Das Anwesen de Winter

  • Das Anwesen de Winter


    Im Seeviertel, ganz in der Nähe von Vinyamar, liegt das alte Anwesen der de Winters. Einst eines der prächtigsten Häuser der Stadt, nagt nun der Zahn der Zeit an den Gebäuden. Und dennoch spürt man noch den Zauber, der von all dem ausgeht. Eine zierliche Freitreppe führt zur Tür des Haupthauses, in die ein filigran anmutendes Muster geschnitzt ist. Der aufmerksame Betrachter wird im Zentrum der beiden Flügeln die Nachbildung eines Steines erkennen. Auch sonst ist das Mauerwerk mit zarten Verzierungen übersät, so leicht, als wären sie von Feenhand angebracht worden. An der Rückseite befindet sich ein Erker, von dessen Fenster man einen wunderschönen Ausblick auf den Ildorel hat. Betritt man das Haus nun durch besagte Tür, gelangt man in eine wunderschöne Halle, die sich in der Höhe bis unter das Dach erstreckt. In der Mitte der rückwärtigen Wand befindet sich ein Kamin, links und rechts davon führen zwei Treppen auf die Galerie beziehungsweise den ersten Stock.


    Wendet man sich nun im Erdgeschoss nach links, gelangt man in den Küchentrakt: Vorgelagert befindet sich der Speisesaal, dessen Herzstück ein schwerer Tisch darstellt, um den herum zwölf Stühle angeordnet sind. An den Längsseiten befinden sich zum Teil zierliche Anrichten, sofern die großen Fenster Platz dafür lassen. Diesen Raum betritt man durch einen bogenförmigen Durchgang, der den Blick auf die Eingangshalle freigibt. Dem genau gegenüber befindet sich eine Tür, die zu den Wirtschaftsräumen führt. Hier befinden sich Küche, Speisekammer und der Abgang zum Weinkeller, sowie eine weitere Tür, die in einen kleinen Hof führt, der die Stallungen mit den angrenzenden Schlacht- und Räucherkammern vom Hauptgebäude trennt. Besagte Küche wird von einem mächtigen Ofen beherrscht, der in den Zeiten, als das Anwesen noch bewohnt war, so gut wie nie ausging. Selbst in den Nachtstunden glomm eine schwache Glut darin und an manch kaltem Winterabend fanden halb erfrorene Reisende Zuflucht davor. Gastfreundschaft war immer groß geschrieben worden und eben diesen einladenden Eindruck vermittelt das Haus noch immer, obwohl es verlassen ist, ganz so als wäre der Geist der ehemaligen Bewohner noch immer präsent. Direkt an die Küche grenzt die Speisekammer, in deren Boden sich die Luke zum Weinkeller befindet. Dieser Raum hat drei Türen: Eine zur Küche, eine zum Gang der zum Speisesaal führt und eine eben in den Hof.


    Die gesamte rechte Seite des Erdgeschosses wird von einem einzigen Raum eingenommen: dem Salon. Obwohl hauptsächlich für offizielle Anlässe genutzt, strahlte auch er immer eine Gemütlichkeit aus, die ihresgleichen sucht. Hell und freundlich eingerichtet, mit großen weichen Stühlen vor dem Kamin, der sich an der hintersten Wand befindet. An den Wänden befinden sich in diesem Bereich des Salons Regale, die bis unter die Decke reichen und einst voll waren mit Büchern. Heute sind diese Schätze im Haus der Bücher. Nach dem Tod der Lady hatte Tallard veranlasst, dass sie dorthin gebracht wurden. Zum Schein aus dem edlen Motiv, all das der Stadt zu bewahren und vor Räubern zu schützen, doch hinter vorgehaltener Hand wurde getuschelt, es sei alles Rache an der Familie de Winter, Rache für Lestats Verhältnis mit seiner Frau. Der vordere Teil des Raumes wirkt beinahe leer, sind doch nur hüfthohe Anrichten und einige Stühle entlang der Wände verteilt, doch bei so manchem rauschenden Fest hat er als Tanzfläche gedient. Nun überzieht eine feine Staubschicht Boden und Möbel und auch hat sich ein feiner grauer Film über die großen Fensterscheiben gelegt.


    Steigt man nun eine der beiden Treppen empor, gelangt man auf die Galerie, die beide verbindet und sowohl link wie auch rechts in Gänge mündet: Der linke Teil ist der Gästeflügel. Vier einladende Räume boten Freunden und Verwandten beschauliche Unterkunft für die Nacht. Großzügig angelegt, gehen in allen der Schlafbereich fließend in einen kleinen Wohnbereich über, verbunden durch bogenförmige Durchgänge, gleich dem, der die Halle mit dem Speisesaal verbindet. Die Fenster geben den Blick zum Teil auf den Garten, zum Teil auf den Strand frei und wenn man sich etwas aus dem Fenster lehnt, kann man den Blick auf den Ildorel genießen. Wirklich überwältigend ist der Blick auf dem See jedoch von den Fenstern des Erkers aus, der sich im rechten Trakt, direkt im Schlafzimmer, befindet. Durch die Fenster fällt des Morgens das Licht der aufgehenden Sonne und kitzelt den Bewohner sanft wach, denn genau gegenüber des Erkers steht das Himmelbett mit den hauchzarten, weißen Vorhängen. Vor dem Bett liegt ein weiches Fell, ursprünglich weiß, doch nun ergraut vom Staub. Des Weiteren befindet sich eine Kommode im Raum, mit einem runden Spiegel und einem Stuhl davor. Ein bogenförmiger Durchgang führt in den Wohnbereich, der mit den gleichen gemütlichen Sesseln ausgestattet ist, wie der untere Salon. Auch befindet sich hier ein Kamin, kleiner zwar als jene des Erdgeschosses, jedoch nicht minder heimelige Wärme verströmend. Auch befindet sich im Schlafzimmer eine zweite Tür, die zum Ankleidezimmer führt.


    Tritt man auf den Gang des Traktes, wird man noch dreier Türen gewahr: Zwei führen in die Zimmer, welche ein einst von Lestat und Forral, den Söhnen des Hauses, bewohnt wurde. Die dritte führt in eine klein, jedoch nicht minder ansprechende Kammer: Erins Reich. Die Amme der beiden Jungen hatte solange die Familie im Besitz des Hauses war hier oben gelebt, ja sie hatte regelrecht zur Familie gehört. Schlussendlich führt noch eine Luke auf den Dachboden, der voll ist mit allerlei Dingen, die sich über die Jahrzehnte angesammelt hatten. Zum Teil sind die Gegenstände fein säuberlich mit Laken verhüllt, anderes liegt in Truhen, auf denen sich eine Staubschicht gebildet hat, wie auch auf dem Fußboden. Unterbrochen wird diese nur von den Spuren der Mäuse, die hier mitunter munter umherhuschen.


    Neben dem Wirtschaftstrakt befindet sich ein kleiner Hof, auf dessen anderer Seite sich die Stallungen und daran angrenzend die Räucherkammer befindet, ebenso wie das Gesindehaus, ein kleines, einfaches aber ordentliches Haus. Umgeben werden die Gebäude von einem einst prachtvollen Garten. Zwei Dinge springen dem Betrachter sofort ins Auge: Zum einen die mächtige Eiche, die neben der Freitreppe wie ein Wächter des Herrenhauses wirkt und ihre Äste schützend über die Bewohner zu breiten scheint. Auch wenn das alles nun unbewohnt ist, der Baum trotzt der Zeit. Das andere sind die Rosenstöcke: Einst liebevoll gehegt und gestutzt, haben sie sich nun wild ausgebreitet und im Sommer füllen sie alles mit ihrem Duft. Obwohl nun verwildert, bestechen sie durch atemberaubende Schönheit. Begrenzt wird all das von einem Zaum, in dessen Mitte sich ein schmiede eisernes Tor befindet. Dahinter führt ein breiter Weg aus weißem Kies zum Haupthaus. Zum einen mündet dieser dann in den Hof, zum anderen wird er schmäler, führt um das Haus herum und mündet in einen schmalen Weg, der zum Strand hinabführt und sich im Sand des Ufers verliert.


    Hier, am Rand der Böschung steht, gut verborgen von einer Hecke, ein weißer Pavillon. Könnte er reden, wieviel hätte er zu erzählen, von heimlichen Treffen, verbotenen und geheimen Liebesschwüren und vor allem von jenem Drama, dass sich hier vor nun gut 21 Sommern ereignet hat: Jenes Drama, das das vorläufige Ende der Familie de Winter eingeleitet hatte.

  • Jul 521


    Der Tag macht der Nacht Platz und die beiden Monde Rohas sind wohl bereits über Talyra aufgegangen, auch wenn sie im Augenblick nicht zu sehen sind denn leise fallen dicke Schneeflocken auf die Stadt und hüllen sie in ein weißes Mäntelchen. Es scheint fast so, als wollten die Götter die in den letzten Monden so Gebeutelte und Gequälte in eine Decke hüllen, um ihr die Zeit zu geben, zur Ruhe zu kommen und sich zu erholen. Ist dem wirklich so, ist es der Stadt am Ufer des Ildoriel gegeben, ihre Wunden zu versorgen und wieder zu Kräften zu kommen, ihr und ihren Bewohnern?


    In ihrem Anwesen im Seeviertel steht Aurian am Fenster in dem kleinen Erker ihres Schlafgemachs und blickt auf den dunklen See hinaus. Nicht, dass es viel zu sehen gäbe und selbst wenn es so wäre, die Magierin würde es wohl kaum wahrnehmen. Zu sehr ist die Halbelbe in Gedanken versunken. Es ist einige Siebentage her, dass die letzten Botenkinder der Steinfaust das Anwesen verlassen haben, mehr oder weniger wieder genesen. Und nicht alle hatten es geschafft. Mit Grauen denkt sie an jene zurück, die in ihren Armen gestorben sind. In Summe fünfundzwanzig von ihnen haben sie und ihre beiden Mägde Lyall und Avila in der Zeit der Seuche im Anwesen aufgenommen und gepflegt, als es in der Steinfaust einfach zu viele Kranke wurden, um alle entsprechend versorgen zu können. Drei Mägde waren mitgekommen, hatten sich im Gesindehaus einquartiert und sie unterstützt. Apfelgribs, als Irrlicht immun gegen den Roten Tod, war in den Nächten von Schlafsaal zu Schlafsaal geflattert, um den kleinen Patienten Ängste zu nehmen, Hoffnung zu schenken und vielleicht ein kleines Lächeln auf das eine oder andere Gesichtchen zu zaubern. Denn zu Lachen hatte keiner wirklich viel gehabt in den vergangenen Monden. Aurian selbst war zwischen ihren Diensten bei der Wache und ihren Schützlingen im Anwesen hin und her geeilt, oft an der Grenze der eigenen Kräfte. Und doch, die Tränen der Verzweiflung und der Hilflosigkeit hatte sie sich meist nur gestattet in ihren Räumen zu vergießen, ungesehen von allen anderen.


    Ihre Räume … auch die wurden zum Krankenlager. Nicht für sie, den Göttern sei Dank blieb sie von der Krankheit verschont aber Varin, ihr Hauptmann bei den Wächtern und obendrein bester und besonderer Freund, wurde schwer krank.


    Aurian zieht das graue Dreieckstuch, das sie sich um die Schultern gelegt hat, enger. Trotz der munter im Kamin prasselnden Flammen ist ihr mit einem Mal kalt, eine Kälte, die nicht von einem zu kühlen Raum herrührt, sondern die aus einem selbst, aus dem Inneren kommt. Nur zu gut erinnert sich die Magierin an jenen Tag, als Varin eigentlich nur drei weitere Kinder aus der Steinfaust zu ihr bringen wollte. Schon am ersten Blick war ihr klar gewesen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Entsetzlich blass, kalter Schweiß auf der Stirn, seltsam glänzende Augen. Doch er hatte abgewunken, es sei alles in Ordnung. Und dann war er im Gang vor den Zimmern im ersten Stock umgekippt wie ein gefällter Baum. Gemeinsam mit Lyall hatte sie es irgendwie geschafft, ihn in ihr Schlafzimmer und in ihr Bett zu bugsieren, wo er dann für viele Siebentage geblieben war. Sitech hatte schon seine eisigen Finger nach ihm ausgestreckt, es sich aber dann doch nach einer gefühlten Ewigkeit anders überlegt. Aurian hatte Varin gepflegt und ihr eigenes Nachtlager auf den Diwan im Arbeitszimmer nebenan verlegt. Und doch in den schlimmsten Nächten hatte sie auf dem Fell vor dem Kamin am Boden geschlafen, aus Angst, nicht zu merken, wenn es ihrem Freund schlechter ginge. In seinem Fieberwahn sah er das nicht so, wollte ihr helfen, er sei gesund und kräftig, hatte Varin ihr ein ums andere Mal erklärt. Und im nächsten Moment nicht gewusst wo er war, wer sie war und sich die Seele aus dem Leib gehustet. Der Weg zurück war lang gewesen und Varin war einer der Letzten gewesen, der in die Steinfaust zurück gekehrt war.


    Nun war es still geworden im Anwesen, bis auf die eigentlichen Bewohner waren alle anderen wieder fort. Und obgleich sie es mehr oder weniger unbeschadet überstanden hatten, hatten die letzten Monde ihre Spuren hinterlassen, so wie in der gesamten Stadt. Mit einem Seufzen wendet Aurian sich von ihrem Fenster ab. Sie sollte sich eigentlich um die Verwaltungsaufgaben des Anwesens kümmern doch die Halbelbe kann sich nicht dazu durchringen. Sie weiß auch so, dass es nicht gut um die Finanzen bestellt ist. Einige ihrer verpachteten Flächen stehen nun ohne Pächter da, Einnahmen, auf die sie angewiesen war. Ihr Sold reicht gerade mal so, das Anwesen in den Grundzügen zu erhalten. Der Rote Tod hat Talyra vielleicht verlassen, doch seine Spuren werden sie alle noch lange verfolgen und beschäftigen.


    Aurian löscht die Kerzen und schlüpft aus ihren Kleidern. Morgen früh ist sie zum Wachdienst am Verder Tor eingeteilt, sodass sie es sich nicht erlauben kann, so lange im Bett zu bleiben wie es ihr gefällt. Kurz zögert sie, dann kriecht sie zwischen die Laken und fällt in einen tiefen Schlaf.

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