuerstein und Stahl vollbringen, was ihn normalerweise nicht mehr, denn zwei, vielleich drei Herzschläge gekostet hätte: Feuer! Knisternd flammt das Stroh auf und ist nach wenigen Sekunden lichterloh am brennen. Diese Wärme ist endlich echt und keine Einbildung! Außer natürlich, ich liege bereits am Boden und träume das hier gerade nur vor mich hin. Aber dann wäre es wohl eh egal. Also heißt es weiter machen, immer wieder eine neue Fuhre des ehemaligen Totenlagers ins Feuer schieben. Die Schmerzen ob der plötzlichen Wärme, so nahe des Feuers ignorierend, bleibt Erle so dicht bei den Flammen stehen wie nur irgend möglich. Der Erstickungstod im Rauch des Feuers bleibt ihm dank der in Teilen eingestürzten Höhlendecke erspart, ziehen die Rauchschwaden doch nun durch den Eingang davon, kräuseln sich einen Moment in der kalten Nachtluft, ehe sie darin leise schließlich zerfasern. Das Feuer ab brennen halten! Alles, nur nicht erfrieren! „Schuhuh, Schuhuh, Schuhuh!“ Ärgerlich klingen die Rufe der Eule mit einem Male! „Schuhuh, Schuhuh!“ Zuerst nur um das ihm inzwischen verhasst seiende nächtliche Rufen zu überlagern, summt Erle erst nur wortlos vor sich hin, ehe, mit der Wärme auch der Trotz in seinen Körper zurückzukehren scheint und Erle laut und gar nicht einmal sooo schlecht die Stimme erhebt:


    „Wild ruft die Eul’ des Nachts im Baum,

    vor Hunger kann sie nicht schlafen.

    Und ihre Höhl’ ist bitterkalt,

    sie giert nach fetten Ratten.

    Du Eul’, du Eul’, komm nicht hierher.

    Mein Fleisch das frisst du nimmer mehr…“

    Kindness is like snow. It beautifies everything it covers.” (Kahlil Gibran)

    10 Mal editiert, zuletzt von Erle ()

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